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Migräne bei Kindern

Reset im Gehirn

11.05.2015  13:36 Uhr

Von Maria Pues, Recklinghausen / Das Gehirn von Migräne- Patienten ist immer auf Empfang geschaltet. Wird es zu viel, wirkt der Migräneanfall wie eine Reset-Taste im Gehirn. Bei jüngeren Kindern sind solche Migräneattacken häufig kurz und gehen mit untypischen Beschwerden einher. Das erschwert die Diagnose, hat aber Vorteile für die Therapie.

»Migräne sind Kopfschmerzen, wenn man gar keine hat.« Zitate wie dieses aus Erich Kästners Kinderroman »Pünktchen und Anton« (1931) verdeutlichten, welche Vorurteile gegenüber der Erkrankung lange Zeit bestanden haben und noch immer bestehen, leitete Privatdozent Dr. Friedrich Ebinger, Kinder- und Jugendmediziner in Paderborn und Heidelberg, seinen Vortrag während der Dattelner Kinderschmerztage in Recklinghausen ein.

Aber nicht nur Vorurteile können eine Migräne-Diagnose bei Kindern und Jugendlichen erschweren. Je nach Alter überwiegen unterschiedliche Beschwerden, die zunächst oft nicht an eine Migräne denken lassen, da sie sich von den klassischen Symptomen bei Erwachsenen unterscheiden. Hinzu kommt, dass sich das Beschwerdebild mit den Jahren verändert: Bei Grundschulkindern können andere Symptome überwiegen als bei Jugendlichen.

Allen Altersgruppen gemeinsam ist hingegen, dass es keinen Laborwert und kein bildgebendes Verfahren gibt, mit dem sich die Kopfschmerzen beweisen lassen. An erster Stelle stehen daher eine sorgfältige Anamnese sowie einige Untersuchungen, um andere Ursachen auszuschließen, etwa beim Augenarzt, sagte Ebinger weiter. Ärzte raten zu einem »Kopfschmerztagebuch«, in dem Betroffene über eine gewisse Zeit die Symptome mit ihrer Intensität sowie mögliche Auslöser dokumentieren.

Kleine Jungs mit Migräne? Das ist für viele Eltern sicher schwer vorstellbar. Dabei tritt Migräne vor der Pubertät bei Jungen und Mädchen tatsächlich gleich häufig auf. Erst mit der Puber­tät öffne sich die Schere, und Mädchen sind häufiger betroffen, berichtete Ebinger – ein Zeichen, dass Sexualhormone eine Rolle spielen, aber eben nur eine neben weiteren.

Bei jüngeren Kindern gibt es weitere Unterschiede: So sind Migräneattacken bei ihnen häufig kürzer als bei älteren Kindern oder Erwachsenen, und sie können eher unspektakulär verlaufen. Mitten im Spiel etwa verspürt das Kind einen starken Wunsch nach Ruhe, es zieht sich zurück und schläft ein wenig – anschließend ist es so munter wie immer. Die Eltern fragen sich, ob sie überhaupt eine Veränderung wahrgenommen hatten. Bei manchen Kindern treten auch einige bei erwachsenen Migräne-Patienten eher untypische Symptome auf, wie Blässe oder Hautrötungen, Harndrang oder Bauchschmerzen, erhöhte Temperatur oder Unruhe.

Das Alice-im-Wunderland-Syndrom

Beim Alice-im-Wunderland-Syndrom handelt es sich um eine Begleiterscheinung, die (bei Kindern häufiger als bei Erwachsenen) vor einem Migräne-Anfall auftreten kann. Den Betroffenen erscheinen Gegenstände oder Teile des eigenen Körpers verkleinert (Mikropsie) oder vergrößert (Makropsie). Auch Geräusche klingen anders, und Zeitwahrnehmung und Tastempfinden können verändert sein. Manche Betroffene erleben außerdem Halluzinationen.

Migräne-Kopfschmerzen bei Kindern beschränken sich seltener als bei Erwachsenen nur auf eine Kopfseite (siehe Grafik). Auch den typischen pochenden oder pulsierenden Migräne-Kopfschmerz schildern Kinder kaum. Darüber hinaus tritt eine Schmerzverstärkung durch Anstrengung – ebenfalls charakteristisch für Migräne – bei jüngeren Kindern nicht so häufig auf wie bei älteren. Eine Studie ermittelte bei Sechsjährigen einen Anteil von nur 11 Prozent, bei 13-Jährigen hingegen von 57 Prozent. Umgekehrt traten Übelkeit und Erbrechen bei jüngeren Kindern häufiger auf (43 versus 7 Prozent). Bei ihnen könne das Erbrechen sogar den Gipfelpunkt eines Migräneanfalls darstellen, nach dessen Erreichen sich das Kind bald wieder gut fühlt, sagte Ebinger.

Viele Betroffene bemerken einen herannahenden Migräneanfall bereits früh in Form einer Aura, in der sie ihre Umwelt unangenehm intensiv wahrnehmen. Licht und Lärm schmerzen (Photo- und Phonophobie), und Gerüche provozieren eine starke Abwehrhaltung. Auch hier reagierten Kinder anders als Erwachsene, berichtete Ebinger. Sie zeigten zwar ebenfalls eine Lärm- und Lichtempfindlichkeit und zögen sich dann nach Möglichkeit zurück; nach Beendigung des Migräneanfalls erinnerten sie sich aber häufig nicht daran, Licht oder Lärm als störend empfunden zu haben. Eine Überempfindlichkeit gegen Gerüche scheint sich ebenfalls erst mit den Jahren zu entwickeln. Jüngere Kinder berichteten viel seltener (18 Prozent) darüber als ältere (54 Prozent).

Ebenso wie viele Erwachsene nennen Kinder und Jugendliche bei Migräne aber charakteristische Sehstörungen, etwa ein Flimmern oder Licht­zacken, die in einem kleinen Punkt beginnen und sich dann einseitig über einen immer größer werdenden Bereich ausbreiten. Gleichzeitig kommt es bei manchen zu Gefühlsstörungen, etwa einem Kribbeln, das zunächst an einer Hand beginnt, sich dann Richtung Schulter bewegt und am Mundwinkel endet.

Immer auf Empfang

Noch immer sind nicht alle Ursachen und Pathomechanismen der Erkrankung geklärt. Genetische Faktoren spielen eine Rolle. Vieles spricht dafür, dass das Gehirn bei Menschen mit Migräne immer »auf Empfang« geschaltet ist. Ihr Gehirn »will alles mitkriegen und kriegt alles mit«, beschrieb es Ebinger. Es arbeitet viel und schnell. Beim Lernen ist das hilfreich, in einem stressigen Alltag führt ein fehlender Filter aber zu einer Überreizung. Während Menschen ohne Migräne dann einfach »auf Durchzug« schalten, fehlt Migränikern diese Möglichkeit. Bei ihnen fungiere der Migräneanfall wie eine Art Resetknopf, so Ebinger. Wenn dem Gehirn alles zu viel wird, schaltet es auf Störung und anschließend in den Ruhemodus.

Wie läuft ein Migräneanfall ab? Bis vor einiger Zeit ging man davon aus, dass sich vor allem die Weite von Blutgefäßen im Gehirn verändert: Zuerst verengen diese sich, wodurch es zu Aurasymptomen kommt. Anschließend weiten sie sich wieder und verursachen dabei den Kopfschmerz. Heute betrachten Mediziner Migräne als neurologische Erkrankung. Aktuelle Theorien gehen davon aus, dass es zunächst zu einer sogenannten Cortical spreading depression (CSD) kommt, Entladungen von Nervenzellen im Gehirn, die – ähnlich einer Welle über das Meer – langsam über das Gehirn wandern und dabei die Aurasymptome auslösen: etwa das sich ausbreitende Flimmern, Kribbeln in Hand oder Arm oder ein nadelstichartiges Gefühl am Mundwinkel. Ob es bei Patienten ohne Aura nicht zu einer CSD kommt, wird noch diskutiert. Vieles spreche aber dafür, dass sie auch bei ihnen auftrete, sagte Ebinger. Die Schwelle für Symptome werde aber nicht erreicht. Am Ende steht jeweils eine Freisetzung von Neuropeptiden sowie eine aseptische Entzündung, die sich in Form von Kopfschmerzen bemerkbar macht.

Triggerfaktoren meiden

In das Erklärungsmodell einer neurologischen Erkrankung lassen sich Erfahrungen der Anfallsprophylaxe sinnvoll einfügen. Zu dieser gehört es, Migränetrigger (siehe Kasten) zu identifizieren und möglichst zu meiden, damit das Gehirn seine Notbremse seltener ziehen muss. Betroffene reagieren jedoch sehr individuell auf die möglichen Auslöser. Um die eigenen Trigger herauszufinden, kann das bereits erwähnte Kopfschmerztagebuch hilfreich sein.

Mögliche Migränetrigger

  • Lärm und Gerüche
  • grelles und/oder flackerndes Licht
  • Wetterwechsel
  • Hunger, Flüssigkeitsmangel
  • unregelmäßiger Schlaf
  • Geschlechtshormone
  • Nahrungsmittel
  • körperliche Anstrengung
  • Rauchen
  • Stress

Häufig trägt ein regelmäßiger Tagesablauf dazu bei, dass das Gehirn nicht unter Hochspannung gerät. Dazu gehören bei Kindern und vor allem Jugendlichen häufig wenig beliebte Maßnahmen: feste Essenszeiten, genügend Schlaf und ausreichende Trinkmengen. Vor allem Kinder vergessen über das Spielen häufig zu essen oder zu trinken. Auch Ausgleichssport kann die Zahl der Anfälle vermindern. Dabei liege die Betonung auf »Ausgleich«, betonte Ebinger, denn Leistungssport habe einen gegenteiligen Effekt. Auch mit Entspannungsübungen kann man einem »Reset« des Gehirns häufig zuvorkommen. Dazu gehören etwa die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, Qi Gong und Tai-Chi, Biofeedback-Verfahren oder Fantasiereisen, die sich auch schon für kleinere Kinder eignen.

Kommt es dennoch häufig zu Migräneattacken, kann der Arzt zusammen mit den Eltern eine medikamentöse Prophylaxe erwägen. Ob die dabei eingesetzten Arzneimittel den Start einer CSD hemmen, ist derzeit noch Gegenstand der Forschung. Zu ihnen gehören etwa die Antikonvulsiva Topiramat und Valproat, der Betablocker Propranolol und das trizyklische Antidepressivum Amitriptylin. Die Behandlungsleitlinien empfehlen eine medikamentöse Prophylaxe bei mehr als zwei bis drei Migräneanfällen pro Monat und/oder lang anhaltenden Attacken (bei Kindern mehr als 48 Stunden). Es müsse aber vor allem der individuelle Leidensdruck berücksichtigt werde, betonte Ebinger. Die Datenlage zur Wirksamkeit der verschiedenen Wirkstoffe bei Kindern sei allerdings meist recht dünn.

Zu den rezeptfrei erhältlichen Arzneimitteln gehört Magnesium, das Ebinger »niedrigschwellig einsetze«. Mit den erforderlichen 300 bis 600 Milligramm pro Tag müsse man allerdings »nahe an der Durchfallgrenze« dosieren, so der Referent.

Therapie bei Kindern

Sollten Migräne-Anfälle bei Kindern medikamentös behandelt werden oder nicht? Kein Zweifel besteht daran, dass eine Arzneimittelgabe erforderlich ist bei Anfällen mit starken Kopfschmerzen und/oder wenn keine Rückzugsmöglichkeit besteht. Das kann zum Beispiel unterwegs der Fall sein. Bei kleineren Kindern, kurzen Attacken oder nur leichten Kopfschmerzen kann es aber manchmal bereits ausreichen, für einen ruhigen, abgedunkelten Raum zu sorgen (eventuell ein feuchtes Tuch auf die Stirn legen). So haben die Kinder die Möglichkeit, den Migräneanfall zu verschlafen. Eltern sollten dabei aber stets auf die Bedürfnisse ihres Kindes achten. Besteht kein Wunsch nach Ruhe, auch wenn sich Anzeichen eines Migräneanfalls zeigen, sollte man die Kinder auch nicht dazu zwingen, sondern sie einfach weiter spielen lassen. Auch Erfahrungen, wie Anfälle bei einem Kind üblicherweise ablaufen, sollten in die Entscheidung einbezogen werden.

Wenn ein Migräneanfall medikamentös behandelt werden soll, ist Ibuprofen Mittel der Wahl. Es wird in Dosierungen von 10 bis 15 mg/kg Körpergewicht angewendet. Paracetamol – obwohl in den Leitlinien aufgeführt – sei bei Migräne meist weniger geeignet, sagte Ebinger, da der Wirkstoff eine geringe therapeutische Breite habe. Die hierbei erforderliche Dosis und die Dosierung, ab der mit Nebenwirkungen zu rechnen ist, liegen nah beieinander. Es eigne sich eher als Antipyretikum, da hier niedrigere Dosen ausreichten.

An zweiter Stelle der Therapie eines Migräneanfalls stehen die Triptane. Sie greifen in die Pathomechanismen bei einem Migräneanfall ein. Sumatriptan nasal (Imigran®) und Zolmitriptan nasal (Ascotop® ) können bei Kindern ab zwölf Jahren angewendet werden. Falls erforderlich, kann ein Triptan zwei Mal pro Tag angewendet werden, jedoch an nicht mehr als zehn Tagen pro Monat. In – sehr seltenen – schweren Fällen kommt auch eine Kombination aus Triptan und Ibuprofen oder Naproxen zum Einsatz. Wichtig in der Behandlung von Migräneanfällen: Die Arzneistoffe sollten so zügig wie möglich und in ausreichender Dosierung gegeben werden, damit sie ihre volle Wirkung entfalten können. /