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Schöllkraut

Klassiker für Leber und Galle

25.06.2014
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Von Gerhard Gensthaler / Schon in der Antike schätzten Ärzte das Schöllkraut bei Leber- und Gallenleiden. Darüber hinaus setzten sie die zarte Pflanze bei verschiedenen anderen Erkrankungen ein. Dass die pharma­kologischen Effekte auf hoch wirksamen Alkaloiden beruhen, war früher noch unbekannt

Der Name Schöllkraut ist offensichtlich eine volkstümliche Verballhornung der ursprünglichen Bezeichnung »Schellkraut«, die sich aus dem Gattungsnamen »Chelidonium« entwickelt haben soll. Dieser ist abgeleitet vom griechischen Wort Chelidon »Schwalbe«. Im Mai, wenn die Schwalben aus ihren Winterquartieren nach Europa zurückkehren, öffnen sich die gelben Blüten des sonst sehr unauffälligen Schöllkrautes und, wenn die Vögel im Herbst ihre Reise in den Süden antreten, verwelkt die Pflanze. Bereits der griechische Arzt Pedanius Dioskurides (1. Jh.) verwendete den heute gebräuchlichen botanischen Namen. In seiner »Materia medica« berichtete er, dass die Pflanze mit dem Eintreffen der Schwalben zu blühen beginne und mit deren Abzug verwelke. Dioskurides verwendete das Schöllkraut bei Sehschwäche, Gelbsucht und Hautausschlägen.

Später wurde die Pflanze in der Klosterheilkunde sehr geschätzt. Die heilkundige Klosterfrau Hildegard von Bingen (1098–1179) schrieb: »Wer etwas Unreines isst, trinkt oder berührt, wovon er geschwürige im Körper wird, der nehme altes Fett, gebe genug Saft von Schöllkraut bei und zerstoß es mit dem Fett und zerlasse es zusammen in einer Schüssel, und damit salbe man sich mit Talg«. Der französische Arzt Odo Magdonensis (11. Jh.) empfahl in seinem Werk »Macer floridus« Schöllkraut vor allem bei Sehschwäche und bei Lebererkrankungen. Auch als Gurgelmittel, für die Kopfwäsche und zur Behandlung von Hautausschlägen und Geschwüren wurde die Pflanze im Mittelalter verwendet.

Gelbe Blüten, gelber Saft

Schöllkraut (Chelidonium majus L.) ist verwandt mit dem Mohn und gehört zur Familie der Mohngewächse, den Papaveraceae. Je nach Region heißt die Pflanze auch Gelbes Millkraut, Schälkraut, Goldwurz, Blutkraut, Schwalbenwurz, Ogenklar, Warzenkraut, Tüfelsmilch, Giftblome und Wulstkraut.

Das Schöllkraut ist eine 30 bis 50 cm hohe mehrjährige Pflanze. Je nach Standort wird sie bis zu einem Meter hoch. Bricht man ein Blatt oder einen Stängel ab, so tritt an der Bruchstelle der für die Pflanze typische gelbe Milchsaft aus. Ihr kurzer Wurzelstock ist vielfach verzweigt. Die Stängel sind gelblich bis grünlichbraun gefärbt, rundlich, gerippt, hohl und behaart. Die wechselständig angeordneten Laubblätter sind unregelmäßig gefiedert. Ein Teil der zarten Laubblätter bildet eine grundständige Rosette. Die Blattoberseite ist bläulich grün und kahl, die Unterseite heller und entlang der Nerven behaart und sieht wie bereift aus.

Schöllkraut blüht von Mai bis September. Die Blüten stehen in lockeren Trugdolden zusammen. Die vier, breit eiförmigen, gespreizten Kronblätter sind leuchtend gelb. Aus dem Fruchtknoten entwickelt sich eine bis zu 5 cm lange, schalenähnliche Kapsel, die schwarze, eiförmige Samen enthält.

Die Pflanze wächst bevorzugt an Mauern, Mauerritzen, Wegrändern, Zäunen und Straßengräben und ist im ganzen europäischen Raum, aber auch in Mittel- und Nordasien und Nordamerika verbreitet. Die im Handel angebotenen Pflanzen stammen meist aus Osteuropa.

Nur äußerlich unscheinbar

Als Droge, Chelidonii herba, wird das gesamte Kraut verwendet, selten die Wurzeln. Die Schnittdroge ist gekennzeichnet durch Laubblatt- und hohle Stengelstücke, Teile der gelbbraunen Blüten, der Früchte und einzelner Samen. Die Droge riecht eigenartig widerlich und schmeckt scharf und bitter.

Zu Chelidonii herba hat die Kommission E eine positive Monographie formuliert und nennt darin als Anwendungsgebiete krampfartige Beschwerden im Bereich der Gallenwege und des Magen-Darm-Traktes. Die Pflanze lindert diese Beschwerden aufgrund ihrer schwach sedierenden, cholagogen und spasmolytischen Eigenschaften.

Im Europäischen Arzneibuch (Ph.Eur. 1. Ausgabe, 5. Nachtrag) findet sich ebenfalls eine Monographie zu Cheli­donii herba. Die getrocknete Droge enthält je nach Herkunft und Trocknungsbedingungen mindestens 0,6 Prozent Gesamtalkaloide, berechnet als Chelidonin. Die Alkaloide sind ein Gemisch aus rund 30 verschiedenen Verbindungen vom Benzophenanthridin-Typ, insbesondere Chelidonin, Berberin, Sanguinarin und Chelerythrin. Des Weiteren sind verschiedene Pflanzensäuren wie Chelidonsäure, Citronensäure, Äpfelsäure und Bernsteinsäure enthalten. Die meisten Alkaloide liegen als Komplexe der Chelidonsäure vor.

Ameisenbrot

Zum Ende des Sommers öffnen sich die länglichen, schotenähnlichen Früchte mit zwei Klappen und entlassen die nur etwa 1,5 mm großen, schwarzen Samen. Ihre gelblich weißen Anhängsel, die Ölkörper, enthalten fettartige oder zuckerhaltige Stoffe. Dieses »Ameisenbrot« lockt die Ameisen an. Die Tiere transportieren die Samen in ihren Bau, verzehren den weichen Ölkörper und schleppen die für sie ungenießbaren Samen wieder aus dem Bau heraus. Daher wachsen viele Exemplare des Schöllkrauts entlang der Ameisenstraßen.

Pflanzen mit diesem speziellen Verbreitungsweg heißen daher auch »Ameisenwanderer«. Dazu gehören beispielsweise auch das Busch-Windröschen und der Hohle Lerchensporn.

Gesicherte Wirkungen

Schöllkraut wirkt im oberen Verdauungstrakt spasmolytisch. Diese Hauptwirkung gilt als ausreichend pharmakologisch gesichert. Der sichere Nachweis der cholagogen Wirkung gelang erst vor kurzem. Zusätzlich wiesen Forscher in vitro antimikrobielle, antivirale und antitumorale Wirkungen ebenso wie eine Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System und das Zentralnervensystem nach. Allerdings haben diese Effekte kaum klinische Relevanz.

Die meisten Schöllkraut-Alkaloide wirken krampflösend, schmerzstillend und entzündungshemmend, da sie mit Neurorezeptoren und anderen Proteinen in Wechselwirkung treten können. Daher wird der Gesamtextrakt der Droge bei Leber- und Gallenleiden sowie bei Krämpfen im Magen-Darm-Trakt eingesetzt. Das Hauptalkaloid Chelidonin wirkt schwach analgetisch, zentralsedativ und spasmolytisch durch direkten Angriff auf die glatte Muskulatur.

Vorsicht Überdosierung

Die mittlere Tagesdosis beträgt 2 bis 5 Gramm Droge beziehungsweise 12 bis 30 Milligramm Gesamtalkaloide, berechnet als Chelidonin. Für einen Teeaufguss werden 1 bis 2 Teelöffel Droge (entspricht 0,6 bis 1 Gramm der Droge) in einer großen Tasse mit kochendem Wasser übergossen, 10 Minuten ziehen gelassen und abgeseiht. Von dem Tee sollte jeweils eine Tasse dreimal täglich zwischen den Mahlzeiten getrunken werden. Die Anwendung als Tee ist allerdings als bedenklich einzustufen, da die Alkaloiddosis stark schwanken kann. Eine Überdosierung kann zu Magenkrämpfen, Koliken und Benommenheit führen. Heute wird daher standardisierten Alkaloidextrakten in Fertigarzneimitteln der Vorzug gegeben.

Homöopathen verwenden eine Essenz, die aus dem frischen, vor der Blüte gesammelten Rhizom hergestellt wird. Ihr Einsatzgebiet sind Gastritis, Lebererkrankungen, Pneumonie, Gicht, Rheuma und Harnleiden.

In der Volksheilkunde findet Schöllkraut nicht nur bei Gallenblasenentzündungen und Gallensteinleiden Verwendung, sondern auch zur Behandlung von Warzen. Dabei wird der gelbe Milchsaft auf die Warze aufgetragen. Hier macht man sich die viruzide Wirkung der Alkaloide zunutze.

Wie auch alle anderen Choleretika sollten Menschen mit schwerer Leberfunktionsstörung, Gelbsucht, Gallensteinerkrankungen und Verschluss der Gallenwege die Droge nicht einsetzen. Sehr selten können Magen-Darm- Beschwerden auftreten. Grundsätzlich sollte die Selbstmedikation nicht länger als vier Wochen dauern, sonst muss ein Arzt die Leberfunktionswerte (Trans­aminasen) kontrollieren. Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind bisher nicht bekannt.

Wegen der lebertoxischen Wirkung hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat die Zulassung für hoch dosierte Schöllkrautpräparate im Jahr 2008 widerrufen. Der Widerruf bezog sich auf Schöllkraut-haltige Arzneimittel, die als Tagesdosis nach Dosierungsanleitung mehr als 2,5 mg Gesamtalkaloide, berechnet am Leitalkaloid Chelidonin, enthalten.

Wer Schöllkraut selbst sammeln möchte, sollte vorsichtig vorgehen: Der gelbe Milchsaft ist stark hautreizend. Vergiftungen äußern sich durch Brennen, Schmerzen und Blasenbildung im Mund und im Schlund, Magenschmerzen, Erbrechen, blutigen Durchfällen, Nierenschädigung, Kreislaufstörungen und letztlich droht der Tod durch Kollaps. /