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Diabetes

Leben mit Angst

25.11.2008  10:26 Uhr

Diabetes

Leben mit Angst 

von Gudrun Heyn

Viele Diabetiker leben in ständiger Furcht um ihre -Zukunft. Diese Angst kann so groß werden, dass sie eigenmächtig die Therapie ändern und beispielsweise zu wenig Insulin spritzen.

Patienten mit Diabetes mellitus leben mit Angst. Sie wissen, dass ihre Stoffwechselerkrankung fast nie ohne weitere Folgen bleibt. Während den Patienten die Behandlung selbst, auch das regelmäßige Spritzen, nur sehr selten Furcht einflößt, sind mögliche Akutkomplikationen und Folgeerkrankungen wahre Angstmacher. Dies wirkt sich auch auf den Alltag der Patienten aus. Untersuchungen zeigen, dass rund 40 Prozent aller Diabetiker verstärkt unter Angstsymptomen leiden.  

Kompliziert wird die Situation der Betroffenen dadurch, dass ihre Behandlung zur Zwickmühle werden kann. Sind ihre Blutzuckerwerte auf Dauer zu hoch, müssen sie mit schweren Folgeerkrankungen rechnen. Hierzu zählen vor allem Erblindung durch Retinopathie, Nierenversagen, Amputationen bei diabetischem Fußsyndrom sowie Herzinfarkt und Schlaganfall. Sinkt ihr Blutzuckerwert dagegen unter einen bestimmten Schwellenwert (Hypoglykämie, definiert als Blutglukosekonzentration unter 50 mg/dl beziehungsweise 3,1 mmol/l) droht ihnen ein hypoglykämischer Schock. Zu jeder Zeit und in jeder Situation können sie bewusstlos zusammensinken und dabei heftige Krampfanfälle erleiden.  

Berechtigte Angst

Die Angst vor Folgekomplikationen ist eine der größten Belastungen für einen Diabetiker, wie deutsche und internationale Studien zeigen. Doch Angst ist eine völlig normale menschliche Reaktion. Sie warnt vor Gefahren, hilft dabei, schwierige Situationen zu meistern, und ist zudem eine der größten Motivationen, um Vorsorge zu treffen. So schützt sie beispielsweise vor den Gefahren des Straßenverkehrs. 

»Auch die Angst vieler Diabetiker vor einer Hypoglykämie ist durchaus berechtigt«, sagte Professorin Dr. Gabriele Fehm-Wolfsdorf von der Universitätsklinik Lübeck auf der Herbsttagung für Praktische Diabetologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Berlin. Mit solch einem Ereignis verbinden die meisten Betroffenen unangenehme Gefühle. Sie wissen nicht, was in der Zeit ihrer Bewusstlosigkeit geschehen ist und ob sich etwas ereignet hat, wofür sie sich sogar schämen müssten. Während einer Hypoglykämie kann sich die Gemütslage eines Diabetikers plötzlich derart verändern, dass sogar sehr friedfertige Menschen ungewöhnlich aggressiv und wütend reagieren. 

Zudem wirkt sich die Unterzuckerung stark auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns aus. Untersuchungen belegen, dass in dieser Situation nur noch Teilbereiche funktionsfähig sind. Dann fällt es den Betroffenen besonders schwer, eine aktuelle Beobachtung mit zuvor gelerntem Wissen zu verknüpfen. So setzte sich etwa die Hälfte der Versuchspersonen unbekümmert hinter das Steuer eines Wagens und wollte losfahren, obwohl ihr soeben gemessener Blutzucker-Wert unter 40 mg/dl lag und damit die Grenze der Fahrtüchtigkeit weit unterschritt. »Während einer Hypoglykämie sind Betroffene tatsächlich nicht mehr entscheidungsfähig«, sagte Fehm-Wolfsdorf. Daher ist es ganz natürlich, dass Diabetiker sich vor solchen Situationen fürchten.

Behandlungsbedürftig ist Angst nur dann, wenn sie zu unangemessenen Reaktionen führt oder die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränkt. Sie tritt vor allem bei Patienten auf, die ihre Bedrohungslage weit überschätzen. Besonders gefährdet sind Typ-1-Diabetiker. In der Regel sind sie gut geschult und kennen die Gefahren ihrer Erkrankung, doch anscheinend nicht genau genug, wie eine Befragung zeigte. Darin schätzten Diabetiker das Risiko eines Nierenversagens innerhalb der nächsten 20Jahre auf 33 Prozent. Die reale Gefahr dieser Patienten lag dagegen unter 9 Prozent. Außerdem glaubten die Befragten an ein 25-prozentiges Risiko einer Amputation, während es real lediglich 2 Prozent betrug. Mit 32 Prozent überschätzten sie auch deutlich das Risiko einer späteren Erblindung, das bei 17 Prozent lag. 

Folgen überschätzter Risiken

Zu ängstliche Patienten versuchen, einen hypoglykämischen Schock zu vermeiden, indem sie eigenständig die Therapie abändern. Aus Furcht vor den Folgen einer Hypoglykämie reduzieren sie beispielsweise die notwendige Insulindosis. So sinkt der Blutzuckerwert nicht so stark ab, und das mögliche Risiko eines Komas ist in ihren Augen gebannt. Doch langfristig passen sich Körperfunktionen immer an die gegebenen Bedingungen an. So ist ein hypoglykämischer Schock auch bei deutlich höheren Blutglukosespiegeln möglich. Außerdem vergessen die Betroffenen völlig, dass sie nur ein optimal eingestellter Blutzuckerspiegel vor späteren Folgeerkrankungen schützt.

Eine andere Strategie besonders ängstlicher Menschen ist es, zu Hause zu bleiben und auf geliebte Freizeitaktivitäten zu verzichten. Es könnte ja sein, dass sie sich schwer verletzen oder Passanten sie beispielsweise mit einem Betrunkenen verwechseln. So gehen sie dem Risiko von vorneherein aus dem Weg, etwa beim Fahrradfahren bewusstlos zu werden. Dass dies ein völlig unangemessenes Vermeidungsverhalten ist, ist den Betroffenen in der Regel nicht bewusst. Bemerkt der Arzt diese Strategie im Gespräch, kann eine Verhaltenstherapie helfen, die übertriebenen Ängste abzubauen. 

Zukunftsängste belasten aber auch Partner und Eltern von Diabetes-Patienten. Wegen der möglichen Akutkomplikationen schlafen diese häufig schlecht und befürchten eine Hypoglykämie mehr als die Betroffenen selbst. In der Konsequenz versuchen sie, die Erkrankten streng zu kontrollieren. Viel zu oft fordern die Angehörigen oder Partner den Diabetiker dann auf, den Blutzuckerspiegel zu messen, und kritisieren diese scharf, wenn der Wert zu niedrig ausfällt. Viele Betroffene fühlen sich dann bevormundet. Unter Umständen schämen sie sich sogar für einzelne Messwerte. 

Doch der Blutzuckerspiegel ist nach neuesten Erkenntnissen nicht so entscheidend für die Entstehung eines hypoglykämischen Schocks. Ausschlaggebend ist vielmehr die Glukoseversorgung des Gehirns. Erst wenn dort die Werte zu niedrig sind, treten Koma und Krampfanfälle auf. »Die Grenzen einer Hypoglykämie können deshalb nicht mehr streng an Blutglukosewerten festgemacht werden«, sagte Fehm-Wolfsdorf. So gibt es Patienten, die mit einem Blutzuckerspiegel von 30 mg/dl keine Symptome eines hypoglykämischen Schocks zeigen. Andere empfinden eine Hypoglykämie, wenn ihr Blutzuckerspiegel unter 100 mg/dl liegt. »Diabetiker und Angehörige gilt es da zu schulen«, sagte die Psychologin. 

Bei unangemessenen Reaktionen muss zudem an eine Verhaltenstherapie gedacht werden. Auch überängstliche Partner, Angehörige oder Eltern sollten immer mitbehandelt werden. Dabei lernen die Teilnehmer, wie sie sich besser einschätzen können und eine vorausschauende Haltung zu entwickeln. Dies gibt ihnen mehr Zutrauen und wirkt sich auch positiv auf die Therapie aus. 

Übersehene Gefahr

Schulung und Verhaltenstherapie können aber auch dann angezeigt sein, wenn Patienten die Sensibilität für konkrete Gefahr fehlt. Unterschätzen sie beispielsweise das Risiko einer Hypoglykämie, neigen sie zum sogenannten Hypo-Surfen. Dabei halten sie die Blutzucker-Werte so niedrig wie möglich, um möglichen Folgen zu entgehen. Doch dieses ehrgeizige Therapieziel führt mit der Zeit zu einem Wahrnehmungsverlust, und dann steigt das Risiko erst recht, einen hypoglykämischen Schock zu erleiden. 

Eine englische Studie zeigt zudem, dass vor allem wenig geschulte Typ-2-Diabetiker die Gefahren ihrer Erkrankung nicht richtig einschätzen. So glaubten beispielsweise 36 Prozent der Befragten bei der Erstdiagnose, Diabetes mellitus sei eine vorübergehende Erkrankung. Auch nach langjähriger Therapie hielt immer noch ein Viertel der Studienteilnehmer Diabetes für heilbar, und ein Fünftel gab an, die Zuckerkrankheit hätte keinen wesentlichen Einfluss auf ihre Gesundheit und Lebenserwartung. »Eingeweihte wissen, dass dies völlig irrational ist«, sagte Dr. Frank Petrak von der Ruhruniversität Bochum auf der Tagung. 

Auch solchen Patienten können Psychologen durch eine Verhaltenstherapie helfen. Empfehlenswert sind Therapeuten mit einer Zusatzausbildung zur Betreuung von Diabetikern. In Deutschland gibt es derzeit 120 davon. Unter www.diabetes-psychologie.de kann jeder Interessierte einen Diabetes-geschulten Therapeuten in seiner Nähe finden.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
gheyn(at)gmx.de