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Arzneimitteltherapie

Neuer Arzneistoff im November 2008

25.11.2008  20:58 Uhr

Arzneimitteltherapie

Neuer Arzneistoff im November 2008 

von Sven Siebenand

Rivaroxaban heißt die Substanz, die im November als Neuling auf den deutschen Arzneimittelmarkt kam. Wie Heparine beugt der neue Arzneistoff einer Thrombose vor. Was Wirkmechanismus, Applikationszeitpunkt und -art anbelangt, gibt es jedoch kaum Gemeinsamkeiten.

Mit der Blutgerinnung steht dem Körper ein lebenswichtiges System zur Reparatur von Gefäßläsionen zur Verfügung. Das ausgewogene Gleichgewicht zwischen pro- und antikoagulatorischen Faktoren schützt Gesunde normalerweise vor zu starken Blutungen und Thrombosen. In bestimmten Situationen, etwa bei Bettlägrigkeit und vor allem bei großen operativen Eingriffen, ist aber eine medikamentöse Thromboseprophylaxe erforderlich. Ohne diese ist das Thromboserisiko eine nicht zu unterschätzende Gefahr für den Patienten. Bei Hüft- oder Kniegelenkersatz-Operationen beträgt das Risiko zum Beispiel 40 bis 60 Prozent, bei Patienten mit Verletzungen an der Wirbelsäule sogar bis zu 80 Prozent. Bisher gelten niedermolekulare Heparine wie Enoxaparin als Goldstandard in der Thromboseprophylaxe. Als weitere Substanzen kommen unter anderem Antikoagulanzien, Thrombin-Inhibitoren oder Fondaparinux-Natrium zum Einsatz.

Prophylaxebeginn erst nach der OP

Mit Rivaroxaban (Xarelto® 10 mg Filmtabletten, Bayer HealthCare AG) kam Anfang November ein neues Thromboseprophylaktikum auf den Markt, das bei Erwachsenen nach einer Hüft- oder Kniegelenkersatzoperation zum Einsatz kommt. Die Substanz ist der erste sogenannte direkte Faktor-Xa-Hemmer.

Der Blutgerinnungsfaktor Xa nimmt als Enzym eine zentrale Rolle innerhalb der Gerinnungskaskade ein. Deshalb ist er ein attraktives Ziel für die Antikoagulation. Rivaroxaban hemmt den Faktor Xa hochselektiv. Infolgedessen wird die Bildung von Thrombin und Blutgerinnseln verhindert. Von Vorteil ist auch, dass der Arzneistoff dabei die vielfältigen Wirkungen von Thrombin nicht hemmt.

Die empfohlene Dosis beträgt einmal täglich eine 10-mg-Filmtablette unabhängig von den Mahlzeiten. Nach einer Hüftoperation sollen die Patienten die Tablette fünf Wochen lang einnehmen, nach Knieoperationen reichen zwei Wochen. Was passiert, wenn der Operierte eine Dosis vergisst? In diesem Fall lautet der Rat: Die Tablette sofort einzunehmen und am kommenden Tag mit der einmal täglichen Einnahme wie zuvor fortzufahren. 

Anders als Heparine wird Rivaroxaban nicht am Vorabend des Eingriffs verabreicht, sondern erst sechs bis zehn Stunden danach. Das verhindert Blutungen während der Operation, und außerdem kann der Patient erst am Operationstag stationär aufgenommen werden. Letztlich fördert die orale Gabe vermutlich die Compliance der Patienten, für das Pflegepersonal bedeutet sie eine Zeitersparnis und verhindert das Risiko, sich bei einem Nadelstich zu verletzen.

Die Dosierung von 10 mg pro Tag ist unabhängig vom Geschlecht, Alter oder Körpergewicht des Patienten. Dies gilt auch für Menschen mit einer leichten bis mittelschwer eingeschränkten Nierenfunktion. Auch entfällt die Überwachung der Gerinnungsparameter, und das Risiko von Interaktionen mit anderen Medikamenten ist vergleichsweise gering.

An Interaktionen denken

Vorsicht ist allerdings geboten, wenn die Patienten nicht steroidale Antirheumatika und Thrombozytenaggregationshemmer wie ASS einnehmen, da für diese Arzneimittelkombination ein erhöhtes Blutungsrisiko bekannt ist. In der Fachinformation von Xarelto wird ferner davon abgeraten, den Faktor-Xa-Hemmer mit Azol-Antimykotika wie Ketoconazol und Itraconazol oder HIV-Proteasehemmern zu kombinieren. Das könnte das Blutungsrisiko erhöhen. Andersherum können starke Induktoren des Enzyms CYP3A4 wie Rifampicin, Carbamazepin und Johanniskraut die Wirkung von Rivaroxaban vermindern. Schwangeren und Stillenden darf der neue Arzneistoff nicht verordnet werden.

Der Standardtherapie überlegen

In mehreren Phase-III-Studien reduzierte Rivaroxaban in der Dosis von einmal 10mg pro Tag die Gesamtrate an venösen Thromboembolien im Vergleich zur Standardtherapie mit einmal täglich 40 mg Enoxaparin sehr überzeugend. Dies ging nicht zulasten der Sicherheit: Das Blutungsrisiko unter Rivaroxaban beziehungsweise Enoxaparin war in den Studien vergleichbar. Insgesamt traten bei etwa 14 Prozent der behandelten Patienten Nebenwirkungen auf, Blutungen oder Anämie bei 3,3 beziehungsweise 1,0 Prozent der Patienten. Weitere häufige Nebenwirkungen waren Übelkeit und der Anstieg bestimmter Leberenzymwerte.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
Siebenand(at)govi.de