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Neu auf dem Markt

Drei neue Wirkstoffe in zwei Präparaten

28.06.2013  10:49 Uhr

Von Sven Siebenand / Im Juni kamen zwei Medikamente mit insgesamt drei neuen Wirkstoffe auf den deutschen Markt. Ein Präparat enthält mit Lisdexamfetamin einen neuen Wirkstoff zur ADHS-Behandlung. Im zweiten Arzneimittel sind von den vier Substanzen gleich zwei vollkommen neu. Eingesetzt wird das zweite Präparat als Fixkombination bei HIV-Patienten.

Noch vor wenigen Jahren verlangten die komplizierten Einnahmevorschriften HIV-Patienten so einiges ab: Sie mussten jeden Tag viele verschiedene Tabletten zu unterschiedlichen Zeiten einnehmen. Kombinationspräparate wie Atripla®und Eviplera® erleichtern mittlerweile die Compliance.

Neue Fixkombination

Mit Stribild® Filmtabletten von Gilead Sciences kam Mitte Juni ein neue Fixkombination für HIV-Patienten auf den Markt. Das Medikament enthält insgesamt vier Wirkstoffe: die beiden bekannten Reverse-Transkriptase-Inhibitoren Emtricitabin und Tenofovir sowie Cobicistat und Elvitegravir, zwei ganz neue Wirkstoffe. Wie Ritonavir dient auch Cobicistat zur sogenannten Boosterung, das heißt zur Wirkverstärkung anderer HIV-Wirkstoffe. Cobicistat erfüllt diese Aufgabe für den neuen Wirkstoff Elvitegravir. Dieser gehört wie das bereits seit Längerem verfügbare Raltegravir zu den HIV-Integrasehemmern. Er beeinträchtigt also die Replikation der HI-Viren, indem er deren Fähigkeit blockiert, ihr eigenes genetisches Material in das menschlicher Zellen einzubinden.

Stribild ist ein sogenanntes Single Tablet Regime, das heißt die Patienten müssen nur einmal am Tag eine Tablette einnehmen. Das Medikament erhielt die Zulassung zur Behandlung Erwachsener, die mit dem HIV-1-Virus infiziert sind, nicht antiretroviral vorbehandelt sind oder bei denen HIV-1 keine Muta­tionen aufweist, die mit Resistenzen gegen einen der drei antiretroviralen Wirkstoffe des Medikamentes asso­ziiert sind. Stribild darf nicht mit an­deren antiretroviralen Arzneimitteln kombiniert werden.

Die Patienten sollen Stribild zum Essen einnehmen. Erbricht der Patient innerhalb einer Stunde nach Einnahme des Arzneimittels, sollte er eine weitere Tablette einnehmen. Hat er die Einnahme seines Medikamentes einmal vergessen, so kann er dies innerhalb der nächsten 18 Stunden nachholen. Sollte mehr Zeit verstrichen sein, wird dazu geraten, die vergessene Tablette wegzulassen und das gewohnte Einnahmeschema fortzusetzen.

Laut Fachinformation erhöhen verschiedene Arzneimittel (Kasten) die Gefahr schwerwiegender und/oder lebensbedrohlicher Nebenwirkungen sowie das Risiko, dass die Wirkung ausbleibt oder Resistenzen entstehen.

Folgende Arzneimittel sollten nicht mit Stribild kombiniert werden:

  • Alpha-1-Adrenozeptor- Anta­gonisten: Alfuzosin
  • Antiarrhythmika: Amiodaron, Quinidin
  • Antikonvulsiva: Carbamazepin, Phenobarbital, Phenytoin
  • Bakterizide Antibiotika: Rifampicin
  • Mutterkornderivate: Dihydro- ergo­tamin, Ergometrin, Ergotamin
  • Prokinetika: Cisaprid
  • Pflanzliche Präparate: Johanniskraut (Hypericum perforatum)
  • HMG-CoA-Reduktase-Inhibitoren: Lovastatin, Simvastatin
  • Neuroleptika: Pimozid
  • PDE-5-Inhibitoren: Sildenafil zur Behandlung von pulmonal- arterieller Hypertonie
  • Sedativa/Hypnotika: oral ver­abreichtes Midazolam, Triazolam

Nierenfunktion prüfen

Patienten, bei denen bereits früher die Behandlung mit Tenofovir Disoproxil (als Fumarat) aufgrund von Nierentoxizität unterbrochen wurde, sollten kein Stribild erhalten. Zudem sollte der Arzt vor Beginn einer Stribild-Therapie die Nierenfunktion des Patienten untersuchen lassen, indem die glomeruläre Filtrationsrate sowie die Urin-Glucose- und -Protein-Werte erhoben werden. Liegt die glomeruläre Filtrationsrate unter 70 ml/min, sollte der Arzt kein Stribild verordnen. Bei Patienten mit einer glomerulären Filtrationsrate von unter 90 ml/min sollte der Arzt Nutzen und Risiko sorgfältig abwägen und den neuen Arzneistoff nur dann verschreiben, wenn er Stribild als Therapieop­tion für den jeweiligen Patienten eindeutig den Vorzug gibt.

Im Verlauf des ersten Behandlungsjahres sollten die glomeruläre Filtra­tionsrate des Patienten sowie die Serumphosphat-, Urin-Glucose- und Urin-Protein-Werte alle vier Wochen und anschließend alle drei Monate bestimmt werden. Schätzt der Arzt das Risiko einer Nierenfunktionsstörung bei dem jeweiligen Patienten hoch ein, sollte dieses Monitoring entsprechend häufiger erfolgen. Nimmt der Patient ein nephrotoxisches Arzneimittel ein, zum Beispiel ein Aminoglykosid, Amphotericin oder Vancomycin, oder liegt die Behandlung erst kurz zurück, sollte er aufgrund des erhöhten Risikos unerwünschter renaler Wirkungen kein Stribild erhalten.

Da das neue Arzneimittel nicht bei Patienten mit schwerer Leberfunk­tionsstörung untersucht wurde, kann es bei diesen Patienten nicht empfohlen werden. Über 65-jährigen Patienten sollte der Arzt das Medikament nur mit Vorsicht verordnen, da bisher keine Daten zu Dosierungsempfehlungen für ältere Menschen vorliegen.

Schwangeren sollte der Arzt nur dann Stribild verschreiben, wenn der potenzielle Nutzen das mögliche Risiko rechtfertigt. Frauen im gebärfähigen Alter sollten während der Therapie nicht schwanger werden und daher entweder ein hormonelles Kontrazeptivum mit mindestens 30 µg Ethinyl­estradiol und dem Gestagen Norgestimat einnehmen oder mit einer anderen Methode zuverlässig verhüten.

In Studien führte Stribild am häufigsten zu den Nebenwirkungen Übelkeit und Durchfall. Sehr häufig traten unter anderem auch Kopfschmerzen, Schwindel und Hautausschlag auf. Außerdem weist der Hersteller in der Fachinformation auf die Gefahr einer Lactazidose hin.

Neues Mittel gegen ADHS

Mit Lisdexamfetamin (Elvanse® 39 mg, 50 mg und 70 mg Hartkapseln, Shire) kam Anfang Juni ein weiteres ADHS-Mittel auf den deutschen Markt. Lis­dexamfetamin ist ein Prodrug, das nach oraler Gabe im Magen-Darm-Trakt schnell resorbiert und dann zu Dexamfetamin umgewandelt wird. Somit ist Dexamfetamin für die Aktivität des Arzneimittels verantwortlich. Bereits seit 2011 ist mit Attentin® ein Dexamfetamin-haltiges und damit ähnliches Fertigarzneimittel in Deutschland verfügbar.

Der Wirkmechanismus von Amfet-aminen bei ADHS ist nicht vollständig geklärt. Vermutlich beruht ihre Wirkung darauf, dass sie die Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin in das präsynaptische Neuron blockieren und diese Monoamine dadurch vermehrt in den extraneuronalen Raum freigesetzt werden.

Im Rahmen einer therapeutischen Gesamtstrategie ist Lisdexamfetamin zur Behandlung von Kindern mit ADHS ab einem Alter von sechs Jahren zugelassen, wenn diese zuvor auf die Therapie mit Methylphenidat klinisch nur unzureichend angesprochen haben. Die Kinder sollten das Mittel einmal morgens erhalten. Die Einnahme am Nachmittag könnte zu Schlafstörungen führen.

Hat das Kind Probleme, die Hartkapsel zu schlucken, darf diese auch geöffnet und der gesamte Inhalt in einem Glas Wasser aufgelöst werden. PTA und Apotheker können dazu folgenden Tipp geben: Befinden sich im Kapselinhalt Pulverklumpen, können diese im Wasser mit einem Löffel zerdrückt werden. Der Inhalt ist so lange zu rühren, bis er vollständig dispergiert ist. Danach sollte der Patient den gesamten Glasinhalt sofort trinken.

Lisdexamfetamin dosiert der Arzt individuell danach, wie der Patient auf den Wirkstoff anspricht. Die Initial­dosis beträgt in der Regel 30 mg pro Tag. Sie kann in wöchentlichen Abständen in Schritten von jeweils 20 mg erhöht werden. Die höchste empfohlene Dosis beträgt täglich 70 mg.

Die Behandlung muss beendet werden, wenn sich die Krankheitssymptome nach geeigneter Dosisanpassung über einen Zeitraum von einem Monat nicht bessern. Verschlechtern sich jedoch die Symptome paradoxerweise oder treten andere unzumutbare unerwünschte Wirkungen auf, muss der Arzt die Dosis reduzieren oder das Arzneimittel ganz absetzen. Ist die Nierenfunktion des Patienten eingeschränkt, kann ebenfalls eine Dosisreduktion erforderlich sein.

Wachstum überwachen

Vor einer Verordnung muss der Arzt den kardiovaskulären Status einschließlich Blutdruck und Herzfrequenz des Patienten beurteilen. Zur umfassenden Anamnese gehören Begleitmedikationen, frühere und aktuelle internistische und psychiatrische Begleiterkrankungen oder Symptome sowie plötzliche kardiale/unerwartete Todesfälle in der Familie.

Außerdem muss der Arzt vor der Behandlung Körpergröße und -gewicht des Patienten in einem Wachstums­diagramm exakt erfassen. Wie bei anderen Stimulanzien muss er last but not least das Potenzial für Missbrauch, Fehlgebrauch oder Zweckentfremdung des neuen Arzneimittels vor der Verordnung bedenken.

Auch während der Behandlung mit Lisdexamfetamin sollte der Arzt kon­tinuierlich das Wachstum sowie den psychiatrischen und kardiovaskulären Status des Patienten überwachen. Entschließt sich ein Arzt, einem Patienten das neue Stimulans länger als ein Jahr zu verordnen, muss er mindestens einmal jährlich den Nutzen des Medikamentes neu bewerten. Das erfordert behandlungsfreie Zeitabschnitte, damit er das Verhalten des Patienten ohne medikamentöse Behandlung beurteilen kann.

Nehmen Patienten Monoaminoxidasehemmer (MAO-Hemmer) ein, dürfen Amfetamine während oder innerhalb von 14 Tagen nach der Gabe nicht angewendet werden. Sonst kann die Kombination zu einer vermehrten Freisetzung von Noradrenalin und anderen Monoaminen führen. Dies hat beispielsweise starke Kopfschmerzen und weitere Zeichen einer hypertensiven Krise zur Folge. In der Fachinformation wird sogar vor tödlichen Verläufen gewarnt.

Typisches Stimulans

Die beobachteten Nebenwirkungen des neuen Arzneimittels sind typisch für die Anwendung von Stimulanzien. Sehr häufig traten in Studien verminderter Appetit, Schlafstörungen, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Gewichtsabnahme und Oberbauchschmerzen auf. Eine lange Liste möglicher Nebenwirkungen enthält die Fachinformation von Elvanse.

Dort wird den Ärzten auch geraten, mit Mädchen über die Behandlung mit Lisdexamfetamin zu sprechen, sobald sie ihre erste Periode bekommen haben. Der Wirkstoff sollte in der Schwangerschaft nur angewendet werden, wenn der potenzielle Nutzen das mögliche Risiko für den Fetus rechtfertigt. Da Amfetamine in die Muttermilch übergeben, dürfen Stillende Lisdexamfetamin nicht einnehmen. /

E-Mail-Adresse des Verfassers

s.siebenand(at)govi.de

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