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Hormonersatztherapie

Männer und die Wechseljahre

25.11.2008  21:08 Uhr

Hormonersatztherapie

Männer und die Wechseljahre 

PTA-Forum /  Voller Euphorie glaubten Frauenärzte und ihre Patientinnen viele Jahre lang, den Beschwerden und Folgen der Wechseljahre durch die Hormonersatztherapie ein Schnippchen schlagen zu können. Doch erst nach und nach stellte sich heraus, welche Risiken mit der Hormongabe verbunden sind. Seit einigen Jahren diskutieren Fachärzte über Sinn und Nutzen einer Testosteronersatztherapie bei älteren Männern.

Niemand bezweifelt den Zusammenhang zwischen einem altersbedingten Mangel an Testosteron und dem nachlassenden Interesse an sexueller Betätigung. Doch neben dem Libidomangel scheinen zu niedrige Testosteronwerte auch für Depressionen, Antriebslosigkeit und ständige Müdigkeit verantwortlich zu sein. Falls die Wurzel all dieser Symptome im Testosteronmangel liegt, könnte die Hormonersatztherapie für ältere Männer schon bald eine gängige Praxis werden, äußern sich zahlreiche vom englischen Fachjournal New Scientist befragte Experten. 

Obwohl einige Ärzte alternden Männern in Europa und den USA bisweilen Testosteron-Präparate verschreiben, bezweifeln viele ihrer Kollegen den Sinn der Hormonersatztherapie oder sogar die Existenz der Andropause. Viele Ärzte sehen die Behandlung sogar als schädlich an. Die Testosteronersatztherapie könne Prostatakrebs fördern, indem sie das Wachstum von Krebszellen begünstige, argumentieren sie. Da Studien ergaben, dass das Testosteron eine wesentlich geringere Rolle für den Prostatakrebs spielt, als man früher dachte, ändert sich diese Haltung allmählich. Inzwischen sind immer mehr Ärzte davon überzeugt, dass es eine Andropause gibt und dass der Testosteronmangel mehr bewirkt als leichte Müdigkeit oder Übergewicht. Somit verändert sich auch ihre Haltung gegenüber der Hormonersatztherapie.

Trotz der neuen Erkenntnisse halten manche Experten den Begriff Andropause für problematisch. Er suggeriere den Bezug zur Menopause. Doch im Unterschied zur Menoapuase bei den Frauen betrifft die Andropause nicht alle Männer: Nur ungefähr 20 Prozent aller über 65-Jährigen sind mit Testosteron unterversorgt und leiden unter Altershypogodanismus betroffen. Zu dessen Symptomen zählen:

  • verminderte Libido und nachlassende Qualität sowie Frequenz der Erektionen,
  • Stimmungsschwankungen, Erschöpfung, depressive Stimmungen,
  • Schlafstörungen,
  • Abnahme der fettfreien Körpermasse, Schwund des Muskelvolumens und der Muskelkraft,
  • Zunahme des viszeralen Fetts,
  • Abnahme der Körperbehaarung und Veränderungen der Haut,
  • verminderte Knochendichte und erhöhtes Frakturrisiko.

»Wenn ein Mann unter den Symptomen des Testosteronmangels leidet, sollte eine Therapie in Erwägung gezogen werden«, empfiehlt Andrian Dobs von der John Hopkins Universität in Baltimore, Maryland. 

Mittlerweile zeigen einige Studien den Zusammenhang zwischen der Testosteron-Unterversorgung und der Entwicklung von Typ-2-Diabetes, Adipositas sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. 

Unterversorgung ist messbar

Als erste Konsequenz aus den neuen Studien haben einige medizinische Gesellschaften ihre Empfehlungen aktualisiert, unter anderm die Internationale und die Amerikanische Gesellschaft für Andrologie sowie die Europäische Gesellschaft für Urologie. Sie definierten unter anderem neu, bei welchen Männern der Testosteronwert bestimmt werden soll. Insbesondere empfehlen sie, den Wert bei allen Männern mit Typ-2-Diabetes, mit Symptomen eines Testosteronmangels und mit erektiler Dysfunktion zu bestimmen. Bei Männern mit zu niedrigem Testosteronniveau wirken Medikamente wie Viagra, die den Blutstrom zum Penis erhöhen, nicht. 

Hugh Jones, Professor für Andrologie an der Universität von Sheffield, UK, gehen die neuen Empfehlungen nicht weit genug. Es habe sich herausgestellt, dass Testosteron die Gefäßgesundheit und den Verlauf von Typ-2-Diabetes beeinflusse, so Jones. Der Wissenschaftler wies in einer Studie nach, dass bei Männern mit Typ-2-Diabetes und Testosteron-Mangel der Hormonersatz die Sensibilität gegenüber Insulin erhöhte. Daher schlägt Jones vor, bei allen Männern mit Typ-2-Diabetes den Testosteronwert zu messen, unabhängig davon, ob sie Symptome eines Altershypogonadismus zeigen, und eine Substitution zu erwägen.

Einer der federführenden Autoren der neuen Empfehlungen ist Professor Dr. Eberhard Nieschlag, ehemaliger Direktor des Instituts für Reproduktionsmedizin des Universitätsklinikums Münster. »Wenn Sie bei einem Typ-2-Diabetiker, der unter Testosteron- Mangel leidet, das Testosteron substituieren, fällt ihm das Abnehmen sehr viel leichter. Dies darf aber unter keinen Umständen zu einer lebenslänglichen Behandlung führen«, so der Arzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Andrologie mit dem Forschungsschwerpunkt Altershypogonadismus.

Substitution genau abwägen

Viele der vom New Scientist befragten Experten warnten allerdings vor der zu leichtfertigen Verordung eines Testosteronpräparates. Es gäbe keinen Beweis dafür, dass die Testosteronsubstitution bei Männern ohne Testosteronmangel irgendeinen Vorteil habe. Das Hormon könne keine gesunde Ernährung oder Diabetesmedikamente ersetzen. Stattdessen könne die Behandlung der Grunderkrankung dazu führen, dass das Testosteron wieder auf ein normales Niveau ansteigt. In den Fachgesellschaften besteht weitestgehend Konsens darüber, dass bei folgenden Werten substituiert werden sollte: Gesamttestosteron unter 8 nmol/l (231 ng/dl) und freies Testosteron unter 180 pmol/l (52 pg/ml).

Lebenserwartung verkürzt

In den letzten beiden Jahren legen mehrere Studien die Vermutung nahe, dass Männer mit niedrigen Testosteronwerten früher sterben als Männer mit normalen. Allerdings lässt sich bis jetzt nicht sicher sagen, ob die Behandlung des Testosteronmangels die Lebenserwartung erhöht. Diesen Zusammenhang müssten umfangreiche Studien absichern. Dasselbe gilt für die Fragestellung, ob die Testosteronsubstitution die Lebensqualität der Männer mit Altershypogonadismus verbessert.

»Es gibt viele Kliniker, die bei Männern das Testosteron substituieren, und beobachten, dass die Patienten sich besser fühlen«, berichtet Gail Loaughlin von der Universität California, San Diego. Loaughlin leitete eine der Studien, die einen geringen Testosteronwert mit  vorzeitiger Mortalität in Verbindung brachte.

Das  US National Institute of Health finanziert nun eine Versuchsreihe, die viele der offenen Fragen rund um die Hormonersatztherapie klären soll. Die Ergebnisse werden allerdings erst in einigen Jahren erwartet.

Aber auch ohne breit angelegte Testosteronuntersuchungen bittet Nieschlag seine Kollegen, die Symptome der Testosteronunterversorgung nicht als unvermeidbares Geschehen des Alter anzusehen. »Depression, Müdigkeit, geringes sexuelles Interesse oder ein gebrochenes Bein, mit all diesen Dingen sollten Ärzte aufmerksam umgehen und auch daran denken, dass sie durch Testosteronmangel verursacht sein könnten«, so Nieschlag. 

»Wenn Sie vor zwanzig Jahren einem Urologen erzählt hätten, dass Sie einem alternden Mann Testosteron geben, hätte er gesagt, Sie würden ein Verbrechen begehen«, erinnert sich Nieschlag. Auch heute ist klar, dass der Testosteronersatz Risiken birgt. Es gibt derzeit keinen abschließenden Beweis, dass die Testosterontherapie das Erkrankungsrisiko für Prostatakrebs erhöht oder diesen von einem unauffälligen Frühstadium in eine Vollerkrankung verwandelt. 

Patienten regelmäßig untersuchen

Bevor der Arzt seinem Patienten ein Testosteron-Präparat verschreibt, sollte er daher stets zuvor das Risiko für einen Prostatakrebs abgeklärt haben. Dafür sei sowohl die digitale rektale Untersuchung als auch die Bestimmung des prostatspezifischen Antigens zwingend notwendig. Im ersten Jahr der Therapie müssten diese alle drei Monate und danach jährlich durchgeführt werden. Bei Männern mit Prostatakarzinom oder Verdacht auf Brustkrebs ist die Testosteronsubstitution absolut kontraindiziert.

Vor jeder Verordnung muss der Arzt Nutzen und Risiken der Therapie sorgsam abwägen, denn der Testosteronersatz kann auch zur Vermehrung der roten Blutzellen führen und das Risiko von Schlaganfällen oder Blutverklumpungen erhöhen. »Was immer Sie auch tun, Sie müssen sicher sein, dass der Patient die Risiken und auch den Vorteil versteht«, sagt Christina Wang von der Universität California in Los Angeles, Ko-Autorin der neuen Empfehlungen.

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