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Alzheimer

Das schleichende Vergessen

25.11.2008  20:23 Uhr

Alzheimer

Das schleichende Vergessen 

von Daniela Biermann

Alzheimer breitet sich aus: Epidemiologen schätzen, dass sich die Zahl der Betroffenen bis zum Jahr 2050 verdreifachen oder sogar vervierfachen wird. An einigen charakteristischen Merkmalen können PTA oder Apotheker Alzheimer-Patienten in der Apotheke erkennen und spezifisch beraten.

Zuerst vergaß sie nur Kleinigkeiten: den Brotkauf im Supermarkt, den Termin beim Friseur. Dann fielen ihr nicht mehr alle Zutaten für ihren Marmorkuchen ein. Mit der Zeit konnte sie sich immer weniger aufraffen, das Haus zu verlassen, denn sie fand sich in ihrem Viertel einfach nicht mehr zurecht. Gäste kamen immer seltener. Hatte sie beim letzten Besuch etwas Falsches gesagt? Der nette Nachbar klingelte gestern, weil ihm die Müllsäcke auffielen, die sich vor ihrer Tür stapelten. Es dauerte eine Weile, bis sie sich eingestand, dass sie allein nicht mehr zurecht kam. Schließlich ging ein Verwandter mit ihr zum Arzt: Diagnose Alzheimer.

Nach Angaben der Hirnliga, einem Zusammenschluss deutscher Alzheimerforscher, leiden etwa 1,4 Millionen Deutsche an Demenz. Darunter verstehen Mediziner den krankhaften Verlust erworbener kognitiver (geistiger) Fähigkeiten. In neun von zehn Fällen sind die Ursachen unbekannt. Etwa 60 Prozent der Demenzen werden dem Alzheimertyp zugerechnet, 20 Prozent gelten als gefäßbedingt und 10 Prozent als Mischformen. Laut Angaben der Hirnliga leben in Deutschland etwa 1 000 000 Alzheimerkranke; weltweit sind es schätzungsweise 26 Millionen.

Noch sind die Prozesse, die zum unwiderruflichen Untergang von Nervenzellen im Gehirn führen, nicht vollständig geklärt. Forscher haben jedoch zwei Verdächtige besonders ins Auge gefasst: beta-Amyloid-Plaques und Neurofibrillen. Bei Ersteren wird ein falsches Protein im Gehirn gebildet. Mehrere dieser beta-Amyloide lagern sich zusammen und bilden sogenannte Plaques. Die Neurofibrillen entstehen durch Zusammenlagerung einer anderen Eiweißart, der Tau-Proteine. Diese stabilisieren normalerweise das Gerüst der Zelle. Diese Eiweißablagerungen und oxidativer Stress führen zum Absterben der Nervenzellen, vor allem solcher, die Reize mittels des Botenstoffs Acetylcholin übertragen. 

Während dieses Prozesses nimmt die Hirnmasse ab. Betroffen sind unter anderem Teile der Großhirnrinde, die für Erinnerungen, Wahrnehmungen, Sprache und Denkvermögen zuständig sind. Typische Symptome sind daher ein nachlassendes Kurzzeitgedächtnis, Verwirrung, Orientierungsprobleme, Wesensveränderungen und Stimmungswechsel sowie Sprachschwierigkeiten. Oft wird die Erkrankung erst spät erkannt. Betroffene können in der Apotheke auffallen, wenn sie im Gegensatz zu früher zerstreut, einsilbig oder aggressiv wirken. Dr. Charlotte Kloft, Professorin für Klinische Pharmazie an der Universität Halle-Wittenberg, nannte auf einem Fortbildungskongress in Krakau ein paar Merkmale, an denen PTA oder Apotheker oder auch die Angehörigen Alzheimerpatienten erkennen können. Kennt der Betroffene das aktuelle Datum? Ist die Person in letzter Zeit auffällig traurig oder aggressiv? Vergisst sie Kleinigkeiten und verpasst Termine? Verläuft sie sich in bekannten Gegenden? 

Behutsam vorgehen

Die Häufigkeit steigt ab dem 65. Lebensjahr stark an. Auch der Wunsch nach einem Ginkgo-Präparat kann auf die Erkrankung hinweisen. »Hier ist behutsame Aufklärung gefragt«, sagte Kloft. 

»Die Therapie muss so früh wie möglich beginnen.« Zwar ist eine Heilung derzeit nicht möglich, doch können Arzneimittel die Situation der Patienten abhängig vom Schweregrad verbessern. Im ersten Stadium gilt es, die kognitiven Fähigkeiten zu erhalten. Ist die Krankheit bereits fortgeschritten, können verschiedene Therapien helfen, den Alltag besser zu meistern, Pflege zu vermeiden oder zu erleichtern. Derzeit können Arzneimittel und nicht medikamentöse Verfahren wie Gedächtnistraining oder Psycho- und Verhaltenstherapie die Krankheitsentwicklung um ein bis zwei Jahre verlangsamen. 

Als Antidementiva kommen Cholinesterasehemmer und NMDA-Antagonisten zum Einsatz. Erstere sorgen dafür, dass der Botenstoff Acetylcholin nicht so schnell abgebaut wird und verbessern so die Signalübertragung zwischen den Nervenzellen. Sie sind zur Behandlung leichter bis mittelschwerer Demenzen zugelassen. Zu ihnen gehören Donepezil (wie Aricept®), Rivastigmin (wie Exelon®) und Galantamin (Reminyl®). Für alle gilt: Die Therapie muss einschleichend begonnen werden. Bei Bedarf wird die Dosis alle vier Wochen erhöht. Besonders in der Anfangsphase kann es zu Nebenwirkungen im Magen-Darm-Trakt kommen. Rivastigmin in Form eines Pflasters ist gut verträglich und muss nur einmal täglich gewechselt werden. Während die Patienten Rivastigmin in oraler Form zweimal täglich einnehmen müssen, reicht für Donepezil die einfache Dosis abends, für Galantamin einmal täglich morgens, jeweils zu den Mahlzeiten. Donepezil und Galantamin werden über die Leber verstoffwechselt. Sie können daher mit anderen Medikamenten, die den gleichen Weg gehen wie Statine oder Antikoagulanzien, in Wechselwirkung treten. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) beurteilt diese Substanzen positiv. Das IQWiG wurde 2004 im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums als unabhängiges wissenschaftliches Institut gegründet, um den Nutzen, die Qualität und das Kostenverhältnis von Therapien zu bewerten.

Für Memantin (Axura®, Ebixa®) steht der Abschlussbericht des IQWiG noch aus. Dieser Arzneistoff wirkt als Rezeptorantagonist dem erregenden Botenstoff Glutamat entgegen. Auch dieses Medikament muss einschleichend dosiert werden. Nahrung beeinflusst seine Aufnahme nicht. Es ist das einzige zur Zeit zugelassene Arzneimittel bei schwerem Morbus Alzheimer.

Für Ginkgo-Präparate veröffentlicht das IQWiG Ende November seinen Abschlussbericht. Medienberichten zufolge  kommt es zu dem Schluss, dass die Dosis von 240 mg standardisiertem Extrakt pro Tag sich bei Alzheimerpatienten positiv auf die kognitiven Fähigkeiten und die Aktivitäten des täglichen Lebens auswirke.

Nicht belegt ist das Verhältnis von Nutzen und Risiken für den Calciumkanalblocker Nimodipin, die Mutterkornalkaloid-Derivate Dihydroergotoxin und Nicergolin sowie die Antidementiva Piracetam und Pyritinol.

Forschung unter Hochdruck

»Derzeit ist die Anzahl wirksamer Arzneimittel überschaubar«, sagte Kloft. Die Entwicklung neuer Medikamente wird dadurch erschwert, dass die Mittel oft an schwer Erkrankten getestet werden. Wenn Symptome auftreten, sind bereits 70 Prozent der betroffenen Nervenzellen abgestorben. Die Arzneistoffe können dann keine Wirksamkeit mehr zeigen. Schwierig ist daher auch die Entwicklung vorbeugender und heilender Substanzen. Doch die Firmen forschen mit Hochdruck. Sie verfolgen eine Vielzahl verschiedener Ansätze. »Derzeit laufen hunderte von Studien zur Behandlung von Alzheimer«, berichtete Professor Dr. Harald Hampel vom Trinity College in Dublin auf einem Symposium der Hirnliga. Der Alzheimerexperte erwartet, dass die ersten neuen Wirkstoffe in etwa fünf Jahren auf den Markt kommen. Als vielversprechend gilt zum Beispiel eine Impfung gegen die Eiweißablagerungen im Gehirn. Sie könnte verhindern, dass sich eine Demenz entwickelt. Ein Medikament zur endgültigen Heilung ist jedoch noch nicht in greifbarer Nähe.

E-Mail der Verfasserin:
Biermann(at)govi.de