PTA-Forum online
Sonnenschutz

Pflanzenöle nicht geeignet

24.05.2016
Datenschutz

Von Carina Steyer / Der Sommer naht und mit ihm das Thema Sonnenschutz. In zahlreichen Internet-Foren und Blogs stößt man derzeit auf Rezepte für selbstgemachte Sonnenöle aus Pflanzenölen. Sie sollen einen Lichtschutzfaktor erreichen, der mit dem handelsüblicher Sonnencremes vergleichbar ist. Doch der Trend hält nicht, was er verspricht.

Natürlich sollen sie sein und einfach selbst herzustellen: Selbstgemachte Sonnenöle, zum Beispiel mit rotem Himbeersamenöl, Weizenkeimöl oder Kokosöl. Die Rezepte lesen sich einfach – je nach gewünschtem Lichtschutzfaktor werden die Öle in unterschiedlichen Anteilen zusammengemixt. Als Anhaltspunkt dienen dabei Tabellen, die den angeblichen Lichtschutzfaktor der einzelnen Öle darstellen. Rotes Himbeersamenöl soll nach Angaben verschiedener Blogs etwa einen Lichtschutzfaktor (LSF) von 30 bis 50 haben, Weizenkeimöl wird dort mit LSF 20 versehen und Kokosöl mit LSF 10. Quellenangaben, woher die Zahlen stammen, fehlen dabei in der Regel.

Die Anhänger selbst hergestellter Kosmetik verweisen im Internet darauf, dass sie in südlichen Urlaubsländern von Einheimischen die Tipps zur Verwendung pflanzlicher Öle als Sonnenschutzmittel bekommen hätten und dass dies dort eine gängige sowie sichere Methode sei. Es ist tatsächlich so, dass in einigen Ländern pflanzlichen und auch tierischen Ölen eine Sonnenschutzwirkung nachgesagt wird, und diese auch zu diesem Zweck angewendet werden. Vor allem in Indien ist das Auftragen von Ölen auf den Kopf und den Körper speziell vor dem Baden eine weit verbreitete Tradition. Nicht zu vergessen ist dabei aber auch, dass in vielen tropischen Ländern Sonnenschutzmittel teure Importprodukte sind und weiten Teilen der Bevölkerung nicht zur Verfügung stehen.

Welche Sonnenschutzwirkung von traditionell in Indien verwendeten Ölen tatsächlich ausgeht, wurde erstmals 2004 von einem Team indischer Geologen untersucht. Am Center für Geowissenschaften in Akkulam maßen die Wissenschaftler mit einem Spek­trometer die Durchlässigkeit für Sonnenstrahlen von Kokosöl, Erdnussöl, Riziniusöl, Olivenöl, Neemöl, Sonnenblumenöl, Sesamöl und Lebertranöl. Mit einer Durchlässigkeit zwischen 60 und 70 Prozent sind die Öle den Ergebnissen zufolge keinesfalls als sicheres Sonnenschutzmittel einsetzbar. Die traditionelle Verwendung sei eher aus Mangel an Alternativen entstanden, so das Fazit der Wissenschaftler.

Ultraviolette Strahlung

Die ultraviolette Strahlung umfasst den Wellenlängenbereich zwischen 280 und 400 nm. Unterteilt wird der Bereich in UV-A-Strahlung (320 bis 400 nm) und UV-B-Strahlung (280 bis 320 nm). Während UV-A-Strahlung die Haut zunächst unsichtbar schädigt, zeigt sich eine Überdosis an UV-B-Strahlung schnell in Form eines Sonnenbrands. Zwei weitere indische Wissenschaftler, Anil Kumar und Kandenkaniath Viswanathan von der Karpagam Universität in Tamilnadu, haben sich deshalb für die Schutzwirkung der indischen Öle vor UV-B-Strahlung interessiert. Neben Kokosöl, Erdnussöl, Riziniusöl, Neemöl und Sesamöl untersuchten sie im Jahr 2013 auch Senföl sowie Hühneröl. Die Verwendung von Hühneröl ist in Südindien weit verbreitet. Neben dem Sonnenschutz soll es auch eine Heilwirkung bei Sonnenbränden haben. Es wird gewonnen, indem Hühnerknochen bei 140 °C gekocht werden. Das dabei entstehende Öl wird abgeschöpft.

Kumar und Kandenkaniath kamen dabei zu einem ähnlichen Ergebnis wie das indische Geologenteam. Keines der Pflanzenöle zeigte eine nennenswerte Schutzwirkung gegen UV-B-Strahlung, einzig das Hühneröl wird mit einer Durchlässigkeit von 25 Prozent von den Wissenschaftlern als akzeptabel bewertet. Einen großen Nachteil hat das Öl allerdings: Der Geruch nach Huhn ist nicht zu überdecken.

Geringer Schutz

Zum besseren Vergleich von Pflanzenölen und Sonnenschutzmitteln haben Dr. Chanchal Deep Kaur und Dr. Swarnlata Saraf von der Ravishankar Shukla Universität in Raipur den Lichtschutzfaktor einiger Öle berechnet. Der LSF ist der Quotient aus minimaler Erythemdosis (Zeitspanne bis zum Auftreten minimaler Hautrötung) der geschützten und ungeschützten Haut. Die Studienautoren verzichteten nach eigenen Angaben auf Testpersonen, um Hautschäden zu vermeiden. Sie verwendeten stattdessen eine mathematische Formel. Den höchsten Lichtschutzfaktor konnten Saraf und Kaur demnach für Olivenöl und Kokosöl mit 7 berechnen. Alle anderen Öle haben geringere LSF und gelten per Definition nicht als Sonnenschutzmittel.

Tabelle: UV-B-Durchlässigkeit verschiedener pflanzlicher und tierischer Öle

Öl UV-B-­Durchlässigkeit (in Prozent)
Hühneröl 25
Lebertranöl Fast 100
Kokosöl Fast 100
Neemöl 65
Sesamöl 70
Rizinusöl 75
Erdnussöl Fast 100
Senföl Fast 100

(Quelle: K. Anil Kumar, K. Viswanathan: ­Study of UV Transmission through a Few Edible Oils and Chicken Oil, Journal of Spectroscopy, ­Volume 2013 (2013), Article ID 540417)

Trügerische Sicherheit

Woher die im Internet kursierenden hohen LSF-Angaben stammen, etwa 30 bis 50 für das rote Himbeersamenöl, ist unklar. Möglicherweise geht die Angabe auf eine im Jahr 2000 veröffentlichte Studie des kanadischen Agrarwissenschaftlers Dr. B. Dave Oomah zurück. Er hatte damals untersucht, ob Himbeersamen, die als Abfallprodukt in der Himbeerverarbeitung anfallen, noch anderweitig verwendet werden können. Dabei hatte er unter anderem auch die UV-Absorption des Öls bestimmt.

Das Himbeersamenöl konnte sowohl UV-B- als auch UV-A-Strahlung absorbieren, die ermittelten Werte wurden allerdings nicht veröffentlicht. Oomah mutmaßte, dass Himbeersamenöl möglicherweise hochkonzentriert als Breitbandfilter verwendet werden könne. Weitere Untersuchungen, die sich näher mit dieser Hypothese beschäftigen, gibt es aber nicht. Im vergangenen Jahr hat eine rumänische Arbeitsgruppe der Polytechnischen Universität in Bukarest eine Studie veröffentlicht, in der unter anderem der LSF für Himbeersamenöl berechnet wurde. Das ernüchternde Ergebnis ist ein LSF von 1.

Tabelle: Mathematisch ermittelter Lichtschutzfaktor verschiedener Pflanzenöle

Öl LSF
Kokosöl 7
Olivenöl 7
Rizinusöl 5
Mandelöl 4
Senföl 2
Chaulmoogra-Öl 2
Sesamöl 1

(Quelle: Kaur und Saraf: In vitro sun protection factor determination of herbal oils used in ­cosmetics, Pharmacognosy Res. 2010 Jan-Feb; 2(1): 22–25.)

Gefährlicher Trend

Die Studienlage zeigt recht klar, dass Pflanzenöle als Sonnenschutzmittel nicht geeignet sind. Keines der in Foren oder Blogs empfohlenen Öle erreicht eine ausreichende Schutzwirkung vor UV-Strahlung. Zudem zeigt sich, dass die experimentell ermittelte Schutzwirkung Schwankungen unterliegt, was bei einem nicht standardisierten Naturprodukt normal ist.

Eine weitere Gefahr geht von der in vielen Rezepten empfohlenen Zugabe ätherischer Öle aus. Ähnlich wie Parfüms oder parfümierte Kosmetika können ätherische Öle unter UV-A-Einwirkung phototoxische Reaktionen hervorrufen. Die Haut rötet sich, es können Blasen auftreten, und schließlich kommt es zu einer Hyperpigmentierung. Schwitzen und feuchte Haut fördern die Reaktion zusätzlich.

PTA und Apotheker sollten Kunden, die Interesse an selbstgemachten Sonnenölen äußern, konsequent davon abraten. Vielmehr sollten sie über Wirkung und Unbedenklichkeit der in der Apotheke erhältlichen Sonnenschutzprodukte informieren. Das Interesse an selbstgemachten Sonnenölen resultiert meist aus Bedenken gegenüber chemischen und physikalischen UV-Filtern. Viele Verbraucher befürchten gesundheitliche Auswirkungen, etwa das Eindringen von Nanopartikeln in den Organismus. Sie sind daher auf der Suche nach einer vermeintlich gesunden Alternative.

Bis heute kamen allerdings alle wissenschaftlich unabhängigen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Nano­partikel mit einer Größe über 40 nm, wie sie in Sonnenschutzmitteln enthalten sind, nicht in den Organismus aufgenommen werden. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung hat 2010 in einer Stellungnahme die Unbedenklichkeit physikalischer Filter bestätigt. Für chemische Filter hat das Bundesinstitut für Risikobewertung zuletzt 2003 eine umfassende Bewertung veröffentlicht, in der nahezu alle auf dem Markt befindlichen Substanzen als gesundheitlich unbedenklich eingestuft wurden. /