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Arzneimittel mit Suchtpotenzial

Von Gebrauch zu Missbrauch

24.05.2016  10:38 Uhr

Von Kornelija Franzen / Etwa zwei Millionen Deutsche nehmen Medikamente ohne medizinische Notwendigkeit ein. Man spricht von Arzneimittelmissbrauch oder -abhängigkeit. Neben einigen verschreibungspflichtigen Substanzen bergen auch verschiedene OTC-Präparate ein Fehl- oder Übergebrauchsrisiko. Bei Verdacht auf eine falsche Anwendung sollten PTA und Apotheker einfühlsam aufklären und Lösungsmöglichkeiten anbieten.

Ein Arzneimittelmissbrauch ist definiert als Fehl- und/oder Übergebrauch beziehungsweise die Anwendung eines Medikaments ohne medizinische Indikation. Der Missbrauch psychotroper (zentral wirksamer) Substanzen kann dabei den Zustand der Arzneimittelabhängigkeit (umgangssprachlich Sucht) auslösen. Dieser ist gekennzeichnet durch ein zwanghaftes, kaum beherrschbares Verlangen, den Arzneistoff zu konsumieren. Körperliche Folgeschäden werden in Kauf genommen, familiäre und soziale Verpflichtungen oft vernachlässigt und dem Konsum untergeordnet. Versuche, die Einnahme zu beenden, scheitern meist an Entzugssymptomen.

Psychotrope Arzneimittel mit Abhängigkeitspotenzial sind Tranquilizer, Hypnotika, Opiate und Amphetamine. Um das Missbrauchsrisiko zu minimieren, unterliegen sie in der Regel der Verschreibungspflicht beziehungsweise der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung. Zu den Ausnahmen gehören OTC-Präparate mit Amphetamin-ähnlichen indirekten Sympathomimetika (wie Ephedrin, Pseudoephedrin und Phenylpropanolamin) sowie mit dem Alkaloid Coffein. Bei der Selbstmedikation spielen vor allem Substanzen mit hohem Missbrauchspotenzial eine wichtige Rolle, etwa Laxanzien, nicht steroidale Antirheumatika und abschwellende Rhinologika.

Hustenmittel mit Suchtgefahr

Zur Behandlung eines akuten Reizhustens infolge eines grippalen Infekts werden oft Präparate mit dem Antitussivum Dextromethorphan empfohlen. Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch verursacht das zentral wirksame Opioid­-Derivat keine Probleme. Nicht so bei Überdosierung: Dann kommt seine psychotrope Wirkung zum Tragen. Euphorische Rauschzustände und Halluzinationen können sich einstellen, die vor allem Jugendliche zum Missbrauch verleiten und in einer Abhängigkeit münden können. Die zeitgleiche Einnahme von Substanzen, die ebenso wie Dex­tromethorphan über CYP2D6 verstoffwechselt werden (zum Beispiel Amiodaron, Chinidin, Fluoxetin und Haloperidol), kann selbst im therapeutischen Bereich zu einer Überdosierung führen. Hat sich eine Substanzabhängigkeit entwickelt, sollte der Entzug professionell in einem Suchtzentrum erfolgen.

Gefährliche Aufputschmittel

Konzentrierter, wacher, effizienter – viele Menschen wollen ihre Leistungsfähigkeit über das normale Maß hinaus steigern. Sie laufen Gefahr, die Grenze zum Missbrauch zu überschreiten. Insbesondere in Prüfungsphasen oder bei einem stressigen Arbeitsalltag nutzen Patienten die anregende Wirkung des Alkaloids Coffein. Verschreibungsfrei wird es für eine kurzfristige Anwendung in Form von Tabletten angeboten. Ein wichtiger Hinweis: Täglich sollten nicht mehr als 200 mg eingenommen werden.

Als Aufputschmittel oder Appetithemmer mit Suchtpotenzial können ferner Grippemittel oder Kombinationspräparate gegen Allergiebeschwerden zweckentfremdet werden. Grund hierfür sind die darin enthaltenen indirekten Sympathomimetika Pseudo­ephedrin oder Phenylpropanolamin mit zentral erregender Wirkung.

Schlafmittelabusus

Verschreibungsfreie Schlafmittel werden von Patienten gemeinhin als harmlos eingestuft. Die Aufklärung über ihre Risiken ist jedoch wichtig. Rezeptfreie Hypnotika mit Missbrauchspotenzial sind Präparate mit einem H1-Antihistaminikum wie Doxylamin oder Diphenhydramin. Ihre Anwendung sollte auf maximal zwei Wochen beschränkt werden. Andernfalls kann es bei Einnahmeverzicht zu verstärkten Schlafstörungen kommen.

Hat sich eine Abhängigkeit eingestellt, sollte der Patient allmählich durch Dosisreduktion entwöhnt werden. Parallel kann die Einnahme schlafanstoßender Phytopharmaka mit Extrakten aus beispielsweise Bal­drianwurzel, Passionsblumenkraut oder Lavendelblüten empfohlen werden.

Analgetikakopfschmerz

Etwa 100 000 Deutsche leiden Schätzungen zufolge an einem Schmerzmittel-induzierten Kopfschmerz. Schuld ist ein Übergebrauch von Analgetika. Der chronische Dauerschmerz stellt sich vorrangig ein, wenn die Substanzen zur Bekämpfung eines primären Kopfschmerzes genutzt werden, nicht aber, wenn sie zur Behandlung einer anderen Erkrankung wie Rheuma oder Arthrose dienen. Der Pathomechanismus dahinter ist noch nicht hinreichend entschlüsselt.

Hellhörig sollten PTA und Apotheker werden, wenn Patienten berichten, dass sie an mehr als 10 bis 15 Tagen pro Monat und über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten zu schmerzstillenden Arzneimitteln greifen. Kombinationspräparate mit Stimulanzien wie Coffein stehen im Verdacht, ein erhöhtes Suchtrisiko zu haben.

Eine Entwöhnung sollte unter fachkundiger Anleitung erfolgen und eine psychotherapeutische Behandlung einschließen. Bei der Abgabe von Kopfschmerzpräparaten sollten PTA stets darauf hinweisen, dass die Arzneimittel maximal an drei aufeinanderfolgenden und nicht häufiger als an zehn Tagen im Monat anzuwenden sind.

Hinweise auf Arzneimittelmissbrauch

  • Häufigkeit der Nachfrage und der gewünschten Mengen
  • Hinweise auf Beschaffung aus mehreren Apotheken
  • Verschreibung kritischer Arznei­mittel auf Privatrezept oder durch ver­schiedene Ärzte für denselben Patienten
  • Manipulation von Arzneimitteln (Reklamation von Minderfüllung nach vorheriger Entnahme)
  • Rezeptfälschungen
  • Tricks der Medikamentenbeschaffung (angeblicher Rezeptverlust)

Quelle: Leitfaden der Bundesapothekerkammer

Süchtige Nase

»Bitte maximal zwei- bis dreimal täglich und nicht länger als eine Woche anwenden! So schützen Sie Ihre Nasenschleimhaut und beugen einer Gewöhnung vor.« So oder ähnlich weisen PTA und Apotheker ihre Kunden auf die richtige Anwendung abschwellender Rhinologika hin. Dennoch: Die Zahl derer, die diese Präparate missbräuchlich verwenden, ist groß. Grund hierfür ist das Rebound-Phänomen, das sich insbesondere bei Langzeit- oder Übergebrauch einstellt. Dabei nimmt die Wirkung der gefäßverengenden Sympathomimetika (wie Xylo- oder Oxymetazolin) allmählich ab und die Nasenschleimhaut schwillt kurze Zeit nach Applikation erneut an. Der Patient reagiert, indem er das Präparat abermals anwendet: So entsteht ein Teufelskreis. Dabei wird das Flimmerepithel irreversibel geschädigt, die Nasenschleimhaut atrophiert.

Damit es nicht soweit kommt beziehungsweise zur Entwöhnung sollte man die Dosis nicht abrupt, sondern schrittweise reduzieren. Bewährt hat sich die »Einloch-Methode«, wobei das abschwellende Präparat nur in ein Nasenloch gegeben wird. Die andere Nasenhälfte kann zeitgleich mit einer Kochsalz-, Meersalz-, Dexpanthenol- oder Hyaluronsäure-haltigen Zubereitung gepflegt werden. Ein guter Tipp für die Selbstmedikation ist auch das Ausweichen auf ein niedriger dosiertes Nasenspray oder Nasentropfen für Kinder.

Zweckentfremdet

Laxanzien wie Antrachinone, Natriumpicosulfat oder Bisacodyl erleichtern die Darmentleerung. Werden sie absichtlich überdosiert, reagiert der Darm mit Durchfall. Einige junge Frauen versuchen, so Gewicht zu verlieren – eine gefährliche Methode, die massive Flüssigkeits- und Elekrolytverluste nach sich ziehen kann. Insbesondere die Kaliumverarmung (Hypokaliämie) birgt Risiken wie bedrohliche Herzrhythmusstörungen, eine Rhabdomyolyse oder Nierenschäden. Kaliummangel verursacht seinerseits wiederum Darmträgheit.

Verdachtsmomente

Besteht ein begründeter Verdacht auf Substanzmissbrauch oder eine Abhängigkeit, sollte bei rezeptpflichtigen Präparaten der verschreibende Arzt informiert werden. Bei OTC-Arzneimitteln liegt es an PTA und Apotheker, behutsam aufzuklären und Lösungswege vorzuschlagen. In besonderen Fällen kann die Abgabe auch verweigert werden.

PTA können Patienten auf ortsnahe Selbsthilfegruppen (www.nakos.de) oder Suchtberatungsstellen aufmerksam machen. Verdachtsfälle anonymisiert der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) zu melden (Arzneimittelsicherheit: Unerwünschte Wirkungen melden), hilft dabei, Arzneimittelrisiken aufzudecken, und sorgt langfristig für Sicherheit. /