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Haarausfall

Unschöne Erbschaft

21.09.2012
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Von Andrea Gerdemann / Kräftiges, glänzendes Haar steht für Attraktivität und Lebenskraft. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Menschen mit Haarausfall meist sehr darunter leiden.

Das Kopfhaar besteht aus 100 000 bis 150 000 Haaren. Durch den sogenannten natürlichen Haarausfall verliert jeder Mensch pro Tag bis zu 100 davon. Der Übergang zum therapiebedürftigem Haarausfall ist fließend. Ein Verlust von mehr als 100 Haaren täglich sollte in der Regel behandelt werden, wenn dieser über einige Wochen anhält.

Das menschliche Haar wächst täglich zwischen 0,35 und 0,5 mm. Dabei durchläuft jedes Haar insgesamt drei Phasen: Der erste Abschnitt wird Wachstums- oder Anagenphase genannt. 80 bis 90 Prozent der Kopfhaare befinden sich in dieser Phase; sie dauert zwei bis acht Jahre. Danach geht das Haar in die Übergangs- oder Katagenphase über. Diese Phase ist kurz und dauert nur wenige Wochen. Lediglich ein sehr kleiner Teil, nur bis zu 3 Prozent der Kopfhaare, befindet sich in dieser zweiten Phase. Anschließend folgt die Ruhephase, die auch Telogenphase heißt. Sie dauert zwei bis vier Monate. 10 bis 20 Prozent der Kopfhaare befinden sich in dieser letzten Phase. Danach fällt das Haar aus und der Haarfollikel geht erneut in die Wachstums­phase über.

Haarausfall ist weit verbreitet. Auch wenn Männer deutlich häufiger betroffen sind, bleiben Frauen nicht verschont. In etwa 95 Prozent der Fälle ist der Haarausfall hormonell bedingt. Dermatologen sprechen dann von androgenetischer Alopezie. Weitere Krankheitsbilder sind der kreisrunde Haarausfall (Alopezia areata) sowie der diffuse Haarausfall.

Ursache der androgenetischen Alopezie ist eine genetisch bedingte Empfindlichkeit der Haarwurzeln gegenüber Dihydrotestosteron. Die Hormone bewirken eine Verkürzung der Wachstumsphase und eine Degeneration der Haarfollikel. Bei Männern beginnt eine androgenetische Alopezie oft schon im Alter von 25 Jahren. Erste typische Symp­tome sind die Geheimratsecken, später lichtet sich das Haar auch auf dem Hinterkopf. Frauen sind meist erst in und nach den Wechseljahren betroffen. Charakteristisch ist hier ein Haarverlust entlang des Scheitels.

Der erblich bedingte Haarausfall geht bei Männern mit einer veränderten Enzymaktivität der 5-alpha-Reduktase einher. Bei Frauen ist dagegen die Aktivität des Enzyms Aromatase eingeschränkt. Dadurch können sie männliche Hormone nicht ausreichend in Estrogen umwandeln. Die daraus entstehende erhöhte Konzentration an Androgenen lässt die Haarfollikel schrumpfen; als Folge fallen die Haare aus.

Der kreisrunde Haarausfall (Alopecia areata) kommt vergleichsweise selten vor und betrifft Männer wie Frauen jeden Alters gleichermaßen. Charakteristische Symptome sind kreisrunde, kahle Flecken an mehreren Stellen des Kopfes. Auch der komplette Haarverlust ist möglich. Als Ursache vermuten Wissenschaftler eine Autoimmunerkrankung.

Der diffuse Haarausfall (diffuse Alopezie) ist, wie der Name schon vermuten lässt, nicht auf bestimmte Stellen des Kopfes beschränkt. Das Haar dünnt im gesamten Kopfbereich aus. Die Behandlung des diffusen Haarausfalls richtet sich nach den Ursachen. Diese können sehr unterschiedlich sein, zum Beispiel Schilddrüsenfunktionsstörungen, Diabetes mellitus, Stress, Infektionen, Hormonumstellungen nach der Geburt, Absetzen der Pille, die Wechseljahre, bestimmte Medikamente wie Thyreostatika oder Zytostatika, Schadstoffe oder Strahlentherapie beziehungsweise Strahlenunfälle. Zudem können extreme Diäten, Essstörungen oder eine sehr einseitige Ernährung zu diffusem Haarausfall führen. Auch Rauchen kann eine Rolle spielen. Es drosselt die Mikrodurchblutung der Haut und führt über eine vermehrte Hydroxylierung von Estradiol zu einem relativen Estrogenmangel. Darüber hinaus wirkt Tabakrauch toxisch auf die Haarfollikel.

Wichtige Fragen

Bittet ein Patient mit dem Problem »Haarausfall« PTA oder Apotheker um Rat, sollten sich diese als erstes durch gezielte Fragen einen Überblick über dessen individuelle Situation verschaffen:

  • Seit wann leiden Sie an Haarausfall?
  • Wie beurteilen Sie den Schweregrad des Haarausfalls?
  • Fallen Ihnen täglich mehr als 100 Haare aus, büschelweise?
  • Sind Sie erblich vorbelastet?
  • Nehmen Sie neue Arzneimittel ein? Wenn ja, welche?
  • Arbeiten Sie beruflich mit toxischen Stoffen?
  • Wie oft waschen Sie die Haare? Färben Sie diese oder lassen Sie eine Dauerwelle machen?
  • Leiden Sie beruflich oder privat unter Stress?
  • Nehmen Sie regelmäßig Arzneimittel ein, zum Beispiel gegen Diabetes mellitus oder Schilddrüsenfunktionsstörungen?
  • Wie ernähren Sie sich?
  • Haben Sie schon Mittel gegen den Haarausfall ausprobiert und wenn ja, mit welchem Erfolg?

 

Geduld gefragt

Patienten mit Haarausfall sollten einen Hautarzt aufsuchen, damit dieser die Ursache abklärt. Das ist die Voraussetzung für jede erfolgversprechende Therapie. Die beiden Wirkstoffe Minoxidil und Finasterid sind die einzigen Substanzen, die in Doppelblindstudien ihre Wirksamkeit bei der Therapie der androgenetischen Alopezie belegen konnten. Finasterid wirkt über die Hemmung des Enzyms 5-alpha-Reduktase. Der Wirkmechanismus von Minoxidil ist dagegen unbekannt.

Lebenslange Therapie

Männer und Frauen erhalten Minoxidil zur lokalen Anwendung in unterschiedlicher Dosierung: Die Zubereitung für Frauen enthält 2 Prozent des Wirkstoffs, die für Männer 5 Prozent. Beide Lösungen sind rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Die Patienten sollten morgens und abends einen Milliliter Lösung auf die betroffenen Stellen der Kopfhaut auftragen. Ein wichtiger Hinweis: Die täglich angewandte Menge von zweimal einem Milliliter sollte – unabhängig von der Größe der betroffenen Hautfläche – nicht überschritten werden. Appliziert wird auf die trockene Kopfhaut; bevor Kopfhaut oder Haare angefeuchtet werden dürfen, sollten danach mindestens vier Stunden vergehen. Die Wirkung tritt bei Frauen und Männern unterschiedlich ein: Frauen müssen besonders geduldig sein. Sie können frühestens nach drei bis vier Monaten einen Effekt erkennen. Ist auch nach acht Monaten noch kein Behandlungserfolg zu sehen, sollte die Therapie abgebrochen werden. Bei den Männern geht es schneller: nach acht Wochen sollten erste Erfolge sichtbar sein. Stellt sich nach vier Monaten die gewünschte Wirkung nicht ein, sollte die Therapie ebenfalls abgebrochen werden. Um den Erfolg für lange Zeit zu sichern, gilt für beide Geschlechter, dass sie die Lösung »lebenslänglich« zweimal täglich auf die Kopfhaut auftragen müssen.

Tipps zur Haarpflege

Besonders wichtig bei jeglicher Art von Haarausfall ist eine sorgsame Pflege. Hierzu gehört, dass man nur milde Shampoos benutzt, zum Beispiel Kindershampoos, drei bis vier Tage Abstand zwischen den Haar­wäschen einhält, das Haar nicht mit einem Handtuch trocken rubbelt, sondern »tupft« oder »drückt«, das Haar nicht zu heiß föhnt und möglichst keine Dauerwell-Präparate oder Färbemittel benutzt, weil diese das Haar und die Kopfhaut strapazieren.

Schwangere und Stillende dürfen Minoxidil nicht anwenden. Als lokale Reizerscheinungen können bei der topischen Applikation Juckreiz, Brennen oder Schuppung auftreten, selten allergische Reaktionen. Weitere mögliche unerwünschte Wirkungen sind Blutdruckabfall, Schwindel, Kopfschmerzen, Schwächegefühl, Ödeme, Augenreizungen (nach der Anwendung die Hände waschen!) und Geschmacksveränderungen, zum Beispiel Zigarettenrauch-Intoleranz. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind bei topischer Anwendung nicht bekannt.

Eingriff in Hormonbildung

Finasterid eignet sich zur Therapie des Frühstadiums der androgenetischen Alopezie. Ursprünglich erhielt das verschreibungspflichtige Präparat die Zulassung zur Behandlung der benignen Prostatahyperplasie (gutartige Prostata­vergrößerung) in einer Dosierung von 5 mg peroral pro Tag. Eher zufällig wurde seine Wirkung gegen Haarausfall entdeckt. Finasterid hemmt das Enzym 5-alpha-Reduktase und damit die Bildung von Dihydrotestosteron aus seiner Vorstufe Testosteron. Finasterid ist nur für Männer zwischen 18 und 41 Jahren zur Behandlung des androgenetischen Haarausfalls zugelassen. Die Dosierung beträgt für diese Indikation täglich 1 mg peroral.

Als Nebenwirkungen treten gelegentlich Störungen des sexuellen Reaktionsvermögens, verminderte Libido und ein vermindertes Ejakulatvolumen, Berührungsempfindlichkeit und/oder Spannungsschmerz der Brust auf. Die genannten Nebenwirkungen nehmen jedoch vielfach innerhalb von vier bis fünf Behandlungsjahren ab. Klinisch bedeutsame Wechselwirkungen sind bei dieser Dosierung bisher nicht bekannt. Die Wirkung tritt in der Regel erst nach drei bis sechs ­Monaten ein und verschwindet nach Absetzen der Therapie. Etwa neun bis zwölf Monate später ist der ursprüng­liche Zustand wieder erreicht. Daher wird eine kontinuierliche Anwendung empfohlen. Finasterid ist kontraindiziert bei Frauen und Kindern unter 18 Jahren.

Bei leichten Formen der androgenetischen Alopezie können Männer wie Frauen auch den Wirkstoff 17α-Estradiol topisch anwenden. Das Hormon soll die Anzahl der Haare in der Wachstums­phase erhöhen, indem es die Bildung von Dihydrotestosteron hemmt. Der endgültige wissenschaftliche Nachweis der Wirkung steht allerdings noch aus. Die Betroffenen müssen einmal täglich drei Milliliter Lösung mittels eines Applikators auf die Kopfhaut auftragen. Hierbei sollten sie den Applikator etwa eine Minute lang gleichmäßig mit Streichbewegungen über die Kopfhaut führen. Hat sich der Haarausfall gebessert, reicht die Anwendung an jedem zweiten bis dritten Tag.

Während der Anwendungszeit der Estradiol-Lösung wird die Kopfhaut häufig etwas fettiger. Kinder unter 18 Jahren sowie Schwangere und Stillende dürfen die Lösung nicht anwenden. Als Nebenwirkungen kann das enthaltene Lösungsmittel 2-Propanol kurzfristig Brennen, Rötung oder Juckreiz verursachen. Wechselwirkungen mit anderen Wirkstoffen sind bei topischer Anwendung nicht zu erwarten.

Defizite beheben

Auch ein Mangel an bestimmten essenziellen Nährstoffen kann die Ursache des Haarausfalls sein. Vor allem eine Unterversorgung mit Eisen und Zink – möglicherweise auch mit B-Vitaminen – führt zu Haarverlust. Wenn der Arzt durch eine Blutuntersuchung einen Mangel nachgewiesen hat, sollte der Patient ein entsprechendes Nahrungsergänzungsmittel einnehmen. Ein Effekt auf den Haarwuchs ist allerdings auch hier häufig erst nach mehreren Monaten erkennbar.

Die Wirksamkeit, Unbedenklichkeit und Sinnhaftigkeit von zahlreichen weiteren Präparaten mit der Indikation Haarausfall sind nicht hinlänglich belegt. Dazu zählen Aminexil, 11-α-Hydro­xyprogesteron, Vitamin-A-Säure, Aminosäuren, Peptide oder Proteine wie L-Methionin, Gelatine, Thymus-Extrakte, Benzylnicotinat, Coffein, Pentadecansäuremonoglycerid, pflanzliche Extrakte mit Sabal, Hirse, Brennessel und Klettenwurzelextrakt sowie der Wirkstoff Natrium­thio­cyanat. Nachweislich regen manche topisch anzuwendenden Lösungen die Durchblutung der Kopfhaut an.

Fazit

Für die Indikation Haarausfall stehen einige Präparate zur Verfügung, die auch für die Selbstmedikation gedacht sind. Trotzdem ist es empfehlenswert, Haarausfall zunächst von einem Hautarzt differentialdiagnostisch untersuchen zu lassen. Auch die regelmäßige Kontrolle sollte dann sinnvollerweise durch den Arzt erfolgen: Spricht der Patient auf die Therapie an?

Für die Behandlung des Haarausfalls gibt es außerdem etliche »Wundermittel«, die häufig stark beworben werden und für die der Patient tief in seinen Geldbeutel greifen muss. Wirksamkeitsnachweise fehlen in der Regel. Hier ist es die Aufgabe von PTA und Apotheker, den Patienten seriös zu informieren. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

andrea(at)gerdemann.info