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Die Heidelbeere

Pflanzenkraft gegen Diarrhö

21.09.2012
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Von Gerhard Gensthaler / Getrocknete Heidelbeeren sind in der Volksmedizin seit Langem ein beliebtes Mittel gegen Durchfall. Bei akuten unspezifischen Diarrhöen wird die Anwendung der Beeren auch heute noch befürwortet ebenso wie bei leichten Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut.

Nach Überlieferungen soll bereits der griechische Arzt Dioscurides (1. Jh.) die Heidelbeere, Vaccinium myrtillus L., sehr geschätzt haben. Als Erste erwähnte die Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) in ihrem Buch »Physica« die Heilwirkung der Pflanze. Ein Zitat aus dem Neuw Kreuterbuch des Jacobus Tabernaemontanus (circa 1520 bis 1590), Botaniker und Leibarzt des Kurfürsten Johann Casimir in Heidelberg, belegt die vielseitige Anwendung der Droge zur damaligen Zeit: »von diesen Blättern mit Rosenöl ein Pflaster gemacht / ist nutz zur Geschwulst an heimlichen Orten. Der Safft der Blätter im Mund gehalten / ist gut für die Fäule. Die Wurzel gepulvert / in die Wunden gestreuet / benimmt das faul Fleisch / und heilet sehr. Die roten Heidelbeer gedörret und gepulvert und eingenommen / ist gut wider den Stein / soll kräftig die Ruhr und den Bauchfluß stellen.«

Weitere Autoren verschiedener Kräuterbücher des 16. Jahrhunderts nahmen diese Informationen auf, vor allem der Botaniker Hieronymus Bock (1498 bis 1554). Er brachte in seinem Werk »Das Kreütter Buch« ausführliche Hinweise auf die Heilwirkung dieser Pflanze. So wurde die süße Beere beispielsweise bei Magenkrankheiten und Lungen­beschwerden sowie bei Husten eingesetzt. In der Volksheilkunde bereitete man aus den Beeren gerne einen Sirup, ein Mus oder Wein, die dann als Arzneimittel verwendet wurden. Die Indianer Nordamerikas stellten aus Kornmehl und getrockneten Heidelbeeren einen festen Pudding mit dem Namen »sautauthing« her und nahmen diesen auf ihren langen Jagd- und Kriegszügen als eine Art nahrhaften und wohlschmeckenden Kraftriegel mit.


Ein Kuriosum am Rande: Heidelbeerzweige sind in den Umrandungen des Großen Siegels der Universität Heidelberg abgebildet. Kurfürst Ruprecht I. gab dieses Siegel im Jahr 1386 zur Gründung der Universität in Auftrag. Es ist das älteste bekannte Zeugnis der Verknüpfung der Heidelbeere mit der Stadt Heidelberg.


Vaccinium myrtillus gehört zur Familie der Heidekrautgewächse (Ericaceae). Die deutsche Bezeichnung hat wohl ihren Ursprung in »auf der Heide wachsende Beere«. Im deutschen Sprachraum ist die Pflanze außerdem unter verschiedenen anderen Namen bekannt: als Schwarz- und Blaubeere, Heedelbeere, Hallbeere, Heidel, Bickbeere und Mehlbeere. Engländer nennen sie bilberry und blueberry, Franzosen airelle myrtille, Italiener mirtillo und Spanier arandano commun.


Im Wald und auf der Heide


Die Heidelbeere ist ein sommergrüner stark verzweigter Zwergstrauch, der bis zu 50 cm hoch werden kann. Der Strauch bildet kriechende unterirdische Ausläufer. Die fein gesägten, ledrigen Blätter sitzen an grünen und scharfkantigen Zweigen, immer einzeln in den Blattachseln befinden sich die meist grünlichen bis rötlichen, gestielten Blüten. Blütezeit sind die Monate April bis August. Der grüne Kelch ist mit dem Fruchtknoten verwachsen und bis auf eine kleine Öffnung von den kugeligen Kronblättern umschlossen. Aus dem Fruchtknoten bildet sich die meist blauschwarze, bereifte vielsamige Frucht, die eigentliche Heidelbeere mit ihrem süß-aromatischen Geschmack.


Vaccinium myrtillus liebt saure Böden und wächst bevorzugt in lichten Kiefern- und Fichtenwäldern, auf Sandböden, Heiden und an Moorrändern, wo sie sich meist großflächig ausbreitet. Zusammen mit Zwergstrauch­heiden siedelt sie als Gebüsch auch in höheren Gebirgslagen.


Auf der Nordhalbkugel ist die Pflanze stark verbreitet. In Europa fehlt sie allein in den südlichen Landesteilen Spaniens und Italiens. Ausgedehnte Vorkommen finden sich in Vorderasien, dem Kaukasus bis in die westlichen Randgebiete der Mongolei sowie in Nordamerika.


Für Laien leicht zu verwechseln ist die Heidelbeere mit der ebenfalls blauen Frucht der Rauschbeere (Vaccinium uliginosum), deren Fruchtfleisch und Saft im Gegensatz zur Heidelbeere hell sind. Ein gutes Unterscheidungsmerkmal ist der kantige grüne Stängel der Heidelbeere.


Geprüfte Qualität


Die Blätter (Myrtilli Folia) und auch die reifen, blauen Früchte (Myrtilli Fructus) werden in der Zeit von Juni bis August gesammelt. Nur die unbeschädigten Blätter werden sorgfältig an der Luft getrocknet. Dabei ist es wichtig, dass sich die Blätter nicht braun färben. Alle braunen Exemplare sind auszusortieren.

Traditionelles Blaubeerfest

Die Kleinstadt Eggesin in Mecklenburg-Vorpommern trägt den Beinamen »Blaubeerstadt«. Im Stadtzentrum steht seit 2002 ein Denkmal zu Ehren der Blaubeere. Jährlich wird eine Blaubeerkönigin gekürt und ebenfalls jedes Jahr Mitte Juli findet vor der historischen Kulisse der Fachwerkkirche ein Fest der besonderen Art statt: das Blaubeerfest. Auf die Besucher wartet ein Bauernmarkt, unter anderem mit regionalen Spezialitäten, wie dem hausgebackenen Blaubeerkuchen.

Die reifen Früchte werden bei künstlicher Wärme, früher meist am Kachelofen, getrocknet. Die runzeligen Früchte sind geruchlos und schmecken säuerlich-süß und herb zusammenziehend. Das Europäische Arzneibuch enthält Monographien zu Getrockneten Heidelbeeren (Myrtilli fructus siccus), zu Frischen Heidelbeeren (Myrtilli fructus recens) sowie zu einem eingestellten, gereinigten Trockenextrakt aus frischen Heidelbeeren (Myrtilli fructus recentis extractum siccum raffinatum et normatum). Eine Monographie für Heidelbeerblätter (Myrtilli folium) findet sich im Deutschen Arzneimittel-Codex (DAC). Heidelbeerblätter sind geruchlos und schmecken zusammenziehend. Früchte und Blätter für pharmazeutische Zwecke stammen fast ausschließlich aus Wildvorkommen in Süd-Ost-Europa, Italien oder den USA. Hingegen werden für die gewerb­liche Nutzung, das heißt zur Verwendung in Lebensmitteln, Kulturen angelegt.

 

Nicht nur gegen Durchfall


Die Früchte von Vaccinium myrtillus enthalten 5 bis 12 Prozent Catechingerbstoffe, etwa 30 Prozent Pektin, Invertzucker, 1,5 Prozent Arbutin, Vitamin C und Anthocyanfarbstoffe. Die Blätter der Heidelbeere führen ebenfalls Arbutin und Gerbstoffe sowie Flavonoide, Kaffee- und Chlorogensäure und relativ viel Chrom und Mangan.


Die Kommission E beim früheren Bundesgesundheitsamt bewertete die Früchte der Heidelbeere als positiv für die beiden Indikationen unspezifische akute Diarrhöen und leichte Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut. Der europäische Dachverband der nationalen Gesellschaften für Phytotherapie (ESCOP) empfiehlt ebenfalls die therapeutische Anwendung von Heidelbeeren »bei unspezifischen akuten Durchfallerkrankungen, lokal bei Schleimhautentzündungen im Mund- und Rachenbereich. Die Dauer der Anwendung sollte bei Durchfällen auf drei bis vier Tage begrenzt sein. Danach ist der Arzt aufzusuchen.«

Da die Gerbstoffe der Früchte erst im Darm frei werden, schädigen sie nicht den Magen und wirken zusammen mit dem Pektin gegen Durchfall. Sie binden dabei Giftstoffe und verhindern durch ihre adstringierenden Eigenschaften zusätzlich deren Resorption. Neben der Behandlung von Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut werden die Beeren auch bei Halsschmerzen verwendet. Frische Heidelbeeren werden ausschließlich zur Herstellung von Anthocyan-reichen Extrakten genutzt, die zu verschiedenen Fertigarzneimitteln verarbeitet sowie zur Verbesserung der Nachtsehleistung und zur Vorbeugung der Nachtblindheit eingesetzt werden. Die Volksmedizin empfiehlt die innerliche Anwendung der Beeren bei Erbrechen und Hämorrhoiden, die äußerliche bei Ekzemen, Flechten, juckenden Hautausschlägen, schlecht heilenden Geschwüren, aber auch Brandwunden.

Heidelbeerblätter hat die Kommission E wegen eines ungünstigen Nutzen-Risiko-Verhältnisses negativ bewertet. Bei längerer Verwendung der Blätter können Hydrochinonvergiftungen auftreten. Aufgrund ihrer adstringierenden Wirkung verwendet die Volksmedizin sie kurzfristig innerlich als Teeaufguss bei leichtem Durchfall, äußerlich zu Spülungen und Waschungen verwendet werden. Außerdem sollen Zubereitungen aus Heidelbeerblättern bei Diabetes, rheumatischen Erkrankungen, Beschwerden des Magen-Darm-Traktes, der Nieren und ableitenden Harnwege sowie der Atemwege helfen. Allerdings liegen hierfür keine eindeutigen wissenschaftlichen Nachweise vor.


Zur Bereitung eines Tees aus den Beeren werden 5 bis 10 g getrocknete Heidelbeerfrüchte, die vor der Anwendung gequetscht werden sollten, mit 150 ml kaltem Wasser angesetzt. Dieser Ansatz wird zum Sieden gebracht und nach zehn Minuten noch heiß abgeseiht. Von dem erkalteten Tee sollte ein- bis dreimal täglich eine Tasse getrunken werden. Als mittlere Tagesdosis gelten 30 g Droge. Wer lieber getrocknete Heidelbeeren mag, kann mehrmals täglich einen Esslöffel davon kauen, Kinder entsprechend weniger.


Zur Mundspülung wird ein Esslöffel (etwa 10 g) getrockneter Heidelbeeren mit 100 ml kaltem Wasser angesetzt und nach zehnminütigem Kochen noch heiß abgeseiht. Mit der erkalteten Lösung kann man mehrmals täglich gurgeln und den Mund spülen.


Die Früchte sind ungiftig. Nach dem Verzehr vieler frischer Heidelbeeren reagieren manche Menschen mit Durchfall. Wechselwirkungen mit anderen Arzneistoffen und -drogen sind nicht bekannt. Jedoch kann der hohe Gerbstoffgehalt der Heidelbeeren die Aufnahme gleichzeitig verwendeter Arzneimittel beeinträchtigen. Daher sei empfohlen, dass chronisch Kranke getrocknete Heidelbeeren in größerer Menge nicht gleichzeitig mit ihren wichtigen Arzneimitteln einnehmen.


Süße Leckereien


Mancher wird sich gerne an den Spaß seiner Kindheit erinnern, wenn sich durch den Genuss von Heidelbeeren in Pfannkuchen Lippen und Zungen tiefblau färbten, was äußerst lustig an­zusehen war. Auch heute sind Pfann­kuchen, Marmeladen, Fruchtgelees
und Müsli aus Blaubeeren, Aufläufe mit Heidelbeeren sind bei Jung und Alt gleichermaßen beliebt. Den Kombinationen mit diesen vorzüglich schmeckenden Beeren sind wahrlich keine Grenzen gesetzt. Heidelbeerweine und -liköre sind weitere Köstlichkeiten, die in fast allen Ländern Mitteleuropas geschätzt werden. /

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gerhard.gensthaler(at)t-online.de