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Reise in die Provence

Blaues Gold und schwarze Diamanten

21.09.2012
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Von Annette Behr, Mane in Südfrankreich / Wer in die Provence reist, wird überall begleitet vom würzigen Duft unzähliger Blumen und Kräuter. Strahlende Sonne, die Farbenvielfalt und das unvergleichliche Blau der prächtigen Lavendelfelder versetzen jeden sofort in Urlaubsstimmung.

»Man benötigt Sonnenhänge, um die blauen Stängel aus der Erde zu locken«, sagt Martine Rayne den Besuchern ihrer 50 Hektar großen Lavendel-Farm, in 1000 Metern Höhe, unweit des Dorfes Lagarde-dApt in der südfranzösischen Region Provence-Alpes-Côte d’Azur. Anlass für diesen Besuch war eine Einladung der Firma LOccitane en Provence für deutsche Journalisten. Die zierliche Frau leitet zusammen mit ihrem Mann Richard in dritter Genera­tion den Betrieb rund um die »blauen ­Felder«. Inmitten von üppigen blau-violetten Blütenbüschen erzählt Rayne der kleinen Besuchergruppe alles über »ihren« Lavendel, der das A.O.C.-Siegel (Appellation dOrigine Contrôllée) trägt. Das Siegel steht für beste Qualität, garantiert die Produktherkunft und die Rückverfolgbarkeit von der Ernte bis zum Fertigprodukt.

»Seit mehr als zehn Jahren kultivieren wird den Echten Lavendel«, informiert die Lavendel-Anbauerin. Viele andere Landwirte bauen zur Duftölgewinnung spezielle Zuchtformen von Lavandula intermedia, auch Lavandin genannt, an, die mehr und größere Blüten bilden. Lavandin ist eine Kreuzung aus dem Echten Lavendel (Lavandula angustifolia) und dem Speiklavendel (Lavandula latifolia). Diese schnell wachsende Unterart bildet viel ätherisches Öl, dessen Qualität jedoch nicht an die des Echten Lavendel heranreicht. Das Öl von Lavan­dula intermedia enthält mehr Campher und riecht deshalb strenger – das ­bemerken nicht nur Kenner. Daher ist es häufig die Basis für preiswertere ­Essenzen und Öle.

Auch für Laien lassen sich Lavandin und Lavendel optisch gut unterscheiden. Während Felder mit Lavandin aus einer Reihe identischer Blütenkugeln bestehen, kennzeichnen die Lavendelfelder eher unregelmäßige Blüten-Bouquets. Außerdem sind die Stängel vom Echten Lavendel viel kürzer (zwischen 30 und 60 cm), als die des Lavandins mit 60 bis 80 cm Länge. Des Weiteren gibt es inzwischen auch andere Zucht­sorten des Echten Lavendels mit weißen, rosa und dunkellila Blütenständen, die ebenfalls in der Provence angebaut werden. Die Raynes schwören allerdings auf die Qualität und den Anbau des Echten Lavendels mit seinen intensiv blauen Blüten.

Gepflanzt wird in den Monaten März und April. Über den Ertrag und die Qualität der Ernte entscheidet die Temperatur: Je kälter die Region, desto geruchsärmer und spärlicher wächst der Lavendel. Es vergehen zwei bis vier Jahre, bis er das volle Aroma erreicht hat und geerntet werden kann.

Blütenfarbe variiert

Während ihrer Wachstums- und Blütezeit variieren die Farben der Pflanzen in unterschiedlichen blau-violetten Tönen. Je nach Tageszeit und Lichteinfluss leuchten die Blüten in den schönsten Nuancen. »Der Anblick allein ist ein Fest für die Augen«, schwelgt eine Journalistin beim Blick über die weitläufigen Felder der Hochebene.

Der leichte Mistral macht Mittel­europäern im Juli und August das Leben in der großen Hitze Südfrankreichs etwas erträglicher. Bei über 30 °C vermischen sich neben dem Lavendel auch Thymian, Rosmarin und Salbei zum typischen Sommerduft der Provence.

Ernte und Destillation

Nach sehr heißen Sommern fällt die ­Lavendelernte üppig aus. Ab Mitte Juli beginnt die Erntezeit, denn dann haben die Lavendelblüten die beste Qualität und enthalten das meiste ätherische Öl. Obwohl Martine und ihr Mann Richard die Pflanzen nicht mehr mit der Sense schneiden, sondern maschinell, brauchen sie für die Ernte Hilfe aus der Nachbarschaft. Sind die Blüten samt Stängel geschnitten, bleiben sie zum Trocknen noch zwei Tage auf dem Feld liegen. Erst danach wird das kostbare ätherische Öl besonders schonend durch Wasserdampfdestillation gewonnen. Dazu werden die Pflanzen in die Brennerei transportiert.

Früher standen Brenner und Destillierapparat noch direkt in den Feldern. Inzwischen beansprucht die Anlage der Raynes ein eigenes kleines Areal neben dem Wohnhaus. Da die Familie sehr viel Wert auf Tradition und Qualität legt, wurde das Verfahren seit den 1930-er Jahren nicht verändert. Die Lavendelblüten werden mit ihren Stängeln zur Extraktion in einen Dampfkessel gelegt und mit Wasserdampf erwärmt. Nachdem das flüchtige ätherische Öl zusammen mit dem Wasserdampf durch eine wassergekühlte Rohrschlange geleitet wurde und sich in einem Auffanggefäß auf dem Wasser abgesetzt hat, lässt es sich gut abschöpfen. Dieses hochwertige, ätherische Öl findet Verwendung für Parfums, Cremes oder medizinische Produkte. »Ich habe immer ein Fläschchen davon bei mir«, sagt Rayne lächelnd. Sie kennt die wundheilenden, antiseptischen und anregenden Eigenschaften des Lavendels und nutzt das Öl für zahlreiche Malaisen.

Omas Duft modernisiert

Lavendel ist seit Langem als hilfreiches Kraut gegen innere Unruhe, nervöse Erschöpfung, Einschlafstörungen und Migräne bekannt. Schon Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) bezeichnete die Lavendel-Pflanze als »reines Wissen und reinen Verstand«. Das Wort Lavendel stammt von dem lateinischen »lavare« = waschen. Die Benediktiner-­Äbtissin war davon überzeugt, dass ­Lavendel die Sinne beruhigt und den Geist reinigt. Traditionsgemäß enthalten viele Seifen, Shampoos, Lotionen und Putzmitteln zumindest Anteile von Lavendelöl.

Trotz der inzwischen erwiesenen Wirksamkeit erinnert der Duft des Lavendels viele Menschen an das Parfüm älterer Damen. Daher haben die Hersteller von Duftsäckchen für den Wäscheschrank gegen Motten den Lavendel mit anderen Kräutern gemischt, deren Duft frischer und daher willkommener ist. Die französische Firma LOccitane hat beispielsweise den Lavendelduft mit grünem Tee und Geranien-Extrakten verfeinert und so ein aromatisches Kopfkissenspray kreiert. Ein paar Spritzer auf dem Kopfkissen verhelfen Menschen mit Schlafstörungen zu einer wohligen Entspannung. Kein Wunder, dass Lavendel auch in der Aromatherapie eingesetzt wird.

Mittelalterliche Gärten

Eine weitere Sehenswürdigkeit der kleinen französischen Gemeinde Mane ist die Klosteranlage von Salagon, in der ehemals Benediktiner lebten. Wer Pflanzen liebt, dem sei ein Besuch der weitläufigen Gärten rund um die romanische Kirche aus dem 11. Jahrhundert empfohlen. Die Gartenanlage ist in Frankreich einzigartig. Zunächst betört ein Potpourri von Thymian, Basilikum, Salbei und den verschiedenen Lavendelsorten die Nasen der Besuchergruppe. Ständig umwehen den Besucher neue Düfte der insgesamt 2500 Pflanzenarten in den vier Themengärten: »Der mittelalterliche Garten«, »Der Garten der Düfte«, »Der Garten der Moderne« und der »Garten nach Erdteilen«. Mehr als ein Jahr Forschungs­arbeit war notwendig, um die vertretenen Pflanzen zusammenzustellen und zu beschaffen.

»Das Areal ist ein Treffpunkt mit der Natur von gestern und heute«, meint auch Tashka Sofer, als sie die Besucher beschwingt leicht und unterhaltsam durch die verschiedenen Themengärten führt. Seit 1972 lebt die ehemalige Balletttänzerin in der Provence und sprüht vor Begeisterung für die Pflanzenwelt.

Pflanzen einer anderen Zeit

Der Ethnobotaniker und »Hausherr« der Gartenanlagen, Pierre Lieutaghi, stützt sich bei seinen Recherchen auch auf wissenschaftliche Schriften aus dem Mittelalter. Um Pflanzen aus anderen Zeiten aufzufinden, ist detektivisches Gespür und Hartnäckigkeit gefragt, berichtet der Autor zahlreicher Bücher. »Sei es aufgrund ihrer medizinischen Vorzüge, ihrer Rolle für die Ernährung oder dank ihres Dufts, Pflanzen erzählen immer eine Geschichte«, schreibt Lieutaghi leidenschaftlich. Auf diese Weise fand er interessante Details zu den medizinischen Kräften des Salbeis, der in zahlreichen Heilmitteln enthalten war. Daher stammt wohl auch das französische Sprichwort: »Mit Salbei im Garten kann der Doktor warten!«

Allerlei Pflanzen wachsen bisweilen unscheinbar nebeneinander, beispielsweise neben der ordinären Speisebohne die zauberhafte Alraune – Harry Potter-Fans ist dieses Nachtschattengewächs (Mandragora officinarum) bestens bekannt. Die Pflanze hat angeblich die Fähigkeit, jemanden zu verhexen und wurde daher zur Herstellung von Zaubertränken eingesetzt. Besonders auffallend ist die bis zu 20 cm lange Wurzel der Alraune, die in ihrer Form häufig dem menschlichen Körper ähnelt. Ihr Aussehen ist vermutlich mit dafür verantwortlich, dass der Alraune viele mystische Kräfte und Wirkungen zugesprochen wurden. Bereits im Alten Testament ist die Mandragora-Pflanze als krampflösend und narkotisierend erwähnt.

Regionale Delikatessen

Neben dem weithin bekannten Lavendel und vielen weiteren aromatischen Pflanzen wachsen in der Provence regional­typisch, aber etwas stiefmütterlich übersehen, auch Kohl, Lauch und Zwiebeln. Mystisch sind nur noch die Flaumeichenwälder Frankreichs, denn dort gedeihen unterirdisch aromatische Pilze, bekannt unter dem Namen Trüffel. In den Wäldern sind die »schwarzen Diamanten« ein rares Gut. Daher lassen die Experten die Spezialität inzwischen nicht mehr von Trüffelschweinen aufspüren, denn die gefräßigen Vierbeiner finden die Pilze ebenfalls sehr schmackhaft.

Fast so begehrt wie die Trüffel sind derzeit die wahren Geruchsspezialisten: die Trüffelhunde. Sie erledigen ihre Aufgabe mit gekonntem Spürsinn und buddeln die begehrten Köstlichkeiten einfach aus der Erde, ohne sie zu verspeisen. Doch auch ohne die teuren Trüffel ist eine Reise durch die Provence ein kulinarischer Genuss. Mit Croissant und Baguette – wie sie nur die Franzosen backen können – gesundem Oliven­öl, köstlichem Lavendel-Honig und weiteren erlesenen Speisen, lässt es sich dort ohnehin sinnlich »leben wie Gott in Frankreich!« /

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