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Sexualität im Alter

Lebenslang Lust auf Nähe

11.05.2015
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Von Diana Haß / Das Thema Liebe und Sexualität im Alter kommt langsam heraus aus der Tabu-Zone. Mit neuem Selbstbewusstsein bekennen sich Senioren inzwischen offener zu ihren Wünschen – und fordern auch verstärkt die Mitarbeiter in Apotheken.

Kay (Meryl Streep) möchte, dass sie und ihr Mann Arnold (Tommy Lee Jones) wieder Sex haben. Und Millionen Zuschauer in der ganzen Welt schauten mitfühlend zu, wie das Paar Mitte 60 einen erneuten Anlauf nimmt Richtung »Prickeln im Bett«. Der Film »Wie beim ersten Mal« (siehe Kasten) zeigt erfolgreich das ganze Spektrum rund um Liebe, Sex und Sehnsüchte. Hollywood ist damit der Realität auf der Spur. Denn das Bedürfnis nach Liebe, Nähe und Sex endet nicht mit dem Eintritt ins Rentenalter. »Der Mensch ist lebenslang ein sexuelles Wesen«, schreibt die Psychologin Kirsten von Sydow im Report »Alter und Sexualität« der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Statistiken, die sich mit dem Thema Alterssexualität beschäftigen, sind dabei nur bedingt aussagekräftig. Das liegt daran, dass es nicht so etwas gibt wie »das Alter«. »Interindividuelle Schwankungen nehmen im Alter enorm zu«, stellt Professor Dr. Dr. Rolf Dieter Hirsch, Gerontopsychiater aus Bonn, fest. Im Klartext heißt das: Keine Personengruppe ist so unterschiedlich wie die der älteren und alten Menschen. Zahlreiche Faktoren wie Gesundheit, Familienstand, Erziehung, Bildung, Entwicklung oder gesellschaftliches Umfeld spielen eine Rolle dabei, wie Menschen ihr Älterwerden erleben. Das Spektrum gelebter Partnerschaft und Sexualität ist ebenso breit gefächert. Da gibt es beispielsweise die früh verwitwete 87-jährige Singlefrau, die seit mehreren Jahrzehnten keine Partnerschaft mehr hatte. Zärtlichkeit und Sexualität finden nicht mehr statt. Es gibt aber genauso das Paar Mitte 80, das sich jenseits der Diamantenen Hochzeit an gemeinsamer Zärtlichkeit und Sexualität erfreut. Und es gibt das frisch verliebte Paar mit silbergrauem Haar, das Romantik und Leidenschaft erleben möchte. »Das Alter alleine sagt wenig darüber aus, wie Menschen Sexualität leben und erleben«, stellt auch der BZgA-Report klar.

Sexuell aktiv

Fest steht, dass Senioren sich für Liebe und Intimität interessieren. Verschiedene Studien zeigen, dass rund 75 Prozent der Menschen zwischen 70 und 80 Jahren sexuell aktiv sind. Dabei ist die Aktivität nicht auf den Geschlechtsverkehr begrenzt. Grundsätzlich hat eine Partnerschaft einen großen Einfluss auf die sexuelle Aktivität. So sind über-75-jährige Männer in einer Partnerschaft einer Studie aus dem Jahr 2001 zufolge sechsmal aktiver als gleichaltrige Männer ohne feste Partnerin. Für Frauen dürften ähnliche Zahlen gelten. Ihr Problem: Sie werden deutlich älter als Männer. Folglich gibt es unter den Senioren weitaus mehr alleinstehende Frauen als Männer. Die »Pfizer Global Study of Sexual Attitude and Behaviours« kam zu dem Schluss, dass Sexualität für 87 Prozent der deutschen Männer und 72 Prozent der deutschen Frauen über 40 ein wichtiger bis sehr wichtiger Bestandteil ihres Lebens ist. Der Wunsch nach Sexualität ist somit im Alter weit höher als gemeinhin angenommen.

Ängste nehmen

Das bestätigt auch Hedy Fuchs-Waldherr, 68. »Liebe und Sex im Alter sind so wichtig«, sagt die Münchnerin, die seit rund zehn Jahren als Senioren-Sexualberaterin tätig ist. Sie berät einzelne Ratsuchende und hält Vorträge – zum Teil auch in Apotheken. Freimütig gibt sie auch über ihr eigenes erfülltes Sexleben mit ihrem 78-jährigen Lebensgefährten Auskunft: »Wir haben wunderbaren Sex.« In ihren Beratungen, die immer mehr nachgefragt werden, möchte Hedy Fuchs-Waldherr mit Tabus aufräumen, Ängste nehmen und praktische Tipps geben. Ihre Botschaft: Sex, körperliche Nähe, Spannung und Erotik sind weit mehr als nur Geschlechtsverkehr. »Es gibt so viele Möglichkeiten, sich Lust zu verschaffen. Wir brauchen Haut, Geruch und alle Sinne, dann nehmen wir andere Dinge und eben auch die Einschränkungen des Alters nicht mehr so schwer«, sagt sie.

Frauen machten sich – so ihre Erfahrung – oft Sorgen, dass sie nicht mehr attraktiv seien. Männer sorgten sich vor allem, dass sie nicht mehr so gut funktionieren. Hedy Fuchs-Waldherr stellt klar: Falten und Figur sind beim Sex nicht ausschlaggebend. »Männer suchen sich meist keine jüngere Frau, weil sie die attraktiver finden, sondern ganz einfach, weil die noch Lust auf Sex hat«, glaubt sie.

Veränderungen im Alter

Doch bei allem Lob der sexuellen Aktivität: Das Alter fordert seinen Tribut. Krankheiten nehmen zu, Schicksalsschläge häufen sich, die Kraft lässt nach. Die physische und psychische Gesundheit im Alter hat einen entscheidenden Einfluss auf die Sexualität. So sind sexuelle Störungen im Alter nicht selten. Die häufigsten sind Lustlosigkeit, Erektions- und Ejakulationsstörungen, verminderte Lubrikation und Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Weltweite Studien lassen vermuten, dass bei den 60- bis 70-jährigen Männern zwischen 35 und 50 Prozent unter einer gelegentlichen oder ständigen erektilen Dysfunktion leiden, bei den 70- bis 80-Jährigen sollen es 55 bis 70 Prozent sein. Neben körperlichen Ursachen spielt die Psyche eine entscheidende Rolle. Wer sich unter Leistungsdruck setzt, gerät schnell in einen Teufelskreis. Wer allerdings die altersbedingten Veränderungen akzeptiert und trotzdem offen für neue Wege der Intimität bleibt, gewinnt Lebensfreude. Der Bonner Mediziner Hirsch, der sich schon lange mit der Sexualität im Alter beschäftigt, stellt fest, dass der genitale Akt im Alter nicht mehr so im Mittelpunkt steht wie in jungen Jahren. »Sexualität ist mehr als nur Geschlechtsverkehr«, betont er, »Sie ist vielmehr Hinwendung, Vertrauen und Geborgenheit. Im Alterungsprozess nehmen Einfühlungsvermögen, Haltung und Persönlichkeit an Bedeutung zu.« Übereinstimmend mit allen anderen Experten rät er zum offenen Gespräch in Beziehungen. Doch das ist nicht immer leicht. Erst recht nicht für Senioren.

Sexuelle Revolution

In der Kindheit und Jugend der Senioren galt in puncto Sex und Körperlichkeit: »Darüber spricht man nicht.« In einer Diskussion über den Film »Wolke 9«, in dem die Sexualität von Senioren thematisiert wird, erläuterte eine etwa 90-Jährige, wie schambesetzt Sexualität zu damaligen Zeiten war: »In unserer Jugend wurden die Binden noch in Zeitungspapier eingewickelt, bevor sie in der Apotheke über den Tisch gegeben wurden. Ein Wort wie schwanger haben wir nur hinter vorgehaltener Hand gesagt.« Doch die Menschen, die heute alt sind, haben auch die sexuelle Revolution der 1968er miterlebt. Mit ihr kamen Aufklärungsbücher und -videos, Nacktfotos und klare Worte für Sexualität. »Wir haben eine Menge Befreiung erlebt«, sagt die alte Dame. Aus dieser Erfahrung ist ein neues Selbstverständnis entstanden. Liebe und Leidenschaft gehören für die Senioren zur Lebensqualität, die sie gerne haben wollen. Dieser Anspruch schlägt sich auch in den Anfragen beim Beratungsdienst Pro Familia nieder. »Eine Zunahme älterer Klienten ist seit Jahren deutlich feststellbar«, resümiert der Paar- und Sexualberater Robert Bolz. Seine älteste Klientin in der Münchener Beratungsstelle war 79, der älteste Klient 85.

Herausforderung in der Apotheke

Auch zum Beratungsalltag in Apotheken gehört die Thematik Sex und Liebe im Alter. Dabei sind die Berührungspunkte breit gefächert. Kunden kommen beispielsweise mit einem Rezept über ein Präparat gegen Erektionsstörungen, der Frage nach einem Gleitgel oder der Bitte um Beratung. Häufig haben auch Medikamente – beispielsweise bei Herz-Kreislauferkrankungen, Depressionen, Diabetes oder Blutdruckerkrankungen – Auswirkungen auf die Libido oder auf sexuelle Funktionen. Auch Inkontinenz kann ein erfülltes Sexleben beeinträchtigen. Bei der Beratung ist hier ein besonderes Fingerspitzengefühl gefragt.

»Wenn man merkt, jemand ist verunsichert, sollte man ein vertrauliches Gespräch anbieten«, rät Hirsch. In einem separaten Raum in der Apotheke fällt es leichter, über Intimes zu sprechen und zu beraten. Wichtig ist allerdings auch, dass sich PTA und Apotheker ihrer eigenen Haltung zum Thema Liebe und Sexualität im Alter bewusst sind. »Schon ein Augenaufschlag als Reaktion auf die Frage nach Gleitmittel kann als Ablehnung interpretiert werden«, warnt Hirsch. Denn bei aller Aufgeklärtheit: Das Thema »Liebe und Sexualität im Alter« ist noch lange nicht vollends enttabuisiert.

»Vorurteile wie die, dass alte Menschen asexuell seien wie Kinder, sind immer noch anzutreffen«, sagt Hirsch. Er kritisiert: »Was im Alter erlaubt ist, wird von Jüngeren bestimmt.« Die Vorstellung, ältere Menschen könnten Sex haben, löst bei vielen jüngeren Menschen Unbehagen aus. Dafür gibt es eine psychoanalytische Erklärung. Kinder möchten nichts über die Sexualität ihrer Eltern wissen. Für sie sind Eltern gewissermaßen asexuelle Wesen. Oft wird diese Sichtweise ein Leben lang beibehalten.

Allmählich erobern sich die Senioren ein Selbstbewusstsein auf dem Gebiet Liebe und Sexualität. Es findet ein gesellschaftlicher Wandel statt, der sich beispielsweise in der Werbung zeigt. Inzwischen stellen sich auch immer mehr Pflegekräfte in Altersheimen dem Thema. Fortbildungen für Mitarbeiter dazu werden unter anderem von Pro Familia angeboten. Das Beschäftigen und Auseinandersetzen mit dem Thema hilft, sich seiner eigenen Haltung bewusst zu werden und sie möglicherweise zu ändern. Dabei kann eine ehrliche Antwort auf die Frage, wie man selbst alt werden möchte, zu mehr Verständnis führen. Denn: Auch wenn der Körper abbaut, die Seele altert nicht. Oder wie die österreichische Psychotherapeutin Monika Kornfeld im BZgA-Report zitiert wird: »Das Bedürfnis nach Sexualität und Zärtlichkeit begleitet uns unser gesamtes Leben. Vielleicht nimmt die Bedeutung von wärmender und lustvoller Berührung im Alter sogar noch zu.« /

Weiterführende Medien zum Thema

Filme:

Der deutsche Film »Wolke 9« aus dem Jahr 2008 thematisiert sexuelle Bedürfnisse im Alter und ist eine leidenschaftliche und zugleich tragische Liebesgeschichte. Die US-amerikanische Komödie »Wie beim ersten Mal« aus dem Jahr 2012 nähert sich dem Thema dagegen auf leichte Weise: Meryl Streep und Tommy Lee Jones spielen ein alterndes Paar, das versucht, sein Liebesleben nach 30 Jahren Ehe wiederzubeleben.

Bücher:

Hermann Berberich, Elmar Brähler (Hrsg.),
Sexualität und Partnerschaft in der zweiten Lebenshälfte,
Band 78 in der Reihe »Beiträge zur Sexualforschung«,
Psychosozialverlag, 2001.

Kirsten von Sydow,
Die Lust auf Liebe bei älteren Menschen,
Ernst Reinhardt Verlag, 2003.

Die Autorin Elfriede Vavrig schreibt ­in ihrem autobiografischen Buch »Nacktbadestrand« (erste Auflage 2010) darüber, wie sie mit 79 Jahren erotische Abenteuer suchte. Im Buch »Badewannentag« (2013) berichtet sie über die Suche nach Liebe im Alter von 82 Jahren.

Mehr über die Arbeit von Hedy Fuchs-Waldherr auf der Homepage www.sinnlicher-walzer.de.