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Beratung bei Diabetes

Mit Inkretin-Analoga nehmenmanche Diabetiker ab

25.11.2008  11:20 Uhr

Beratung bei Diabetes

Mit Inkretin-Analoga nehmen manche Diabetiker ab 

von Birgit Carl und Anna Laven, Aachen

Mit Exenatide, Sitagliptin und Vildagliptin stehen für die Therapie des Typ-2-Diabetes drei Wirkstoffe mit neuartigem Wirkprinzip zur Verfügung. Beide Arzneisubstanzen beeinflussen das Inkretin-System.

Neben Insulin und Glucagon regelt ein weiteres Hormonsystem den Blutzuckerspiegel: die Inkretine. Inkretine entstehen im Magen-Darm-Trakt nach einer Mahlzeit. Ihr wichtigster Vertreter, das Glucagon-like-Peptide-1 (GLP-1), veranlasst abhängig vom Blutglucosespiegel die Insulinfreisetzung und hemmt die Glucagonwirkung. 

GLP-1 sorgt für konstante Werte

Da es die Insulinsekretion glucoseabhängig stimuliert, ist GLP-1 für die Diabetestherapie interessant. Bei hohen Blutzu-ckerwerten regt es die Betazellen der Bauchspeicheldrüse an, Insulin zu bilden und vermehrt auszuschütten. Außerdem steigert GLP-1 das Sättigungsgefühl und verlangsamt die Magenentleerung. Daneben unterdrückt es die Glucagonfreisetzung. So verhindert es, dass Glucose aus den Speichern in der Leber ins Blut gelangt und reduziert gleichzeitig die Gefahr von Blutzuckerspitzen nach einer Mahlzeit. 

Das Hormon hat eine kurze Halbwertszeit und wird sehr schnell abgebaut. Deshalb mussten Wissenschaftler eine Substanz entwickeln, die im Körper länger wirkt. Mit dem ersten Vertreter der Inkretin-Analoga Exenatide ist ihnen dies gelungen, ebenfalls mit Liraglutide, das vor der Marktzulassung steht. Exenatide hat eine Halbwertszeit von 2,4 Stunden, so dass die zweimal tägliche Injektion ausreicht. Exenatide lagert sich am GLP-1-Rezeptor an, ahmt die Wirkung von GLP-1 nach und senkt so den Blutzuckerwert. 

Die Arzneistoffe Sitagliptin und Vildagliptin haben einen anderen Wirkmechanismus. Im Unterschied zu Exenatide und Liraglutide hemmen sie das Enzym Dipeptidylpeptidase-4, das das körpereigene GLP-1 abbaut. Daher werden diese Arzneisubstanzen auch als DPP-4-Inhibitoren bezeichnet. Durch die Enzymblockade halten sie den GLP-1-Spiegel im Körper länger auf einem höheren Niveau.

Exenatide (Byetta®) ist eine Alternative für Typ-2-Diabetiker, die mit Metformin oder mit Sulfonylharnstoffen trotz maximaler Dosierung nicht optimal eingestellt werden können. Somit steht dem Arzt vor einer Insulintherapie eine weitere Möglichkeit zur Verfügung, die für den Patienten einfacher ist als das Insulinspritzen: Er muss immer die gleiche Dosis applizieren und in der Regel den Blutzuckerwert nicht engmaschig kontrollieren.

Die Therapie beginnt mit zweimal täglich 5 µg, und zwar vor zwei Hauptmahlzeiten, die mindestens sechs Stunden auseinander liegen. Nach einem Monat kann der Arzt bei Bedarf die Dosis auf zweimal täglich 10 µg steigern. Exenatide spritzt der Diabetiker mit Hilfe eines Fertigpens subkutan in den Bauch, den Oberschenkel oder den Oberarm und zwar immer unbedingt innerhalb einer Stunde vor einer Hauptmahlzeit. Hat der Patient eine Injektion vergessen oder stellt nach dem Essen fest, dass er nicht gespritzt hat, darf er die Applikation keinesfalls nach der Mahlzeit nachholen. 

Ein wichtiger Hinweis für die Patienten: Exenatide muss im Kühlschrank bei 2 bis 8°C gelagert werden. Nur den aktuell benutzten Pen kann der Diabetiker bei Raumtemperatur aufbewahren. Wie bei Insulinpens setzt er die Injektionsnadel erst kurz vor der Injektion auf den Pen auf und verwendet für jede Injektion eine neue Kanüle.

Nebenwirkungen im Magen-Darm-Trakt sind sehr häufig. Unter Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall leiden dosisabhängig 40 bis 50 Prozent aller Patienten, manche nur einmal. Klagt der Patient über starke, andauernde Oberbauchschmerzen, kann Exenatide eine akute Pankreatitis verursacht haben. Dann soll der Patient die Behandlung sofort abbrechen und einen Arzt aufsuchen.

Die Kombination von Exenatide mit Sulfonylharnstoffen kann zu einer Hypoglykämie führen. In solch einem Fall wird der Diabetologe die Sulfonylharnstoffdosis verringern. Wendet der Patient Exenatide allein oder mit Metformin zusammen an, ist eine Unterzuckerung sehr selten. 

Bei Exenatide handelt es sich um ein Eiweiß. Gegen dieses Eiweiß kann der Körper Antikörper bilden. Dadurch wird die Wirkung des Arzneistoffs beeinträchtigt, sodass die Dosis erhöht werden muss. 

Abstand zu anderen Arzneimitteln

Exenatide verlangsamt die Magenentleerung. Das beeinflusst auch die Aufnahme anderer Arzneimittel. Dies muss der Arzt vor allem beachten, wenn er dem Diabetiker gleichzeitig Arzneistoffe mit geringer therapeutischer Breite verordnet. Arznei-substanzen, bei denen ein Mindestwirkspiegel im Blut erreicht werden muss, zum Beispiel Antibiotika und Kontrazeptiva, muss der Patient eine Stunde vor der Applikation von Exenatide einnehmen. Magensaftresistente Medikamente sollte der Patient eine Stunde vor oder vier Stunden nach einer Injektion einnehmen. Dies ist besonders wichtig für Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol.

Sitagliptin (Januvia®) verordnet der Arzt erst dann zusätzlich zur bisherigen Medikation, wenn Diät und Bewegung, Metformin, Sulfonylharnstoffe oder Glitazone allein oder in Kombination nicht ausreichten. Sitagliptin kann der Arzt mit allen drei Wirkstoffen kombinieren. Verordnet er es zusätzlich zu Sulfonylharnstoffen, muss er möglicherweise deren Dosierung verringern, um eine Unterzuckerung zu verhindern. Aufgrund des Wirkungsmechanismus ist nur die Kombination mit Metformin oder einem Glitazon sinnvoll. Die übliche Dosierung für Sitagliptin beträgt einmal täglich 100 mg unabhängig von einer Mahlzeit. Den Zeitpunkt kann der Patient selbst wählen. Hat er die Einnahme vergessen, kann er sie nachholen. Pro Tag sollte er nur eine Tablette einnehmen. 

Arzneimittel, die über den Inkretinstoffwechsel wirken, haben für den Patienten viele Vorteile. Unter der Therapie tritt deutlich seltener eine Unterzuckerung auf, und mancher Diabetiker nimmt sogar ab. Eine regelmäßige Blutzuckerkontrolle wie bei der Anwendung von Insulin ist nicht erforderlich. Der messbare Vorteil für den Patienten besteht in einer Verbesserung des HbA1c-Werts um 0,8 bis 0,9 Prozent.

Beratungstrio für die Erstverordnung von Exenatide

1. Spritzen Sie Ihr Medikament zweimal täglich unmittelbar vor Ihren Hauptmahlzeiten. Sie können das Präparat eine Stunde bis direkt vor dem Essen mit dem Pen in eine Hautfalte am Bauch, Oberschenkel oder Oberarm spritzen. Möchten Sie, dass wir zusammen die Funktion des Pens und die korrekte Injektion üben (hier gegebenenfalls mit Demonstrationspen die korrekte Anwendung vorführen)? Achten Sie darauf, dass Sie eine Hautstelle erst wieder nach einer Woche erneut benutzen. Wichtig ist, dass zwischen zwei Anwendungen mindestens sechs Stunden liegen. Wenn Sie an einem Tag nur eine Hauptmahlzeit zu sich nehmen, lassen Sie die zweite Injektion weg. Das Medikament dürfen Sie keinesfalls nach einer Mahlzeit spritzen.

2. Exenatide verlangsamt die Magenentleerung. Deshalb kann es sein, dass Ihnen ab und an übel ist. Dies geht jedoch schnell vorbei. Außerdem kann es sein, dass  Sie weniger Hunger haben oder sogar an Gewicht verlieren. Wichtig: Bei starken Schmerzen im Bauchraum suchen Sie bitte so schnell wie möglich einen Arzt auf. 

3. Die Pens, die Sie nicht in Gebrauch haben, lagern Sie bitte im Gemüsefach Ihres Kühlschranks. Den Pen, den Sie aktuell benutzen und der für einen Monat reicht, bewahren Sie am besten bei Raumtemperatur auf.