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Schlagfertigkeit

Reaktion vorausgedacht

18.05.2018
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Von Britta Odenthal / Wahrscheinlich wurde jeder schon einmal unvorbereitet verbal angegriffen. Sei es, dass ein Kollege eine Behauptung über Sie aufgestellt oder einen selbst verschuldeten Fehler auf Sie übertragen hat. Je unverschämter, desto sprachloser ist der zu Unrecht Beschuldigte. Wer wünscht sich in einem solchen Moment nicht, die passende Antwort parat zu haben?

Schlagfertigkeit ist nicht angeboren. Sie ist vielmehr erlern- und trainierbar, wie jede andere Fertigkeit auch. Schlagfertigkeit bedeutet, dass man beim Schlag schon fertig ist, also vorbereitet, um zu reagieren.

Situationen, die man schon oft erlebt hat, kann man in der Regel souverän meistern. Doch wenn Sie zum Beispiel vor den Kollegen zu Unrecht für etwas beschuldigt werden, bleibt Ihnen vermutlich erst einmal die Luft weg. Die ersehnte schlagfertige Antwort fällt Ihnen dann Stunden später auf dem Nachhauseweg ein – weil Sie dort nicht mehr in der Gefahren- beziehungsweise Stresssituation sind. Sie sind wieder entspannt und suchen nicht verzagt nach einer schlauen Antwort.

Zum Erlernen von Schlagfertigkeit gehört es, sich mit sich selbst ausein­anderzusetzen. Dies bedeutet, dass Sie sich mit Ihren Überzeugungen, die Sie über sich selbst haben und die Sie meist sogar von Ihren Eltern übernommen haben, auseinandersetzen. Ein Satz, den viele Kinder zu hören bekommen: »Sei lieb! Ein braves Mädchen gibt keine Widerworte! Mama hat schon genug um die Ohren.«

Das kann noch im Unter­bewusstsein verankert sein, auch wenn es heute völlig überholt ist. Ein erster Schritt kann daher sein, sich selbst bewusst zu machen: »Ich darf heute auf einen Angriff reagieren! Ich darf mich angemessen verteidigen, das ist mein gutes Recht!« Angemessen zu rea­gieren, ist wichtig, aber auch schwierig. Denn zu spüren, was im jeweiligen Kontext an­gemessen ist, bedarf Training, Rückmeldung vom Umfeld und Finger­spitzengefühl. Aber auch das ist in jedem Alter erlernbar.

Fair bleiben

Beispielsweise im Straßenverkehr ist häufig zu beobachten, dass eine angemessene Reaktion nicht gelingt. Da wird jemand geschnitten, ob aus Ver­sehen oder mit Absicht, und die Kontrahenten drohen sich massiv mit Körper­sprache und Worten – für einen vermasselten Spurwechsel ziemlich heftig. Vielleicht hat der Autofahrer einen­ schlechten Tag oder es wurde ihm schon so oft in seinem Leben der Platz genommen, dass er in der aktuellen Situation ausrastet.

Souveräne Reaktion

Um für brenzlige Situationen gewappnet zu sein, kann es helfen, Antwortmöglichkeiten zu erlernen und griffbereit zu haben. Im Kopf abgespeichert und so oft durchdacht, dass sie auch in Stresssitua­tionen noch verfügbar sind, das ist das Ziel. Es hilft, wenn Sie schnell ana­lysieren können, in welcher Kategorie Sie angegriffen werden und welche Antwort zu Ihnen und dem Gegenüber passt. Ist es der erste Angriff oder wurden Sie oder andere schon häufiger von diesem Menschen vor­geführt? Entsprechend scharf be­ziehungsweise abgrenzend oder zurechtweisend können Sie die Antwort wählen.

Im Folgenden werden verschiedene Reaktionsmöglichkeiten vorgestellt. Achten Sie darauf, welche der verschiedenen Antwort-Szenarien in Ihnen eine Resonanz hervor­rufen. So finden Sie eine Reaktion, die am besten zu Ihnen und der jeweiligen Situation passt.

Zunächst gibt es die partnerschaft­liche Reaktion. Diese ermöglichen es Ihnen und Ihrem Team, konstruktiv miteinander umzugehen. »Abgrenzung und Schritt nach vorne« ist eine Verschärfung. Manche Zeitgenossen brauchen­ eine deutliche Ansage und ein Stopp. Besonders, wenn sie auf­gefordert werden, ihr Verhalten zu rechtfertigen und dies auch noch unter vier Augen, anstatt vor Publikum, werden sie die Lust daran verlieren, Sie vorzuführen.

Die nächste Stufe ist die »scharfe Abgrenz­ung und Provokation«. Der Nachteil von Provokationen ist, dass der andere oft noch mehr in den Kampf­modus kommt. Man sollte eine solche Provokation also nie standardmäßig, sondern nur gering dosiert einsetzen. Die anderen wissen so, dass Sie nicht auf den Mund gefallen sind und überlegen es sich gut, ob sie Sie noch einmal vorfüh­ren oder provozieren.

Klares Stopp

Wenn ein Kollege Sie oder andere immer­ wieder angreift oder vorführt, braucht er ein klares Stopp-Signal. Diese­ Menschen sind auch häufig selbst hart im Nehmen. Vorsichtige Andeutungen prallen an ihnen ab. Also: Stopp sagen, der Situation den Rücken kehren und den Angriff so ins Leere laufen lassen.

Sie können bei einem Angriff auch erst einmal antworten: »Wie kommen Sie darauf?« oder »Woher haben Sie das?« Durch diese recht universell einsetz­baren Fragen sind Sie erst einmal aus der passiven Rolle befreit. Ihr Gegenüber muss sich nun recht­fertigen. Das gibt Ihnen ein paar Sekunden Zeit, sich zu sammeln. Bis dahin haben Sie bei guter Übung wieder Zugang zu Ihren vorgefertigten Antworten.

Eine andere Möglichkeit: »Das sehe ich anders.« Ende. Nicht weiter darauf eingehen. Sie müssen sich nicht rechtfertigen! Wenden Sie sich wieder Ihrer Arbeit oder dem Gespräch mit anderen Kollegen zu. Wenn Sie um Ihre roten Knöpfe wissen­, können Sie einige der vorgestellten Antwortsätze auswählen, in Ihre Ausdrucksweise um­formulieren und auswendig lernen, sodass­ Sie diese beim Schlag direkt zur Verfügung haben. Sie können natürlich auch eine eigene Liste mit Antworten an­fertigen und einüben.

Beispiele und Reaktionen

Hier einige Beispielsituationen und mögliche Reaktionen auf einen Angriff. Ihre Kollegin geht Sie an: »Du hast gestern wieder Herrn Müller patzig bedient.« Eine mögliche partnerschaftliche Antwort wäre in diesem Fall: »Was genau meinst du mit patzig? Lass uns das mal in Ruhe besprechen und dokumentieren. Davon können wir alle lernen.«

Wollen Sie sich stärker abgrenzen und einen Schritt nach vorne wagen, könnten Sie Folgendes antworten: »Wenn du etwas mit mir besprechen möchtest, lass uns einen Termin finden. Gegenseitiges Feedback ist wichtig. Mir sind auch ein paar Dinge aufgefallen.« Eine scharfe Abgrenzung und Provokation könnte so aussehen: »Andrea, du findest also die Zeit, jedes Mal die kompletten Gespräche mitzu­hören, sodass du beurteilen kannst, was angemessen ist und was nicht?« Ein klares Stopp bei wiederholten Angriffen kann kurz und knapp sein: »Andrea, dir steht Kritik an meiner Arbeits­weise nicht zu.«

Ein anderes Beispiel: Eine Kollegin möchte Sie vor den Kollegen bloßstellen. »Anja sagt auch, dass du dir immer die Rosinen aus der Arbeit pickst.« Da­rauf können Sie partnerschaftlich entgegnen: »Das überrascht mich jetzt. Das möchte ich so nicht stehen lassen. Lass uns das morgen zu dritt klären. 14 Uhr, passt das?«

Wenn Sie sich abgrenzen möchten: »Ein harter Vorwurf! Wieso sprecht ihr mich nicht in Ruhe an, sondern hinter meinem Rücken? Lasst uns das aus der Welt schaffen. Morgen 14 Uhr Gespräch zu dritt?« Eine scharfe Abgrenzung und Provokation könnte so lauten: »Das ist ein harter Vorwurf vor der ver­sammelten Mannschaft. Fair geht anders! Wir klären das und dann erwarte ich eine Entschuldigung.« Ein Stopp-­Signal bei Wiederholungen könnte so aussehen: »Anja kann für sich selbst sprechen­. Wenn dich etwas stört, sprich mich unter vier Augen an.«

Auch bei Kritik an Ihrer Person sollten Sie eine entsprechende Antwort parat haben. »Deine neue Haarf­arbe steht dir aber gar nicht.« Partnerschaftlich antworten Sie hier: »Andrea, sind es wirklich nur die Haare? Gestern waren es die neuen Schuhe. Ich habe den Eindruck, es geht um etwas anderes. Ich schlage vor, wir setzen uns nächsten Mittwoch­ mal zusammen. Okay?«

Persönliche Kritik kontern

Abgrenzung und Schritt nach vorne: »Andrea, gestern die Schuhe, heute die Haare, das ist mir zu viel. Wir setzen uns nächsten Mittwoch zusammen. Bei mir passt 14 Uhr.« Die scharfe Abgrenzung und Provokation ist eine weitere Möglichkeit: »Das war auch nicht mein Ziel, dass es dir gefällt. Ich hab dir auch keinen Auftrag als meine persönliche Stilberaterin gegeben, oder?« Greift eine Person Sie wiederholt an, können Sie ein klares Stopp senden: »Ich hab dich nicht nach deiner Meinung gefragt und bei persönlichen Dingen interessiert sie mich auch nicht.« /