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Kaliumbromid

Spannungsregler für das Gehirn

25.06.2014  11:52 Uhr

Von Edith Schettler / Die Epilepsie ist so alt wie die Menschheit, wahrscheinlich sogar älter, denn sie kann bei allen Wirbeltieren auftreten. Soweit bekannt reichen die Behandlungsversuche weit zurück bis in die vorchristliche Zeit. Eine Therapie mit Arzneimitteln ist seit etwa 150 Jahren möglich, als Sir Charles Locock (1799–1875) mit Kaliumbromid das erste Antiepileptikum einführte.

Normalerweise sorgt ein ausgewogenes System von Botenstoffen und elektrischen Impulsen für die reibungslose Kommunikation der Nervenzellen. Innerhalb der Neuronen leiten Ionenströme die Erregung bis zu den Synapsen, wo der ankommende Spannungsimpuls die Freisetzung von Botenstoffen, sogenannten Neurotransmittern, induziert. Diese werden dann von anderen Nervenfasern aufgenommen und führen zu weiteren Ionenströmen oder die Substanzen gelangen direkt in die Blutbahn.

Bei Epileptikern, etwa einem Prozent aller Menschen, entgleist dieses ausbalancierte System. Bei ihnen entladen sich plötzlich in größeren Bereichen des Gehirns die Neuronen gleichzeitig, was dazu führt, dass von der betroffenen Hirnregion gesteuerte Körperteile ausfallen. Während eines generalisierten Anfalls verlieren die Betroffenen innerhalb von Sekundenbruchteilen vollständig die Kontrolle über ihren Körper.

 

Ein spontan auftretender Krampfanfall, für den keine exogenen Faktoren wie Alkohol, Drogen oder Vergiftungen ermittelt werden können, legt den Verdacht einer Epilepsie nahe. Im Elektroenzephalogramm (EEG) sind die veränderten Hirnströme messbar. Neurologen sichern daher die Diagnose mithilfe des EEG und bildgebender Verfahren ab. Betreffen die Krampfanfälle nur eine kleinere Hirnregion, bleibt der Patient häufig während des Anfalls bei Bewusstsein. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) bezeichnet diese Verlaufsform als fokalen Anfall. Fehlen Anzeichen für ein Herdgeschehen, liegt ein generalisierter Anfall vor. Leichte generalisierte Anfälle verlaufen ohne Stürze und das Bewusstsein ist nur kurz unterbrochen. Sie werden als Absencen oder Petit Mal (französisch für »kleines Übel«) bezeichnet. Bei einem Grand Mal (»großes Übel«) erleidet der Patient Muskelkrämpfe verliert das Bewusstsein, und stürzt zu Boden. Für die Betroffenen sind diese sogenannten tonisch-klonischen Anfälle mit ­einer großen Verletzungsgefahr verbunden – zum einen durch den Sturz selbst, zum anderen durch die plötzlichen Spasmen und die rhythmischen Konvulsionen der Muskulatur.

Stigma oder Privileg

Bevor die Krankheit im 19. Jahrhundert gründlicher erforscht wurde, konnten sich die Menschen die Ursachen für die eindrucksvollen Anfälle nicht erklären und vermuteten göttliche Strafen oder eine dämonische Besessenheit – ein Irrglaube, der sich in manchen Gegenden bis in die Gegenwart gehalten hat. Die ersten Versuche, Epilepsie zu behandeln, zeugen vom Missverständnis der Krankheitsursachen: Mit Diäten, Gebeten, Magie und Opfergaben versuchten Priester, das Leiden der Patienten zu lindern. Viele Betroffene mussten als Opfer von Exorzismus und Euthanasie ihr Leben lassen. Im antiken Griechenland hingegen galt die Krankheit als heilig, und bereits Hippokrates (um 460-370 v. Chr.) machte das Gehirn dafür verantwortlich. Auch viele Naturvölker verehren Menschen, die an Epilepsie leiden, weil sie meinen, sie würden von den Göttern in Trance versetzt.

 

Epilepsie-Patienten leiden vor allem unter der Sichtbarkeit ihres Leidens, denn ein Krampfanfall ist ein beeindruckendes Geschehen. In manchen Gesellschaften wurden und werden diese Menschen deshalb als geisteskrank stigmatisiert. Dass Epilepsie keineswegs etwas mit Geistesschwäche zu tun hat, beweisen die vielen prominenten Persönlichkeiten, die unter dieser Krankheit litten und trotzdem große Leistungen vollbrachten, so zum Beispiel Julius Caesar (100-44 v. Chr.), Alexander der Große, (356-323), Johanna von Orleans (1412-1431), Napoleon Bonaparte (1769-1821) und Vincent van Gogh (1853-1890). Ob eine bekannte Person an Krampfanfällen litt, ist für Historiker häufig sehr schwierig zu ermitteln, da dies so gut wie möglich vor der Öffentlichkeit verborgen wurde.

 

Beruhigendes Brom

An Hand von Knochenfunden ist erkennbar, dass Schädeltrepanationen vorgenommen wurden, um Dämonen aus dem Gehirn entweichen zu lassen. Auch Naturarzneimittel fanden Verwendung in der Therapie der Epilepsie, so zum Beispiel Bibergeil (Castoreum), Theriak (eine Mischung aus mineralischen, pflanzlichen und tierischen Bestandteilen), Pfingstrose und Lavendel. Bis ins 19. Jahrhundert galt Baldrianwurzel als Goldstandard in der Behandlung der Epilepsie.

 

Die Pharmakotherapie der Epilepsie ist erst seit etwa 150 Jahren möglich. Die Basis bildete ein neues Element, das der französische Pharmazeut und Chemiker Antoine-Jérôme Balard (1802-1876) 1826 fand und das aufgrund seines Geruchs (übel riechend, griechisch: »bromos«) den Namen Brom erhielt.

Pharmakologen entdeckten bald die sedierende Wirkung der Bromverbindungen, insbesondere des Kalium­salzes. Fachärzte der Psychiatrie, die als Wissenschaft im 19. Jahrhundert noch in den Kinderschuhen steckte, probierten die neuen Substanzen an ihren Patienten aus. Bereits damals war der Bedarf an Beruhigungs- und Schlafmitteln groß, und für viele psychische Leiden existierten noch keine Möglichkeiten der medikamentösen Behandlung.

 

Sir Charles Locock (1799-1875), der Leibarzt der englischen Königin Victoria, führte – wie viele seiner Zeitgenossen – Geisteskrankheiten auf ein Übermaß an sexueller Aktivität, insbesondere auf das Onanieren zurück. So vermutete er auch, epileptische Anfälle wären das Ergebnis sexueller Selbstbefriedigung, und verordnete seinen Patienten Kaliumbromid zur Beruhigung und zur Abschwächung der sexuellen Aktivität. Am 11. Mai 1857 berichtete Dr. Edward Sieveking (1816-1904), ebenfalls Arzt am Londoner Königshaus, seinen Kollegen im Rahmen einer Versammlung der Royal Medical and Chirurgical Society über folgende Beobachtung: In einer Versuchsserie mit 52 Epilepsie-Patienten erlitten 15 nach der Gabe von Kaliumbromid deutlich weniger Anfälle. Die damals üblichen hohen Dosen von bis zu 15 Gramm lösten jedoch zum Teil schwere Nebenwirkungen wie Hauterscheinungen (die sogenannte Bromakne), Schwindel, Gedächtnisstörungen und den sogenannten Bromschnupfen, eine Schwellung der Nasenschleimhaut, aus.

 

Obwohl Locock gleich zweimal irrte – mit der Zuordnung der Epilepsie zu den Geisteskrankheiten und mit der Feststellung ihrer vermeintlichen Ursache –, hatte er doch das erste Antiepileptikum gefunden.

 

Wirksame Therapie

Nachdem Locock seine Beobachtungen im Jahr 1857 in der Zeitschrift »The Lancet« veröffentlicht hatte, dauerte es nur wenige Jahre, bis sich bei seinen Fachkollegen der Einsatz von Kaliumbromid zur Verhinderung epileptischer Anfälle durchsetzte. Mehr als 50 Jahre lang, bis zur Anwendung von Phenobarbital durch den deutschen Nervenarzt Alfred Hauptmann (1881-1948), war Kaliumbromid das einzige Medikament mit einer für diese Indikation gesicherten Wirksamkeit. Seit den 1970er-Jahren ergänzen modernere Substanzen wie Carbamazepin und Valproat, denen vor allem die sedierenden Nebenwirkungen fehlen, die Therapie. In den letzten Jahrzehnten erweitern zudem effektive neurochirurgische Verfahren die Behandlungsmöglichkeiten. Sie werden in den Fällen eingesetzt, in denen Arzneimittel alleine nicht den gewünschten Erfolg bringen.

 

In Deutschland ist nach wie vor ein Arzneimittel mit dem Wirkstoff Kaliumbromid zur Behandlung von Kindern mit einer Grand-mal-Epilepsie auf dem Markt. Die übliche Dosis beträgt täglich 30 bis 50 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht, sodass schwerwiegende Nebenwirkungen nur noch selten sind. Veterinärmediziner setzen Kaliumbromid neben Phenobarbital häufig zur Behandlung von Epilepsien bei Hunden und Katzen ein. /

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