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Bluthochdruck

Regelmäßig selbst kontrollieren

25.06.2014  11:52 Uhr

Von Gudrun Heyn, Berlin / Bluthochdruck kann zu schweren Erkrankungen führen, wenn er unerkannt beziehungsweise unbehandelt bleibt. Über die korrekte Blutdruckmessung und ihre neuen Empfehlungen informierte die Deutsche Hochdruckliga in Berlin. Zugleich unterstrichen die Referenten die Bedeutung zusätzlicher Blutdruckmessungen außerhalb der ärztlichen Praxis.

Nach einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO leidet weltweit jeder dritte Erwachsene an einem zu hohen Blutdruck (arterielle Hypertonie), in Deutschland sind 20 bis 30 Millionen Menschen davon betroffen. Je höher der Blutdruck ansteigt, desto größer ist das Risiko von Folgeerkrankungen. Dazu gehören Schlaganfall, Herzinfarkt und plötzlicher Herztod. Aber auch dauerhaftes Versagen der Nierenfunktion (terminale Nieren­insuffizienz) kann eine mögliche Folge sein. »Um rechtzeitig Maßnahmen ergreifen zu können, sollten Menschen ihren Blutdruck kennen«, sagte Professor Dr. Reinhold Kreutz aus dem Vorstand der Deutschen Hochdruckliga DHL® anlässlich des Welthypertonie-Tags 2014 in Berlin.

Zielwert für alle

Als optimal gilt ein Blutdruck mit einem systolischen Wert unter 120 und diastolischen Wert unter 80 mmHg. Bei welchen Werten eine Hypertonie beginnt, darüber streiten Mediziner bis heute. Umso wichtiger für die Praxis sind die neuen Leitlinien der europäischen Fachgesellschaften für Hyper­tonie (ESH) und für Kardiologie (ESC). Diese Empfehlung hat auch die DHL in Deutschland in ihre künftige Leitlinie, die noch 2014 veröffentlicht werden soll, übernommen: Ab einem Blutdruck von mehr als 140 zu 90 mmHg ist eine Behandlung erforderlich. Zugleich sind diese beiden Werte das Ziel der Therapie und gelten für fast alle Patienten. Ausnahmen sind gebrechliche Personen und Menschen über 80 Jahre sowie Diabetiker und Nierenkranke mit einer Proteinurie.

Korrekte Messung

In der ärztlichen Praxis ergibt die Blutdruckmessung nicht immer zuverläs­sige Werte. Das Phänomen nennen Mediziner »Weißkittel-Hochdruck«, wenn allein durch die bloße Anwesenheit eines Arztes der Blutdruck von Patienten in die Höhe steigt. Unzuverlässige Ergebnisse stellen sich aber auch dann ein, wenn die Blutdruckmessung nicht richtig durchgeführt wird.

Daher empfiehlt die DHL, nur den Ruhepuls zu messen, das heißt die Pa­tienten sollten vor der Messung mindestens fünf Minuten ruhig auf einem Stuhl sitzen. Die ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände weist zudem darauf hin, dass sich die Manschette auf der Höhe des Herzens befinden sollte, wenn am Oberarm gemessen wird (siehe auch Grafik). Sinnvoll ist es, dabei den Unterarm entspannt auf einen Tisch zu legen. Bei Handgelenksgeräten muss der Arm entsprechend angewinkelt sein. Ein weiterer Rat lautet, mindestens eine Stunde vor einer Messung weder zu rauchen noch Kaffee, Tee oder Alkohol zu trinken und außerdem während der Messung nicht zu sprechen und den Arm nicht zu bewegen. Auch muss das Gerät verlässlich funk­tionieren. Dazu ist alle zwei Jahre eine Eichung notwendig, rät die DHL. Da die Nacheichung teuer ist, lohnt sich für die Blutdrucküberprüfung zu Hause meist der Kauf eines neuen Geräts.

Die Auswertung zahlreicher Studien (Metaanalyse) ergab einen deutlichen Vorteil der Blutdruckmessungen außerhalb der Arztpraxen: Im Vergleich zur Praxismessung ermöglichte die Messung zu Hause eine bessere Vorhersage von kardiovaskulären Erkrankungen, Organschäden und sogar der Morta­lität. »Hochdruckpatienten sollten deshalb ihre Blutdrucksituation auch zu Hause überprüfen«, sagte Kreutz. Die Ergebnisse können für die Therapieentscheidung bedeutender sein als die Messwerte in der Arztpraxis.

Weitere Maßnahmen

Überschreitet der Blutdruck eines Pa­tienten dauerhaft und unabhängig von der jeweiligen Situation den Zieldruck der Leitlinien, bedeutet dies nicht, dass sogleich eine medikamentöse Behandlung erforderlich ist. »Dies ist eine wichtige Botschaft für die Patienten«, sagte Professor Dr. Jürgen Scholze von der Charité auf der Veranstaltung. Ab einem Blutdruck von 140 zu 90 mmHg beginnt die Therapie mit einer Lebensstiländerung. Dazu gehören die Reduktion von bestehendem Übergewicht und regelmäßige körperliche Aktivität. Außerdem sollten die Betroffenen ihren Kochsalzkonsum auf höchsten sechs Gramm pro Tag sowie die Alkoholmenge auf maximal 20 bis 30 Gramm Alkohol am Tag (Frauen 10 bis 20 g) beschränken und auf das Rauchen verzichten.

Selbst bei einem systolischen Wert von mehr als 155 mmHg müssen noch weitere Risikofaktoren vorhanden sein, bevor ein Arzt Blutdrucksenker verschreibt. »Erst bei einem Hochdruck von mehr als 180 mmHg ist eine sofortige medikamentöse Therapie indiziert«, sagte Scholze. Für diese Patienten liegt das Risiko, in den nächsten Jahren an den Folgen des hohen Blutdrucks zu sterben, bei mehr als 30 Prozent, wenn keine Behandlung erfolgt.

Mit Betablockern, Calciumantagonisten, ACE-Inhibitoren, AT1-Antagonisten (Sartane) und Diuretika stehen zur Therapie des Bluthochdrucks wirksame Arzneimittel zur Verfügung. Dennoch sieht die DHL die Bluthochdrucktherapie mit Sorge. »Viele Patienten nehmen ihre Tabletten nicht ordnungsgemäß ein«, sagte Scholze. Aufgrund von Nebenwirkungen sind dies bei den Betablockern nach einem halben Jahr Therapie bereits mehr als 60 Prozent. In der Folge steigt die Mortalität.

Paradigmenwechsel

Um die Therapietreue zu verbessern, fordert die DHL nun einen Paradigmenwechsel. Nach ihrer Ansicht sollten sich Ärzte bei ihren Verordnungen nicht allein nach dem Risikoprofil und den Begleiterkrankungen eines Patienten richten. Auch die Alltagstauglichkeit sollte eine Rolle spielen. Am besten verträglich seien gegenwärtig die Sartane, hieß es in Berlin. Doch die Verträglichkeit des Arzneimittels ist nur ein Aspekt. Wichtig ist auch, dass ein Patient am Tag eine möglichst geringe Anzahl an Medikamenten einnehmen muss. Die DHL empfiehlt daher allen Medi­zinern, bei der Verordnung besonders auf die Verträglichkeit zu achten und Kombipräparate zu bevorzugen.

Letzte Therapieoption

Zudem wird es eine Empfehlung zur renalen Sympatikusdenervation geben. Bei dieser Schlüsselloch-Operation veröden Chirurgen mittels eines Katheters Nierennerven, um den Blutdruck zu senken. Noch vor einiger Zeit hofften Mediziner, mit diesem Verfahren die Erkrankung heilen zu können. »Heute ist es für die allermeisten Patienten keine Therapieoption mehr«, sagte Scholze. Grund ist eine Studie in den USA, die ergab, dass bei den behandelten Pa­tienten zwar der Blutdruck sank, aber ebenso effektiv wie bei einer Scheinoperation.

»Wenn alle anderen Therapieoptionen keine Ergebnisse bringen, möchte ich die renale Sympatikusdenervation als letzte Möglichkeit weiterhin in Reserve haben«, sagte Scholze. Doch bei mehr als 70 Prozent der wenigen unbehandelbaren (therapierefraktären) Patienten gelingt es Spezialisten, mit den vorhandenen Möglichkeiten den Blutdruck zu senken. /

Adressen von zertifizierten Hochdruck­spezialisten unter: www.hochdruckliga.de