PTA-Forum online
Borreliose und FSME

Infektionsgefahr durch Blutsauger

22.05.2017  13:12 Uhr

Von Barbara Erbe / Sommerzeit ist Zeckenzeit, obwohl diese inzwischen fast das ganze Jahr über aktiv sind. Da die Blutsauger Infektionskrankheiten wie Borreliose und FSME übertragen, spielen Zeckenschutz und -früherkennung eine große Rolle. Impfen schützt vor dem FSME-Erreger, nicht aber vor Borrelien.

Bis zu 30 Prozent der hierzulande in Wald und Flur verbreiteten Zecken sind mit Borrelien infiziert. Aber nur bis zu 4 Prozent übertragen Viren, die eine Frühsommer-Meningo-Enzephalitis (FSME) hervorrufen können, berichtet Susanne Glasmacher vom Robert-Koch-Institut (RKI), das Zahlen und Fakten rund um die Infek­tionskrankheiten sammelt und auswertet. Zwar erkrankt längst nicht jeder, der von einer infizierten Zecke gestochen wird. Aber da sowohl Borreliose als auch FSME schwerwiegende Schäden verursachen können, ist es wichtig, Zeckenstichen so gut es geht vorzubeugen beziehungsweise – falls es doch dazu kommt – die Tiere so schnell wie möglich von der Haut zu entfernen.

Denn je länger eine Zecke saugt, desto höher ist das Infektionsrisiko durch Borrelia burgdorferi. Die Bakterien, die im Darm einer Zecke leben, brauchen mehrere Stunden, um zu den Mundwerkzeugen der Zecke und damit zum Menschen zu gelangen, erläutert Glasmacher im Gespräch mit PTA-­Forum. »Löst man die Zecke vorher ab, besteht so gut wie keine Borreliose­gefahr.« Anders sieht das bei FSME-Viren aus: Diese sitzen in den Speicheldrüsen der Zecke und können mit der ersten Speichelabgabe in die Wunde auf den Menschen übertragen werden.

Eine neue Erkenntnis aus dem vergangenen Jahr ist, dass nicht nur wie bislang angenommen, der gemeine Holzbock, sondern auch die Auwald­zecke FSME-Viren über­tragen kann. Auwaldzecken befallen Menschen jedoch recht selten, sodass der Beitrag der ­Auwaldzecke zur Ver­breitung des Erregers noch unklar ist.

Stufenweise impfen

Die Krankheitszeichen einer FSME treten typischerweise in zwei Phasen auf. Zunächst zeigen sich grippeähnliche Symptome wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Schwindel und Erbrechen. Dann folgt eine fieberfreie Zeit von ein bis drei Wochen. Bei einem Teil der Erkrankten entzünden sich im Anschluss daran die Hirnhäute und Gehirn (Meningo-­Enzephalitis), was mit Fieber, Übelkeit, Erbrechen und Ausfällen des Nervensystems verbunden ist. Im Extremfall kann es zu schweren Lähmungen bis zum Koma kommen. Kopfschmerzen und Lähmungen können als Folgen noch mehrere Monate anhalten. Während die Krankheit bei Kindern meist folgenlos ausheilt, kann sie vor allem bei älteren Menschen bleibende Schäden verursachen. Da es keine kausale Behandlung gibt, wird symptomatisch behandelt.

Weitere aktuelle Informatio­nen auf den Webseiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA):

Allerdings gibt es gegen die FSME-Viren – anders als gegen Borrelien – eine Schutzimpfung. Nach dem üb­lichen Impfschema wird ein bis drei Monate nach der ersten Impfung die zweite Impfdosis verabreicht. Danach besteht bereits ein zeitlich begrenzter Impfschutz, etwa für Urlauber aus Nichtrisikogebieten. Eine dritte Impfung kann dann, je nach verwendetem Impfstoff, nach weiteren fünf bis zwölf beziehungsweise neun bis zwölf Monaten erfolgen. Nach drei bis fünf Jahren sollte der Impfschutz auf­gefrischt werden.

Die Ständige Impfkommission am RKI (STIKO) empfiehlt die Impfung für alle Personen, die sich in FSME-­ Ge­bieten aufhalten und von Zecken gestochen werden könnten. Dies gilt für Menschen, die häufig in der Natur unterwegs sind, etwa Camper, Rad­fahrer, Jogger, Spaziergänger, aber auch Forstarbeiter und Beschäftigte in der Landwirtschaft. Beim RKI (www.rki.de/fsme) findet sich eine regelmäßig aktualisierte Übersicht über die FSME-Risikogebiete – aktuell wie im Vorjahr insgesamt 146 Kreise in Deutschland.

Aktuell befinden sich die Risikogebiete in Deutschland hauptsächlich in Baden-Württemberg, Bayern, Süd­hessen und im südöstlichen Thüringen. Weitere einzelne Risikogebiete sind der Landkreis Marburg-Biedenkopf in Hessen­, der Saar-Pfalz-Kreis (Saarland), Birkenfeld (Rheinland-Pfalz) und der Vogtlandkreis (Sachsen). In diesen Gebieten vermehrt sich das FSME-Virus natürlicherweise in kleinen Säuge­tieren wie Mäusen, die häufig von Zecken befallen werden. Über infizierte Zecken wird es dann auf den Menschen übertragen.

Die Fallzahl der von Zecken über­tragenen FSME-Infektionen ist von 219 im Jahr 2015 auf 348 im Jahr 2016 gestiegen. Einen Trend kann Glasmacher in der FSME-Statistik der vergangenen Jahre aber nicht erkennen. »Die Zahlen schwanken meist zwischen 200 und 400 im Jahr, 2006 hat das RKI sogar 546 FSME-Erkrankungen regis­triert. Die Zahl der Erkrankungen hängt nicht nur von der Witterung ab, sondern auch von den Bedingungen für die Zecken, etwa der Mäusepopulation in dem jeweiligen Jahr«, erklärt sie. Durch eine höhere Impfquote könnten Ex­perten zufolge viele Erkrankungen verhindert werden. Die Impfquoten in den Risikogebieten sind aber stagnierend oder gar rückläufig.

Außerhalb Deutschlands empfiehlt das RKI die FSME-Impfung für Reisende, die in Endemiegebieten Kontakt mit Zecken haben können. Ein Infektionsrisiko besteht etwa in Tschechien und Österreich sowie in großen Teilen der Schweiz und Polens. In Frankreich wurden vereinzelt Fälle aus dem Elsass beschrieben.

Haut, Nerven und Gelenke

In Deutschland infizieren sich laut RKI etwa 1 bis 6 von 100 Gestochenen mit Borrelien. Diese kommen – anders als FSME-Erreger – überall in Deutschland gleichermaßen vor. Die Krankheit, die sie verursachen, wird auch Lyme-Borreliose genannt – nach dem Ort Lyme in den USA, in dem in den 1970er-Jahren gehäuft Gelenkentzündungen nach Zeckenstichen auftraten.

Zeckenschutz auf Feld und Flur

  • Geschlossene Schuhe, lange ­Ärmel und Hosen, Strümpfe am besten über die Hosenbeine ­ziehen.
  • Helle Kleidung: auf ihr lassen sich die winzigen dunklen Zecken leichter erkennen und entfernen.
  • Repellenzien verwenden. Die Wirkung der Mittel ist allerdinsg ­zeitlich begrenzt und bietet ­keinen vollständigen Schutz.
  • Den Körper nach dem Aufenthalt in der Natur gründlich nach Zecken absuchen, besonders in den Kniekehlen, in den Leisten, unter den Achseln, hinter den Ohren sowie am Kopf und Haaransatz.
  • Entdeckte Zecken sofort vor­sichtig herausziehen, dabei möglichst direkt mit einer Pinzette oder Zeckenzange über der Haut fassen. Auf keinen Fall Öl oder Cremes verwenden oder das Tier quetschen, weil dadurch mög­licherweise vermehrt Erreger freigesetzt werden.

Da die Symptome der ­Erkrankung unterschiedlich ausfallen, zu verschiedenen Zeitpunkten sowie einzeln oder in Kombination auftreten können, ist eine Borreliose nicht leicht zu er­kennen. Ein typisches ­Zeichen, das in mehr als 90 Prozent der Fälle auftritt, ist die Wanderröte (Erythema migrans). Diese ringförmige Hautrötung entwickelt sich einige Tage bis Wochen nach dem Zeckenstich, vorwiegend an der Einstichstelle, sie kann aber auch an an­deren Körperstellen auftreten. Dazu können Fieber oder Muskel- und Kopfschmerzen kommen.

Wesentlich seltener kommt es Wochen bis Monate nach einem Zeckenstich auch zu knötchenartigen, blau­roten Schwellungen der Haut – etwa am Ohr oder an den Brustwarzen. Selten befallen Borrelien auch das Nervensystem und verursachen brennende Schmerzen. Auch entzündliche Nervenreizungen sind möglich, die zu Taubheitsgefühlen, Seh- oder Hörstör­ungen und in seltenen Fällen zu Lähmungen des Rumpfes, der Arme oder Beine führen können.

Bei Kindern können Borrelien eine nichteitrige Hirnhautentzündung auslösen, die mit starken Kopfschmerzen oder mit plötzlichen Gesichtslähmungen einhergehen kann. Bei etwa 5 von 100 Betroffenen kommt es als Spät­folge Monate oder Jahre nach der Infektion zu Gelenkentzündungen. Auch Rhythmus­störungen des Herzens sowie eine chronische Neuroborreliose, eine Entzündung von Gehirn und Rücken­mark, sind möglich.

Auch wenn sich die Borreliose in der Frühphase in der Regel erfolgreich mit Antibiotika behandeln lässt, wird eine vorbeugende Antibiotikagabe nach einem Zeckenstich ohne Krankheits­zeichen nicht empfohlen. Wenn allerdings die Wanderröte auftritt, sollten Betroffene umgehend einen Arzt aufsuchen, auch wenn sie sich nicht an ­einen Zeckenstich erinnern, empfiehlt Dr. Britta Reckendrees, Wissenschaftliche Referentin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Das gilt auch, wenn nach einem Zeckenstich Fieber, Muskel- oder Kopfschmerzen auftreten. Eine Labor­untersuchung des Blutes kann zeitig Klarheit schaffen. /