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Was ich noch erzählen wollte ...

Zettelwirtschaft

23.09.2011
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Von Annette Behr / Kleine Papierzettel sind eine hilfreiche Gedanken- stütze. Doch leider nimmt die Zahl der Notiz- und Abholzettel am PC, Kühlschrank und Telefon ständig zu. Wer in die vielen Erinnerungshilfen kein System bringt, produziert schnell Chaos und verliert die Übersicht.

»Das ist aber kein Abholschein von uns«, sagt die Juweliersgattin und schaut mich missbilligend über ihren Brillenrand an. »Ach was«, antworte ich überrascht mit Loriots Worten und suche weiter in meinem Rucksack nach dem Schein, mit dem ich meine reparierte Armbanduhr abholen wollte. »Der ist vom Schuster nebenan«, erkennt die Fachfrau währenddessen. »Diese Zettelchen sehen sich aber auch zu ähnlich«, versuche ich eine Entschuldigung. Diese eher winzigen Scheine neigen außerdem dazu, sich überall zu verstecken, in Taschenfächern, hinter Puderdosen und unter Notizbüchern.

Zwischen alten Kassenbons und Parkscheinen entdecke ich einen Abholschein aus der Apotheke. Oh je, ich habe total vergessen, meinen vor Wochen bestellten Kräutertee dort abzuholen. »Die meisten Menschen heben ihre Abholscheine im Portemonnaie auf«, belehrt mich die Schmuckverkäuferin und reißt mich aus meinen Gedanken. In der Geldbörse bewahre ich diese Zettel nie auf, schaue aber sicherheitshalber nach. Nichts! »Ohne den Schein kann ich ihnen die Uhr nicht aushändigen«, sagt die Frau. Das weiß ich selbst. Langsam werde ich ärgerlich, über ihre arrogante Art, aber auch über mein vergebliches Suchen. Ich gebe auf und verspreche, zu Hause nachzuschauen.

Wiedererkennbare Abholzettel

Jetzt mache ich mich erst einmal auf den Weg, meine reparierten Stiefel abzuholen. Leider auch diesmal ohne Erfolg: Der Schuster macht Mittagspause, das Geschäft ist geschlossen. Nicht so die Apotheke, also hole ich endlich meinen Tee ab. »Oh, der ist aber schon ganz schön alt«, sagt die PTA lächelnd, als sie meinen verknitterten Zettel entgegennimmt. Nach drei Minuten kehrt sie zu meinem Glück mit der Kräutermischung zurück. »So, alles noch da«, sagt sie und zeigt mir die neuen Abholzettel, die meine Hausapotheke inzwischen eingeführt hat. »Rund, mit einem riesigen, roten Apotheken-A drauf! Da kann man die Zettel besser auseinander halten«, präsentiert sie mir stolz die neuen, nummerierten Abreißblöcke. Endlich einmal eine kreative und praktische Idee. Begeistert verlasse ich die Apotheke und überlege, wie ich mein Ablagesystem zuhause optimieren kann.

Ob während der Arbeit, in den eigenen vier Wänden oder unterwegs, ständig strömen Informationen auf uns ein, per Telefon, Internet, Fernsehen, Radio, Zeitung oder mit der Post. Aus diesen Nachrichten sollen wir dann alles Wichtige herausfiltern und abspeichern. Um nichts zu vergessen, verwenden die meisten Notizbücher, in der Regel kombiniert mit einem Kalender, oder noch moderner: die Notizbuchfunktion ihres Handys. Meine Tante Else notierte ordentlich sämtliche Ausgaben des Tages in ein Schulheft. Diese Gewohnheit gehört eigentlich der Vergangenheit an. Auch ich besitze ein sehr schönes Buch für Notizen, benutze es allerdings selten. Dafür kreisen verschiedene kleine Blöcke in meinen Handtaschen.

Praktische Klebezettel

Seit einiger Zeit machen Post-its den Zettelblöcken starke Konkurrenz. Diese Notizzettel, die an einer Seite ein- oder angeklebt werden und sich dazu noch leicht wieder ablösen lassen, sind eine Errungenschaft aus den 1970er Jahren. Ihren Weg in die Büros haben sie schon lange gefunden, nicht nur am PC-Monitor. Die ersten Post-its waren kanariengelb und 76 mal 76 mm groß. Inzwischen ist das Sortiment enorm gewachsen. Mittlerweile gibt es die Haftnotizen in allen erdenklichen Formen, Farben und Größen. Jetzt kleben die bunten Zettel auf Schreibtischen, Pinnwänden, Lampen, an Kühlschränken und natürlich in Büchern. Auch ich habe eine Leidenschaft für die kleinen Bunten entwickelt und verfüge über ein großes Spektrum unterschiedlicher Designs. Herzförmige lila und rosa Zettel mit Blümchen klebt mir meine Tochter auf den Tisch, wenn sie sich für pubertäres Benehmen entschuldigen möchte.

»Machen Sie es sich zum Standard, Ihr Blickfeld von Zetteln frei zu halten, die Sie ablenken«, empfiehlt der Autor eines Ratgebers für perfekte Organisation. »Das sorgt auch für Klarheit im Kopf.« Sein Ratschlag leuchtet ein, doch wie bei so manchem Ideal streben viele Menschen dieses meist vergeblich an. Mit Ausnahme der überaus korrekten Mitmenschen, die ihren Schreibtisch immer aufräumen. Üblicherweise spotten sie über die unordentlichen Aktenstöße ihrer Kollegen, die dazu neigen ihren Arbeitsplatz voll zu packen, auch mit Dingen, die nachweislich nicht zur Arbeit gehören. Bilder von Kind und Katzen oder ein paar Blumen dürfen meiner Meinung nach schon sein. Schließlich hebt das die Stimmung und fördert die kreative Produktivität. Ich finde das eigentlich ganz schön, so lange ich es noch schaffe, den Überblick zu bewahren. Das Genie behält ja bekanntlich den Überblick im Chaos. Doch ehrlicherweise ist die Zahl der Genies eher klein.

Mehr Ordnung im Leben

Auch wenn jeder das bunte Durcheinander vom kreativen Designer fast schon erwartet, wecken Papierstapel bei Vertretern anderer Berufe sicherlich Zweifel an deren Kompetenz. Einen chaotischen Schreibtisch kann ich mir weder beim Rechtsanwalt noch beim Arzt vorstellen, und auch in der Apotheke ist Ordnung ein wichtiger Teil des Berufsalltags. Wäre es anders, hätte die PTA lange nach meinem Tee suchen müssen.

Die Zettelwirtschaft hat mein Arzt inzwischen schon teilweise abgeschafft und die »papierlose Praxis« eingeführt. Sämtliche Befunde erhalte ich nun als Mail-Anhang geschickt. Diese kann ich dann in einem speziellen elektronischen Ordner speichern. Das spart Zeit und Papier, ist ökologisch und ökonomisch. Meine Zahnärztin schickt ihre Terminerinnerung für die »Prophylaxe« ebenfalls mit elektronischer Post. Auch meine Apotheke sendet mir neuerdings eine Nachricht per Mail, wenn die bestellte Creme eingetroffen ist. Nun verwende ich ein »Office-System«, das über elektronische Notizzettel verfügt. Die »klebe« ich mir dann virtuell an den Bildschirmrand. Wie schön, manches ändert sich eben nie. Die kleinen, beschrifteten Zettelchen wird es also auch zukünftig noch geben.

»Sagen Sie jetzt nichts«, sage ich zur Schmuckverkäuferin, als ich ihr schmunzelnd den Abholzettel überreiche. Ich hatte ihn zum Glück zwischen den Buchseiten von »Loriots kleiner Ratgeber« für korrektes Verhalten in kritischen Situationen ­gefunden. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

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