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Generalisierte Angststörung

Sorgen über Sorgen

21.09.2012
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Von Claudia Borchard-Tuch / Die generalisierte Angststörung ­gehört mit 8 Prozent weltweit zu den häufigsten psychischen ­Erkrankungen. Schlafstörungen, Schmerzen, Depressionen und Suchterkrankungen verdecken oft das eigentliche Krankheitsbild. Langfristig hilft den Patienten nur die frühzeitige und individuell angepasste Therapie.

Angst zu haben, kann eine sinnvolle Reaktion sein, bewahrt sie doch beispielsweise vor riskanten Manövern. Zu große Furcht jedoch nimmt bisweilen krankhafte Züge an und führt zu einer Angststörung. Krankhafte Angst hat zahlreiche Facetten. In vielen Fällen sind die Betroffenen an generalisierter Angststörung (GAD) erkrankt, einer sogenannten ungerichteten Angsterkrankung. Bei den Phobien hingegen ist die Angst an bestimmte Objekte oder ­Situationen gebunden. Nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, nehmen Angststörungen oft einen chronischen Verlauf.

Typisch für Menschen mit GAD ist eine über Wochen oder länger andauernde ängstliche Anspannung. Ihrem Arzt berichtet jedoch nur eine Minderheit tatsächlich von den Hauptsymptomen Angst und Unruhe, die Mehrzahl klagt stattdessen über Schmerzen oder Schlafstörungen. Auch Kopfschmerzen oder chronischen Muskelschmerzen können unbewusste Ängste zugrunde liegen, die zu Verspannungen der Muskulatur führen .

Wegen ihrer körperlichen Beschwerden wenden sich die meisten Patienten zunächst an einen Allgemeinarzt oder einen Orthopäden. Experten gehen davon aus, dass in weniger als einem Drittel der Fälle der Arzt die GAD erkennt, weil der Patient untypische Symptome wie Schlafprobleme nennt. PTA oder Apotheker sollten bei manchen Patienten hellhörig werden und diesen bei Verdacht auf eine Angststörung zum Besuch eines Facharztes raten.

Eine Besonderheit der Erkrankung ist die »pathologische Sorge«, was jedoch schwer zu erkennen ist, denn die Sorgen von GAD-Patienten unterscheiden sich nicht von den Sorgen Gesunder. Sie handeln beispielsweise vom Partner, der Arbeit oder der Schule, von finanziellen Angelegenheiten oder der Gesundheit.

Im Unterschied zu Gesunden können sich GAD-Patienten allerdings nicht von ihren Sorgen lösen. Den Erkrankten fehlt es an Selbstvertrauen. Sie zweifeln an ihren Fähigkeiten, ihre Probleme lösen zu können. Meist überschätzen die Patienten die Schwierigkeiten und beschäftigen sich drei- bis viermal länger als Gesunde mit ihren Kümmernissen – dies nimmt manchmal bis zu 60 Prozent der Tageszeit in Anspruch.

Mehrere Ursachen

Die generalisierte Angststörung lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Offenbar bewirken mehrere Faktoren schließlich, dass ein Mensch zumeist zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr erkrankt. Oft haben die Erkrankten schon in ihrer Kindheit von ihren Eltern gelernt, stets mit dem Schlimmsten zu rechnen. So entwickeln sie ein negatives Bild von sich und ihrer Umwelt.

Wie sich GAD äußern kann

Ein 43-jähriger Mann berichtet, er habe vor über 20 Jahren im Rahmen eines Auslandsaufenthaltes eine »Angstkrise mit Panikattacken« erlebt. Seitdem würden ihn ständig Sorgen wegen seiner beruflichen Zukunft und auch wegen seiner privaten Situation beschäftigen. Er fühle sich hierdurch »wie gelähmt«, bleibe morgens mitunter stundenlang im Bett liegen und warte darauf, dass die Angst wieder verschwindet.

Auch die Gene spielen eine wichtige Rolle. Ist ein Verwandter ersten Grades erkrankt, ist das Risiko, ebenfalls diese Störung zu entwickeln, um das 1,5- bis 3-Fache erhöht. Äußere Einflüsse fördern den Ausbruch der Erkrankung. Bereits in Situationen, die Gesunde im Allgemeinen als wenig belastend empfinden, fühlt sich der Betroffene gestresst. Dieser Stress führt schließlich zu der für die GAD typischen Erwartungsangst: der Sorge.

Ein Teufelskreis entsteht

Der Prozess des Sich-Sorgens hält die Erkrankung häufig aufrecht. Hierbei spielen Fehleinschätzungen eine wichtige Rolle. Typischerweise denken Betroffene: Ich bin der Aufgabe nicht ­gewachsen. Ich besitze keine Fähigkeiten, um schwierige Situationen zu meistern. Die negativen Gedanken führen bei Patienten dazu, dass sie angstbesetzte Situationen meiden und die Sorgen zunehmen. Den Erkrankten gelingt es nicht, die Sorgen in den Hintergrund treten zu lassen, sondern es schaukelt sich ein Teufelskreis auf.

Gefährliche Folgen

Viele Erkrankte bekämpfen ihre Angst mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln. Das hilft zwar kurzfristig, ist aber auf Dauer ungeeignet, denn es besteht das Risiko, eine Abhängigkeit zu entwickeln. Zahlreiche Betroffene leiden zusätzlich an einer Depression, daher ist auch die Suizidgefahr erhöht. Welche Konsequenzen sich aus der Erkrankung für das Privat- und Berufsleben ergeben, hängt zum einen von der Schwere der Symptomatik und zum anderen von der individuellen Lebenssitua­tion ab.

Schnelle Diagnose

Zurzeit diskutieren die Experten der American Psychiatric Association über neue Kriterien zur Einordnung einer GAD. Diese sollen es einfacher machen, die Störung zu erkennen. Nach den bisher geltenden DSM-IV-Kriterien wurde die Diagnose erst gestellt, wenn die GAD schon sechs Monate bestand. Dieser Zeitraum ist im Entwurf der DSM-V-Kriterien auf drei Monate verringert. Zudem berücksichtigen die neuen Kriterien auch Verhaltensstörungen, mit der GAD in Verbindung stehen, zum Beispiel das Vermeidungsverhalten. Typischerweise schieben viele Patienten unangenehme Situationen wie Gespräche mit Vorgesetzten, den Gang zum Finanzamt oder eine Prüfung ständig vor sich her.

Den meisten Patienten hilft letztlich eine medikamentöse Behandlung und/oder eine Psychotherapie. Als psychotherapeutisches Verfahren der ersten Wahl in der Behandlung der generalisierten Angststörung gilt derzeit die kognitive Verhaltenstherapie. Diese geht davon aus, dass die Art und Weise, wie ein Mensch denkt, darüber entscheidet, wie er sich fühlt, verhält und körperlich reagiert. Zu den wichtigsten bei GAD-Patienten eingesetzten Methoden zählen die Exposition und die systematische Desensibilisierung.

Augen auf und durch!

Wer aufgrund übertriebener Befürchtungen immer bestimmte Situationen meidet, kann sich nach der kognitiven Verhaltenstherapie von seinen Ängsten befreien, wenn er mit der unangenehmen Lage konfrontiert wird. Der Betroffene lernt auf diese Weise, dass die Situation harmlos ist. Das kostet zwar viel Überwindung, baut aber nicht nur Ängste ab, sondern stärkt auch das häufig angegriffene Selbstbewusstsein. Zunächst muss der Therapeut den Patienten in der Angst machenden Situation begleiten und ihn zudem darauf eingehend vorbereiten, sodass er das therapeutische Vorgehen versteht.

Die systematische Desensibilisierung setzt voraus, dass sich der Patient ganz entspannt. In diesem Zustand soll er sich Situationen und Dinge vorstellen, die ihm Sorgen bereiten. Hierbei wird er vom Therapeuten angeleitet, seine Gedanken »zu Ende« zu denken, statt zwischen verschiedenen Sorgen gedanklich hin und her zu springen. Da Entspannung und Sorgen zwei miteinander unvereinbare Reaktionen sind, wird die durch Sorgen ausgelöste Angstreaktion bei gelungener Entspannung gehemmt.

Medikamente der ersten Wahl

Medikamente der ersten Wahl sind Antidepressiva wie die selektiven Serotonin/Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI) Venlafaxin oder Duloxetin und die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Paroxetin oder Escitalopram. Da Venlafaxin und Duloxetin keine Affinität zu adre­nergen, cholinergen oder histaminergen Rezeptoren haben, wirken sie nicht anticholinerg oder sedierend. Das Wirkspektrum der SSRI ist sehr ähnlich, sie wirken ebenfalls nicht sedierend, sondern eher aktivierend. Sowohl bei den SSNRI als auch bei den SSRI setzt die Wirkung erst verzögert ein. Das Interaktionspotenzial beider Medikamentengruppen ist vergleichbar hoch.

Neben den selektiven SSNRI und den SSRI wird in der aktuellen Leitlinie der World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP) der Calciumkanalmodulator Pregabalin als First-Line-Medikament bei Patienten mit GAD empfohlen. Wegen seines geringen Interaktionspotenzials kann Pregabalin mit SSNRI/SSRI kombiniert werden, falls diese nicht ausreichend wirken. Der Wirkungsmechanismus von Pregabalin unterscheidet sich von dem anderer Anxiolytika: Obwohl strukturell ein Analogon der g-Aminobuttersäure (GABA), zeigt Pregabalin keine Aktivität an GABA-A- und GABA-B- oder Benzodiazepin-Rezeptoren und hemmt nicht die Serotonin- oder Noradrenalinwiederaufnahme. Vielmehr bindet Pregabalin an eine Proteinuntereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle und reguliert so, dass präsynaptisch verschiedene exzitatorisch wirkende Neurotransmitter freigesetzt werden. Müdigkeit, Schwindel, Mundtrockenheit und Übelkeit zählen zu den Nebenwirkungen von Pregabalin.

Hohes ­Missbrauchspotenzial

Zu den Medikamenten zweiter Wahl gehören die trizyklischen Antidepressiva. Ebenfalls nur als Second-Line-Medikamente werden in der WFSBP-Leitlinie die Benzodiazepine eingestuft, da sie mit dem Risiko von Missbrauch und Abhängigkeit einhergehen. Experten schätzen, dass 1,5 Millionen Menschen in Deutschland Benzodiazepin missbräuchlich einnehmen, das heißt abhängig geworden sind.

In schweren Krisen der generalisierten Angststörung sollten Benzodiazepine nur für einen kurzen Zeitraum von zwei bis vier Wochen verordnet werden. Eine weitere Einsatzmöglichkeit sieht die Leitlinie als Zusatztherapie während der ersten Wochen einer Behandlung mit SSNRI/SSRI vor. Bei einer Therapie mit Pre­gabalin erübrigt sich dies, weil hier mit einem schnellen Wirkungseintritt zu rechnen ist.

Fazit

Die generalisierte Angststörung bedarf einer mehrdimensionalen Therapie. Welche Kombination der verschiedenen Verfahren optimal ist – beispielsweise eine Expositionstherapie und die Gabe selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer – muss individuell auf den einzelnen Patienten abgestimmt werden. Gelingt dies gut, findet der ­Patient langfristig aus dem Teufelskreis seiner angstbesetzten Sorgen heraus. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

claudia.borchardtuch(at)gmail.com