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Kolumne

Verhasste Tage

25.06.2014  11:53 Uhr

Von Claudia Herwig / Zwischen 50 und 90 Prozent aller Frauen leiden unter extremen Regelbeschwerden, zwei Drittel an PMS. Ich fordere daher besonders von Männern mehr Zugeständnisse und Mitgefühl – und kostenlose Tampons auf öffentlichen Toiletten.

Einer meiner Ex-Freunde, das ist schon Jahre her, pflegte in Momenten, in denen er sich von mir mal wieder ungerecht behandelt fühlte und sich meiner – wie er fand – grundlos schlechten Laune ausgesetzt sah, zu fragen: »Schatz, bekommst du etwa deine Tage?« »Spinnst du?«, zischte ich dann verärgert zurück! Obwohl ich ehrlich gesagt genau wusste, dass es durchaus einen Zusammenhang zwischen meiner Laune und meiner Periode gab.

Meine erste Erfahrung mit Regelschmerzen machte ich lange vor besagtem Freund. Sogar lange, bevor ich im Teenageralter war. Nicht am eigenen Leib, aber dennoch so intensiv, als hätte ich mir einen angsteinflößenden Horrorfilm in 3D angesehen. Und ich saß in der ersten Reihe! Die Hauptfigur des Films war – unverfälscht und in grausamer Erbarmungslosigkeit – meine Schwester. Vier Jahre älter, einen Kopf größer als ich. Und bis unter die Haarwurzeln voll mit ungestümem Temperament, zumindest dann, wenn sie ihre Tage hatte.

Außerhalb ihrer Periode zahm wie ein Lamm, mutierte meine Schwester vor und während ihrer Regel zur tickenden Zeitbombe. Beim kleinsten Konflikt knallten die Türen, flogen die Tassen und strömten die Tränen. Meine Überlebensstrategie als kleine Schwester glich einem Evakuierungsnotfallplan des Kampfmittelräumdienstes: Bei aufkommendem Feuer das Minenfeld räumen, in Deckung gehen und das sichere Versteck erst dann wieder verlassen, wenn keine Explosionsgefahr mehr bestand.

Haben Sie gewusst, dass bis zu 90 Prozent aller Frauen im gebär­fähigen Alter regelmäßig unter Regelschmerzen leiden? Davon machen während ihrer Regel vielen nicht nur leichte Beschwerden wie Stimmungsschwankungen und Bauchkrämpfe zu schaffen, sondern sie sind mitunter so eingeschränkt, dass es ihnen schwerfällt, ihren Alltag zu meistern. Derzeit gibt es rund 150 bisher entdeckte Arten von Regelbeschwerden. Dazu zählen zum Beispiel auch Migräneattacken und Ohnmachtsanfälle. Eine meiner Freundinnen klärte mich während unserer Schulzeit regelmäßig über ihre Schwindelanfälle während der Periode auf: »Bin mal wieder im Bad umgekippt.« Gefolgt von einem: »Immerhin diesmal nicht mit dem Kopf auf den Badewannenrand, wie das letzte Mal.« Sehr beruhigend für jemanden wie mich, der seine Tage noch nie gehabt hatte!

Zwei Drittel aller deutschen Frauen haben übrigens auch an den Tagen davor extreme Beschwerden. Das nennt sich dann PMS, Prämenstruelles Syndrom. Schon alleine der Begriff sorgt bei manchen Frauen für Aggressionen – und wahrscheinlich auch bei manchem dadurch in Mitleidenschaft gezogenen Mann. Verständlicherweise. Bei einigen Frauen äußern sich die Launen vor und während ihrer Periode mitunter wie ein heftiges Gewitter in hohen Bergen: auf strahlenden Sonnenschein folgt überraschender Hagelschlag. PMS eben. Kurzes Wort, große Schlagkraft.

Schmerzhaftes Leiden

In den Jahren, in denen ich regelmäßig als PTA hinter dem HV-Tisch in der Apotheke stand, habe ich auch hunderte Male in die vor Schmerz verzerrten Gesichter meiner Kundinnen blicken müssen. Dann wanderten Mönchspfeffer und krampflösende Mittelchen über den Tisch. Meinen Mitleidblick und ein »Das wird schon wieder« gab’s kostenlos obendrauf. Damit geizte ich nie.

Wer zu den Personen gehört, die noch nie unter Regelschmerzen leiden mussten – seien es Frauen oder ihre betroffenen Ehemänner, der kann, so glaube ich, nicht nachvollziehen, wo­rum es bei »seine Tage haben« wirklich geht. Auch meine große Schwester litt neben ihrer schlechten Stimmung während ihrer Periode unter qualvollen Regelschmerzen. Dann füllten sich die Zimmer unseres Hauses mit Winse­leien, die der Geräuschkulisse eines Spukschlosses hätten den Rang ablaufen können. »In das Alter kommst du auch noch«, pflegte meine Mutter dann zu sagen, während ich mit weit aufgerissenen Augen das Häufchen Elend betrachtete, das von meiner Schwester übrig war. Nein. In dieses Alter wollte ich lieber gar nicht kommen!

In der Zeit hatte ich wirklich Mitleid mit meiner Schwester. Ich litt mit ihr, weil ich sah, wie sie sich quälte, litt mit meiner Mutter, weil ich sah, dass sie hilflos dabei zusehen musste. Litt mit mir selbst, weil ich die Gedanken daran nicht ausschalten konnte, dass auch mich irgendwann der Tag der Tage ereilen würde.

Dieser Tag kam ein paar Jahre später. Ich kann mich noch genau daran erinnern. Ich war 14. Es war Sommer, und ich war gerade dabei, das Haus zu verlassen, um mich mit meiner besten Freundin zu einem Einkaufbummel in der Stadt zu treffen. »Nur noch schnell zur Toilette«, dachte ich, bevor ich mich auf den Weg machen wollte. Hätte ich nur geahnt, dass dieser Toilettengang mein Leben verändert, ich hätte ihn mir vielleicht verkniffen. Minuten später saß ich im Bus, verwirrt, verunsichert und angsterfüllt, angesichts der schrecklichen Dinge, denen ich ab sofort die Stirn bieten musste.

Seit meiner ersten Periode sind nun fast 20 Jahre vergangen. 20 Jahre, in denen ich jeden Monat meine Regel hatte. 20 Jahre, in denen ich mir unzählige Tampons und Binden kaufen musste. 20 Jahre, in denen mir – nicht nur einmal – auf offener Straße einer dieser Tampons aus meiner Tasche geplumpst und mehrere Meter vor mir her gerollt war. Hochroter Kopf inklusive. 20 Jahre, in denen ich, wenn ich mal wirklich dringend einen Tampon brauchte, in der Regel keinen bei mir hatte.

Dann komme ich mir immer vor wie ein Drogensüchtiger, der seinen Dealer, die Freundin oder Kollegin, heimlich unter dem Tisch – im schlimmsten Fall beim Lunch mit Kollegen – um einen schnellen, unauffälligen Austausch weißer Ware anpumpt. »Psst! Hey! Psst! Hast du zufällig was dabei?« (Weitere Erklärungen nicht nötig. Wir Frauen verstehen uns in dieser Hinsicht ohne große Worte.) Dann geht es los, das große Gewühle in allen Winkeln der Hand­tasche. Meist jedoch ohne Erfolg. Was dann oft nicht zu umgehen ist: fremde Damen am Nachbartisch um Hilfe zu bitten. Dann geht das Spiel von vorne los. Leise Frage, Wühlen in der Tasche, enttäuschte Blicke auf beiden Seiten. In der Regel ist bei mir erst der dritte oder vierte Versuch von Erfolg gekrönt. Danach folgt die Übergabe: schnell von Hand zu Hand, große Faust ballen und Ware blickdicht umschließen. Gefolgt vom ach so heimlichen Gang zur Toilette. Ich wünschte wirklich, kostenlose Tampons würden zur Grundausstattung öffentlicher Toiletten gehören.

Vor ein paar Wochen raunzte mich wieder einer meiner Freunde mitten in einem hitzigen Gespräch an. »Sag mal, hast du deine Tage oder warum hast du auf einmal grundlos so schlechte Laune?« »Spinnst du?«, raunzte ich zurück. Und dann sprach ich in Gedanken zu mir selbst: »Schlechte Laune: vielleicht. Aber grundlos – auf keinen Fall!« /

Die Autorin

Claudia Herwig arbeitete nach ihrer Ausbildung zur PTA sieben Jahre in einer Apotheke in Frankfurt am Main. Nach ihrem Kunstpädagogik-Studium wechselte sie zur Online-Redaktion des Magazins »Glamour« in München und ist dort heute als Redakteurin verantwortlich für die Ressorts Liebe und Lifestyle.