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Schlafstörungen bei Kindern

Von Apnoe bis Zähneknirschen

24.05.2016  10:36 Uhr

Von Maria Pues, Bielefeld / Nicht nur zu viel Zeit vor dem Fernsehgerät oder dem Computer kann bei Kindern zu Schlafstörungen führen. Auch organische Ursachen kommen infrage. Aber nicht ­alles, was sich unerwünscht im Schlaf ereignet, bedarf auch der Behandlung.

Einen Überblick über die vielen möglichen Ursachen für Schlafstörungen bei Kindern und deren Behandlungsmöglichkeiten gaben Dr. Alfred Wiater, Krankenhaus Porz am Rhein, Köln, und Professor Dr. Angelika Schlarb, Abteilung für Psychologie, Universität Bielefeld, auf der diesjährigen Frühjahrstagung der Arbeitsgruppe Pädiatrie der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin in Bielefeld. Die beiden Referenten orientierten sich an der interna­tionalen Klassifikation für Schlafstörungen. Diese unterscheidet unter ­anderem chronische Insomnien, schlafbezogene Atmungsstörungen, zentrale Hypersomnien wie Narkolepsie, Parasomnien wie Schlafwandeln, Nachtschreck und Albträume und schlafbezogene Bewegungsstörungen wie das Restless-Legs-Syndrom.

Chronische Insomnien

Chronische Insomnien nehmen einen großen Anteil der Schlafstörungen ein, berichtete der Kinderarzt Wiater. Definitionsgemäß tritt dabei mindestens einen Monat lang mehr als drei Mal pro Woche Schlaflosigkeit auf, die zu Beeinträchtigungen des Verhaltens am Tag führt. Diese chronischen Insomnien lassen sich in verschiedene Gruppen einteilen. Eine davon bilden zum Beispiel Insomnien durch eine ungeeignete Schlafhygiene. So kann unter anderem eine übermäßige Reizeinwirkung vor dem Schlafen – ein fesselndes Computerspiel oder spannender Actionfilm – einen erholsamen Schlaf behindern. Solche Aktivitäten beschäftigen Kinder und Jugendliche nach dem Zubettgehen in Gedanken weiter und verhindern, dass sie zur Ruhe kommen. Aber auch Stress und Erregung, etwa durch einen Streit in der Familie, können zu Schlaflosigkeit führen, ebenso nächtliche Störungen und/oder eine unbequeme Schlafstätte sowie unregelmäßige Schlaf-Wach-Zeiten. Eine zweite wichtige Gruppe bilden verhaltensbedingte Insomnien. Hier spielt unter anderem die Erziehung eine wichtige Rolle, zum Beispiel mangelnde Grenzen, eine uneingeschränkte kindliche Anspruchshaltung, aber auch eine verzögerte kindliche Eigenständigkeit.

Interessant dabei ist, dass Kinder in Untersuchungen selbst häufiger von ihren Schlafproblemen (Ein- und Durchschlafschwierigkeiten, Tagesmüdigkeit) berichten als ihre Eltern. Über alle Studien hinweg habe sich gezeigt, dass die Angaben der Kinder der Wirklichkeit näher kämen als die der Erwachsenen, berichtete Wiater. Den deutlichsten Unterschied sah man in der Kölner Kinderschlafstudie (2002 bis 2006) bei Neunjährigen. In der Studie wurden die Kinder auch nach eventueller Tagesmüdigkeit als Ausdruck von nicht erholsamem Nachtschlaf gefragt. Dabei berichtete fast ein Drittel der Neun- bis Elfjährigen, dass sie manchmal oder häufig am Tage müde seien. Mit Auswirkungen auf das Konzentrationsvermögen und auf schulische Leistungen darf dabei gerechnet werden.

Alterstypische Symptome bei OSA

Säugling

  • Schluck-Saug-Koordinationsstörung
  • Gedeihstörung
  • Wachstumsretardierung
  • vermehrte Infekte durch Aspiration
  • Apnoen während des Schlafs
  • exzessives Schwitzen im Schlaf
  • motorische Unruhe
  • Schnarchen (26 %)
  • geräuschvolle Atmung (44 %)

Kleinkind

  • Hypermotilität
  • Untergewicht
  • Mundatmung
  • kloßige Sprache
  • verzögerte Sprachentwicklung
  • Schnarchen
  • abnorme Schlafposition (überstreckter Kopf, Knie- Ellenbogen)
  • vermehrter Nachtschweiß
  • unruhiger Schlaf
  • sekundäre Enuresis (Einnässen)
  • Albträume
  • Tagesmüdigkeit

Schulkind

  • Tagesmüdigkeit
  • Lern- und Schulschwierigkeiten
  • Konzentrationsstörungen
  • Kopfschmerzen, besonders morgens
  • sozialer Rückzug
  • aggressives/hyperaktives Verhalten
  • Mundatmung
  • Schnarchen

Bei der Behandlung stehen verhaltenstherapeutische Beratungen, das Erlernen von Entspannungstechniken oder psychotherapeutische Maßnahmen im Vordergrund. Erst wenn diese erfolglos blieben, könnten als letzte Möglichkeiten hoch dosierter Baldrian oder – im Rahmen eines individuellen Heilversuchs – Melatonin verordnet werden. Dabei handelt es sich oft um Off-Label-Anwendungen, da viele der entsprechenden Arzneimittel für Kinder nicht zugelassen sind. Hoch dosierte Baldrianpräparate wie Sedonium® oder Baldriparan® Stark für die Nacht dürfen laut Packungsbeilage bei Kindern ab zwölf Jahren angewendet werden. Melatonin-haltige Arzneimittel sind zur Anwendung bei Kindern nicht zugelassen.

Melatonin sollte im Rahmen eines individuellen Heilversuchs auch nicht leichtfertig eingesetzt werden, mahnte Wiater. Es wirkt über eine Normalisierung des zirkadianen Rhythmus‹ und wird kurz vor dem Einschlafen eingenommen. Meist lasse sich schon nach wenigen Tagen erkennen, ob es wirkt. Wochenlange Therapieversuche sollten daher unterbleiben, wenn sich anfangs kein Erfolg zeigt. Bei Kindern und Jugendlichen wirke Licht in der Regel als stärkerer Rhythmusregulator als exogenes Melatonin.

Die Behandlung von chronischen Insomnien bei Kindern schließe die Eltern mit ein, erläuterte Psychologin Schlarb, denn diese seien oft sehr gestresst. Daher sehe das Therapieprogramm KiSS (Kinder mit Schlafschwierigkeiten) nicht nur Entspannungstechniken für das Kind vor, sondern auch für Eltern. Für diese gebe es Entspannungselemente, die sich auch mit einem knappen Zeitbudget anwenden lassen. Daneben gelte es zu vermitteln, dass es sich beim Schlafen um einen Prozess handele, den man erlernen kann – oder muss. Manche Eltern müssen dabei umdenken. Einstellungen wie »Ich bin die/der Einzige, der mein Kind beruhigen kann, wenn es nachts wach wird«, gilt es dabei als Trugschluss zu entlarven. Manche Kinder müssten vielmehr in Sachen Schlaf mehr Selbstvertrauen entwickeln. »Wie kann ich mir selbst helfen, wenn ich im Dunkeln Angst habe, wenn schlechte Träume mich geweckt haben oder wenn ich allein in einem Bett schlafen muss?«, illustrierte Schlarb den Lernprozess der Kinder.

Schlafbezogene Atmungsstörungen

Schlafbezogene Atmungsstörungen (SBAS) sind ein klassischer Fall organisch bedingter Schlafstörungen. Zu diesen gehören unter anderem das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom (OSAS) bei Kindern, bei dem es zu Atempausen während des Schlafs kommt, oder als Folge einer Erkrankung die schlafbezogene Hypoventilation, ein Anstieg des Kohlendioxidgehaltes im Blut.

Schnarchen trete bei diesen Kindern zwar häufig als Symptom auf, sei aber nicht beweisend, führte Wiater aus. Welche Symptome bei Kindern der verschiedenen Altersstufen Hinweise auf eine OSAS liefern können, zeigt der Kasten. Häufig liegen die Ursachen auch im Hals-Nasen-Ohren-Bereich, etwa bei vergrößerten Rachen- oder Gaumenmandeln, die es dann operativ zu verkleinern oder zu entfernen gelte. Aber auch Kieferfehlstellungen können zu SBAS führen, etwa ein offener Biss oder ein Überstehen der oberen Zahnreihe. Eine kieferorthopädische Behandlung kann in diesen Fällen Besserung bringen.

Narkolepsie

Zu viel Schlaf, auch das gibt es. Unterschieden werden hier unter anderem die idiopathische Hypersomnie, Hypersomnie durch andere Erkrankungen oder Hypersomnie bei psychischen Erkrankungen. Eine Narkolepsie ist gekennzeichnet durch eine ausgeprägte Tagesschläfrigkeit, die ihre Ursache nicht in unzureichendem Nachtschlaf hat, sondern in einer Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus. Daneben kann es zu Kataplexien, kurzen Episoden von plötzlichem Muskelversagen, kommen, zu sogenannten hypnagogen Halluzinationen (Halluzinationen im Zustand zwischen Schlafen und Wachen, also kurz vor dem Einschlafen oder Aufwachen) oder Schlaflähmungen.

Schlafhygiene bilde zwar eine Maßnahme in der Therapie der Narkolepsie, sie reiche jedoch alleine nicht aus, betonte der Kinderarzt Wiater. Methylphenidat ist das einzige Arzneimittel, das zur Behandlung der kindlichen Narkolepsie zugelassen ist, führte er aus. Angewendet würden in Einzelfällen außerdem Modafinil, Clomipramin oder 4-Hydroxybutansäure.

Parasomnien

Als Parasomnien bezeichnen Mediziner Verhaltensauffälligkeiten, die aus dem Schlaf heraus auftreten, unter anderem das Schlafwandeln (Somnambulismus), den Nachtschreck (Pavor nocturnus) und Albträume. Kennzeichen und Unterschiede fasst der Kasten zusammen.

Anders als von Laien vielfach angenommen, besteht beim Schlafwandeln durchaus die Gefahr, sich zu verletzen. Eltern könnten das Risiko jedoch durch einige Sicherheitsmaßnahmen reduzieren, sagte Schlarb. So sollten sie Hindernisse aus dem Schafzimmer entfernen, über die das Kind beim Schlafwandeln stolpern könnte. Fensterriegel sollten so gesichert werden, dass das Kind nicht im Schlaf die Fenster öffnen und hinausfallen kann. Auch Alarmvorrichtungen an Fenstern und Türen können die Sicherheit erhöhen. Manchmal helfe es bereits, das Bettgestell gegen eine Matratze am Boden zu tauschen.

Parasomnien

Schlafwandeln

  • familiäre Häufung
  • 15 % aller 5- bis 12-Jährigen
  • vor Mitternacht aus dem Tiefschlaf
  • Amnesie
  • schlecht koordinierte Bewegungen
  • Verletzungsgefahr!

Nachtschreck

  • Vorschulalter
  • 4 % aller Kinder
  • vor Mitternacht aus dem Tiefschlaf
  • Amnesie
  • Angst
  • autonome Erregung

Albträume

  • 4 % aller Schulkinder
  • nach Mitternacht im REM-Schlaf
  • Angstträume mit motorischer ­Inaktivierung
  • Erinnerung an Trauminhalte
  • häufig psychogene Ursachen

Schafbezogene Bewegungsstörungen

Das Restless-Legs-Syndrom (RLS) kennen viele vor allem als eine Erkrankung älterer Menschen. Doch es kann sich bereits bei Kindern zeigen. Sie verspüren dann vor allem in Ruhe einen Bewegungsdrang der Beine, oft gekoppelt mit weiteren Missempfindungen wie Kribbeln oder Schmerzen. Die Beschwerden bessern sich meist bei Bewegung. Besonders intensiv sind sie hingegen abends und/oder nachts. Zu den Kriterien, die eine Diagnose stützen können, gehören weitere Familienmitglieder, bei denen bereits ein RLS diagnostiziert wurde, Beschwerdebeschreibungen des Kindes in seinen eigenen Worten sowie nachgewiesene Schlafstörungen. In der Labordiagnostik zeigen sich bei RLS-Patienten häufig auffallend niedrige Ferritinwerte (unter 50 ng/ml). Dann sei eine Eisen-Substitution angezeigt, sagte Wiater. Die Behandlung erfolge ansonsten mit L-Dopa plus Carbidopa oder mit Carbamazepin beziehungsweise Gabapentin.

Bei sogenannten rhythmischen Bewegungsstörungen leiden betroffene Kinder häufig unter einem stereotypen Kopfschlagen, Kopf- oder Körperrollen. Die Bewegungen setzen kurz vor dem Einschlafen oder im Schlaf ein und werden gelegentlich von Geräuschen begleitet. Die Behandlung erfolgt verhaltenstherapeutisch. Keiner Behandlung bedarf es hingegen, wenn Kinder im Schlaf sprechen. Es handelt sich bei um ein normales Phänomen, das gelegentlich auftritt. Nicht mit ernsthaften psychischen oder physischen Erkrankungen in Zusammenhang steht auch das häufig vorkommende Zähneknirschen (Bruxismus). Auch hier ist keine psychotherapeutische oder pharmakologische Therapie erforderlich. Gegebenenfalls kann jedoch eine Aufbissschiene die Zähne schützen. /