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Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im November 2009

26.11.2009
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Arzneimitteltherapie

Neue Arzneistoffe im November 2009

von Sven Siebenand

Vier neue Wirkstoffe kamen in den vergangenen Wochen auf den deutschen Markt. Darunter befinden sich zwei ähnliche monoklonale Antikörper, die beide bei rheumatoider Arthritis eingesetzt werden. Hinzu kommen ein neues Mittel für Typ-2-Diabetiker und einweiteres Krebsmedikament.

In den vergangenen Jahren hat sich in Grundlagenforschung und klinischen Untersuchungen ein wichtiges Hauptziel herauskristallisiert: der Tumornekrosefaktor alpha (TNF-alpha). Dieses Zytokin spielt eine Schlüsselrolle bei Entzündungsreaktionen. Die Überproduktion von TNF-alpha konnte mittlerweile mit einer Reihe von Krankheiten in Verbindung gebracht werden. Im vergangenen Monat kamen gleich zwei neue Wirkstoffe für die »Anti-TNF-alpha-Therapie« auf den deutschen Markt.

Certolizumab Pegol

Der erste der beiden Neulinge heißt Certolizumab Pegol (Cimzia® 200 mg Injektionslösung, UCB). Er wird in Kombination mit Methotrexat (MTX) zur Behandlung von Erwachsenen mit mittelschwerer bis schwerer aktiver rheumatoider Arthritis angewendet, wenn andere Antirheumatika, zum Beispiel MTX, nicht ausreichend wirksam sind. Darf ein Patient MTX aus bestimmten Gründen nicht erhalten, ist auch die Monotherapie mit Certolizumab Pegol erlaubt. Der neue Arzneistoff wird immer subkutan injiziert, am besten in den Oberschenkel oder in den Bauch. Die empfohlene Anfangsdosis beträgt 400 mg (zwei Injektionen zu je 200 mg an einem Tag). Zwei und vier Wochen später erhält der Patient nochmals eine 400-mg-Dosis aufgeteilt auf zwei Injektionen à 200 mg. Danach wird ihm im Zweiwochenrhythmus eine Erhaltungsdosis von 200 mg gespritzt. Spricht der Patient nicht innerhalb von zwölf Wochen auf den Arzneistoff an, sollte der Arzt überdenken, ob er die Behandlung fortsetzt. Nach entsprechender Schulung können sich die Patienten das Mittel auch selbst verabreichen. Ein besonderes Design der Spritze soll ihnen dabei behilflich sein. 

Certolizumab Pegol ist ein monoklonaler Antikörper, der pegyliert ist, das heißt, der an Polyethylenglykol gebunden ist. Der Wirkstoff bindet an TNF-alpha und vermindert so die Entzündung und andere Symptome der rheumatischen Erkrankung. Die Pegylierung ist deshalb sinnvoll, weil der Wirkstoff dadurch langsamer aus dem Körper ausgeschieden wird, und das ermöglicht den Zwei- oder Vierwochenrhythmus.

Die häufigsten Nebenwirkungen des neuen Präparats sind bakterielle und virale Infektionen, Kopfschmerzen, Empfindungsstörungen, Bluthochdruck, Hepatitis, Hautausschlag, Fieber, Schmerzen, Schwäche, Juckreiz und Reaktionen an der Injektionsstelle.

Patienten mit klinisch bedeutsamen aktiven Infektionen, einschließlich aktiver Tuberkulose, darf der Arzt den neuen Wirkstoff nicht verordnen. Falls der Patient im Verlauf der Therapie an einer schwerwiegenden Infektion erkrankt, ist die Anwendung von Certolizumab Pegol so lange zu unterbrechen, bis die Infektion unter Kontrolle gebracht wurde. PTA und Apotheker können dem Patienten raten, umgehend einen Arzt aufzusuchen, sobald er Symptome einer Infektion bemerkt. Ferner gelten mittelschwere bis schwere Herzinsuffizienz als Kontraindikation. Auch Schwangere sollten den Antikörper nicht erhalten. Frauen im gebährfähigen Alter empfiehlt der Hersteller in der Fachinformation, eine geeignete Empfängnisverhütungsmethode anzuwenden und diese bis mindestens fünf Monate nach der letzen Injektion von Certolizumab Pegol fortzuführen.

Golimumab

Der zweite neu zugelassene TNF-alpha-Blocker ist der monoklonale Antikörper Golimumab (Simponi® 50mg Injektionslösung in vorgefülltem Injektor und Fertigspritze, Essex Pharma). Ebenso wie Certolizumab Pegol wird die neue Substanz zur Behandlung von Erwachsenen mit aktiver rheumatoider Arthritis in Kombination mit MTX angewendet. Darüber hinaus ist sie zugelassen für die Behandlung der aktiven und fortschreitenden Psoriasis-Arthritis bei Patienten, die auf andere Behandlungen nur unzureichend angesprochen haben. Für diese Indikation kann Golimumab allein oder in Kombination mit MTX zum Einsatz kommen. Drittes Anwendungsgebiet ist die schwere aktive ankylosierende Spondylitis, eine Erkrankung, die Entzündungen und Schmerzen in den Gelenken der Wirbelsäule verursacht. 

Der verschreibungspflichtige Wirkstoff wird einmal monatlich als 50-mg-Injektion subkutan, stets an demselben Tag des Monats, verabreicht. Sprechen Patienten, die mehr als 100 Kilogramm wiegen, nach drei oder vier Dosen nicht auf die Behandlung an, kann der Arzt die Dosis auf 100 mg erhöhen. Auch diesen TNF-alpha-Blocker können die Patienten nach entsprechender Einweisung selbst injizieren. Für dieses Präparat wurde eine Injektionshilfe in Form eines Autoinjektors entwickelt, der die Selbstapplikation erleichtern soll. Nach Entnahme des Mittels aus dem Kühlschrank müssen die Patienten warten, bis es Raumtemperatur erreicht und erst dann injizieren. Zudem dürfen sie den Injektor nicht schütteln.

Die in Studien am häufigsten beobachteten Nebenwirkungen von Golimumab sind Infektionen der oberen Atemwege wie Entzündung von Nase, Rachen und Kehlkopf sowie laufende Nase. Weitere Parallele zu Certolizumab Pegol: Patienten mit Tuberkulose, anderen schweren Infektionen oder mäßiger bis schwerer Herzinsuffizienz dürfen nicht mit dem neuen Antikörper behandelt werden. Aufgrund des erhöhten Infektionsrisikos muss der Arzt Patienten, denen er das Mittel verabreicht, während der Behandlung und bis zu fünf Monate danach auf Infektionen, einschließlich Tuberkulose, überwachen. Bei Schwangeren darf er den neuen Antikörper nur dann einsetzen, wenn dies medizinisch notwendig ist.

Saxagliptin

Mit Saxagliptin (Onglyza™ 5mg Filmtab-letten, Bristol-Myers Squibb/AstraZeneca) ist Anfang November ein weiteres Antidiabetikum auf den deutschen Markt gekommen. Die Anwendung von Saxagliptin ist bei erwachsenen Typ-2-Diabetikern angezeigt, um während der Kombinationstherapie die Blutzuckerkontrolle zu verbessern. Als Kombinationsarzneimittel kommen Metformin, Sulfonylharnstoffe oder ein Thiazolidindion wie Rosiglitazon und Pioglitazon infrage, wenn sich mit der jeweiligen Monotherapie zusammen mit Diät und Bewegung der Blutzucker nicht ausreichend kontrollieren lässt. Soll der neue Arzneistoff mit einem Sulfonylharnstoff kombiniert werden, kann es erforderlich sein, die Dosis des Sulfonylharnstoffs zu reduzieren, um das Risiko einer Unterzuckerung zu verringern.

Saxagliptin gehört zur Klasse der Dipeptidyl-Peptidase-4-Hemmer (DPP-4-Hemmer). Weitere Substanzen aus dieser Arzneistoffklasse sind Vildagliptin und Sitagliptin. Diese Wirkstoffe verbessern die Fähigkeit des Organismus, einen erhöhten Blutzuckerspiegel zu senken, indem sie die natürlichen Hormone, die Inkretine, beeinflussen und dadurch die Insulinproduktion steigern und die Glukoseproduktion in der Leber reduzieren. Das wird erreicht, indem Saxagliptin das Enzym DPP-4 hemmt und damit den Abbau der Inkretine blockiert.

In der Regel nehmen Patienten einmal täglich eine 5-mg-Tablette ein, zu jeder Tageszeit mit oder ohne Nahrung. Patienten mit mäßiger bis schwerer Niereninsuffizienz sollen den DPP-4-Hemmer nicht erhalten. Gleiches gilt für Typ-1-Diabetiker und für Patienten mit schwerer Leberinsuffizienz. Schwangere sollten den Wirkstoff nur dann einnehmen, wenn dies unbedingt erforderlich ist.

Laut Fachinformation besteht bei Saxagliptin nur ein geringes Risiko für klinisch relevante Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln. Bei der Kombination mit starken CYP3A4-Induktoren wie Carbamazepin, Dexamethason, Phenytoin und Rifampicin kann jedoch die blutzuckersenkende Wirkung von Saxagliptin reduziert sein.

Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Saxagliptin gehören Infektionen der oberen Atemwege und der Harnwege, Entzündungen der Nasennebenhöhlen, der Magen- und Darmschleimhaut, Kopfschmerzen und Erbrechen.

Vinflunin

Mit Vinflunin (Javlor® 25 mg/ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung) ist seit Anfang November ein weiteres Zytostatikum in Deutschland verfügbar. Es ist zugelassen für erwachsene Krebspatienten mit fortgeschrittenem oder metastasierendem Übergangszellkarzinom des Urothels. Dieser Krebs befällt die Schleimhaut der Harnblase und des restlichen Harntrakts. Vinflunin wird erst nach Versagen einer Behandlung mit platinhaltigen Zytostatika angewendet.

Die verabreichte Dosis richtet sich nach der Körperoberfläche des Patienten. In der Fachinformation empfiehlt der Hersteller 320 mg Wirkstoff/m2 Körperoberfläche. Das Zytostatikum wird alle drei Wochen intravenös verabreicht.

Pharmakologisch betrachtet zählt Vinflunin zu den Vinca-Alkaloiden. Weitere Wirkstoffe aus dieser Gruppe sind Vinblastin und Vincristin. Die Substanzen binden an das Zellprotein Tubulin auch in Krebszellen und verhindern so, dass sich die Krebsellen teilen und ausbreiten.

Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Vinflunin zählen Blutbildveränderungen, Muskelschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Fieber, Appetit- und Gewichtsverlust, Haarausfall, Schwäche sowie Reaktionen an der Injektionsstelle. Zur Prophylaxe einer Obstipation empfiehlt der Hersteller den Patienten, ab dem ersten Tag der Vinflunin-Gabe bis zum siebten Tag nach jeder Anwendung Laxanzien einzunehmen und durch diätetische Maßnahmen für eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme zu sorgen.

Vinflunin ist kontraindiziert bei Patienten mit einer schweren akuten Infektion beziehungsweise einer Infektionserkrankung in den vergangenen zwei Wochen oder bei Patienten mit einer niedrigen Neutrophilen- beziehungsweise Thrombozytenzahl. Auch Stillende sollen den Wirkstoff nicht erhalten.

E-Mail-Adresse des Verfassers:
siebenand(at)govi.de