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Herztod beim Sport

Plötzlich und unerwartet

22.05.2017  13:12 Uhr

Von Elke Wolf, Gießen / Mehrere hundert Menschen sind es, die jedes Jahr in Deutschland beim Sport einem plötzlichen Herztod erliegen. Und es werden immer mehr. Mit Vorsorgeuntersuchungen und Screeningmaßnahmen könnte das Risiko für diese folgenschwere Herzattacke minimiert werden.

Sport hat nicht nur positive Auswirkungen auf Herz und Kreislauf. Das wurde auf einer Fortbildungsveranstaltung der Landesapothekerkammer Hessen beim Vortrag von Dr. Marco Campo dell’ Orto von der Sportklinik in Bad Nauheim klar. Denn gar nicht so wenige Sportler, darunter auch Kinder und Jugendliche, haben ein nicht zu vernachlässigendes Risiko, an einem plötzlichen Herztod zu versterben. So ist etwa das Risiko für Sportler unter 35 Jahren gegenüber Nichtsportlern um das 2,8-Fache erhöht. »Wäre Sport ein Medikament, wäre es für Sportler unter 35 Jahren schon längst vom Markt genommen worden«, verglich Campo dell' Orto.

Fast immer ist dabei das Kammerflimmern der direkte Auslöser des Ad-hoc-Herztodes. Durch diese Herzrhythmusstörung pumpt das Herz nicht mehr synchron, sondern zuckt nur noch unkoordiniert. Es befördert kein Blut mehr in den Kreislauf; der Blutkreislauf bricht zusammen. Als erstes leidet das Gehirn darunter. Es wird nicht mehr ausreichend mit sauerstoffreichem Blut versorgt – der Betroffene verliert das Bewusstsein. Kurz davor kann es zu Symptomen wie Schweißausbruch, Luftnot und Enge in der Brust kommen. Ohne Gegenmaßnahmen tritt rasch der Tod ein. Statt Kammerflimmern kann seltener auch ein unmittelbarer Herzstillstand den Herztod auslösen.

Das Risiko, während des Sporttreibens eine Herzattacke zu bekommen, sei in den vergangenen Jahren und Jahr­zehnten gestiegen. Und: Es sind zu 90 Prozent Männer, die vom Sport nicht zurückkommen. Den Grund sieht der Sportmediziner in der zunehmenden Zahl von Freizeitsportlern und der gestiegenen Beliebtheit von Langstreckenläufen wie Marathon. Doch die Mehrheit der Teilnehmer eines Marathonlaufs, nämlich 95 Prozent, sind laut Campo dell’ Orto nicht ausreichend trainiert, haben Begleiterkrankungen, sind ehemalige Raucher, Tumorpatienten oder über 40 Jahre alt. Ein professionelles Training betrieben nur 5 Prozent der Teilnehmenden. Hinzu komme ein gestiegener Leistungsdruck beziehungsweise erhöhte Anforderungen: »Die heute 55-Jährigen laufen im Durchschnitt mit Zeiten ins Ziel, die vor fünfzig Jahren die Schnellsten hatten.«

Die Belastung während des Sports ist zwar der Auslöser, nicht jedoch die Ursache des dramatischen Ereignisses. Diese liegen in Vorerkrankungen des Herzens, die im Vorfeld nicht erkannt oder nicht ausreichend ernst genommen wurden. Bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen steht dabei ein angeborener Herzfehler wie die hypertrophe­ Kardiomyopathie an erster Stelle, die bei hohen körperlichen Belastungen zu gefährlichen Herzrhythmusstörungen führen kann, informierte der Referent. Infrage kommen aber auch andere unentdeckte, angeborene Herzanomalien wie Klappenfehler, arrhythmogene rechtsventrikuläre Dysplasien oder Aortensyndrome.

Ab dem 35. Lebensjahr gehen solche schnellen Herzrhythmusstörungen, die das Leben jäh beenden, dagegen mit Abstand am häufigsten auf eine koronare Herzkrankheit zurück, die auf einer­ Arteriosklerose der Herzkranz­gefäße beruht. Dabei weiß die Mehrheit nichts von den Umbauprozessen in den Gefäßen. 80 Prozent haben vor dem Ereignis keinerlei Symptome und die Hälfte hat mindestens einen Marathon erfolgreich zu Ende gebracht, sagte­ Campo dell‘ Orto.

Dass die zugrundeliegenden Ursache variieren, zeige sich laut Campo dell‘ Orto auch in folgender Tatsache: »Erleiden jüngere Sportler eine Attacke, geschieht dies meist während des ersten Drittels eines Marathons, die älteren Teilnehmer trifft es üblicherweise auf den letzten sechs Kilometern.« Bei den Jüngeren ist es die anfängliche Spitzenbelastung, die auf das Herz schlägt, den Älteren mache die langanhaltende Dauerbelastung zu schaffen.

Dennoch, so verweist die Deutsche Herzstiftung, gehört Sport zu den besten­ Interventionsmaßnahmen, um einer koronaren Herzkrankheit und einem plötzlichen Herztod ab 35 Jahren entgegenzuwirken. Zwar könne das Risiko­ für eine derartige Attacke während­ der sportlichen Belastung ansteigen, allerdings übertrifft der schützende Effekt durch regelmäßigen moderaten­ Sport deutlich die Gefahr, während der Belastung eine Herz­attacke zu erleiden.

Herz-Check vor dem Sport

Campo dell‘ Orto sprach sich für Vorsorgeuntersuchungen und Screeningmethoden aus, um das Sterberisiko während des Sports zu minimieren. Der Mediziner hält eine Herzultraschalluntersuchungen sowie ein EKG (in Ruhe und unter Belastung) im Vorfeld für sinnvoll, und das vor allem bei Kindern und Wiedereinsteigern in den Sport. Studiendaten sprechen eindeutig für diese vorbeugenden Maßnahmen, erklärte der Mediziner.

Pro 1 Million gescreenter junger Sportler werden rund 50 000 bis 300 000 kardiale Auffälligkeiten entdeckt, zitierte er eine große Metaanalyse aus dem vergangenen Jahr. Davon werden ein Prozent (also rund 5200) als nicht sporttauglich eingestuft und dürfen den Sport nicht ausüben.

Was sich im Breitensport erst etablieren muss beziehungsweise an die Vernunft der Eltern appelliert, hat sich im Leistungssport schon durchgesetzt: Um Todesfälle aufgrund von Herzanomalien zu vermeiden, ist es heute in vielen Sportarten Pflicht, dass Leistungssportler regelmäßig zur sportmedizinischen Untersuchung gehen müssen,­ bei der sich etwa Kardiomyopathien erkennen lassen. In der Fußballbundesliga sind sportmedizinische Untersuchungen etwa seit 1999 Pflicht.

Neben den Vorsorgemaßnahmen komme es vor allem auf eine zügig durchgeführte Erste Hilfe an, erklärte der Experte.­ Der Betroffene habe nur die Chance, zu überleben und dauerhaft neurologischen Schäden zu entgehen, wenn sofort Wiederbelebungsmaßnahmen ergriffen werden. »Die Thoraxkompression ist die einzige Maßnahme, die die Überlebensrate signifikant steigert.« Ist ein Defibrillator vor Ort, ist dieser zu nutzen. Laut Campo dell‘ Orto überstehen nur 5 Prozent der Betroffenen eine Herzattacke ohne neurologische Schäden. Campo dell‘ Orto sprach sich für Reanimationszertifikate für Trainer im Sport aus, so wie es in der Schweiz für Fußballtrainer Pflicht sei. /