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Historisches

Die Geschichte der weisen Frauen

21.09.2012
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Von Ernst-Albert Meyer / Seit einigen Jahren sind die Heilerinnen des Mittelalters und der frühen Neuzeit – die »weisen Frauen« – bevorzugtes Thema in historischen Romanen und Sachbüchern. Kirche und Obrigkeit verfolgten diese als Ärztinnen und Hebammen tätigen Frauen und verbrannten sie bis ins 18. Jahrhundert als Hexen. Dieses Vorgehen begründeten sie damit, das Böse auf dieser Welt beseitigen zu wollen.

In vergangenen Zeiten mangelte es vielfach an einer flächendeckenden medizinischen Versorgung. Die wenigen studierten Ärzte lebten in den Städten oder an den Höfen des Adels. Daher war die Landbevölkerung mit ihren gesundheitlichen Problemen auf die Hilfe von Wanderchirurgen, reisenden Quacksalbern und Scharlatanen angewiesen, die aber nicht immer zur Verfügung standen.

Doch überall lebten heilkundige Frauen, die bestimmte Pflanzen für Tees und Tinkturen sammelten oder daraus Pflaster und Salben herstellten. So empfahlen sie beispielsweise Weidenrinde gegen rheumatische Beschwer­den, Beinwell gegen Knochenbrüche und zur Wundheilung sowie Nachtkerze gegen Ekze­me. Der Holunderstrauch galt als Hausapo­the­ke des gemeinen Mannes. Die Blüten halfen als Tee bei Fieber und Erkältung, seine Blätter als Umschläge bei Rheuma, Gicht und Kopfschmerzen, die Beeren bei Durchfall und die Rinde als Abführmittel.

Die weisen Frauen, wie sie damals genannt wurden, waren mit den vielfältigen Geheimnis­sen der Natur vertraut, also auch mit dem sachgerechten Sammeln der Kräuter. Damit die Pflanzen ihre heilenden Kräfte entwickeln konnten, mussten sie zur richtigen Jahres- beziehungsweise Tageszeit und bei zunehmenden Mond gesammelt werden, so die damalige Überzeugung. Die Heilkunde war eng mit der Magie verbunden: Zaubersprüche, Beschwörungsformeln, Amulette und magische Riten wie Handauflegen oder Räucherungen sollten die Wirkung der Heilpflanzen verstärken. Die sogenannte »weiße Magie«, die gute Magie, unterstützte aber nicht nur den Effekt der Heilpflanzen, sondern hatte auch die Kraft, die bösen Dämonen zu vertreiben, die an der Entstehung und dem Verlauf einer Krankheit beteiligt waren. Meist waren die weisen Frauen älter und allein stehend, wohnten am Rand des Dorfes und lebten von ihrer Heilkunst. Das einfache, ungebildete Volk glaubte an die geheimnisvollen, übernatürlichen Kräfte dieser Frauen. Jeder war bemüht, sich mit diesen gut zu stellen, denn bei Gesundheitsproblemen waren Rat und Hilfe der weisen Frauen unentbehrlich.

Ratschläge zur ­Verhütung

Zu den Heilerinnen gingen die Menschen auch, um sie zur Geburtenkon­trolle zu befragen. Im harten Alltag des Mittelalters fehlten vielen Paaren die materiellen Mittel, um Kinder ernähren oder noch weitere groß zu ziehen zu können. Hier erklärten die weisen Frauen den Paaren den Coitus interruptus beziehungsweise verkauften den Frauen Verhütungsmittel in Form selbst hergestellter Vaginalzäpfen. Zu diesem Zweck wurden im Mittelalter besonders häufig die Rezepte des arabischen Arztes Avicenna (980 bis 1037) angewandt: »Suppositorien in der Vagina, vor und nach dem Beischlaf anzuwenden; sie sollen aus Zedernöl bereitet werden oder aus dem Stengelmark des Granatapfelbaumes und Alaun oder aus Blättern der Trauerweide, die mit dem Saft der Trauerweide durchtränkt sind …«

Der Fall Katharina Keppler

Bis heute bekannt ist der »Fall Katharina Keppler«, der Mutter des berühmten kaiserlichen Astronomen und Hofmathematikers Johannes Keppler (1571 bis 1630). Als ihr Mann sie nach 20 Ehejahren verließ, versuchte die heilkundige Katharina Keppler ihren Lebensunterhalt zu verdienen, indem sie Kranke pflegte und erkrankte Menschen und Tiere »besprach«. Der Streit mit einer Nachbarin wurde ihr zum Verhängnis. Diese zeigte Katharina Keppler beim Untervogt in Leonberg mit der Behauptung an, sie wäre durch einen vor zwei Jahren von der Heilerin verabreichten Kräutertrank krank geworden. Daraufhin ließ der Vogt die 73-Jährige im Jahr 1620 festnehmen. Die alte Frau wurde in Ketten gelegt und in einem kalten und zugigen Turmverlies gefangen gehalten. In den folgenden Monaten wurden ihr unglaubliche Beschuldigungen vorgeworfen. Als Johannes Keppler seine Mutter besuchte, war er von den Haftbedingungen erschüttert. Durch seinen großen Einfluss und juristisch gebildete Freunde konnte er seiner Mutter die Folter ersparen. Zwar zeigte man ihr die Folterinstrumente, um ihr zu drohen, doch blieb Katharina Keppler trotz vieler Repressalien standhaft und legte das gewünschte Geständnis nicht ab.

In Anbetracht des berühmten und einflussreichen Sohnes sah sich der Herzog Johann Friedrich von Württemberg schließlich gezwungen, Katharina Keppler frei zu sprechen. Ein für damalige Zeiten sehr seltenes Urteil! Katharina Keppler, eine gebrochene Frau, starb ein halbes Jahr nach ihrer Haftentlassung.

Auch bei ungewollter Schwangerschaft wussten die weisen Frauen Rat. Sie kannten eine Vielzahl von Kräuterextrakten und -abkochungen, die im Frühstadium der Schwangerschaft abortiv wirkten, indem sie Kontraktionen der Gebärmutter auslösten. Hier ist an erster Stelle das etherische Öl des Sadebaums (Juniperus sabina) zu nennen, aber auch Mutterkorn, Gartenraute, Petersilie, Rainfarn, Engelwurz und Wacholder galten als bewährte Abortiva. Das Wissen der weisen Frauen umfasste noch ganz andere Gebiete: Sie kannten außerdem Mittel gegen Unfruchtbarkeit und Impotenz und waren erfahren genug, einen wirksamen Liebestrank zu brauen.

Krankheit und ­Aberglauben

Die katholische Kirche verfolgte die Tätigkeit der weisen Frauen mit Missbehagen. Die Kirchenvertreter betrachteten Krankheiten als Strafe Gottes für das sündige Leben der Menschen. Mit noch größerem Unmut erfolgte die Kirche vom Wirken der Heilerinnen auf dem Gebiet der Empfängnisverhütung und des Schwangerschaftsabbruchs, da Kinder als Geschenk Gottes galten. Sex in der Ehe »erlaubten« die Kirchenvertreter nur zum Zwecke der Fortpflanzung und nicht etwa aus Wollust. Der Coitus interruptus sei – so erklärte die Kirche – eine größere Sünde als der Verkehr mit der eigenen Mutter. Mit der im Jahr 1484 erlassenen »Hexenbulle« beauftragte Papst Innozenz VIII. die Inquisition, ihre bis dahin nur auf Ketzer beschränkte Tätigkeit auf Hexen und Zauberer auszudehnen.

Damit begann für die weisen Frauen eine lebensgefährliche Zeit, denn die meisten Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit glaubten an die leibhaftige Existenz des Teufels und seiner Helfer – der Hexen und Zauberer. Diese machte man für alle Missstände verantwortlich: für Krankheit, Unfruchtbarkeit, Missernten, persönliche Misserfolge, Hungersnöte, Brände, Pestepidemien, Viehsterben, ungeklärte Verbrechen und vieles mehr.

Hinzu kam, dass die Menschen damals vermuteten, eine Krankheit entstehe nicht im Inneren des Körpers, sondern außerhalb, verursacht durch ein Stolpern, zu fettes Essen, einen »bösen Blick«, einen Spaziergang im Regen, eine Spinne im Weinglas, aber auch durch heftige Emotionen wie Liebe, Zorn und Angst. Anstatt die Ursache für Krankheit und Gebrechen im eigenen »sündigen« Leben zu suchen, wiesen die Menschen lange Zeit übernatürlichen Kräften die Schuld für alles Übel, Krankheit und Tod zu.

Ein gefährliches Leben

Die Möglichkeit, Hexen und Zauberern, zumindest eine Mitschuld zu geben, war daher nur folgerichtig und hatte den Vorteil, dass der Dämon nun ein Mensch aus Fleisch und Blut war, der mit dem Teufel in Verbindung stand. Die Ursache für alles Leid wurde so personifiziert und man konnte nun ganz konkret gegen den bösen Nachbarn, die alte Frau, den Konkurrenten oder den Krüppel vorgehen, die das hartnäckige Leiden verursacht hatten. Und das bedeutete: Der vermeintliche Zauberer oder die Hexe wurde bei der Inquisition angezeigt, wobei der Name des Denunzianten von der Inquisition immer geheim gehalten wurde. Für die Angeklagten endete diese Verleumdung fast immer tödlich: Auf Verhaftung, Verhör, Folter und erpresstes Geständnis folgten Verurteilung und Tod auf dem Scheiterhaufen.

Im 16. Jahrhundert entwickelte sich der Glaube an das schädliche Wirken der Hexen und Zauberer zur Massenhysterie. Jeder verdächtigte jeden! Nicht nur alte Frauen, auch Adlige, angesehene Bürger und Geistliche landeten in den Fängen der Inquisition. Besonders in Zeiten von Missernten, Hungersnöten, Epidemien und Kriegen schnellten die Anzeigen bei den Inquisitionstribunalen in die Höhe. Die weisen Frauen setzten sich durch ihre Tätigkeit einem besonders hohen Risiko aus. Hatten sie als Heilerinnen Erfolg, wuchs ihr Patientenkreis. Doch wehe, wenn ihre Therapie nicht half, sich die Krankheit verschlimmerte oder der Patient sogar starb. Dann begegnete jeder im Dorf ihnen mit Ablehnung und Misstrauen, ja, auch mit Wut und Hass, die sich in einer Anzeige bei der Inquisition entluden, wie viele Beispiele belegen.

Die Fänge der ­Inquisition

Bereits im Jahr 1510 wurde in Zwickau eine Frau hingerichtet, die mit »ihrer irrgläubigen Kunst den Hurmädeln durch ihre falsche Art die Frucht abgetrieben« hat. Auch Apothekerinnen, die als heilkundig galten, starben als Hexen: So ist in der »Erweytterten Unholden Zeyttung« der Stadt Ulm aus dem Jahr 1590 nachzulesen: »So hat man auch zu Thonawerth (Donauwörth) etliche solcher Weiber hingerichtet/ unter welchen ein Apotheckerin gewesen/ welche die Apodecker Büchsen vergifftet und Leuten für Arzney Gifft geraichet und geben hat . . .« Und in der Hinrichtungsstatistik von Würzburg werden in den Jahren 1627 bis 1629 vier Personen, darunter »eine Apotheckerin zum Hirsch und ihre Tochter« verbrannt.

Unbelegte These

Mit den Hexenverfolgungen hätten Kirche und Obrigkeit das Wissen der Bevölkerung über Geburtenkontrolle und damit die weisen Frauen und ­Hebammen vernichten wollen, um die Bevölkerungszahlen ansteigen zu lassen – so die These der beiden Wissenschaftler Gunnar Heinsohn und Otto Steiger. Allein durch die Pest von 1348 bis 1352 starben rund 25 Millionen Menschen – ein Viertel der Bevölkerung Europas. Wo die Pest gewütet hatte, waren ganze Landstriche menschenleer. Doch schon in den Jahren 1315 bis 1318 führten kalte und regnerische Jahre zu Missernten und damit zu Hungersnöten. Außerdem wirkten sich Kriege, wie der furchtbare 30-jährige Krieg von 1618 bis 1648, negativ auf das Bevölkerungswachstum aus. Konkret gesagt: Überall fehlten Arbeitskräfte, vor allem auf dem Lande, das sich zum größten Teil im Besitz des Adels und der Kirche befand.

Für die These der beiden Wissenschaftler fehlen konkrete Beweise, eindeutige Dokumente oder Aussagen von historischen Persönlichkeiten. Viele Wissenschaftler widersprechen ihr. Auch der Begriff der »weisen Frau« ist fragwürdig und in der frühneuzeitlichen Literatur nicht zu finden. Vielmehr wird dort von der »Hebamme« und der »ehrbaren Frau« gesprochen. /

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