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Flugangst

Albtraum zwischen Start und Landung

22.05.2017
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Von Carina Steyer / Obwohl Flugzeuge zu den sichersten Verkehrsmitteln zählen, fürchten sich viele Menschen vor dem Fliegen – oft so sehr, dass sie Flugreisen vermeiden. Um dennoch die lang ersehnte Fernreise anzutreten, können Betroffene einiges gegen die Angst unternehmen.

Statistisch betrachtet ist die Angst vorm Fliegen unbegründet: Das Flugzeug ist das sicherste Verkehrsmittel. Berechnungen des Massachusetts Institute of Technology (MIT) zufolge müsste ein Fluggast 29 000 Jahre lang einmal täglich fliegen, bevor er tödlich verunglückt. Dennoch leiden laut dem Institut für Demoskopie Allensbach 16 Prozent der Erwachsenen in Deutschland unter akuter Flugangst. Weitere 22 Prozent verspüren deutliches Unbehagen beim Fliegen.

Flugangst, medizinisch als Aviophobie bezeichnet, gehört nach der internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) zu den spezifischen Phobien. Die individuellen Auslöser, Ursachen und Schwerpunkte können sehr unterschiedlich sein. Bei der reinen Flug­angst steht die Furcht vor einer technischen Katastrophe oder einem Absturz im Mittelpunkt. Oft wird die Flugangst aber auch durch negative Erlebnisse wie wetterbedingte Turbulenzen, Durchstartmanöver oder Notlandungen ausgelöst. Besonders anfällig dafür sind Passagiere, die anderen Belastungen ausgesetzt sind. Stress im Job oder in der Familie kann die Angst-Schwelle herabsetzen, sodass Betroffene schneller ängstlich reagieren als unbelastete Fluggäste. Unter den 30- bis 40-Jährigen ist Flugangst am stärksten verbreitet. Experten vermuten, dass die Häufung in diesem Lebensjahrzehnt durch die Doppelbelastung Beruf und Familie verstärkt wird.

In manchen Fällen verbirgt sich hinter der Angst vorm Fliegen aber auch eine andere Angst. Wer etwa unter Klaustrophobie leidet und sich damit vor engen, geschlossenen Räumen fürchtet, kann auf das »Nichtaussteigenkönnen« während des Fluges, die Enge der Sitze oder die Röhrenform des Flugzeugs panisch reagieren. Auch Höhenangst oder das sogenannte Beifahrersyndrom (Gefühl der Hilflosigkeit durch Kontrollabgabe an den Piloten) kommen als Auslöser in Frage. Auch Kinder übernehmen häufig Ängste unbewusst von einem Elternteil. Um Flugangst bei Kindern gar nicht erst entstehen zu lassen, ist es wichtig, dass Eltern ihre Ängste bearbeiten. Zudem sollten Kinder während einer Flugreise auf Unbekanntes wie den Druckausgleich oder Geräusche vorbereitet werden.

Der Angst stellen

Flugangst kann zahlreiche körperliche Symptome auslösen (siehe Kasten). Diese können schon vor oder während des Flugs auftreten. Oft malen sich Avio­phobiker bereits längere Zeit vor der Flugreise aus, was alles schiefgehen könnte. So stellt sich frühzeitig ein Angstgefühl ein, das sich bis zum Tag der Abreise kontinuierlich steigert.

Ist die Angst so groß, dass jeder Flug vermieden wird und der Betroffene da­runter leidet, ist es Zeit, etwas zu unternehmen. Von Alkohol oder Medikamenten zur Beruhigung raten Experten bei ausgeprägter Flugangst ab. Sie führen zu einer Gewöhnung, helfen aber nicht, die Angst dauerhaft zu über­winden. Besser sind spezielle Flugangsttrainings oder therapeutische Maßnahmen, die auf den Auslöser der Flugangst abgestimmt werden. Stecken beispielsweise andere Ängste hinter der Flugangst, kann eine Verhaltenstherapie helfen. Besonders bewährt hat sich die sogenannte Reizexposition und Reaktionsverhinderung: Der Betroffene lernt, sich auf die angstauslösende Situation einzulassen. Maßnahmen zur Angstreduktion muss er dabei unterlassen. So kann er verstehen, dass die Angst unbegründet ist und im Verlauf der Übung von selbst nachlässt.

Körperliche Symptome der Flugangst

  • schnellerer Herzschlag
  • flache und schnelle Atmung
  • Schwindelanfälle
  • Erstickungsgefühle
  • Muskelanspannung
  • Durchfall
  • starker Harndrang
  • Bauchschmerzen
  • Panikattacken
  • Schweißausbrüche
  • Feuchte oder kalte Hände
  • Herzrasen
  • Gefühl, keine Luft zu bekommen
  • Appetitlosigkeit
  • Übelkeit
  • Zittern

Aviophobiker, deren Angst auf Fehlinformationen oder schlechten Erfahrungen basiert, können ihre Ängste reell oder virtuell angehen. In beiden Fällen soll das Vermeidungsverhalten durch die Konfrontation mit dem Fliegen durchbrochen werden. Die Agentur Texter-Millot bietet zum Beispiel in Kooperation mit der Lufthansa zweitägige Flugangst-Seminare auf verschiedenen deutschen Flughäfen an. Ein Pilot informiert dabei über die Technik des Fliegens und steht für Fragen zur Verfügung. Die Teilnehmer analysieren ihre Angst hinsichtlich der Auslöser, der körperlichen und psychischen Symptome sowie der Vermeidungsstrategien. Es werden Entspannungstechniken erlernt und Angstbewältigungsmethoden vermittelt. Die bisherigen Wahrnehmungs- und Gedankenmuster sollen verändert werden. Dafür erhalten die Teilnehmer Anleitungen zu Techniken des Gedankenstopps, positiver Selbstverbalisation oder gezielter Aufmerksamkeitsleitung. Am Ende des Seminars wird das Gelernte in die Realität umgesetzt: Gemeinsam mit einem Psychologen begeben sich die Teilnehmer auf einen Flug. Eine Ausnahme gibt es bei Kindern: Bei ihnen reicht in der Regel eine Flugzeugbesichtigung zur Angstbewältigung aus.

Ebenso können virtuelle Flüge bei der Angstbewältigung helfen. In der virtuellen Realität erlebt der Nutzer eine dreidimensionale computergenerierte Umgebung, in der er aktiver Teilnehmer ist, in diesem Fall der Innenraum einer Passagiermaschine. Dazu werden typische Geräusche wie die Ansagen der Flugbegleiter, des Starts und der Landung simuliert. Für Überraschungsmomente sorgen Vibrationen, Beschleunigungen, Turbulenzen und ungewöhnliche Geräusche, etwa Donnergrollen. Beispielsweise hat die Hochschulambulanz für Psychotherapie der Universität Würzburg ein solch virtuelles Flugangsttraining im Angebot. Die Teilnehmer erhalten hier vorbereitend ein Informationsheft zum Thema Angst und Fliegen sowie einen Fragebogen, der eine individuelle Anpassung des Trainings ermöglicht. Das anschließende Training im Flugsimulator vor Ort dauert etwa einen halben Tag. Am darauffolgenden Tag wird ein realer Flug empfohlen, der ohne psychologische Begleitung stattfindet.

Ob real oder virtuell, eine dauerhafte Überwindung der Flugangst gelingt nur, wenn das Gelernte immer wieder in die Tat umgesetzt wird. Experten empfehlen deshalb, nach einem Flugangsttraining regelmäßig zu fliegen.

Entspannt fliegen

Wer selten fliegt oder lediglich mit leichter Flugangst kämpft, der kann sich in den meisten Fällen zusammenreißen und den Flug überstehen. Hilfreich kann dabei das Kneten eines Anti-Stress-Balls oder die Nähe einer vertrauten Person sein. Auch Entspannungsübungen wie die progressive Muskelentspannung nach Jacobsen oder gezielte Atemübungen helfen. Phytopharmaka mit Baldrian oder Passionsblume wirken beruhigend und können vor Reisebeginn eingenommen werden. Auch homöopathische Mittel wie Aconitum napellus D12, Argentum nitricum D12 oder Borax D12 können versucht werden. Beruhigend kann auch die Wahl des Sitzplatzes sein: Auf Höhe der Tragflächen ist das Absacken des Flugzeugs weniger spürbar. Ein Gangplatz hilft gegen das Engegefühl und schützt vor Blicken aus dem Fenster bei Höhenangst. Empfohlen wird außerdem viel zu trinken, am besten Wasser. Alkohol, Kaffee und Nicotin hingegen sollten möglichst gemieden werden. /