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Johanniskraut

Allheil- und Zaubermittel

21.09.2012
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Von Ernst-Albert Meyer / In vergangenen Zeiten setzten die ­Menschen das Johanniskraut vor allem gegen böse Mächte ein. Heute haben Präparate mit Johanniskraut-Extrakt einen festen Platz in der Therapie von leichten bis mittelschweren ­Depressionen.

Damit das Johanniskraut (Hypericum perforatum geheimnisvolle Kräfte entwickeln konnte, musste eine nackte Person die Pflanze in der Nacht zum Johannistag am 24. Juni sammeln, am besten zur Geisterstunde und schweigend. Aus dem Bezug zum Johannistag stammt der bekannteste Name der Pflanze. Ein anderer Begriff für das Johanniskraut ist »Hartheu«. Dieser kommt von den harten Stängeln des Krauts, die ein schlechtes Heu ergeben.

Wegen zweier Merkmale war die Pflanze den Menschen damals nicht geheuer: Gegen das Licht gehalten wirken die Blätter wie mit Nadeln durchstochen. Diesen Effekt verursachen die durchscheinenden Öldrüsen in den Blättern. Doch früher glaubte man, dies sei das Werk des Teufels. So steht beispielsweise in der Chemnitzer Rocken­philosophie, einer Sammlung abergläubischer Sprüche und Ansichten, die vor allem in der Zeit vom 16. bis zum 18. Jahrhundert sehr populär war: »Sanct Johanniskraut ist von so großer Kraft/ den Teufel und Hexen zu vertreiben/ dahero auch der Teufel aus Boßheit/ dieses Krautes Blätter mit Nadeln durchsticht.«

Auch bei der zweiten Besonderheit konnte es nicht mit rechten Dingen zugehen, so die weit verbreitete Meinung. Zerreibt man die frischen gelben Blüten zwischen den Fingern, färben sich die Fingerkuppen rot wie Blut.

Die Namen »Herrgottsblut«, »Herrgotts Wundenkraut«, »Christi Kreuzblut« und »Johannisblut« entstammen der christlichen Mythologie: Als der Lieblingsjünger des Herrn unter dem Kreuz von Jesus Christus stand, »sammelte er die mit dem heiligen Blut benetzten Pflanzen, um sie als teures Andenken an des Heilands Tod an fromme Gläubige zu verschenken.« Außerdem sollte das Johanniskraut Hexenspuk fernhalten. Daher der Name »Hexenkraut«. Da das Kraut in der Volksmedizin gegen Frauenkrankheiten Verwendung fand, hieß es auch »Liebfrauen-Bettstroh«, »Maria Bettstroh« und »Frauenpliester«.

Kampf gegen dunkle Mächte

Im Gegensatz zu anderen Pflanzen wurde das Johanniskraut besonders zur Bekämpfung des Bösen, also gegen den Teufel, Hexen und Zauberer, eingesetzt. Die bösen Mächte – vor allem der Teufel – galten nach damaliger Vorstellung als Verursacher von Geisteskrank­heiten, indem sie von den Menschen Besitz ergriffen. Der Frankfurter Arzt ­Johann Schroeder (1600 bis 1664) beschrieb, wie er die antidämonische Wirkung des Johanniskrauts bei einem »Besessenen« selbst erlebte. Der vom Teufel Besessene habe eine Essenz aus Johanniskraut verweigert, so ­Schroeder, und habe darüber hinaus »ein Mützlein, das mit dem Kraut unternäht war, als bald zerissen.«

Hypericum in der Homöopathie

Homöopathische Indikationen für Johanniskraut sind frische Verletzungen mit Nervenschädigung, Quetschungen, Brand- und Stichwunden, Tierbisse und Nervenverletzungen mit stechenden, schießenden Schmerzen. Vor allem bei Zahnbehandlungen mit Verletzungen des Zahnnervs und bei Neuralgien von Zähnen und Kiefer hat sich Hypericum bewährt. Darüber hinaus sprechen auch Patienten mit Neuralgien aufgrund anderer Verletzungen und nach Operationen gut auf Hypericum an.

Zudem galt das Johanniskraut früher als probates Mittel gegen Unwetter, wie der folgende Spruch zum Ausdruck bringt: »Hartenau und Dill, macht’s Gewitter still.« Deshalb hängte man Hartheuzweige als Blitzschutz unter das Dach. Außerdem galt der heilige Johannes, der Namensgeber des Johanniskrauts, als Blitzpatron. In der Eifel sollte ein aufs Haus geworfener Kranz aus Johanniskraut Gewitter fernhalten. In Süddeutschland und in Tirol steckten die Menschen Johanniskraut gegen Blitzschlag an die Fenster. Als in Sachsen-Anhalt einst tagelang ein starkes Gewitter wütete und die Menschen verzweifelt und ratlos waren, soll der Legende nach eine Stimme aus den Wolken gerufen haben: »Ist denn da keine Frau, Die da weiß von Harthenau!« Daraufhin brachte ein altes Kräuterweiblein Johanniskraut herbei und sofort legte sich das schwere Unwetter.

Vielseitiges Allheilmittel

Schon die Autoren der Antike beschrieben das »Hypericum«. Der griechische Arzt Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) empfahl die Früchte mit Honigwasser getrunken gegen Ischias und als Umschlag gegen Brandwunden. Auch die Autoren der Kräuterbücher des Mittelalters beschrieben das Johanniskraut ausführlich. Konrad von Megenberg (1309 bis 1374) schrieb in seinem »Puch der Natur«: »daz kraut hat die art, daz ez daz herz sterkt und die leber und rainigt die nieren und hailt die gesweren (Geschwüre).« Und Matthiolus (1501 bis 1577) wies auf die stopfende Wirkung des »Harthew« hin: »Der Samen gesotten und getruncken stopfft den Bauchfluß … und macht alle überflüssige Stulgäng verstehen.«

Mit Bezug auf die »durchstochenen« Blätter« und den blutroten Blütensaft wurde das Johanniskraut gegen Wunden »innwendig und außwendig, die gestochen oder gehauen sind«, bei Blutkrankheiten, Blutarmut und Hämorrhoiden eingesetzt. Der Arzt Tabernaemonatus (1522 bis 1590) schätzte das Johanniskraut vor allem als »Frauenkraut«. In seinem Kräuterbuch schrieb er: »Wenn ein Weib in schwären Kindsnöthen ligt / soll man sie mit dem dürren Kraut beräuchern … derohalben nennet man es an etlichen Orten Unser Frauenwurtz.« Wöchnerinnen mit starken Blutungen gaben die Menschen einen Strauch aus Johanniskraut in die Hand.

Der Arzt, Naturforscher und Alchemist Paracelsus (1493 bis 1541) beschäftigte sich in seinen Werken eingehend mit dem Johanniskraut. In seinem 1525 entstandenen Buch »Von den natürlichen Dingen« schrieb er dem Hypericum vier Kräfte zu: gegen »phantasmata, würm, wunden und balsamische tugent«. Paracelsus sah im Johanniskraut eine Universalmedizin für den ganzen Menschen. Besonders hob er die Wirkung des Johanniskraut als Wundheilmittel hervor: »Es gibt keine andere Arznei in allen Rezepten, die ohne Schaden und ohne Zufälle so gut und ganz heilt wie diese Perforata. Es ist nicht möglich, dass eine bessere Arznei für Wunden in allen Ländern gefunden wird.« Paracelsus erkannte aber auch schon den therapeutischen Wert des Johanniskrauts bei psychischen Beschwerden, gegen die »doll machenden geister«, wie er sie nannte. Diesen Kranken empfahl der Arzt das Johanniskraut ständig bei sich zu tragen: unter dem Barett (Kopfbedeckung), als Kranz, im Hemd, oft daran zu schmecken (orale Anwendung) und es nachts unter das Kissen zu legen.

Die Aussagen von Paracelsus sind immer noch aktuell: Johanniskraut gilt heute als Heilpflanze mit klinisch belegten stimmungsaufhellenden und antriebssteigernden Eigenschaften. In der Therapie werden Präparate mit Trockenextrakten aus Johanniskraut bei leichten bis mittelschweren Depression eingesetzt. Noch ist nicht eindeutig geklärt, welche Inhaltsstoffe für den antidepressiven Effekt verantwortlich sind. Wahrscheinlich beeinflusst ein ganzer Wirkstoff-Komplex, vor allem aber Hyperforin, die Wiederaufnahme von bestimmten Botenstoffen in die Synapsen des Gehirns und steigert so die ausgeschüttete Neurotransmittermenge.

Für leichte vorübergehende depressive Störungen sind niedrig dosierte Extrakt-Präparate mit 300 bis 425 Milligramm Trockenextrakt pro Tablette oder Kapsel im Handel. Für mittelschwere Depressionen gibt es hochdosierte, verschreibungspflichtige Präparate mit 600 bis 900 Milligramm Trockenextrakt pro Tablette oder Kapsel. Bei jedem Patienten müssen PTA oder Apotheker individuell entscheiden, ob er gegen seine Beschwerden ein Johanniskraut-Präparat in der Selbstmedikation einnehmen kann oder ob sie ihn besser an den Facharzt verweisen.

Nur wenige hoch dosierte Johanniskraut-Präparate wurden vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) für die Indikation »mittelschwere Depressionen« zugelassen. Die Hersteller dieser Phytopharmaka haben produktspezifisch in klinischen Studien die Wirksamkeit ihres jeweiligen Präparats gegen mittelschwere Depressionen nachgewiesen. Seit April 2009 sind diese Arzneimittel verschreibungspflichtig und werden von den gesetzlichen Krankenversicherungen erstattet.

In jedem Fall sollten PTA oder Apotheker im Beratungsgespräch den Patienten über die möglichen Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln informieren. Auch darf der Hinweis auf den verzögerten Wirkungseintritt nicht fehlen: Eine spürbare Wirkung tritt frühestens zwei Wochen nach Einnahmebeginn ein. Voraussetzung für einen anhaltenden Therapieerfolg ist die regelmäßige Einnahme des pflanzlichen Antidepressivums über mindestens drei Monate. /

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