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Historisches

Spucken statt Küssen

28.06.2013
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Von Ernst-Albert Meyer / Das Zeitalter der Empfängnisverhütung begann nicht erst mit der Einführung des Kondoms im Jahre 1851. Bereits in der Antike probierten die Menschen aus heutiger Sicht zum Teil sehr obskure Antikonzeptiva aus, meist ohne den gewünschten Erfolg.

Die ersten Aufzeichnungen über Methoden und Mittel zur Schwangerschaftsverhütung stehen in den circa 4000 Jahre alten ägyptischen Papyri. Hier werden Tampons und Scheidenzäpfchen aus Baumwolle, zerriebenen Feigen, Akazienharz und Honig beschrieben. Paare im alten Ägypten benutzen aber auch häufig ein »Pessar« aus Krokodilkot und Honig.

Über die Möglichkeiten der Empfängnisverhütung informierte ebenso der berühmte griechische Gynäkologe und Geburtshelfer Soranos von Ephesos ausführlich, der von 98 bis 138 n. Chr. in Rom tätig war. Von seinen zahlreichen Werken sind besonders die »vier Bücher über Frauenleiden« bekannt geworden. Sie galten bis ins Mittelalter als Standard-Lehrbuch der Gynäkologie. Soranos verurteilte die für Frauen gefährlichen Abortiva und sprach sich stattdessen für eine Empfängnisverhütung aus: »Gerade weil es ungefährlicher ist, die Befruchtung zu verhindern als abzutreiben, werden wir dieses nun zuerst darlegen.« Darauf folgte eine Vielzahl praktischer Empfehlungen: »Die Frau soll in dem Augenblick des Koitus, da der Mann seinen Samen ausstößt, den Atem anhalten und ihren Körper zurückziehen, sodass der Samen nicht in den Os uteri eindringen kann; dann soll sie aufstehen, eine hockende Stellung einnehmen und sich zwingen, zu niesen.« Weiterhin rät er den Frauen zur Enthaltsamkeit während der damals als besonders fruchtbar eingeschätzten Tage vor und nach der Menstruation.

Verhütung oder Abtreibung

Von der Antike bis in die Gegenwart ist die Anwendung des Sadebaums als Verhütungs- und Abtreibungsmittel dokumentiert. Auszüge oder das ätherische Öl des Sadebaums wirken unter anderem menstruationsfördernd und abortiv; aufgrund der starken Giftigkeit aber starben viele Frauen unter der »Behandlung«. Denn um die Menstruation auszulösen, werden Dosen des ätherischen Öls benötigt, die im toxischen Bereich liegen. Alte volkstümliche Namen wie Jungfernpalme, Jungfernrosmarin, Kindersterben und Kindermord lassen erkennen, dass die Anwendung und auch die Giftigkeit des Sadebaums bereits damals allgemein bekannt waren. Der Sadebaum oder Stinkwacholder (Juniperus sabina) gehört zur Familie der Zypressengewächse und wächst vor allem in Gebirgsgegenden, wurde aber trotz seiner Toxizität häufig in Bauerngärten und Parks kultiviert. Das in den jungen Trieben enthaltene ätherische Öl reizt bei innerlicher Anwendung heftig den Magen-Darm-Trakt und die Nieren. Es führt zu starkem Erbrechen, blutigen Durchfällen, blutigem Urin und Störungen der Nierenfunktion. Später treten Krämpfe, Koma und Tod durch Atemlähmung ein.

Warnung in Kräuterbüchern

Der große Bekanntheitsgrad des Sadebaums zeigt sich auch darin, dass viele Verfasser alter Kräuterbücher vor dieser Pflanze warnen. So schimpfte Hieronymus Bock (1498 bis 1554), dass die alten Hexen und Huren scharf auf diese Palmen seien und »treiben darmit vil abenthewr / zu letzt verfüren sie die jungen Huren / geben jhnen Seuenpalmen gepulvert / oder darüber zu trinkken / dadurch vil Kinder verderbt werde.« Abschließend forderte Bock, die Hexen und Huren streng zu bestrafen. Auch Matthiolus (1501 bis 1577) ging in seinem Kräuterbuch auf diese »Kindesmörder« ein: Diese seien »erger dann Herodes.« Klipp und klar äußerte ebenfalls Adam Lonitzer (1528 bis 1586) seine Meinung: »Es brauchen dieses Kraut die all zu unverschämte und unzüchtige Weiber / die Empfängnuß der Geburt zu verhindern.«

Um den lebensgefährlichen Missbrauch mit Antikonzeptiva und Abor­tiva einzudämmen, wurde der Verkauf dieser Mittel ab 1520 in den Apothekerordnungen vieler Städte verboten. Doch nicht alle Apotheker hielten sich daran. So schrieb der Bürgermeister von Gera im März 1656 an die medizinische Fakultät in Leipzig, »dass der Apotheker Johann Eylenbergk vor Gericht bekannt hat, dass er einer unverheirateten Frau, welche über ausbleibende Menstruation klagte, ohne Wissen des Arztes ein Mittel gegeben habe. Das Rezept liegt bei, es enthält Juniperus sabina und Sennesblätter. Am Tage, nachdem die Frau das Mittel zum ersten Mal genommen hatte, gebar sie ein totes Kind, welches sie heimlich in einer Ackerfurche versteckte.«

Die »Pille« aus der Schmiede

Metalle setzten die Menschen schon in der Antike als orale Antikonzeptiva ein, selbst wenn davon nur Spuren in Flüssigkeit gelöst vorlagen. Dies wusste auch Soranos, denn er schrieb: »Wasser aus dem Bottich, in welchem der Schmied das glühende Eisen löscht, Unfruchtbarkeit bewirkt, wenn es regelmäßig getrunken wird.« Und Aetios von Amido (6. Jh.) ergänzte: »Kupferwasser, in dem das Erz gelöscht wurde, verhütet Empfängnis, wenn Frauen es regelmäßig, und insbesondere nach der Menstruation trinken.« Auch Arnaldus von Villanova (um 1240 bis 1311), einer der bedeutendsten Ärzte des Mittelalters, notierte: »Wenn eine Frau drei Tage nacheinander morgens von dem Wasser trinkt, in dem der Schmied seine Zangen löscht, wird sie für immer unfruchtbar bleiben.« Über Jahrhunderte hinweg galten metallhaltige Lösungen als bewährte Verhütungsmittel. Noch im Jahr 1914 informierte in England ein Bürger die Behörden, dass Frauen in den Gemeinden unweit der Eisenhütten Birminghams »Wasser trinken, in welchem sie Kupfermünzen kochen«.

Früher wurden Empfängnis und Befruchtung als zeitlich auseinander liegende Prozesse betrachtet. So war man der Meinung, dass noch bis zu 30 Tage nach dem Geschlechtsakt eine »Loslösung« des männlichen Samens aus dem Körper der Frau möglich sei. Soranos empfiehlt zur Entfernung des männlichen Samens, dass »die Frau zum Ablösen der Frucht angestrengt umhergeht und sich von Fuhrwerken durchschütteln lässt; angestrengt springt und Lasten hebt, die über ihre Kraft gehen«.

Rezepte für die Männer

Der Grieche und kaiserliche Leibarzt Oribasios (4. Jh.) empfahl erstmals Männern, ihren Beitrag zur Schwangerschaftsverhütung zu leisten: »Wenn ein Mann vor dem Beischlaf etwas unternehmen will, um eine Empfängnis zu verhüten, so reibe er sein männliches Glied mit dem Saft des Hahnenkopfs ein.« Sein Kollege, der Arzt Aetios von Amida (6. Jh.) gab den Männern weitere Ratschläge. Unter anderem empfahl er ihnen, den Penis vor dem Verkehr mit adstringierenden Lösungen einzureiben, zum Beispiel mit Alaun oder dem mit Essig vermischten Saft von Granat- oder Galläpfeln.

Erste Spermizide

Wohl als erster Autor schrieb der griechische Philosoph und Gelehrte Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) ausführlich über den Einsatz chemischer Mittel zur Schwangerschaftsverhütung. So soll die Frau als Antikonzeptivum, »jenen Teil der Gebärmutter, auf den der Samen fällt, mit Zedernöl einreiben, oder mit Bleiweiß oder mit in Öl aufgelöstem Weihrauch.«

Außerdem sollten die Frauen weiche Wolle vor den Muttermund legen oder ihn mit Honig, Öl oder Harz unter Zusatz von Bleiweiß (basisches Bleicarbonat) oder Alaun einreiben. Des Weiteren empfahl Soranos »Mutterzäpfchen«, hergestellt aus zerkleinerter Fichtenrinde, Granat- und Galläpfeln sowie aus Ingwer, Wein, Feigen und Rosenöl. Die enthaltenen Gerbstoffe wirken adstringierend auf den Muttermund und sollen in der Vagina den Säuregehalt erhöhen. Aufgrund ihres Gerbstoffgehaltes besaßen die Zäpfchen einen spermienabtötenden Effekt.

Giacomo Casanova (1725 bis 1798) beschrieb in der »Geschichte meines Lebens« die Verwendung von Zitronen als Diaphragma. Er zerschnitt eine Zitrone, presste den Saft heraus und gab sie seiner Geliebten zur Benutzung.

Schutz durch Pflanzen

Der Samen des Efeus als Vaginalzäpfchen eingeführt – so schrieb schon der griechische Arzt Dioskurides (1. Jh.) – soll Frauen unfruchtbar machen. Gleiches behauptete Dioskurides vom Ackerrittersporn: »Verhindert, mit Honig vermischt, zum Zäpfflin gemacht, unnd vor dem Beylager appliciert, die Empfängnuß.«

Im Mittelalter setzten Paare bevorzugt pflanzliche Mittel als Antikonzeptiva ein. Frauen wendeten sich unter dem Siegel der Verschwiegenheit an kräuterkundige Frauen, Hebammen, fahrende Händler, Bader, Barbiere und Gaukler. Gegen bare Münze wechselte dann das »ganz sicher wirkende Verhütungsmittel« den Besitzer. Und wenn die Frau dennoch schwanger wurde, war der Verkäufer schon lange über alle Berge.

Besonders die Rezepte des arabischen Philosophen und Arztes Avicenna (980 bis 1037) waren im Mittelalter sehr beliebt: »Suppositorien in der Vagina, vor und nach dem Beischlaf anzuwenden; sie sollen aus Zedernöl bereitet werden oder aus dem Stengelmark des Granatapfelbaums und Alaun, oder aus Blättern der Trauerweide, die mit dem Saft der Trauerweide durchtränkt sind, oder auch Fruchtfleisch von Koloquinten, oder zu gleichen Teilen aus frischer Alraunewurzel, Eisenschlacke, Kohlblättern, Skammoniablättern und Kohlsamen, alles mit Zedernöl vermischt.«

In der Schrift über die »Heimlichkeiten« der Frauen, die dem Gelehrten und Dominikanermönch Albertus Magnus (1193 bis 1280) zugeordnet wird, heißt es: »Nesselwasser getruncken, morgens und Abendts, je uff zwey oder drei Lot, ist gut für die weisse zeit der Frauwen.« Als pflanzliche Antikonzeptiva wurden weiterhin Zubereitungen aus Petersilie, Muskatnuss, Weißdorn, Salbei und Lorbeer eingesetzt. Bei diesen Mitteln ist die Grenze zwischen Antikonzeptiva und Abortiva oft kaum zu ziehen.

Eine schwere Sünde

Weder im antiken Griechenland noch in Rom galten Schwangerschaftsverhütung und Abtreibung als verwerflich oder als Straftaten. Dass sich dies im Mittelalter änderte, hat verschiedene Gründe: Da sind zuerst Hungersnöte und Seuchen zu nennen, die die Bevölkerung Europas dezimierten. Besonders die Pest zwischen 1347 und 1352 kostete 25 Millionen Menschen das Leben – ein Viertel der europäischen Bevölkerung. Sie entvölkerte ganze Landstriche und die Überlebenden verarmten.

Die weltlichen und kirchlichen Herren waren damals die größten Land­besitzer, und besonders auf dem Land fehlten überall Arbeitskräfte. Deshalb war die Obrigkeit stark an einer Bevölkerungszunahme durch höhere Geburtenzahlen interessiert. Daraus folgte konsequenterweise die moralische Verdammung aller Mittel und Methoden der Empfängnisverhütung und Abtreibung sowie die strafrechtliche Verfolgung Zuwiderhandelnder. Dies war ganz im Sinne der Kirche, denn Antikonzeption beziehungsweise Aborte standen im krassen Gegensatz zur christlichen Lehre. Allein die Ehe sei die von Gott gewollte Basis für die Zeugung von Nachkommen, propagierten die Kirchenvertreter. Alle Vorkehrungen gegen eine Schwangerschaft galten als schwere Sünde. Eine Bußordnung aus dem 8. Jahrhundert legte fest: »Wenn einer Tränke angenommen hat, damit seine Frau nicht empfange oder Empfangenes tötet, oder der Mann den Samen vergossen hat durch Unterbrechung des Verkehrs mit seiner Frau, damit sie nicht empfängt, soll jeder einzeln zehn Jahre fasten, davon zwei bei Wasser und Brot.« Der Bischof Cäsarius von Arles ging noch weiter: »So viel Verhütung, so viel Mord!«

Magische Mittel

Die Zahl magischer Verhütungsmittel ist zwar immens, doch brachte keines den erwünschten Effekt. Hier eine kleine Auswahl: Wenn man aus dem Fuß eines lebenden Wiesels eine Kralle herauszieht und der Frau umhängt, wird sie nicht schwanger. Außerdem sollte vor ungewollter Schwangerschaft schützen, wenn Frauen den Urin eines Widders oder eines Hasen tranken.

In der Slowakei aßen die Frauen zur Verhütung in Wasser eingeweichte Nussblätter und Safran und trugen außerdem Bärlapp (Lycopodium clavatum) in ihren Kleidern. Ferner verbreitete sich damals die absurde Meinung, Sex mit vielen Männern verhindere eine Schwangerschaft. Wollte in Ser­bien eine Frau keine weiteren Kinder bekommen, so sollte sie mit den Beinen des letzten Neugeborenen die Haus­türe schließen oder in das erste Badewasser dieses Kindes so viele Finger tauchen, wie sie Jahre nicht entbinden wollte. Aus Rumänien wird berichtet, dass die Braut bei der Hochzeit so viele geröstete Nüsse am Busen trug, wie sie Jahre kinderlos bleiben will. Nach der Trauung musste sie die Nüsse allerdings in der Erde vergraben.

Der Siegeszug des Kondoms

Trotz verschiedener wissenschaftlicher Forschungen bleibt das Kondom bis heute die einzige Möglichkeit des Mannes, aktiv Empfängnisverhütung zu betreiben. Wann Kondome erstmals verwendet wurden, lässt sich heute nicht mehr genau feststellen. Manche Autoren halten den Arzt und Anatom Gabriele Falloppio (um 1523 bis 1562) für den Erfinder des Kondoms. Doch zu dieser Zeit wurden Präservative weniger zur Empfängnisverhütung, sondern mehr als Infektionsschutz benutzt. Falloppio machte nachweislich ein Kondom aus feuchtem Leinen als Schutz vor der gefürchteten Syphilis populär.

Später wurden als Material für Kondome die Blinddärme von Hammel, Lamm, Kalb und Ziege bevorzugt. Der französische Sonnenkönig Louis XIV. (1638 bis 1715) benutzte samtgefütterte Exemplare. Casanova soll sie vor Gebrauch durch Aufblasen auf ihre Dichtheit geprüft haben. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts erfand der Amerikaner Charles Nelson Good­year das Vulkanisieren von Kautschuk. Diese Technik ermöglichte es ihm, im Jahr 1851 das erste Gummi-Kondom auf den Markt zu bringen. Im Laufe der Zeit wurde der verwendete Gummi immer strapazierfähiger und dünner, damit sie das Gefühlsleben so wenig wie möglich beeinflussen.

Als in den USA 1957, in Deutschland 1961 die hormonellen Antikonzeptiva eingeführt wurden, nahm die Verwendung der Präservative deutlich ab. Erst mit dem Auftreten von Aids gewannen Kondome als Infektionsschutz erneut an Bedeutung. Heute zählen sie wieder zu den gängigen Verhütungsmitteln. /

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