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Sympathiemittel

Pflanzenzauber in der Volksmedizin

21.10.2011
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Von Ernst-Albert Meyer / Die Bedeutung vieler Begriffe hat sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt. Während heute jeder das Wort »Sympathie« mit »Zuneigung« gleich setzt, dachten die Menschen in Mittelalter und Renaissance bei diesem Begriff an Zauber und geheime Kräfte. Aus Sicht der damals sehr populären Sympathielehre sollte der Mensch seine Krankheiten, Leiden und Gebrechen auf Pflanzen übertragen um sich so von ihnen befreien zu können.

Die Menschen vergangener Zeiten betrachteten Kräuter, Sträucher und Bäume als beseelte Wesen, die wachsen, dürsten, sich vermehren und sterben. Wenn Pflanzen sich im Wind bewegten, schien es ihnen, als kommunizierten sie miteinander. Also sollten sie wie der Mensch eine Seele besitzen, Gefühle und Gedanken entwickeln und ihm damit wesensverwandt sein. Die Menschen verehrten die Pflanzen, grüßten und küssten sie oder knieten vor ihnen nieder. Zu diesem engen Verhältnis gehört die damals weit verbreitete Ansicht, Pflanzen könnten die Krankheiten des Menschen auf sich nehmen und ihn auf diese Art heilen.

Symbolische Handlungen, Riten und Beschwörungsformeln (»Segen«) begleiteten die Anwendung der Sympathiemittel, der Kräuter, Sträucher und Bäume. Auch für das Sammeln der Pflanzen oder Pflanzenteile galten feste Vorschriften, die garantieren sollten, dass das Sympathiemittel half. Der Kranke musste die Pflanze zunächst berühren und mit ihr eine Verbindung herstellen. Nur so konnte er das Sympathiemittel an seinem Leiden teilhaben lassen. Besaß die Pflanze eine stärkere Kraft als der Mensch, besiegte sie die ihr übertragenen gesundheitlichen Beschwerden. Ging sie hingegen zugrunde, »starb« auch die Krankheit, und der Leidende wurde wieder gesund.

Rituale statt Bohrer und Zange

Unter Zahnschmerzen litten die Menschen zu allen Zeiten. Deshalb ist auch eine Vielzahl von Sympathiemitteln gegen die schreckliche Pein überliefert. Noch bis zum 18. Jahrhundert war der Glaube weit verbreitet, ein Wurm hätte sich im Zahn eingenistet und verursache die Schmerzen. Ein Sympathie-Büchlein aus jener Zeit beschreibt eine weit verbreitete Kur gegen Zahnschmerzen. Diese nahm auch einem »alten dicken Wirth mit Zunahmen Baumann« die Schmerzen, die ihn über ein dreiviertel Jahr »grausam geplagt« hatten. Der Wirt schnitt aus einer Weide einen kleinen Holzspan heraus. Mit ihm stach er sich ins Zahnfleisch, bis es heftig blutete. Dann setzte er den blutigen Span wieder an die Stelle der Weide ein, an der er ihn entnommen hatte. Als er wieder ins Holz eingewachsen war, »war dem Wirth alsbald geholfen, dass er bis dato noch lebt und von Anfechtung von Zahnschmerzen nichts mehr weiß.« In anderen Regionen Deutschlands wandten sich die Menschen für diese Zahnkur an Holunder, Birke, Erle oder Kirschbaum.

Gegen den Fieberdämon

Fieber tritt als Symptom einer Erkrankung relativ häufig auf. So sind entsprechend viele Sympathiemittel gegen Fieber bekannt. Da die meisten fiebernden Patienten unter Schüttelfrost leiden, glaubten die Menschen früher, das Fieber verursache ein Dämon, der den Kranken hin- und herschüttelt. Eines der bekanntesten Sympathiemittel gegen Fieber war die Brennnessel (Urtica dioica), die laut Sympathielehre vor allem gegen das sogenannte kalte Fieber (Wechselfieber mit Schüttelfrost) helfen sollte. Der Fieberkranke musste an drei Tagen nacheinander vor Sonnenauf- oder nach Sonnenuntergang zu einer Brennnessel gehen und folgenden Spruch aufsagen:

»Guten Morgen (oder guten Abend) liebe Alte,

ich bring das Heiße und das Kalte,

mir soll es vergehn und du sollst es bekommen.«

Als weiteres Sympathiemittel gegen Fieber galten Roggenkörner. Diese musste der Kranke fest in der Hand halten, bis sie ganz vom Körperschweiß durchtränkt waren. Dann musste er sie in einer Hecke nahe dem Kornfeld vergraben. Gingen die Körner auf, war auch das Fieber verschwunden. Ein anderes Rezept empfahl, bei Fieber fünf Wurzeln vom Wegerich (Plantago major, Plantago lanceolata) auszugraben, zusammenzubinden und unter das Bett zu legen. Der Patient musste vor Sonnenaufgang am ersten Tag fünf Vaterunser beten, anschließend jeden Tag eines weniger. Mithilfe dieses Rituals war er nach fünf Tagen fieberfrei.

Fußbad bei schmerzhafter Gicht

Seinem Namen nach half das Bruchkraut (Herniaria glabra) laut Sympathielehre gegen Knochenbrüche. Der Patient musste allerdings folgende Vorschrift strikt einhalten: drei Tage vor dem Neumond die ganze Pflanze ausgraben und das Bruchkraut drei Abende nacheinander auf den Bruch binden, jedes Mal so lange darauf liegen lassen, bis es von der Körpertemperatur erwärmt war, und dann an einem kühlen Ort aufbewahren. Noch bevor der Mond wieder zunahm, musste er das Kraut wieder in die Erde pflanzen.

An der sehr schmerzhaften Gicht (Podagra) litten auch im Mittelalter einige Menschen, meist die reichen, die ausschweifend lebten. Aus dieser Zeit stammt ein altes Sympathiemittel: »Gegen Podagra nimmt man eine gute Handvoll Königskerzenkraut und Kreide, so groß wie ein Ei. Die Kreide stoße man zu Pulver und koche diese beiden Stücke miteinander eine halbe Stunde lang in jenem Wasser, worin der Schmied das Eisen ablöscht. Wenn das Wasser nicht mehr so heiß ist, setze die Füße hinein wie in ein anderes Fußbad und bade sie darin. Hernach mache ein großes Loch in die Erde, gieße das Wasser samt dem Kraut und der Kreide hinein und scharre es wieder zu. Wenn das Kraut verfault ist, so ist auch die Krankheit verschwunden.«

Zauber mit Schöllkraut und Pappel

Große Bedeutung als Sympathiemittel besaß die Goldwurz (Schöllkraut, Chelidonium majus). Hatten ihre Kinder Zahnungsbeschwerden, sollten die Eltern die Goldwurz an einem Freitag während des ­Gebetsläutens ausgraben, in ein Leinensäckchen einnähen und unter das Bett des Kindes legen. Allerdings durften sie die Wurzel nicht mit der bloßen Hand berühren, um ihre Wirkung nicht zu gefährden.

Ein merkwürdiges Mittel sollte bei Haarproblemen helfen: »Bohre ein Loch in eine Pappel, stecke einige Haare hinein, verschließe es mit einem Keil, so bekommst du lange und gesunde Haare.«

Amulette mit Pflanzenfüllung

Am Körper getragene, getrocknete Teile bestimmter Pflanzen sollten nach altem Volksglauben die Krankheit aus dem Körper ziehen. So diente beispielsweise die Wurzel des Löwenzahns (Taraxacum officinale) im Amulett als beliebtes Fiebermittel. Das getrocknete Kleine Habichtskraut (Hieracium pilosella) sollte als Amulett nicht nur bei Augenkrankheiten, sondern auch gegen die »Schweine« oder »Schwendung« (von Schwinden, gemeint ist die Muskelatrophie) helfen. Die Menschen im Allgäu banden das Habichtskraut in einem Säckchen auf das kranke Körperteil. Dabei mussten sie darauf achten, dass das Säckchen eine ungerade Anzahl von Blättern enthielt. Auch runde Scheiben aus Klettenwurzel oder Moos, das auf den Knochen von Toten gewachsen war, füllten die Menschen in Amulette, damit sie von Muskelatrophie geheilt wurden. Gegen die »Heilige Krankheit« (Fallsucht, Epilepsie) sollte folgendes Amulett helfen: »Trage die Wurzel einer Pfingstrose bei dir. Die Wurzel muss aber bei abnehmendem Mond, an einem Sonntag im Juli, und zwar zur Mittagsstunde gegraben werden.«

Menschen mit Augenkrankheiten sollten Vogelknöterich (Polygonum aviculare) am Körper tragen. Vorab musste der Kranke den Vogelknöterich frühmorgens vor Sonnenaufgang aufsuchen und ihm mitteilen, dass er seine Hilfe gegen die Augenkrankheit benötigte. Am nächsten Morgen konnte er die Pflanze dann ausgraben und sich um den Hals hängen. »So wird er bestimmt gesund werden«, ist in einer alten Schrift nachzulesen.

Heiliger Holunderstrauch

Der Holunder (Sambucus nigra) genießt seit alters her eine hohe Wertschätzung. Er war die »Hausapotheke« des »gemeinen mannes«, denn Rinde, Blätter, Blüten und Beeren des »Hollers« nutzten die Menschen für ihre Gesundheit. Darüber hinaus zählte der Strauch zu den heiligen Bäumen und Büschen, weil die guten Hausgeister in ihm wohnten. Außerdem galt er als unverletzlich. »Vor dem Holunder soll man den Hut abnehmen«, heißt ein Bauernspruch. Das Fällen eines Holunderstrauches soll Unglück in Familie und Stall oder sogar den Tod bringen. Da ist es kein Wunder, dass die Menschen den Holunder als eine der wirksamsten Pflanzen schätzten, dem sie ihre Krankheiten übertragen konnten. ­Fieberkranke banden in der Nacht bei abnehmendem Mond einen Faden um den Holunder und sagten dabei folgenden Spruch auf:

»Guten Morgen, Herr Flieder,

ich bring dir mein Fieber,

ich binde dich an,

nun gehe ich in Gottes Namen davon.«

Menschen mit einem Überbein gingen an drei Freitagen bei abnehmendem Mond, aber vor Sonnenaufgang, zu einem Holunderbusch, rissen jedes Mal ein Blatt ab und rieben das Überbein damit ein, das bald schon verschwand. Gegen alle Kopfleiden, auch Kopfschmerzen, sollte folgende Methode helfen: »Man binde sich frische Holunderblätter über den Kopf, bis sie sich erhitzen, und wechsle mehrmals diese Blätter, lasse aber die ganze Prozedur täglich nicht länger als eine Stunde dauern.« Kranke mit Rheuma und Gicht sollten an drei aufeinander folgenden Tagen morgens vor Sonnenaufgang zu einem Holunderstrauch gehen, ihn umfassen und dabei sprechen:

»Flieder ich habe die Gicht

und du hast sie nicht.

Nimm sie mir ab,

so dass ich sie auch nicht hab.

Im Namen Gottes des Vaters,

des Sohnes und des Heiligen Geistes.«

Diese teilweise recht abenteuerlichen Sympathiemittel sind kein »Schnee von gestern«, denn mancher Volksglaube hat sich bis heute erhalten. Nicht nur Anhänger der Sympathielehre tragen bei rheumatischen Beschwerden stets eine Kastanie in ihrer Jackentasche. Und schließlich sind Pla­cebos auch eine Art moderne Sympathiemittel, denn der Placebo-Effekt basiert auf dem Glauben an die Wirksamkeit des wirkstofffreien Präparates und auf dem Vertrauen in den Arzt, der das Mittel ­verabreicht. /

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