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Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im September 2012

21.09.2012
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Von Sven Siebenand / Zwei neue Wirkstoffe kamen im September auf den deutschen Markt. Die erste Innovation ist das Antiepileptikum Perampanel, die zweite das Blutkrebsmittel Ruxolitinib.

In Europa sind schätzungsweise sechs Millionen Menschen aller Altersgruppen an Epilepsie erkrankt. Diese chronische Erkrankung ist gekennzeichnet durch abnorme neuronale Entladungen im Gehirn, die krampfartige Anfälle auslösen. Je nach Anfallsform sind diese auf bestimmte Teile des Gehirns beschränkt (fokale Anfälle) oder betreffen das ganze Gehirn (generalisierte Anfälle). Außerdem variiert die Häufigkeit der Anfälle: von weniger als einem pro Jahr bis zu mehreren Anfällen pro Tag. Epilepsie hat viele mögliche Ursachen; oftmals ist die Ursache jedoch unbekannt.

Antiepileptikum

Mit Perampanel (Fycompa® 2 mg/ 4 mg/ 6 mg/ 8 mg/ 10 mg und 12 mg Filmtabletten, Eisai) ist seit Mitte September 2012 ein neues Antiepileptikum auf dem deutschen Markt. Zugelassen wurde der neue Arzneistoff als Zusatzbehandlung von fokalen Anfällen mit oder ohne sekundäre Generalisierung bei Epilepsiepatienten ab zwölf Jahren. Eine sekundäre Generalisierung liegt vor, wenn die übermäßige elektrische Aktivität im Verlauf eines fokalen Anfalls auf das ganze Gehirn übergreift.

Als erregender Neurotransmitter ist Glutamat an der Entstehung von epileptischen Anfällen beteiligt. Perampanel ist der erste Vertreter einer neuen Untergruppe der Antiepileptika und derzeit das einzige zugelassene Anti­epileptikum, das selektiv an glutamatergen AMPA-Rezeptoren (AMPA = α-Amino-3-hydroxy-5-methyl-isoxazol-propionsäure) angreift. Diese Rezeptoren spielen bei der Entstehung und Ausbreitung epileptischer Anfälle eine wichtige Rolle. Als AMPA-Rezeptor-­Antagonist vermindert Perampanel die Wirkung von Glu­tamat und dadurch die Zahl der Anfälle. Der genaue Wirkmechanismus, über den Perampanel seine antiepileptischen Wirkungen entfaltet, ist noch nicht vollständig aufgeklärt.

Die Patienten müssen einmal täglich vor dem Zubettgehen eine Tablette des neuen Medikaments ganz schlucken und dürfen sie nicht kauen, zerstoßen oder zerteilen. Die empfohlene Anfangsdosis beträgt 2 mg pro Tag. Wenn der Patient das Arzneimittel gut verträgt, kann der Arzt die Dosis schrittweise um 2 mg bis auf maximal 12 mg täglich steigern. Bei Patienten mit leichter oder mäßig schwerer Leberfunktionsstörung sollte die Dosis 8 mg am Tag nicht überschreiten. Muss der Wirkstoff abgesetzt werden, sollte der Arzt die Dosis schrittweise reduzieren.

Patienten mit starker Leberfunk­tionsstörung oder mit mäßig oder stark eingeschränkter Nierenfunktion sollten Perampanel nicht erhalten. Gleiches gilt für die Anwendung in der Schwangerschaft. Außerdem ist nicht bekannt, ob Perampanel in die Muttermilch übergeht. Da ein Risiko für das Neugeborene also nicht ausgeschlossen werden kann, muss der Arzt entscheiden, ob die Frau entweder das Stillen oder die Behandlung unterbrechen soll.

­Interaktionspotenzial

In Sachen Wechselwirkungen gibt es Einiges zu beachten, beispielsweise wenn der neue Wirkstoff mit einem CYP3A4-induzierenden anderen Anti­epileptikum kombiniert wird. Als Enzym­induktoren wirken beispielsweise die Antikonvulsiva Carbamazepin, Phenytoin und Oxcarbazepin. Sie können die Plasmakonzentration von Perampanel und damit seine Wirksamkeit vermindern.

Diese Interaktion muss der Arzt auch berücksichtigen, wenn er Patienten von nicht-enzyminduzierenden Anti­epileptika auf enzyminduzierende Substanzen (oder umgekehrt) umstellt. Auch bei anderen starken Induktoren von Cytochrom P450, zum Beispiel ­Rifampicin und Hypericum aus Johanniskraut, ist mit einer Abnahme der Perampanel-Konzentration zu rechnen, bei Cytochrom P450-Inhibitoren mit einer Erhöhung.

Als Nebenwirkungen des Antiepileptikums traten in Studien sehr häufig Schwindel und Schläfrigkeit auf. Daher kann das Arzneimittel die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen beeinträchtigen. In der Fachinformation weist der Hersteller auf weitere mögliche Nebenwirkungen hin. So lässt sich aus Daten ableiten, dass Perampanel möglicherweise das Risiko für suizidale Gedanken und suizidales Verhalten erhöht. Auch besteht offenbar – insbesondere bei älteren Patienten – ein erhöhtes Sturz­risiko. Zudem wurde über Fälle berichtet, dass sich Patienten unter Perampanel-Einnahme aggressiv verhielten.

Neues Blutkrebsmittel

Ebenfalls Mitte September 2012 kam mit Ruxolitinib (Jakavi® 5 mg/ 15 mg und 20 mg Tabletten, Novartis Pharma) ein neues Blutkrebsmittel auf den deutschen Markt. Es ist zur Behandlung der Myelofibrose zugelassen, einer seltenen Leukämie-Form. Pro Jahr erkranken daran in Deutschland circa 600 vorwiegend ältere Menschen. Bei der Myelofibrose handelt es sich um eine lebensbedrohliche, chronische Erkrankung des Knochenmarks, bei der Bindegewebe schrittweise das blutbildende Knochenmarkgewebe ersetzt. In vielen Fällen verläuft die Erkrankung zu Beginn völlig symptomlos. Als typische Kennzeichen des späteren Verlaufs ­treten Leistungsminderung, Nachtschweiß, Fieber, Appetitlosigkeit und Gewichts­verlust auf. Zu den am häufigsten beobachteten Symptomen zählt die charakteristische Vergrößerung der Milz, die Splenomegalie.

Bisher standen zur Therapie nur Bluttransfusionen und wenige Arzneistoffe zur Verfügung, zum Beispiel Hydroxycarbamid und Glucocorticoide. Eine Heilung ist nur durch eine Transplantation von Blutstammzellen möglich. Diese ist jedoch selbst sehr riskant und kann mitunter zum Tode führen. Daher wird sie nur solchen Patienten empfohlen, deren Erkrankung schnell fortschreitet oder deren Risiko aktuell sehr hoch ist, an Myelofibrose zu versterben.

Für die Entwicklung von Blutzellen und die Funktion des Immunsystems spielt unter anderem der sogenannte JAK-STAT-Signalübertragungsweg eine wichtige Rolle. Dieser Signalweg ist bei Patienten mit Myelofibrose fehlreguliert. Als sogenannter Januskinase-1/2-Inhibitor greift der neue Wirkstoff ­Ruxolitinib in diesen Signalweg regulierend ein.

Vor einer Therapie mit diesem Orphan Drug muss der Arzt ein Blutbild des Patienten erstellen, denn die empfohlene Anfangsdosierung richtet sich nach der Zahl der Thrombozyten. Die maximale Dosis von Ruxolitinib beträgt zweimal täglich 25 mg. Auch während der Behandlung muss in regelmäßigen Abständen ein Blutbild gemacht werden, weil der Arzt die Dosis des Arzneistoffs nach dessen Wirksamkeit und Sicherheit anpassen muss. Sinkt die Thrombozyten- oder Neutrophilenzahl zum Beispiel sehr stark ab, sollte er die Behandlung unterbrechen und erst dann fortsetzen, wenn sie wieder angestiegen ist.

Blutbild überwachen

Bei Patienten mit starker Nierenfunk­tionsstörung und bei jeglicher Leberfunktionsstörung sollte der Arzt die auf der Thrombozytenzahl basierende empfohlene Anfangsdosis um etwa die Hälfte verringern. Eine Verminderung der Dosis auf circa 50 Prozent ist auch erforderlich, wenn der Patient Ruxoli­tinib zusammen mit starken CYP3A4-Hemmern oder dualen Inhibitoren von CYP3A4 und CYP2C9 einnimmt. Für diesen Fall empfiehlt der Hersteller in der Fachinformation ebenfalls, das Blutbild häufiger zu überwachen. Verringert sich die Milzgröße nicht oder bleibt die Symptombesserung aus, sollte der Arzt die Therapie mit dem neuen Wirkstoff nach sechs Monaten beenden.

Die Behandlung mit Ruxolitinib kann das Blutbild verändern: Sehr häufig treten zum Beispiel Anämie, Thrombozytopenie und Neutropenie auf. Auch Blutungen, Schwindel und Kopfschmerzen sind sehr häufig. Zudem müssen die Patienten darüber informiert werden, dass ihr Infektionsrisiko erhöht ist, beispielsweise für Herpes-zoster- oder Harnwegsinfektionen. Schwangere und Stillende dürfen ­Ruxolitinib nicht einnehmen. /

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