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Nicht ohne ihn

Der Lippenstift feiert Geburtstag

27.06.2013  19:10 Uhr

Von Annette Behr / Er ist der kleine, feine Begleiter fast aller Frauen: Der Lippenstift, ein nahezu unverzichtbares Accessoire, das in jede Tasche passt. In diesem Jahr feiert der Stift seinen 130. Geburtstag.

»Du gehst doch nicht einmal zur Mülltonne ohne Lippenstift«, neckte mich früher meine Nachbarin Ulla und machte sich damit über meine stets perfekt ausgemalten Lippen lustig. Eine Freundin hegte gar den Verdacht, ich würde mit geschminkten Lippen schlafen gehen. Ganz so extrem war es nicht. Allerdings hatte ich damals meinen idealen Lippenstift gefunden: In dezenter schwarzer Hülle befand sich ein unvergleichlich volles, mattes, samtenes Rot, das zugleich perfekt pflegte. Genau den Ton dieser wunderbaren italienischen Freilandrosen liebe ich. Bei der Erinnerung an diesen einzigartigen Lippenstift gerate ich noch heute ins Schwärmen. Noch dazu hatte der Hersteller es geschafft, dass sich die Farbe recht lange auf den Lippen hielt, nicht verschmierte oder gar an den Zähnen klebte. Leider stellte er irgendwann die Produktion dieses Stiftes ein. Auch mein Protestbrief an die Firma half nichts. Ich kaufte alle Restbestände der Stadt auf. Als diese aufgebraucht waren, brach meine Lippenstift-Ära ab. Auf einige Fehlversuche folgte eine Zeit der Enthaltsamkeit.

Diener für rosiges Aussehen

Die Vorläufer des Lippenstiftes, farbige Lippensalben, benutzten Frauen bereits um 3500 vor Christus. Das belegen Ausgrabungsfunde der sumerischen Stadt Ur. Dokumentiert ist auch, dass beispielsweise Nofretete (um 1350 v. Chr.) ihre Lippen deutlich betonte. Im fünften Jahrhundert vor Christus färbten sich griechische Schauspielerinnen und Prostituierte die Lippen, sodass andere »normale« Frauen Schminke verpönten. In Japan hingegen benutzten höher gestellte Frauen ganz selbstverständlich Zusammensetzungen aus Wachs, Honig und Pigmenten. Heute noch verwenden Hersteller diese Stoffe für Lippenstifte. In der Zeit des Barocks puderten auch in Europa die Frauen ihre Gesichter weiß und schminkten ihre Lippen kräftig rot.

Vor 130 Jahren, also 1883, präsentierten zwei Pariser Parfümeure auf der »Internationalen Kolonial- und Exportausstellung« in Amsterdam ihren ersten Lippenstift, den sie immerhin in Seidenpapier eingewickelt hatten. Der rote Farbstift bestand aus Rizinusöl, Hirschtalg und Bienenwachs. Das war der Beginn einer einzigartigen Karriere. Die kreativen Parfümeure tauften ihr Produkt auf den Namen »Rhodopis Serviteur«, was so viel wie Diener für rosiges Aussehen bedeutet. Auch damals hatten exklusive Produkte für die Schönheit schon ihren Preis. Der lag mit umgerechnet 50 Euro reichlich hoch.

Noch dazu stand dem Weltruhm des roten Lippenstifts sein sündhaftes Image im Wege. Da er als Accessoire des Rotlichtmilieus und Tingeltangels galt, war der Lippenstift zunächst gesellschaftlich verpönt. Die Damen der besseren Gesellschaft, die etwas auf sich hielten, lehnten die »vulgäre« rote Lippenfarbe strikt ab. Mit dem Anfang des neuen Jahrhunderts änderte sich diese Einstellung, denn die Schauspielerin Sarah Bernhardt machte den Lippenstift salonfähig. Bernhardt soll es auch gewesen sein, die dem Farbstift den Beinamen »Stylo dAmour« gab. Bald gehörte es zum Chic, die Lippen farblich zu betonen. Praktischer wurde die Anwendung und Aufbewahrung der Lippenstifte, als die Firma Guerlain sie 1910 erstmals mit einem Metallmantel umhüllte. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Tatsache, dass die kämpferischen Frauenrecht­lerinnen dieser Zeit, die Sufragetten in England und Amerika, ihre Lippen knallrot schminkten, als sie für die Wahlrechte der Frauen demonstrierten. An den Namen der Lippenstiftfarben lässt sich die jeweilige Stimmung eines Landes ablesen: Während des zweiten Weltkriegs verkauften sich in den USA »Patriot Red« und »Victory Red« vortrefflich.

Die Verkaufszahlen des Lippenstifts gelten zudem als Krisenindikator: Nach dem Ausbruch der Finanzkrise 1929 wurden so viele Lippenstifte verkauft wie nie zuvor. Nach Angaben des Kosmetikherstellers Estée Lauder wiederholte sich dieses Phänomen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Eine mögliche Erklärung: Weil in schlechten Zeiten das Geld für teure Kleidung oder anderen Luxus fehlt, greifen Frauen verstärkt zum Lippenstift. Damit demonstrieren sie die Jetzt-erst-recht-Haltung.

Glamour oder Nude

Jährlich geben Frauen weltweit etwa 600 Millionen US-Dollar für Lippenstifte aus. In Deutschland besitzt und trägt ihn jede zweite Frau. Egal ob leuchtend oder natürlich, abgestimmt auf den Typ unterstreicht die Lippenstiftfarbe nicht nur den äußeren Auftritt. Laut Starvisagist und Lippenstift-Sammler René Koch unterstreicht die perfekte Lippenstiftfarbe optimal die Persönlichkeit seiner Trägerin. Die jeweilige Mode spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle bei der Wahl der passenden Lippenstiftfarbe. In diesem Jahr sind Apricot- bis Orange-Töne angesagt. Für den großen und glamourösen Auftritt führt weiterhin kein Weg an dem tiefen Rotton vorbei. Das beweisen auch Lippenstift und Kussmund Angelina Jolies, nebst ihrem Auftritt bei der Oscar-Verleihung. Ihr Make-up-Artist gab das Geheimnis der leuchtend schönen Lippen preis. Es handelt sich um das klassisch perfekte »Russian Red«.

Besonders junge Frauen bevorzugen glitzernde Nuancen. Offenbar ist bei ihnen ein »Water-shine-diamond-rosé« der Hit. Angesagt bei deutschen Frauen ist immer auch der natürliche, sogenannte Nude-Look für den Alltag. Viele schminken ihre Lippen dezent schön mit Naturkosmetik, sodass sie niemals angemalt wirken.

Frische im Gesicht

»Wenn du tagelang nicht geschlafen hast und aussiehst wie das Ungeheuer von Loch Ness, gibt es nur eines, was dafür sorgt, dass du dich wieder wie ein Mensch fühlst: Glanz auf deinen Lippen.« Dieser großartige Satz stammt von Bianca Jagger, Ex-Model und EX-Frau des Rolling-Stones-Sängers Mick Jagger. Wie recht sie hat, denn ein wenig Farbe zaubert immer Frische ins Gesicht. Zusätzlich eignen sich manche Produkte auch als Rouge-Ersatz.

»Wissenschaftler fanden heraus, dass uns bunte Lippenstiftfarben jünger aussehen lassen«, las ich kürzlich in einem Magazin. »Das kann ich nicht generell sagen«, widerspricht allerdings meine Freundin Tine. Sie ist Kosmetikerin und findet, dass gerade ältere Frauen schnell mal zu dick auftragen und dann eher bunt und angemalt wirken. »Viel hilft nicht immer viel«, sagt Tine grinsend. Zudem kriechen billige Produkte in jede Hautfalte. Dann wirkt das Lippen-Make-up fleckig und ungepflegt.

Was seine »Klientinnen« wollen, weiß René Koch ziemlich gut. Immerhin arbeitet er seit über 30 Jahren mit und an der Schönheit. Über Lippenstifte hat er ein Buch geschrieben und ein privates Lippenstiftmuseum in Berlin gegründet. Informationen zum Lippenstiftmuseum finden Interessierte auf www.lippenstiftmuseum.de. Das erste Exponat erhielt er von Hildegard Knef. Koch hat auch noch einen heißen Tipp parat: »Etwas mehr Rot auf den Lippen lenkt den Blick auf das Gesicht. Besonders wichtig, wenn die Körperrundungen ausgeprägter sind: Lippenrot macht eine schmale Taille!« /

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