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Masern

Ausbruch im Flüchtlingscamp

24.05.2016  10:36 Uhr

Von Maria Pues / Einige Menschen äußern hierzulande die Befürchtung, Flüchtlinge könnten ansteckende Krankheiten einschleppen. Diese Ängste sollte man ernstnehmen, denn es gibt etwa chronisch kranke Patienten, die eine zusätzliche Infektion gefährden kann. Dass umgekehrt eingeschleppte Infektionen auch ein Risiko für Flüchtlinge darstellen können, illustriert ein Masernausbruch im französischen Calais Anfang des Jahres.

Ein Masernfall versetzt Mediziner in sofortige Alarmstimmung, denn nicht nur die Ansteckungsrate ist extrem hoch, sondern auch die Erkrankungsrate: Praktisch jeder Infizierte erkrankt auch (siehe auch Kasten am Ende des Artikels). Ein Masern-Patient, der mit vielen Menschen in Kontakt kommt, kann eine lokale Epidemie auslösen. Trifft das Virus auf geschwächte Menschen, sind schlimme Folgen vorstellbar. Anfang des Jahres trat die hochansteckende Krankheit in einem Flüchtlingscamp in Calais in Frankreich auf. Über die Erkrankungsfälle und die schnell eingeleiteten Abwehrmaßnahmen berichtete die regionale Gesundheitsbehörde (ARS).

In dem Lager in Calais lebten zu dem Zeitpunkt etwa 3500 Flüchtlinge unter Slum-ähnlichen Bedingungen, in einem zweiten, rund 30 km entfernten Lager bei Grande-Synthe weitere rund 2500. Die beiden Lager sind nicht voneinander isoliert; Flüchtlinge und freiwillige Helfer können sich zwischen ihnen frei bewegen. In dem Lager leben zum größten Teil junge Männer; das Durchschnittsalter liegt bei 25 Jahren. Organisationen wie Médecins sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen) oder Médecins du Monde (Ärzte der Welt) kümmern sich um die medizinische Versorgung. Zusätzlich haben die Flüchtlinge Zugang zu fünf Krankenhäusern.

Masern waren rund um Calais seit September 2013 nicht mehr aufgetreten. Am 15. Januar 2016 wurden dann gleich zwei Fälle gemeldet: ein 30-jähriger syrischer Flüchtling (»Patient Null«) und ein 20-jähriger freiwilliger Helfer, der ebenfalls in dem Lager lebte. Sofort wurden alle freiwilligen Helfer sowie die medizinischen Fachkräfte in den Lagern und umliegenden Krankenhäusern aufgefordert, verstärkt auf weitere mögliche Fälle zu achten. Vier Tage später beschlossen die Gesundheitsbehörden eine Impfkampagne in den beiden Lagern. In dem Lager in Calais ließen sich in der einwöchigen Aktion 2051 Flüchtlinge impfen, in dem Lager in Grande-Synthe 466. Nicht alle Flüchtlinge wurden zur Impfung aufgefordert: Impfen lassen sollten sich alle Bewohner zwischen einem und 35 Jahren. Bei älteren Personen geht man davon aus, dass sie die Masern durchgemacht haben, da es vor 1970 noch keine Möglichkeit für eine Impfung gab. Verwendet wurde vorwiegend ein trivalenter Masern-Mumps-Röteln-Impfstoff. Ausnahmen gab es bei Kindern unter einem Jahr und bei Frauen im gebärfähigen Alter. Sie erhielten einen monovalenten Impfstoff. Insgesamt erkrankten 13 Flüchtlinge, freiwillige Helfer und medizinische Fachkräfte. Die meisten von ihnen mussten im Krankenhaus behandelt werden. Nach der Impfaktion erkrankte niemand mehr.

Woher kamen aber die Masern? Vor allem zwei Möglichkeiten kamen in diesem Fall in Betracht: der syrische »Patient Null« oder einer der freiwilligen Helfer. Dass der syrische Flüchtling die Masern eingeschleppt hatte, gilt dabei aus verschiedenen Gründen als unwahrscheinlich. So habe dieser sich bereits seit gut einem Monat in dem Lager aufgehalten, also länger als die Inkubationszeit üblicherweise dauert, berichtet die ARS. Zudem wurde untersucht, welchem Genotyp die Masernviren zugehören. Hier wurde Genotyp B3 identifiziert. Dies ist zusammen mit D8 derjenige Genotyp, der in den europä­ischen Ländern am häufigsten auftritt, aus denen die meisten freiwilligen Helfer stammen, zum Beispiel Spanien und Großbritannien. In Frankreich selbst trat im vergangenen Jahr fast ausschließlich Genotyp D8 auf. Das alles spreche dafür, dass die Masern durch einen freiwilligen Helfer eingeschleppt wurden, so das Fazit der ARS.

Risiko für Flüchtlinge

Der Masern-Ausbruch in Calais kam nicht unerwartet. Bereits am 10. November 2015 hatte das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) festgestellt, dass das Risiko extrem niedrig ist, dass Flüchtlinge Infektionskrankheiten einschleppen. Allerdings tragen diese selbst durch die Belastungen der Flucht und die aktuellen Lebensumstände (überfüllte Unterbringung, mangelnde Hygiene und sanitäre Anlagen, Schutzlosigkeit in Camps) ein hohes Risiko zu erkranken. Ein schlecht organisiertes Gesundheitssystem in den Herkunftsländern und ein geringer Durchim­pfungsgrad tragen ebenfalls dazu bei.

Der Ausbruch zeige das hohe Risiko für Flüchtlinge, an in Europa kursierenden Infektionskrankheiten zu erkranken, so die ARS. Dass auch freiwillige Helfer und Angehörige des medizinischen Personals erkrankten, zeige, dass diese nicht über den Immunschutz verfügten, den sie durch eine Impfung haben könnten. Der ECDC hat zudem bereits im März 2015 da­rauf hingewiesen, dass Masern-Fälle in Europa seit 2010 dramatisch zugenommen haben und dass in den letzten zehn Jahren nahezu 40 Prozent der Erkrankten über 14 Jahre alt waren. Sie tragen ein hohes Risiko für Masern-Komplikationen.

Vollständiger Schutz

Wer mit Flüchtlingen arbeite – ob als freiwilliger Helfer oder als medizinisches Personal – sollte auf einen vollständigen Impfschutz achten, so das Fazit der Autoren. Dies schütze nicht nur sie selbst davor zu erkranken, sondern vermindere auch das Risiko, geschwächte Flüchtlinge zu infizieren.

Allgemein gilt für den Masernschutz: Die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt bei Kindern eine Erstim­pfung im Alter von 11 bis 14 Monaten mit einem MMR-Kombinationsimpfstoff (Masern-Mumps-Röteln), die Zweitimpfung vier Wochen später, vorzugsweise im Alter von 15 bis 23 Monaten. Dabei stellt die Masern-Zweitimpfung keine Auffrischimpfung dar, sondern soll Impflücken schließen, falls die erste Impfung keinen Erfolg hatte. Impfen lassen sollte sich auch, wer nach 1970 geboren ist und in der Kindheit nicht oder nur einmal geimpft wurde oder bei dem dies unklar ist. Im Rahmen eines Ausbruchs empfiehlt die STIKO eine einmalige Impfung von Personen, die mit Immungeschwächten in Kontakt kommen oder die in Gemeinschaftseinrichtungen tätig sind. Das schützt nicht nur die Geimpften vor der Krankheit, sondern auch Patienten, die aufgrund bestehender Grunderkrankungen oder Medikationen nicht geimpft werden können, sowie Neugeborene, die noch nicht geimpft sind. /

Steckbrief: Masern

Masernvirus: RNA-Virus

Wirtsorganismus: infizierte und akut erkrankte Menschen

Infektionsweg: Tröpfcheninfektion

→ wichtig: Das Masernvirus führt bereits nach kurzer Exposition zu einer Infektion (Kontagionsindex nahe 100 Prozent) und löst bei mehr als 95 Prozent der ungeschützten Infizierten klinische Symptome aus (Manifestationsindex nahe 100 Prozent)

Inkubationszeit: 8 bis 10 Tage bis zum katarrhalischen Stadium mit grippeähnlichen Symptomen, 14 Tage bis zum Ausbruch des Exanthems

Dauer der Ansteckungsfähigkeit: beginnt bereits 3 bis 5 Tage vor Auftreten des Exanthems und hält bis 4 Tage nach dessen Auftreten an, insgesamt 7 bis 9 Tage; am größten unmittelbar vor Erscheinen des Exanthems

Symptome: zweiphasiger Verlauf

1. Phase: Fieber, Konjunktivitis, Schnupfen, Husten, Ausschlag im Bereich der Mundschleimhaut (Koplik-Flecken)

2. Phase (3 bis 7 Tage später): charakteristisches Exanthem: Beginn im Gesicht und hinter den Ohren; Exanthem hält 4 bis 7 Tage an; beim Abklingen oft kleieartige Schuppung

Maserninfektion verursacht eine vorübergehende Immunschwäche von mindestens sechs Wochen

→ wichtig: erhöhtes Risiko für bakterielle Superinfektionen, vor allem Masern-assoziierte Otitis media, Bronchitis, Pneumonie, Diarrhöen; besonders gefürchtet: akute postinfektiöse Enzephalitis

seltene Spätkomplikation: SSPE (subakute sklerosierende Panenzephalitis); tritt durchschnittlich 6 bis 8 Jahre nach der Infektion auf

Letalität in Deutschland: rund 1 Todesfall pro 1000 Masernerkrankten (0,1 Prozent)

Immunität: lebenslang