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Aus PTA-Schulen

Wegweiser zu perfektem Wundmanagement

25.11.2008  20:29 Uhr

Aus PTA-Schulen

Wegweiser zu perfektem Wundmanagement 

von Markus Kuhn, Ellwangen

Nahezu 100 pharmazeutisch-technische Assistentinnen besuchten am 20. Oktober 2008 das Kreisberufsschulzentrum in Ellwangen. Auf der 17. PTA-Fortbildungsveranstaltung informierten sie sich über die richtige Behandlung von Wunden und die sachgerechte Auswahl von Wundauflagen.

Die Phasen einer stadiengerechten Wundversorgung erläuterte im ersten Vortrag Manfred Kiss, Stationsleiter Diabetologie und Wundberater am Klinikum Heidenheim. Dazu beschrieb der Referent zunächst den Aufbau der Haut aus drei Schichten: Über der Subcutis und dem Unterhautfettgewebe liegt die Lederhaut (Dermis). In der Dermis befinden sich viele kleine Blutgefäße, die Schweißdrüsen und die Haarbalgansätze. In der obersten, etwa 0,1 mm dicken Epidermis fehlen Blutgefäße. Die Zellen der Epidermis werden in etwa 28 Tagen komplett aus ihrer un-ters-ten Zellschicht, der Basalzellschicht, ersetzt. Die neu gebildeten Zellen schieben die schon vorhandenen nach außen, wo sie nach circa einem Monat abschilfern. Verletzungen im Bereich der Epidermis wie Schürfwunden heilen also vollständig aus, sofern die Basalschicht intakt bleibt. Bei tieferen Verletzungen ist die Basalzellschicht zerstört, so dass die Wunde durch Narbengewebe aufgefüllt wird.

Mangelversorgung von Gewebe

Während akute Wunden, besonders bei jungen Menschen, immer heilen würden, so Kiss, sei die verzögerte Wundheilung trotz sachgerechter Behandlung das Kennzeichen chronischer Wunden. Dazu zählen das Wundliegen (Dekubitus), Wunden am Fuß von Diabetikern und das Unterschenkelgeschwür (Ulcus cruris venosum). Bei chronischen Wunden ist das betroffene Gewebe mangelhaft versorgt und stirbt letztlich ab, zum Beispiel aufgrund von Durchblutungsstörungen beim Diabetes oder durch den ständigen Druck beim Wundliegen. Kiss warnte davor, chronische Wunden isoliert zu sehen und die gesundheitliche Gesamtsituation des Patienten außer Acht zu lassen. »An jeder Wunde hängt ein Mensch!«, betonte der Wundberater. Die Therapie der Grunderkrankungen sei bei chronischen Wunden entscheidend für den Behandlungserfolg.

Die Wundheilung erfolgt in drei Phasen. Die Entzündungsphase während der ersten drei Tage dient der Wundreinigung. In dieser Phase bildet sich viel Wundsekret (Exsudat). Während der Granulationsphase wird die Wunde mit rötlichem, an Brombeeren erinnerndes Substanzgewebe aufgefüllt. Diese Phase beginnt am zweiten Tag und kann bis zu 14 Tage dauern. Erst vom siebten bis zum vierzehnten Tag findet die Epithelisierungsphase statt. Dann wächst von den Wundrändern her rosafarbenes Abschlussgewebe von außen nach innen. Eine Wundinfektion kann die Heilung allerdings erheblich verzögern.

Wundauflagen sollen die natürliche Wundheilung in der jeweiligen Phase unterstützen. Dazu sollten sogenannte »idealfeuchte« Bedingungen unter der Wundauflage geschaffen werden. Das Narbengewebe verglich Kiss mit Radieschen im Gewächshaus, die auch am besten in warmer und feuchter Erde wachsen würden.

Dr. Anette Vasel-Biergans, Apothekerin am Diakonie-Klinikum Stuttgart, machte den Teilnehmerinnen die Unterschiede zwischen einem »Treibhausklima« und einer feuchten Kammer bei einer idealen Wundabdeckung deutlich. Unter eine dicke Salbenauflage gelange kein Sauerstoff mehr an die Wunde. Dadurch könnten sich sogar gefährliche, anaerobe Keime gut vermehren. Außerdem könne das Exsudat nicht abfließen, und als Folge weiche die Wunde auf.

Tabelle 1: Wegweiser zur Auswahl von Wundauflagen

Exsudatmenge Flache Wunde Tiefe Wunde
kein Exsudat Hydrokolloid dünn Hydrogel + Folie
mäßig Exsudat Hydrokolloid Alginat + Hydrokolloid dünn
viel Exsudat Schaumstoff Alginat + Saugkompresse

Eine »Handvoll« Wundauflagen

Nur wenige Wundauflagen eigneten sich zur wirksamen und verträglichen Wundbehandlung und seien dadurch wirtschaftlich, so Vasel-Biergans. Daher sei es besonders wichtig, dass die PTA die unzähligen Handelsprodukte den verschiedenen Wundauflagen-Typen zuordnen könne (siehe Tabelle 1). Nur mit diesem Wissen können sie die Patienten über Vor- und Nachteile sowie Anwendung und Indikationen informieren. Vasel-Biergans entwickelte  einen Wegweiser zum phasengerechten Einsatz von Wundauflagen. Anhand der Tiefe der Wunde, der Exsudatmenge und der Wundheilungsphase fällt die Beurteilung der Wunde und die Wahl der geeigneten Wundauflage leicht (siehe Tabelle 2). 

Tabelle 2: Wundauflagen

Vorteile Nachteile Indikation
Alginat große Saugkapazität, Gelbildung Wundrandmazeration möglich mäßig bis stark nässende Wunden
Hydrogele Feuchthalten der Wundoberfläche eingeschränkte Saugkapazität schwach bis mäßig nässende Wunden
Hydrokolloide Feuchtigkeitsabgabe, wundreinigend, selbstklebend schlecht haftend je nach Dicke des Verbandes: leicht bis stark nässende, oberflächliche Wunden
Schaumstoffkompressen große Saugkapazität ausreichend Exsudat muss vorhanden sein mäßig bis stark nässende Wunden
Semipermeable Wundfolien Wundbeobachtung möglich, selbstklebend keine Saugkapazität trockene bis schwach nässende Wunden
Saugkompressen gut saugend, wirtschaftlich verklebend, Verbandwechsel mehrmals täglich stark nässende Wunden in der Reinigungsphase

Die Veranstalter danken der Sanacorp Pharmahandel AG, der IKK Baden-Württemberg und Hessen sowie der Firma Paul Hartmann AG für die freundliche Unterstützung der Veranstaltung.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
mkuhn-Ellwangen(at)t-online.de