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Ramadan

Fasten mit Dauermedikation

24.05.2016  10:36 Uhr

Von Claudia Timmermann / Fasten im Namen Allahs – gläubige Muslime begehen in diesem Jahr vom 6. Juni bis zum 04. Juli den Fastenmonat Ramadan. Neben Essen und Trinken verzichten sie zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang oft auch auf ihre Medikamente, obwohl ihre Gesundheit darunter leiden kann. PTA und Apotheker sollten Patienten daher umfassend beraten.

Für viele Muslime stellt sich in der Zeit des Ramadans die Frage, wie und ob sie ihre Medikamente weiter einnehmen sollen. Tatsächlich gelten die Fastenregeln bei Tageslicht nicht nur für die Nahrungsaufnahme, sondern auch für bestimmte Arzneiformen. Um keinen Fehler zu begehen, verzichten viele Muslime komplett auf ihre Medizin. Das kann gerade für chronisch Kranke fatale Folgen haben.

In Anbetracht von mehr als vier Millionen Muslimen, die in Deutschland leben, besteht ein enormer Beratungsbedarf zur Fasten-konformen Arzneimitteltherapie. Hier tut sich ein weites Feld für Apotheker und PTA auf, und damit die Möglichkeit, Beratungskompetenz und Einfühlungsvermögen zu zeigen. Wer darf welche Arzneimittel wann und wie anwenden?

Keine Tabletten

Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen vor allem die peroral einzunehmenden Arzneiformen. Egal, ob Tabletten, Tropfen oder Säfte – was durch den Mund in den Magen gelangt, ist laut Fastenregeln am Tag verboten. Das betrifft besonders chronisch Kranke, die ihre Medikamente normalerweise nach einem bestimmten Schema über den Tag verteilt einnehmen. Zwar besteht für Chroniker, genau wie für Schwangere und Stillende, keine Pflicht zu fasten, viele Gläubige möchten aber dennoch an den Ritualen des Ramadans teilnehmen. Diesen Wunsch ernst zu nehmen und diese Patienten für die Notwendigkeit ihrer medikamentösen Therapie zu sensibilisieren, stellt das Apothekenteam vor große Herausforderungen. Diese lassen sich am besten meistern, wenn man den behandelnden Arzt mit ins Boot holt. Denn letztendlich entscheidet er über Dosisanpassungen oder verschreibt alternative Arzneiformen.

Nach Alternativen suchen

Für Schmerzpatienten besteht zum Beispiel oftmals die Möglichkeit, Medikamente mit kurzer Wirkdauer wie Filmtabletten oder Tropfen gegen retardierte Formen auszutauschen. Ebenso können peroral anzuwendende Schmerzmittel oder Hormonpräparate durch transdermale Systeme ersetzt werden.

Wer unter hohem Blutdruck oder anderen Herz-Kreislauf-Erkrankungen leidet, sollte wissen, dass er seine Dauertherapie keinesfalls unterbrechen darf. Bei niedrig dosierten Präparaten reicht es oft schon aus, die Einnahmezeiten zu verschieben. Infrage kommen aber auch hier Retard-Arzneimittel oder Schnell-Langsam-Kombinationen. Solche Umstellungen sollten aber nicht von heute auf morgen erfolgen, sondern bestenfalls bereits einige Wochen vor dem Fastenmonat und unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle. Vorsicht vor Wechselwirkungen bei der Einnahme mehrerer Arzneimittel gegen verschiedene Erkrankungen: Ein detaillierter Plan, welche Medikamente vor oder nach den erlaubten Mahlzeiten eingenommen werden sollen, kann verhindern, dass alle Mittel auf einmal geschluckt werden.

Nitrosprays oder Zerbeiß-Kapseln zur Behandlung oder Vorbeugung einer Angina pectoris sind im Bedarfsfall zu jeder Tageszeit erlaubt. Diese und alle anderen sublingualen Arzneiformen fallen nicht unter das Fastengebot. Genauso verhält es sich mit Inhalationen und Sprays zur Asthmatherapie, die Erkrankte ohne Einschränkungen nehmen dürfen.

Fastenregeln und ihre Ausnahmen

  • Kein Essen, Trinken, Rauchen, Geschlechtsverkehr ­zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang
  • Ausgenommen sind chronisch Kranke, alte Menschen, Schwangere, Stillende, Kinder, Reisende
  • Wer nicht fastet, muss entweder verpasste Fastentage nachholen oder an Bedürftige spenden

Sonderfall Diabetes

Entschließen sich Diabetiker an den Ritualen des Ramadans teilzunehmen, sollten sie wissen, was sie aufgrund ihrer Erkrankung beachten müssen. Grundsätzlich gilt: Fasten und Diabetes schließen sich nicht aus – vorausgesetzt, die Betroffenen haben fundierte Kenntnisse über ihren Stoffwechsel und noch keine Folgeerkrankung entwickelt. Hier sind Apotheker und PTA neben dem behandelnden Diabetologen wichtige Ansprechpartner. Erklären Sie Ihren Patienten die Risiken einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) und Überzuckerung (Hyperglykämie), einer diabetischen Ketoazidose sowie die Gefahren einer Dehydrierung und Thrombose. Denn nur wer über mögliche Komplikationen und deren Symptome und Folgen Bescheid weiß, kann sie vermeiden. Stabile Blutzuckerwerte sind das A und O für die Nahrungskarenz. Diabetiker, die in den Wochen vor dem Ramadan mehrmals stark unterzuckert waren, sollten nicht fasten.

Gerade wenn der Ramadan wie in diesem Jahr im Sommer stattfindet, also zu der Jahreszeit, in der zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang fast 18 Stunden liegen, droht der Organismus auszutrocknen. Fehlt dem Körper Flüssigkeit, reagiert er möglicherweise mit Übelkeit und Erbrechen, Kopfschmerzen oder Verwirrtheit. Schlimmstenfalls bilden sich Gerinnsel in den Blutgefäßen. Stellen Diabetiker Symptome wie Juckreiz, Schwellungen oder Schmerzen vor allem in den Beinen fest, können dies Anzeichen einer Thrombose sein, die unverzüglich ein Arzt abklären muss.

Damit Diabetiker unbeschadet durch den Fastenmonat gelangen, gilt es, einige grundsätzliche Regeln einzuhalten.

1. Regel: Das Fasten im Notfall unterbrechen!

2. Regel: Unabhängig vom Diabetes-Typ sollte der Blutzucker engmaschig kontrolliert werden. Bei Werten unter 3,3 mmol/l und über 16 mmol/l das Fasten sofort beenden!

3. Regel: Die Insulingabe und Medikamenten-Einnahme nach Rücksprache mit dem Diabetologen an den umgekehrten Tag-Nacht-Rhythmus anpassen.

4. Regel: Nach dem Fastenbrechen viel Wasser oder ungesüßten Tee trinken.

5. Regel: Zu den erlaubten Mahlzeiten kohlenhydratreiche Lebensmittel mit niedrigem glykämischen Index wie Vollkornprodukte, Haferflocken, Grieß und Reis zu sich nehmen. Sehr Süßes und Fettiges besser meiden.

6. Regel: Moderate körperliche Aktivität ist unbedingt empfehlenswert.

Typ-I-Diabetiker, die die Intensivierte Konventionelle Insulintherapie (ICT) anwenden, decken ihren Basis-Tagesbedarf an Insulin mit einem Verzögerungsinsulin, das sie sich vor Sonnenaufgang spritzen. Zu den erlaubten Mahlzeiten injizieren sie sich zusätzlich die entsprechende Menge kurz wirksames Insulin, auch Bolus-Insulin genannt. Die Dosis hängt dabei von den zugeführten Broteinheiten und dem aktuellem Blutzuckerwert ab. Etwas komplizierter gestaltet sich das Fasten unter Umständen für Diabetiker, die die Konventionelle Insulintherapie (CT) anwenden. Denn diese Behandlungsform verlangt normalerweise fünf bis sechs kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt, um Unterzuckerungen zu vermeiden. Die morgendliche Dosis des verwendeten Mischinsulins sollten sie also auf jeden Fall reduzieren. Eine zweite Insulingabe erfolgt zur Abendmahlzeit, abhängig davon, wie üppig das Essen ausfällt, aber deutlich niedriger als üblich.

Typ-II-Diabetiker, deren Therapie auf oralen Antidiabetika basiert, sollten laut Expertenmeinung ihre Tagesdosis weglassen und das betreffende Medikament abends vor dem Fastenbrechen einnehmen. Wer zusätzlich auf ein Basalinsulin eingestellt ist, sollte dieses vor Sonnenaufgang spritzen.

Medikamente im

Nach Sonnenuntergang

Traditionell beenden die Muslime das tägliche Fasten mit dem sogenannten Fastenbrechen, dem Iftar. Meist besteht dieses bescheidene Mahl aus Datteln, Brot, Wasser und Gemüsebrühe. Das daran anschließende Abend­essen fällt mit Fisch und Fleisch allerdings wesentlich üppiger aus und wird in der Regel im Familien- und Freundeskreis zelebriert. Hier ist in der Beratung besonders viel Fingerspitzengefühl erforderlich: Denn der Hinweis, bei diesen Mahlzeiten Maß zu halten, stößt bei Patienten nicht uneingeschränkt auf Verständnis. Er ist dennoch nötig und wichtig, um Verdauung und Kreislauf zu schonen, bei Diabetikern Hyperglykämien zu vermeiden und das Körpergewicht zu halten. /