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Fallreport

Virenfrei mit neuer Therapie

25.06.2014  11:55 Uhr

Von Verena Arzbach / Die Therapiemöglichkeiten von Hepatitis C haben sich enorm verbessert. Patienten, die früher ihr ganzes Leben leberkrank blieben, können heute auf Heilung hoffen – bald sogar mit einer weniger belastenden Therapie ohne die Einnahme von Interferonen. Miriam Schröder* hat eine solche Behandlung bereits hinter sich und hat PTA-Forum von ihren Erfahrungen berichtet.

Dass etwas nicht stimmte, bemerkte Miriam Schröder auf der Toilette. »Mein Urin war plötzlich extrem dunkel gefärbt«, erinnert sich die 40-Jährige. Die Blutprobe beim Arzt zeigte, dass ihre Leberwerte auf das Zwanzigfache erhöht waren. Ihr Hausarzt überwies sie daraufhin sofort zum Internisten. Drei Wochen später stand das Ergebnis fest: Hepatitis C.

Zwar habe sie sich in der vergangenen Zeit etwas müde und schlapp gefühlt, berichtet Schröder. »Es ging mir nicht so gut, aber mit dieser Diagnose habe ich nicht gerechnet.« Die Ärzte gehen davon aus, dass Schröder sich schon vor längerer Zeit infiziert haben muss, »wahrscheinlich vor 10 oder 15 Jahren«, berichtet sie. Warum sie dann plötzlich Symptome bemerkte – der dunkle Urin und die stark erhöhten Leberwerte sind eigentlich Zeichen einer akuten Hepatitis-C-Infektion – können sich die Ärzte nicht erklären.

Wie sie sich damals angesteckt hat, weiß Schröder nicht. Sie hatte nie Kontakte zum Drogenmilieu, hat keine Tätowierungen und auch nie Blutkonserven erhalten. Die Diagnose war deshalb ein ziemlicher Schock für die ansonsten vollkommen gesunde Frau. »Ich fühlte mich irgendwie beschmutzt. Ich wusste auch anfangs nicht, was Hepatitis C eigentlich genau bedeutet«, erzählt sie. Da viele Menschen gegenüber der Erkrankung Vorurteile hätten, habe sie nur denjenigen von der Infektion erzählt, »die es richtig einschätzen können.«

Die Diagnose einer chronischen Hepatitis C bedeutete früher, wahrscheinlich das gesamte Leben leberkrank zu bleiben. Möglich sind Leberschäden wie eine Leberzirrhose, auch das Risiko eines Leberzellkarzinoms ist erhöht. Das Hepatitis-C-Virus kommt in mehreren, unterschiedlich gefährlichen Genotypen und Subtypen vor. Vom Genotyp hängt auch ab, wie schwer die Infektion verläuft. »Bei mir diagnostizierten die Ärzte den Genotyp 1b«, berichtet Schröder. »Das ist zwar der häufigste Typ in Europa, aber auch der, der am schwersten zu behandeln ist.«

Doch die Therapie der chronischen Infektion, die früher sehr lange dauerte und viele starke Nebenwirkungen mit sich brachte, hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Mit neuen Wirkstoffen gelingt es Ärzten heute meist, die Viruslast im Blut dauerhaft zu senken, sodass die Viren nicht mehr nachzuweisen sind und die Patienten als geheilt gelten. Die Standardbehandlung ist heute eine Triple-Therapie aus einem Protease-Inhibitor (Boceprevir oder Telaprevir), einem Interferon und Ribavirin. Der Nachteil: Viele Patienten fürchten die starken Nebenwirkungen von Interferonen. Fieber, Schüttelfrost, Glieder-, Muskel- und Kopfschmerzen, Müdigkeit und Ab­geschlagenheit sind unter der Triple-Therapie zwar unterschiedlich stark ausgeprägt, kommen aber häufig vor.

Auch Miriam Schröder hatte Angst vor den starken Nebenwirkungen. Sie nahm daher an einer klinischen Studie teil, bei der eine interferonfreie Triple-Therapie getestet wurde. Diese bestand aus Faldaprevir, einem noch nicht zugelassenen neuen Protease-­Inhibitor der zweiten Generation, dem Polymerasehemmer Deleobuvir, der ebenfalls noch nicht auf dem Markt ist, und Ribavirin. Zwar blieben Schröder so das Spritzen des Interferons und starke grippale Symptome erspart, ganz ohne Einschränkungen und Nebenwirkungen verlief aber auch diese Behandlung nicht.

»Ich nahm zwölf Tabletten täglich, jeweils sechs in relativ genauem Abstand von zwölf Stunden«, erinnert sie sich. Dazu musste sie immer etwas essen, möglichst fettig und möglichst viel, um Magenschmerzen und Übelkeit zu vermeiden. »Trotzdem wurde mir regelmäßig nach der Einnahme schlecht, ich musste mich einige Male übergeben«, berichtet sie. Das »Essen nach Plan« fiel Schröder besonders schwer. »Ich frühstücke morgens eigentlich nicht, musste mich dann aber zwingen, zu den Tabletten mindestens ein Salamibrot zu essen.« Abends um 20.30 Uhr musste es eine richtige Mahlzeit sein, egal ob sie Hunger hatte oder nicht. »Sich im Restaurant zu verab­reden, war in dieser Zeit natürlich schwierig, denn ich musste ja zu einem genauen Zeitpunkt essen.«

Die Magenbeschwerden besserten sich zwar mit der Zeit. Nach etwa drei Monaten litt die junge Frau, die sonst gerne Sport treibt, jedoch verstärkt unter Atemnot, hatte kaum Kondition. »Wenn ich eine Treppe hochstieg, war ich danach so außer Atem, dass ich mich erst einmal ausruhen musste«, berichtet Schröder. Sie fühlte sich schlapp und müde, hatte keinerlei Energie. »An manchen Tagen wusste ich nicht, wie ich es zur Arbeit schaffen soll.« Abends musste sie sich ausruhen, an Sport oder Ausgehen war in dieser Zeit nicht zu denken. Schuld an ihren starken Beschwerden war eine ausgeprägte Anämie. Schröder durfte daraufhin die Ribavirindosis reduzieren. Danach besserten sich die Beschwerden langsam.

»Was mich während der Therapie aber am meisten belastet hat, war die depressive Stimmung«, sagt sie. Nach etwa acht Wochen fühlte sie sich zunehmend schlechter, war antriebslos und niedergeschlagen. Hinzu kamen massive Schlafstörungen. Auch Sonnenlicht vertrug Schröder nicht. »Einmal war ich zu lange in der Sonne, ich habe sofort Hautausschlag und Pusteln bekommen. Danach bin ich den ganzen Sommer praktisch nicht mehr ins Freie gegangen. Wenn es sich gar nicht vermeiden ließ, traute ich mich nur mit einer dicken Schicht Sunblocker nach draußen.«

Sie habe während der Therapie im Vergleich zu anderen Studienteilnehmern unter vielen Nebenwirkungen gelitten, berichtet Schröder. Dennoch: In den Therapie-Monaten habe sie ihren Arbeitsalltag relativ normal bewältigen können, sei nie krank gewesen. Die unerwünschten Wirkungen – da ist sie sich sicher – waren bei Weitem besser zu meistern als Beschwerden bei einer Interferon-Therapie. »Außerdem waren bei mir bereits nach zwei Wochen keine Viren mehr nachweisbar«, so Schröder. Im Rahmen der Studie musste sie die Tabletten insgesamt sechs Monate einnehmen, in Zukunft könnte aber auch eine Therapiedauer von nur drei Monaten möglich sein.

Trotz aller Strapazen würde Miriam Schröder die Therapie wieder machen. Denn heute, ein halbes Jahr nach der Behandlung, geht es ihr sehr gut. Sie fühlt sich wieder fit, treibt Sport und führt ein ganz normales Leben. »Und das Beste: Ich bin nach sechs Monaten noch immer virenfrei. Das heißt, ich gelte jetzt als geheilt.« /

*Name von der Redaktion geändert