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Probiotika

Freunde und Helfer

24.11.2009
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Probiotika

Freunde und Helfer

von Iris Priebe

Die meisten Menschen denken bei Bakterien an Krankheitserreger. Dabei tummeln sich im Darm viele Bakterienkulturen, die der Gesundheit dienen statt ihr zu schaden.

Experten haben gesundheitsfördernden Mikroorganismen den Namen Probiotika gegeben, denn das aus dem Griechischen stammende Wort probiotisch bedeutet übersetzt »für das Leben«. Im Darm siedeln rund 500 verschiedene Spezies, überwiegend Bakterien, aber auch andere Mikroorganismen und Pilze. Circa 85 Prozent davon sind Probiotika und 15 Prozent Fäulnisbakterien. Probiotische Mikroorganismen sorgen dafür, dass sich ein Gleichgewicht zwischen den Arten einpendelt. Sie hindern zum Beispiel Krankheitserreger daran, sich im Darmepithel anzusiedeln. Ähnlich wie Platzhirsche ihr Revier verteidigen, besetzen Probiotika im Darm spezifische Rezeptoren und verhindern so, dass schädliche Keime an diese andocken und womöglich danach ins Epithel eindringen oder sogar hindurch wandern. Zusätzlich sezernieren Probiotika antimikrobielle Substanzen und senken den pH-Wert im Darm ab, was die Lebensbedingungen für schädliche Mikroorganismen verschlechtert.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der Anteil der gesundheitsfördernden Bakterienstämme in der Darmflora ausreichend hoch ist. Verringert sich die Anzahl probiotischer Keime im Darm drastisch, können sich die schädlichen Arten immer stärker ausbreiten. Diesen Prozess bemerken die Betroffenen schließlich an leichten Beschwerden wieDurchfall und Verstopfung oder sie erkranken an Vitamin-B12-Mangel oder an einer chronischen Entzündung des Darmes.

Stoffwechselaktive Darmflora

Im Darm leben etwa 100 Billionen Mikroorganismen, das sind rund 10-mal mehr als Körperzellen! Bei diesen kaum vorstellbaren Zahlen überrascht es nicht, dass die Stoffwechselaktivität dieser Bakterien einen großen Einfluss auf den »Wirtsorganismus« Mensch hat. Die Stoffwechselkapazität im Darm übertrifft sogar die derLeber. Deshalb können Veränderungen innerhalb der Darmflora zu erheblichen Darmleiden oder systemischen Beschwerden führen.

Die Besiedlung mit probiotischen Bakterien beginnt bereits im Mund. Das ist nötig, weil mit der Nahrungsaufnahme ein erster Kontakt mit potenziell schädlichen Erregern stattfindet. Dagegen sind Magen und Zwölffingerdarm wegen der hohen Salzsäurekonzentration nur spärlich besiedelt. Erst im Dünndarm steigt die Keimzahl wieder an und nimmt im Dickdarm noch einmal stark zu. Die Flora des gesamten Verdauungstraktes schützt den Körper vor der Kolonisation (Ansiedlung) und Infektion durch fremde Bakterien. Diesen Abwehrmechanismus bezeichnen Mediziner als Kolonisationsresistenz. 

Während krankmachende (pathogene) Keime vor allem toxische Substanzen bilden, produzieren probiotische Bakterienstämme oder Hefen Vitamine, Milchsäure und Enzyme. Jeder probiotische Stamm hat zudem besondere Eigenschaften: Zum Beispiel verdrängen die Milchsäurebakterien, wie Lactobacillus acidophilus und Bifidobacterium bifidum, bevorzugt enterotoxische Coli-Bakterien, Clostridien, Candida-Pilze und Viren. Lactobazillen, aber auch Enterokokken säuern das Dünndarmmilieu an. Bacteroides und Bifido-Bakterien bilden im Dickdarm kurzkettige Fettsäuren wie Butter-, Essig- und Propionsäure und ernähren damit die Epithelzellen der Darmschleimhaut. Escherichia coli allerdings vereint positive probiotische mit negativen Effekten: E.-Coli-Bakterien stimulieren einerseits das Immunsystem und erschweren die Besiedlung durch pathogene Keime. Ernährt sich ein Mensch zu eiweißreich, bauen sie andererseits Proteine zu Darmgasen ab, sodass empfindliche Personen unter Blähungen und Koliken leiden.

Die Darmflora lässt sich insgesamt als funktionierendes »Biotop« auffassen, das nützliche und neutrale Erreger vereint. Hält sich diese Mikrobengesellschaft gegenseitig unter Kontrolle, fühlt sich der Mensch wohl.

Wenn das Gleichgewicht kippt

Wie empfindlich dieses Ökosystem ist, zeigt sich am Beispiel der Antibiotika-Therapie. Antibiotika sind notwendig, um Infektionen durch Bakterien zu bekämpfen, beispielsweise eine durch Streptokokken ausgelöste eitrige Mandelentzündung. Die Arzneimittel töten aber nicht nur Krankheitserreger ab, sondern gleichzeitig auch eine Vielzahl nützlicher Keime im Darm. Einige Experten vergleichen die Darmschleimhaut mit einem gut gepflegten englischen Rasen. Darauf wirkt das Antibiotikum wie ein Golfschläger, der tiefe Löcher hinterlässt.

Wenige Tage nach Absetzen des Antibiotikums stellt sich bei 50 bis 70 Prozent der Patienten das Gleichgewicht zwischen den Keimen wieder ein; die Darmflora hat sich vollständig regeneriert. Bei den übrigen Patienten allerdings vermehren sich so viele pathogene Mikroorganismen, dass Durchfälle auftreten. Jedes Antibiotikum kann noch bis zu vier Wochen nach dessen Absetzen eine antibiotikaassoziierte Colitis auslösen, am häufigsten kommt das vor nach Einnahme von Cephalosporinen, Makroliden und Chinolonen, selten bei Penicillin-Abkömmlingen, Tetracyclinen und Sulfonamiden. Müssen Patienten in kurzen Abständen wiederholt Antibiotika einnehmen, steigt die Gefahr, dass das Verhältnis der Keime im Darm aus dem Gleichgewicht gerät. Um dem Prozess vorzubeugen, können Betroffene Probiotika zuführen.

Probiotika ergänzen

Die Substitution von Probiotika eignet sich nicht nur nach der Behandlung mit Antibiotika, sondern auch für Personen, die längere Zeit Protonenpumpenhemmer einnehmen. Auch wer unter chronischen oder ständig wiederkehrenden Infektionen leidet, kann Probiotika zuführen. Sie werden als Nahrungsergänzungsmittel, in Lebensmitteln und auch als Arzneimittel angeboten.

Nahrungsergänzungsmittel beinhalten meist gefriergetrocknete Mikroben und dienen der Unterstützung einer gesunden und funktionierenden Darmflora. Die gefriergetrockneten Pulver muss der Verbraucher vor der Einnahme mit etwas Wasser verrühren, damit sich die Keime wieder aktiv vermehren können. Vorsicht: Einige Produkte im Handel enthalten eine zu geringe Keimzahl oder die Präparate sind unzureichend deklariert. Am besten vertrauen Apothekenkunden auf Präparate namhafter Hersteller, zum Beispiel auf Symbiolact® und Lactobact®.

In Lebens- und Arzneimitteln

Auch probiotische Lebensmittel sollen die Darmflora und ein intaktes Immunsystem unterstützen. Die Nahrungsmittelindustrie setzt speziell entwickelte Bakterienkulturen vorzugsweise Produkten aus Sauermilch zu. Die Kulturen besitzen besondere Eigenschaften: Sie überleben die niedrigen pH-Werte im Magen und sind recht resistent gegenüber Verdauungsenzymen und Gallensäuren. Wie wirksam »probiotisch« deklarierte Lebensmittel sind, wird kontrovers diskutiert. Das Bundesinstitut für Risikobewertung vertritt die Auffassung, dass nur der regelmäßige und tägliche Verzehr von probiotischen Produkten mit insgesamt 108 bis 109 Mikroorganismen  probiotische Wirkungen im Körper entfalten kann. Zu beachten ist: Lagern probiotische Lebensmittel zu lange unsachgemäß, sinkt ihre Keimzahl deutlich.

Probiotische Arzneimittel enthalten lebende und/oder abgetötete Bakterien. Ihre Wirksamkeit mussten die pharmazeutischen Hersteller in Doppelblindstudien nachweisen, bevor die Arzneimittelbehörde sie für verschiedene Indikationen zulässt. Die Arzneimittel können zum Beispiel bei Kindern den Verlauf von Durchfällen durch Rotaviren abmildern oder dienen der Behandlung antibiotikainduzierter Durchfälle. Auch bei chronischer Infektanfälligkeit haben sie einen positiven Einfluss auf das Immunsystem. Bei akuten Infekten, zum Beispiel Mittelohr-, Mandel-, Nasennebenhöhlen- und Bronchialschleimhautentzündung sowie grippalen Infekten genügt häufig eine Stoßtherapie über zwei Wochen. Zur Sanierung der Darmflora empfehlen die Hersteller jeweils unterschiedliche Einnahmeschemata, die bis zu fünf Monate andauern. Bei Atemwegsinfekten lassen sich die Präparate nicht nur schlucken, sondern zusätzlich nasal applizieren. Zugelassene Arzneimittel sind beispielsweise Symbioflor® 1 und 2 Tropfen, Hylak® N Tropfen, Mutaflor®, Omniflora® N und Omniflora® akut Kapseln sowie Paidoflor® Kautabletten.

E-Mail-Adresse der Verfasserin:
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