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Weltweites Problem

Hepatitis-Viren in Schach halten

25.06.2014  11:55 Uhr

Von Marion Hofmann-Aßmus / Zu den häufigsten Ursachen für eine Leber­entzündung gehört die Infektion mit Hepatitis-Viren. Je nachdem, ob es sich um den Virustyp A, B oder C handelt, heilt die Entzündung folgenlos aus oder wird zu einer chronischen Erkrankung. Mit neuen Medikamenten gelingt es zunehmend besser, die Viren in Schach zu halten und dadurch Spätschäden wie die Leberzirrhose oder ein Leberkarzinom zu verhindern.

Obwohl die Leber vor allem beim Stoffwechsel und der Entgiftung des Körpers eine wichtige Rolle spielt, machen sich Erkrankungen meist gar nicht oder nur indirekt bemerkbar, da sie in der Regel keine Schmerzen verursachen. Dadurch werden sie oft erst spät diagnostiziert. Schätzungsweise jeweils eine halbe Million Menschen sind in Deutschland chronisch mit dem Hepatitis-B- oder -C-Virus infiziert – dennoch wissen viele Betroffene nichts von ihrer Infektion. Dabei wären die frühe Diagnose sowie die rechtzeitige Therapie wichtig, um eine weitere Schädigung der Leber zu verhindern. Berichtet ein Kunde in der Apotheke, seine Leberwerte seien erhöht, sollten PTA und Apotheker dazu raten, die Ursache abklären zu lassen.

Indem die Hepatitis-Viren Leberzellen (Hepatozyten) zerstören, werden Proteine und Leberenzyme, zum Beispiel Transaminasen, freigesetzt. Daher gibt deren Anstieg im Blut einen wichtigen Hinweis auf die Schädigung der Leberzellen. Zugleich ist bei einer Entzündung der Leber deren Stoffwechsel gestört, wodurch sich Bilirubin, ein Abbauprodukt des Hämoglobins, im Blut ansammelt. Die erhöhte Bilirubinkonzentration macht sich zunächst durch die Gelbfärbung des weißen Augen­anteils und später auch der Haut und Schleimhaut bemerkbar. Umgangssprachlich wird dieses Symptom als »Gelbsucht« bezeichnet, Ärzte sprechen von Ikterus. Weitere Merkmale sind auffallend heller Stuhl sowie ein dunkel gefärbter Urin.

Bei schweren Leberentzündungen ist zudem die Blutsneigung erhöht, da die Leber nicht mehr ausreichend Gerinnungsfaktoren synthetisiert. Auch schafft es die entzündete Leber kaum mehr, Abfallprodukte wie Ammoniak zu entfernen. Eine Gehirnentzündung (Enzephalopathie) und im Endstadium das Leberkoma können die Folge sein.

Im Verlauf einer chronischen Entzündung wird immer mehr Lebergewebe durch Bindegewebe ersetzt, es kommt zur Leberfibrose. Das Endsta­dium einer chronischen Hepatitis bezeichnen Ärzte als Leberzirrhose. Dann sind die Leberzellen größtenteils durch Narben- und Bindegewebe ersetzt worden.

Harmlose Variante

Da Hepatitis-A-Infektionen zu den melde­pflichtigen Erkrankungen gehören, ist bekannt, dass sich jedes Jahr etwa 800 Deutsche neu mit dem Hepatitis-A-Virus infizieren, rund die Hälfte auf Reisen im Ausland. Der Mittelmeerraum, Russland, Afrika, Südost­asien, der vordere Orient sowie Mittel-und Südamerika gehören zu den Gebieten mit relativ hohem Infektionsrisiko (siehe Grafik).

Bei der Infektion spielen vor allem zwei Wege ein Rolle: die sexuelle Übertragung durch oral-anale Praktiken sowie verunreinigte Lebensmittel oder Wasser. Zu den typischen Infektionsquellen zählen Gemüse und Salate, da sie häufig mit Fäkalien gedüngt sind. Aber auch Muscheln sind problematisch, denn in ihnen kann das Virus lange überleben. Drogenabhängige können sich durch kontaminiertes Spritzbesteck infizieren.

Grippeähnliche Symptome

Nach etwa drei bis vier Wochen treten bei Erwachsenen grippeähnliche Beschwerden auf. Sie fühlen sich abgeschlagen, klagen über Kopfschmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit, ein Druckgefühl unter dem Rippenbogen, Muskel- und Gelenkschmerzen und entwickeln eine Abneigung gegen Fett und Alkohol. Nur bei jedem dritten Infizierten ist ein Ikterus die Folge. Bei Kindern verläuft die Erkrankung hingegen häufig symptomlos.

Spezielle Medikamente gibt es nicht. Die allgemeine Empfehlung lautet: sich zu schonen, möglichst fettarm zu ernähren und ganz auf Alkohol zu verzichten.

Insgesamt verläuft die Infektion mit Hepatitis-A-Viren zwar langwierig, sie heilt jedoch in der Regel vollständig aus und hinterlässt eine lebenslange Immunität. Je nach Schweregrad der Beschwerden muss sich ein Teil der Betroffenen jedoch stationär behandeln lassen. Problematisch kann die Infek­tion bei Patienten mit bereits geschädigter Leber oder einer chronischen Hepatitis-B- oder -C-Infektion werden, da die neue Infektion die Leberfunktion weiter einschränkt.

Wer in ein Land mit geringem Hygiene­standard reist, Kontakt zu Infizierten hat, selbst chronisch leberkrank ist oder seine Sexualpartner häufig wechselt, sollte sich impfen lassen. Der Schutz beginnt spätestens zwei Wochen nach der ersten der beiden Impfungen und hält mindestens zehn Jahre. Wer möchte, kann gleichzeitig gegen Hepatitis-A und Hepatitis-B geimpft werden.

Häufig und sehr infektiös

Hepatitis-B zählt weltweit zu den häufigsten Infektionskrankheiten, etwa ein Drittel der Weltbevölkerung ist infiziert. Unter anderem durch erfolgreiche Impfkampagnen konnte der Anteil infizierter Menschen in den westlichen Industrieländern stark verringert werden. Dennoch haben in Deutschland bis zu 8 Prozent der Einwohner bereits eine Infektion durchgemacht. Etwa 40 Prozent der chronisch Infizierten sind Menschen mit Migrationshintergrund. Die Gefahr, sich mit dem Virus anzustecken, ist bei Drogenabhängigen und Dialyse-Patienten erhöht, ebenso bei Menschen mit einer chronischen Lebererkrankung, Angehörigen von chronisch Infizierten, bei Männern, die Sex mit Männern haben, Menschen, die ihre Sexualpartner häufig wechseln, sowie bei denjenigen, die beruflich mit Erkrankten zu tun haben.

Das Hepatitis-B-Virus (HBV) ist extrem infektiös und wird bereits durch kleinste Mengen an virushaltigem Blut oder anderen Körperflüssigkeiten übertragen. Am häufigsten erfolgt die Ansteckung bei Sexualkontakten. Doch kann das Virus auch über alltägliche Gegenstände in den Körper gelangen, mit denen man sich leicht verletzen kann, etwa Nagelscheren oder Rasierklingen. Kinder können sich zudem bei der Geburt und über die Muttermilch anstecken. Die Gefahr, sich durch Spenderblut zu infizieren, ist zumindest in Deutschland sehr gering, da alle Blutkonserven auf HBV getestet werden.

Den besten Schutz bietet die Impfung, die die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut bereits für Säuglinge beziehungsweise Kleinkinder empfiehlt. Ältere sollten eine fehlende Impfung bis zum 18. Lebensjahr nachholen. Angeraten ist die Impfung zudem besonders gefährdeten Personen.

Akuter Verlauf

Die akute HBV-Infektion wird häufig gar nicht bemerkt, nur etwa ein Drittel der Betroffenen zeigt die charakteris­tischen Symptome wie Ikterus, Schmerzen im Oberbauch, Erbrechen oder Übelkeit. In 95 bis 99 Prozent der Fälle heilt die akute Hepatitis B nach zwei bis sechs Wochen ohne Medikamente von selbst aus. Nur selten nimmt die Infektion einen schweren Verlauf, wie etwa bei der »fulminanten Hepatitis«, die innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen zu einem lebensbedrohlichen Leberversagen führt. In diesem Fall kann nur die Lebertransplantation das Leben der Patienten retten.

Besteht die Infektion mit Hepatitis-B-Viren länger als sechs Monate, gilt sie als chronisch. Vor allem Menschen, die sich bereits als Kind infizierten, entwickeln eine chronische Leberentzündung. Diese verläuft sehr unterschiedlich: symptomlos oder aber mit dem Untergang zahlreicher Leberzellen bis hin zur Leberzirrhose.

Anhand der Virenzahl und der gegen sie gebildeten Antikörper erkennt der Arzt, welches Stadium der Erkrankung – ob aktiv oder chronisch – vorliegt oder ob der Patient eine Immunität entwickelt hat.

Medikamentöse Therapie

Je nach Stadium der Erkrankung stehen dem Arzt zwei Medikamentenklassen zur Verfügung: Alpha-Interferone sowie die Nukleotid- beziehungsweise Nukleosid-Analoga, welche die Vermehrung der Viren hemmen. Da die Infektion in der Regel nicht geheilt werden kann, besteht das Behandlungsziel darin, Spätfolgen wie Leberzirrhose und Leberkarzinom zu verhindern. Dieses Ziel wird häufig erreicht, indem der Arzt medikamentös die Virusvermehrung in Schach hält. Dadurch verbessern sich die Leberwerte und teilweise sogar eine bereits vorhandene Leberzirrhose. Auch Leberkarzinome treten seltener auf.

Nimmt der Patient die Medikamente jedoch nur unregelmäßig ein, kann das zum »virologischen Durchbruch«, also der erneuten Vermehrung der Viren führen. Daher sollten PTA und Apotheker den Patienten dringend raten, ihre Medikamente nach Vorgabe des Arztes regelmäßig einzunehmen.

Virale Zeitbombe

Infektionen mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) verlaufen wie die anderen Hepatitiden meist mit grippeähnlichen Symptomen und werden ebenfalls häufig nicht als Hepatitis erkannt. Problematisch an der Hepatitis-C-Infektion ist, dass nur etwa 30 Prozent ausheilen, mindestens 70 Prozent verlaufen chronisch. Die unbemerkte und unbehandelte Infektion mit Hepatitis-C-Viren führt bei rund einem Viertel der Betroffenen zur Leberzirrhose. Gleichzeitig ist die Gefahr erhöht, ein Leberzellkar­zinom zu entwickeln.

In Deutschland sind etwa 1 Prozent aller Erwachsenen infiziert, weltweit rund 3 Prozent. Übertragen wird das Virus häufig durch kontaminierte Gegenstände wie Spritzen oder Nagelscheren. In der Vergangenheit wurden immer wieder Skandale aufgedeckt: So wurde zum Beispiel in Japan Hepatitis-C bei der Gabe von Blutgerinnungs­mitteln, in Spanien und den USA durch unsaubere Kanülen und in der DDR im Rahmen einer Anti-D-Immunprophy­laxe übertragen. Eine Anti-D-Immunglobulin-Prophylaxe ist dann notwendig, wenn eine Mutter mit negativem Rhesusfaktor ein rhesuspositives Kind erwartet. Aktuell mehren sich Hinweise, dass sich bestimmte Risikogruppen (Homosexuelle, HIV-Infizierte) auch bei Sexualkontakten infizieren.

Beim HCV unterscheidet man 6 Genotypen mit über 80 Subtypen, die für den Verlauf der Erkrankung eine wichtige Rolle spielen. In Europa ist der Genotyp-1 am häufigsten.

Die Therapiemöglichkeiten von Hepatitis-C verändern sich derzeit rasant. Immer häufiger lässt sich durch Arzneimittel die dauerhafte Virusunterdrückung erreichen. Als geheilt gilt ein Patient, wenn 6 Monate nach Therapieende in seinem Blut keine Hepatitis-C-Viren mehr nachweisbar sind. Zu dieser Entwicklung tragen insbesondere die sogenannten direkt antiviral wirkenden Subs­tanzen bei, beispielsweise das Nukleotid-Analogon Sofosbuvir. In der Fachliteratur hat sich für diese neue Substanzklasse die Abkürzung DAA durchgesetzt, sie steht für die englische Bezeichnung direct antiviral agents. Einige weitere DAAs stehen derzeit vor der europäischen Zulassung.

Die DAAs scheinen die bisher üb­lichen Therapien mit Interferon und Ribavirin abzulösen, da sie geringere Nebenwirkungen und weniger Resistenzen verursachen und eine kürzere Behandlungsdauer erfordern. Zudem profitieren von dieser Substanzgruppe möglicherweise mehr Patienten, unabhängig von dem viralen Genotyp. Ein Impfstoff gegen HCV ist trotz inten­siver Forschung derzeit nicht in Sicht. /

Wissenswertes zu den verschiedenen Hepatitis-Infektionen

Merkmale Hepatitis-A Hepatitis-B Hepatitis-C
Viren-Familie Picornaviridae Hepadnaviridae Flaviviridae
Übertragung fäkal-oral sexuell, oder durch medizinische Gerätschaften hauptsächlich durch Sexualkontakte, jedoch auch über Gegenstände Verletzungen mit Übertragung von infiziertem Blut, Sexualkontakte bei bestimmten Risikogruppen
Vorkommen Mittelmeerraum, Russland, Afrika, Südostasien, vorderer Orient, Mittel- und Südamerika weltweit, insbesondere in Entwicklungsländern weltweit, insbesondere in einigen Ländern Afrikas und Asiens, zum Beispiel in Ägypten, Pakistan und China
Entwicklung zu chronischer Krankheit nein ja ja
Impfmöglichkeit ja ja nein
Meldepflicht ja ja ja

Hepatitis D

Das Hepatitis-D-Virus (HDV) kann sich nur dann im Menschen vermehren, wenn dieser bereits mit Hepatitis-B-Viren infiziert ist. Für den Krankheitsverlauf ist entscheidend, wann die HDV-Infektion stattfand.

Erfolgte sie gleichzeitig mit einer HBV-Infektion (Koinfektion), resultiert daraus eine schwere akute Hepatitis, die jedoch nur selten chronisch wird.

Findet die Infektion jedoch nachträglich (Superinfektion) statt, nimmt sie in der Regel einen chronischen Verlauf und führt zu 70 bis 80 Prozent zu einer Zirrhose. Die Impfung gegen Hepatitis-B schützt auch vor einer HDV-Infektion.