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Schwindel

Stürze vermeiden

18.05.2018  16:13 Uhr

Von Caroline Wendt, Flörsheim / Schwindel selbst ist keine Krankheit, sondern ein Zustand, eine Störung der Wahr­nehmung – aber dennoch behandlungsdürftig. Denn die Folgen des Schwindels können schwerwiegend sein. Der Drehwurm im Kopf kann sogar zur möglichen Todes­ursache werden.

Eine 2016 im Fachjournal »The Laryngoscope« veröffentlichte Studie von Wissen­schaftlern der Harvard Medical School hat die Mortalität bei Patienten mit Schwindel untersucht. Während diese bei Gesunden bei 2,6 Prozent liegt, sei die Sterblichkeitsrate von Pa­tienten mit Schwindel (9 Prozent) ähnlich­ hoch wie bei Patienten mit Diabetes­ mellitus (9,8 Prozent) oder kardiovaskulären Erkrank­ungen (10,5 Prozent), berichtete Dr. Frank Waldfahrer von der HNO-Klinik in Erlangen bei einer Presse­kon­ferenz zum 120-jährigen Bestehen der Firma Hennig­ Arzneimittel in Flörsheim.

»Insbesondere ältere Patienten stürzen aufgrund von Schwindel, kommen mit einer Fraktur ins Krankenhaus und erholen sich oft nicht mehr«, so Waldfahrer. Dabei könne der Schwindel verschiedene Ursachen haben. Zu unter­scheiden seien der peripher-vesti­buläre Schwindel, der seinen Ursprung im Innenohr hat, und der zentral-­vestibuläre Schwindel, der im Gehirn entsteht. Zudem gibt es eine Mischform aus beidem, die Presby-Vestibulo­pathie, auch multimodaler Schwindel oder ­Altersschwindel genannt.

»Altersschwindel wird zum Teil einfach durch Verschleiß hervorgerufen«, so der HNO-Arzt. Die Strukturen des Gleichgewichtssystems seien immer aktiv, dadurch käme es früher zu Ausfall­erscheinungen als bei anderen Sinnesorganen. Eine Seitendifferenz des rechten und des linken Innenohres, eine Funktionseinschränkung des Sehsinns oder eine reduzierte Reizweiterleitung im Gehirn seien weitere Gründe für eine Gleichgewichtsstörung. Doch auch andere Krankheiten wie eine Polyneuropathie, welche zu einer verminderten Empfindlichkeit der Fußsohlen führt, oder die Einnahme von Medi­kamenten könnten eine Gleichgewichtsstörung verstärken. Insbesondere die Einnahme von sogenannten Fall Risk In­creasing Drugs (FRIDs) wie Sedativa oder einige Diuretika erhöhe die Sturzgefahr.

Unsicherheit beim Gehen

Häufig kommt es zu einer Chronifizierung: Ein Patient, dem schwindelig ist, entwickelt eine Gangunsicherheit, hat Angst zu stürzen und bewegt sich deshalb weniger. Dieser Patient kommt aus der Übung, baut Muskeln ab und reduziert seine Gleichgewichtsfunk­tion: Der Schwindel verstärkt sich. »­Patienten mit Schwindel ziehen sich sozial immer weiter zurück, weil sie sich nicht mehr aus der Wohnung trauen«, erklärte der HNO-Arzt. Am Ende dieser Kaskade stehen der Sturz, schwere Verletzungen und der Tod. Deshalb sei eine evidenzbasierte Schwindel-Therapie so wichtig.

Neben einer genauen Begutachtung der Wohnung mit Entfernung von Stolperfallen wie Teppichen oder Kabeln sei auch eine kritische Indikationsstellung von Gehhilfen notwendig. »Ein Rollator entlastet das Gleichgewichtsorgan, dieses wird dadurch noch schlechter funktionieren«, so Waldfahrer. Auch die Selbstmedikation der Patienten müsse kritisch betrachtet werden, um sedierende Medikamente wie Antihistaminika zu enttarnen.

Die Schwindel-Therapie besteht meist aus einer aktivierenden Physiotherapie in Kombination mit einem nicht sedier­enden Antivertiginosum. Eine Kombination von Cinnarizin und Dimenhydrinat ist nach der Meinung des Dozenten das Mittel der Wahl: Denn sowohl der peripher-vestibuläre als auch der zentral-vestibuläre Schwindel werden dadurch verringert, ohne dass es zu einer Sedierung kommt. »Dabei ist die Kombination der Wirkstoffe der Gabe der Einzel­substanzen überlegen«, so Waldfahrer.

Bei Altersschwindel sei meist eine lebenslange Therapie notwendig, hier bestehe immer noch Aufklärungsbedarf. »Bei anderen chronischen Erkrankungen käme auch niemand auf die Idee, Medikamente abzusetzen.« Eine duale Dauertherapie und eine Umfeld-Sanierung zur Sturzprophylaxe seien unbedingt notwendig, denn im Alter raube Schwindel Lebenszeit. /

Schwindel auf Reisen

Auf Reisen entstehen häufig Schwindelgefühle, Übelkeit und Erbrechen, wenn die am Gleichgewichtssystem beteiligten Sinnesorgane widersprüchliche Informationen an das Gehirn senden. »Zum Beispiel beim Lesen im Auto oder in der Schiffskajüte erhält das Gehirn unterschiedliche Eindrücke: Das Auge berichtet von einem stehenden Bild, während das Gleichgewichtsorgan eine Bewegung meldet«, erklärte Professor Dr. Hans Scherer, emeritierter Direktor der HNO-Kliniken an der Charité in Berlin, bei der Veranstaltung von Hennig Arzneimittel.

Empfindliche Personen sollten im Auto nicht lesen und sich bei starkem Seegang nicht unter Deck aufhalten. Auch häufige Kopfbewegungen, wie sie Kinder oft machen, können eine Kinetose verschärfen. »Mit empfindlichen Kindern empfiehlt es sich daher, lange Autofahrten nur nachts zu machen, denn im Schlaf ist das Gleichgewichtsempfinden fast ausgeschaltet«, so der Mediziner.

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