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Markteinführung im Juni

Gib mir fünf

25.06.2014
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Von Sven Siebenand / Fünf neue Wirkstoffe kamen im Laufe des Junis auf den deutschen Markt: ein Mittel gegen Tuberkulose, gegen Hepatitis C, ein neuer Wirkstoff zur Therapie von Patienten mit überaktiver Blase sowie zwei neue Wirkstoffe gegen seltene Erkrankungen.

Resistenzen gegen Tuberkulose-Medikamente entstehen aus unterschied­lichen Gründen, zum Beispiel weil Pa­tienten einen Behandlungszyklus vorzeitig abbrechen. Das Auftreten der multiresistenten Tuberkulose (MDR-TB) ist heute Anlass zu großer Besorgnis. Da die Erfolgsrate der Behandlungen weltweit unter 50 Prozent liegt, besteht ein dringender Bedarf nach neuen Arzneimitteln zur Therapie der MDR-TB

Anfang Juni kam mit Delamanid (Deltyba® 50 mg Filmtabletten, Otsuka Novel Products) ein solch neuer Arzneistoff auf den Markt. Das Medikament ist bei erwachsenen Patienten im Rahmen einer Kombinationsbehandlung für multiresistente Lungentuberkulose zugelassen, wenn eine andere wirksame Therapie aufgrund von Resistenzen oder aus Gründen der Verträglichkeit nicht in Frage kommt. Da es in der EU nur wenige Patienten mit Tuberkulose gibt, gilt Delamanid als Orphan Drug.

Der neue Arzneistoff wirkt gegen Tuberkulose-Bakterien durch einen neuartigen Mechanismus: Er greift in den Stoffwechsel der Zellwand des Erregers Mycobacterium tuberculosis ein. Die genaue Wirkweise ist unklar, jedoch weiß man, dass Delamanid die Bildung von zwei Zellwandkomponenten des Erregers blockiert, was zu dessen Tod führt.

Die Patienten müssen 24 Wochen lang zweimal täglich 100 mg einnehmen, am besten zusammen mit einer Mahlzeit. Ärzte sollten Delamanid Patienten mit schweren Nierenfunktionsstörungen oder mäßiger bis schwerer Leberfunktionsstörung nicht verordnen, ebenso keiner Schwangeren. Zudem sollte während der Einnahme nicht gestillt werden.

Als Nebenwirkungen wurden in den Studien am häufigsten, das heißt, etwa bei jedem dritten Patienten, Übelkeit, Erbrechen und Schwindelgefühl beobachtet. Besonderes Augenmerk sollte der Arzt auf die mögliche Verlängerung des QT-Intervalls legen. Bei etwa 10 Prozent der Patienten, die zweimal täglich 100 mg des Wirkstoffes eingenommen hatten, wurden QT-Verlängerungen im EKG festgestellt. Die Veränderung der elektrischen Aktivität des Herzens kann eine lebensbedrohliche Herzrhythmus-Anomalie verursachen. Es wird deshalb empfohlen, vor Behandlungsbeginn der Behandlung und monatlich während des gesamten Verlaufs ein EKG durchzuführen.

In einer Studie ging Hypoalbumin­ämie bei mit Delamanid behandelten Patienten mit einem erhöhten Risiko für eine Verlängerung des QTc-Intervalls einher. Der Wirkstoff darf deshalb bei Patienten mit niedrigen Albumin-Spiegeln nicht angewendet werden. Kontraindiziert ist auch die gleichzeitige Gabe von starken CYP3A4-Induktoren, die den Abbau des neuen Wirkstoffs beschleunigen. Weitere wichtige Nebenwirkungen sind Angstzustände, Parästhesien und Tremor.

Da Delamanid unter Auflagen zugelassen wurde, wird der Hersteller weitere Studien durchführen, um die langfris­tige Wirksamkeit und Sicherheit des Wirkstoffes abzusichern.

Angriff an β3-Rezeptoren

Seit Anfang Juni erweitert Mirabegron (Betmiga™ 25-/50 mg Retardtabletten, Astellas Pharma) als neue Therapie­option die Behandlung erwachsener Patienten mit überaktiver Blase. Der Wirkstoff wird gegen folgende Beschwerden eingesetzt: plötzlicher Harndrang, erhöhter Harndrang und Dranginkontinenz.

Laut Fachinformation sollen die Patienten einmal täglich 50 mg Wirkstoff einnehmen. Ist ihre Nieren- oder Leberfunktion eingeschränkt, sollte der Arzt die Dosis gegebenenfalls senken oder die Therapie mit Mirabegron beenden.

Mirabegron wirkt als β3-Rezeptor­agonist, der an die in den Muskelzellen der Harnblase lokalisierten β3-Rezep­toren bindet und diese aktiviert. Das führt zur Entspannung der Harnblasenmuskulatur, wodurch sich wiederum die Blasenkapazität erhöht und die Art und Weise verändert, wie sich die Blase zusammenzieht. Folglich muss der Patient weniger häufig die Toilette aufsuchen, um seine Blase zu entleeren. Weil β3-Rezeptoren auch im Fettgewebe zu finden sind, war ursprünglich geplant, β3-Rezeptoragonisten als Mittel zum Abnehmen zu entwickeln. Nachdem dieser Ansatz gescheitert ist, wird nun die überaktive Blase zum Einsatzgebiet dieser neuen Substanzklasse.

Im Unterschied zu den Anticholinergika, die bei überaktiver Blase häufig eingesetzt werden, führt Mirabegron nicht so häufig zu Mundtrockenheit. Dennoch hat auch der neue Wirkstoff Nebenwirkungen. Sehr häufig kommt es zum Beispiel zu Tachykardie und Harnwegsinfektionen. Zu den schwerwiegenden, aber seltenen Nebenwirkungen zählt Vorhofflimmern.

Schwangere und Stillende sollten Mirabegron nicht einnehmen. Vorsicht ist geboten, wenn der Arzt Mirabegron mit Arzneimitteln kombiniert, deren therapeutische Breite gering ist und die in relevantem Maße durch CYP2D6 metabolisiert werden, beispielsweise Thioridazin, Typ-1C-Antiarrhythmika wie Flecainid und Propafenon oder trizyk­lische Antidepressiva wie Imipramin und Desipramin.

Neue Waffe bei Hepatitis C

Mit Simeprevir (Olysio® 150 mg Hartkapseln, Janssen-Cilag) kam im Juni ein weiteres Medikament zur Therapie der Hepatitis-C auf den Markt. Zugelassen ist es bei Erwachsenen in Kombination mit anderen Arzneimitteln zur Behandlung der chronischen Hepatitis-C-­Infektion. Die Monotherapie mit Sime­previr ist untersagt. Außerdem sollten Patienten mit den Genotypen 2, 3, 5 und 6 nicht damit behandelt werden.

Die Patienten müssen zwölf Wochen lang einmal täglich eine 150-mg-Kapsel jeweils zusammen mit einer Mahlzeit einnehmen. In der Fachinformation gibt der Hersteller Hinweise dazu, welche Kombinationspartner bei welcher Patientengruppe wie lange einzunehmen sind. Vorsicht ist geboten bei Patienten mit schwerer Nierenfunktionsstörung sowie mittelgradiger bis schwerer Leberfunktionsstörung.

Wie die bereits seit Längerem verfügbaren Wirkstoffe Boceprevir (Victrelis®) und Telaprevir (Incivo®) hemmt auch Simeprevir die virale NS3-Protease. Für die Bildung neuer Hepatitis-C-Viren ist eine funktionstüchtige NS3-Protease jedoch unverzichtbar. Durch die Blockade des Enzyms wirkt Simeprevir antiviral.

PTA und Apotheker können bei der Abgabe des neuen Präparates mit einigen Hinweisen die Arzneimitteltherapiesicherheit erhöhen. So sollte Simeprevir nicht mit Wirkstoffen kombiniert werden, die das Enzym CYP3A4 mäßig oder stark induzieren oder hemmen. Denn dies kann die Simeprevir-Blutspiegel entweder deutlich erniedrigen oder erhöhen. Auch sollten die Patienten wissen, dass ihre Haut während der Simeprevir-Therapie möglicher­weise empfindlicher auf UV-Strahlen reagiert. Übermäßiges Sonnenbaden oder Besuche im Solarium sollten sie daher vermeiden und an geeigneten Sonnenschutz denken.

Neben den Photosensitivitätsreaktionen traten in Studien als Nebenwirkungen sehr häufig oder häufig auf: Dyspnoe, Nausea, Obstipation, Hautausschlag sowie Juckreiz und die Bilirubinkonzentration im Blut stieg an.

Ärzte sollten Schwangeren oder Frauen im gebärfähigen Alter Simeprevir nur dann verordnen, wenn der Nutzen das Risiko rechtfertigt. Bei Stillenden sollten sie entscheiden, ob diese das Stillen oder die Behandlung mit Simeprevir unterbrechen sollen oder ob sie die Therapie ganz beenden.

Enzymmangel-Ausgleich

Mit Elosulfase alfa (Vimizim® 1 mg/ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, BioMarin Europe) kam Mitte Juni eine Therapieoption für Pa­tienten mit Mucopolysaccharidose Typ IVA (MPS IVA) auf den Markt. Diese Erkrankung ist eine lysosomale Speicherkrankheit und dadurch gekennzeichnet, dass bei den Betroffenen die Ak­tivität des Enzyms N-Acetylgalactos­amin-6-Sulfatase deutlich reduziert ist oder das Enzym ganz fehlt. Dieser Mangel führt zur Akkumulation bestimmter Stoffe im Körper, die Fehlfunktionen der Zellen, Gewebe und Organe verursachen. Elosulfase alfa ist die rekombinante Form des humanen Enzyms und kann damit die fehlende N-Acetylgalactosamin-6-Sulfatase ersetzen.

Das neue Präparat dürfen Patienten aller Altersklassen erhalten. In der Fachinformation empfiehlt der Hersteller, den Patienten einmal pro Woche 2 mg pro Kilogramm Körpergewicht intravenös zu verabreichen.

Die Mehrheit der Nebenwirkungen in Studien waren Reaktionen auf die Infusion. Auch über Anaphylaxie und schwere allergische Reaktionen wurde berichtet. Deshalb darf den Patienten Elosulfase alfa nur infundiert werden, wenn eine entsprechende medizinische Versorgung direkt verfügbar ist. Bei lebens­bedrohlichen Reaktionen muss der Arzt die Infusion sofort abbrechen und eine Notfallbehandlung einleiten.

Nicht so gefährlich, dafür aber häufiger klagten die Patienten über andere Symptome wie Kopf- und Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Fieber sowie Schüttelfrost. In den ersten zwölf Behandlungswochen sind diese Beschwerden häufiger, mit der Zeit aber tendenziell seltener. Aufgrund des Risikos von Überempfindlichkeitsreaktionen auf Elosulfase alfa rät der Hersteller in der Fachinformation dazu, Patienten 30 bis 60 Minuten vor der Infusion ein Antihistaminikum mit oder ohne Antipyretikum zu verabreichen.

Vorsichtshalber sollten Schwangere Elosulfase alfa nicht erhalten, es sei denn, dies sieht der Arzt als eindeutig erforderlich an. Bei Stillenden sollte die Infusion nur dann erfolgen, wenn er den potenziellen Nutzen höher einschätzt als das potenzielle Risiko für das Kind.

Neuer Antikörper gegen seltene Krankheit

Patienten mit der sehr seltenen Erkrankung Morbus Castleman leiden unter einer durch Überproduktion von Lymphozyten hervorgerufenen gutartigen Vergrößerung der Lymphknoten und verwandter Gewebe. Die genauen Pathomechanismen sind noch ungeklärt. Wahrscheinlich spielt eine Fehlregu­lation des Zytokins Interleukin-6 (IL-6) bei der Entstehung eine Rolle. Gut behandelbar ist die sogenannte lokalisierte, unizentrische Form. In den meisten Fällen heilt dann eine Operation die Erkrankung. Deutlich schlechter sieht es für Patienten mit multizentrischem Morbus Castleman aus. Ihr Krankheitsgefühl ist meist sehr stark und sie leiden unter zahlreichen Symptomen, häufig unter Fieber und Gewichtsverlust, Lymphknotenschwellungen sowie Hautveränderungen. Auch ist bei ihnen das Risiko für Krebs und Infektionen erhöht. Die Erkrankung ist damit potenziell lebensbedrohlich.

Der Mitte Juni auf den Markt eingeführte Wirkstoff Siltuximab (Sylvant® 100/400 mg Pulver für ein Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Janssen-Cilag) ist ein monoklonaler Antikörper. Siltuximab bindet spezifisch und mit hoher Affinität an humanes IL-6 und verhindert so dessen Bindung an den Rezeptor. Auf diese Weise soll das IL-6, der vermeintliche wesentliche Treiber der Erkrankung, ausgeschaltet werden.

Zugelassen ist Siltuximab zur Behandlung Erwachsener mit multizent­rischer Castleman-Krankheit, die nicht mit HI-Viren oder mit dem humanen Herpesvirus-8 infiziert sind. Als Dosierung empfiehlt der Hersteller, den Patienten alle drei Wochen über einen Zeitraum von 60 Minuten 11 mg pro Kilogramm Körpergewicht intravenös zu verabreichen. In der Fachinformation wird dem Arzt geraten, regelmäßige Blutuntersuchungen durchzuführen und – falls die festgelegten Therapievoraussetzungen nicht erfüllt sind – zu erwägen, die Behandlung zu einem späteren Zeitpunkt durchzuführen. Infektionen, auch lokale, müssen vor der Therapie ausgeheilt sein. Unter Siltuximab kann es zu schwerwiegenden Infektionen kommen, zum Beispiel zu Pneumonie und Sepsis. Im Fall einer Infektion muss der Arzt entscheiden, ob er die Behandlung unterbricht. Auch informiert die Fachinformation über das Risiko einer möglichen anaphylaktischen oder schweren allergischen Reaktion. Last but not least sollte der Arzt bei mit Siltuximab behandelten Patienten ständig die Lipidparameter im Blick haben und die Patienten vier Wochen vor und während der Behandlung nicht mit abgeschwächten Lebendimpfstoffen impfen.

Für das Beratungsgespräch in der Apotheke ist interessant, dass IL-6 die Aktivität von Cytochrom P450 verringern kann. Die Bindung von Siltuximab an IL-6 kann damit den CYP450-Stoffwechsel erhöhen. Das muss bei gleichzeitiger Gabe von CYP450-Substraten mit einer geringen therapeutischen Breite beachtet werden.

Die in Studien am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen von Siltuximab waren Infektionen, Juckreiz und Hautausschlag. Schwangere sollten den Antikörper nur dann erhalten, wenn der Nutzen das Risiko deutlich überwiegt. Bei Stillenden muss der Arzt entscheiden, ob er auf die Behandlung mit dem Wirkstoff verzichtet, die Therapie unterbricht oder der Frau empfiehlt, das Stillen zu unterbrechen. /

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