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Deutscher Apothekertag

Apotheker fordern faire Vergütung

19.10.2012  17:22 Uhr

PTA-Forum / Der Deutsche Apothekertag in München stand ganz unter dem Eindruck der unzureichenden Honoraranpassung. Das Thema prägte die Veranstaltung von der Pressekonferenz am Mittwoch, dem 10. Oktober, bis hin zum letzten Arbeitskreis am Samstag, dem 13. Oktober.

Die Erhöhung der Packungspauschale zum 1. Januar 2013 um 25 Cent und die neue Notdienst­vergütung reichen nicht aus, um den Apotheken ein wirtschaftliches Arbeiten zu ermöglichen. Daher forderte Heinz-Günter Wolf, Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände – bei der Auftaktpressekonferenz zum Deutschen Apothekertag (DAT) weitere Maßnahmen von der Politik. »Erste Schritte in die richtige Richtung einer Verbesserung der Situation sind gemacht«, sagte Wolf im Hinblick auf die Zusage der Regierung, die Nacht- und Notdienst­pauschale zu erhöhen. »Aber kurzfristige Maßnahmen als Reaktion auf politischen Druck reichen nicht aus.«

Auch die Delegierten forderten weitere Maßnahmen. Sonst könnten neue Proteste die Folge sein. Derzeit würden die Apotheker sich selbst ausbeuten. Seit neun Jahren habe es keine realen wirtschaftlichen Verbesserungen gegeben. »Die jetzt vorgesehenen Verbesserungen reichen nicht hin und nicht her«, kritisierte Wolf. »Wir wollen auch in Zukunft für die Menschen in diesem Land da sein.« Ein wohnort­nahes Netz unabhängiger Apotheken sei kein Luxus, sondern »etwas, das wir uns leisten müssen«.

Honorar von 2004, Kosten von 2012

Derzeit geht pro Werktag in einer deutschen Apotheke für immer das Licht aus. Auf dieses Apothekensterben wies Karl-Heinz Resch, Geschäftsführer »Wirtschaft, Soziales und Verträge« der ABDA hin. Für das Jahresende werde der niedrigste Stand an Betriebserlaubnissen seit 1994 prognostiziert. Die Gesamtzahl der Apotheken wird dann vermutlich erstmals wieder unter 21 000 liegen. Resch macht dafür vor allem die seit 2004 nicht mehr angepasste Honorierung verantwortlich.

Der ABDA-Geschäftsführer stellte klar, dass die Grundsystematik der Arzneimittelpreisverordnung stimmig ist, also die vom Arzneimittelpreis weitgehend unabhängige Honorierung der apotheker­lichen Leistungen. Die Höhe der Vergütung sei es heute allerdings nicht mehr. Um Vergütungs­gerechtigkeit herzustellen, seien betriebswirtschaftlich 624 Millionen Euro pro Jahr notwendig. Resch betonte, dass die jetzt genehmigte Anhebung des Fixzuschlags um 25 Cent von 8,10 Euro auf 8,35 Euro einer Anhebung von nur 3,1 Prozent nach neun Jahren entspricht. Pro Jahr gerechnet sind das lediglich 0,3 Prozent.

Diese Anhebung könne die Einkommenslücke nicht annähernd schließen, so Resch. Sie bringt den Apotheken 190 Millionen Euro. Selbst nach der versprochenen Gewährung der Not- und Nachtdienst­pauschale in Höhe von jährlich insgesamt 120 Millionen Euro, fehlen den Apotheken noch 314 Millionen Euro pro Jahr. Daher halten die Apotheker weiterhin an ihrer Forderung nach einer Anpassung von insgesamt 624 Millionen Euro fest, sagte Fritz Becker, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands (DAV). »Für eine faire Vergütung haben wir einen weiteren Anpassungsbedarf von 50 Cent pro Packung.« Außerdem forderten die Apothekenvertreter, das Packungshonorar in Zukunft jährlich anzupassen.

Direkt nach dem Apothekertag stehen Resch zufolge weitere Gespräche mit Politik und Kranken­kassen an. Mit dem Bundesgesundheitsministerium werde man zum Beispiel besprechen, wie die Nacht- und Notdienstpauschale am effektivsten und besten umzusetzen ist. Mit dem GKV-Spitzenverband wird der DAV am 17. Oktober in einer ersten Runde über den in 2013 zu gewährenden Apothekenabschlag verhandeln. Dieser liegt derzeit noch bei 2,05 Euro, weil dies die Bundesregierung im AMNOG so beschlossen hatte. Beschlossen war aber auch, dass dieses Sonderopfer mit dem Jahr 2012 endet. Dies bedeute zwangsläufig, dass die Verhandlungen für den Abschlag 2013 wieder bei 1,75 Euro beginnen müssten.

Mehraufwand bedenken

In dieser Auffassung bestätigt sieht sich Becker durch Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) und den stellvertretenden Vorsitzenden der Unions-Bundestagsfraktion, Johannes Singhammer (CSU). Bei den Gesprächen mit dem GKV-Spitzenverband müssten zudem die deutlich schlechteren Einkaufskonditionen der Apotheker und die aus den Rabattverträgen resultierenden Mehraufwendungen berücksichtigt werden.

Wolf rechnet damit, dass bei einem negativen Verlauf der Abschlagsverhandlungen die Geduld der Apotheker ein Ende haben wird. Zu angespannt sei für viele die wirtschaftliche Lage. »Die Apotheker sind zu allem bereit«, sagte Wolf auf die Frage, ob ein flächen­deckender Apothekenstreik zu befürchten sei. Nun komme es auf die nächsten Schritte von Politik und Krankenkassen an. »Wir werden jedoch nichts organisieren, worunter die Patienten leiden müssen«, versicherte der ABDA-Präsident. Totalschließungen werde es nicht geben.

Bahr bestätigt Abschlag

Eine weitere Erhöhung der Honorierung kommt für den Bundesgesundheitsminister nicht in Frage. Das machte er in seinem Grußwort zum Apothekertag deutlich. Beim Abschlag bekräftigte Bahr immerhin seine Position pro Apotheker und auch sonst kam seine Rede bei den Delegierten gut an.

Als Bundesgesundheitsminister besuchte Bahr den DAT zum ersten Mal. In seinem Grußwort hob er auf die Verdienste der Bundesregierung ab: das klare Bekenntnis zum Fremd- und Mehrbesitzverbot, die Novellierung der Apothekenbetriebsordnung und die Anpassung der Vergütung bei der Packungspauschale und dem Nacht- und Notdienst. Keine Regierung zuvor habe die inhabergeführte Apotheke derart gestärkt, sagte er. Die inhabergeführte Apotheke sichere die Arzneimittelversorgung besser als andere Vertriebsformen, zum Beispiel über Drogerien oder Supermärkte. Begründet sei dies in der mittelständischen Struktur. Der Apotheker hafte hier mit seinem ganzen Vermögen. Zudem habe in mittelständischen Betrieben der Inhaber eine persönlichere Beziehung zu Kunden und Mitarbeitern als in großen Konzernen.

Bahr verwies auch darauf, dass die Bundesregierung das Fremd- und Mehrbesitzverbot erhalten habe und sich weiter für seinen Bestand einsetzen werde. Dieser Schutz bedinge allerdings auch Gemeinwohlpflichten wie die Beratung der Patienten und den Notdienst. Zum ersten Mal seit 2004 habe eine Regierung eine Honoraranpassung vorgenommen. Den Unmut aus dem Auditorium kommentierte Bahr mit: »Die 25 Cent mögen aus Ihrer Sicht ein kleiner Schritt sein, sie sind jedoch eine Weichenstellung.« Es sei Aufgabe des Bundesgesundheitsministers, für eine leistungs­gerechte Vergütung im Gesundheitswesen zu sorgen – es sei aber nicht seine Aufgabe, zu garantieren, wo es eine Apotheke gibt.

Keine Einheitsapotheke

In Deutschland gebe es keine Einheitsapotheke – und dies sei auch gut so. Deshalb könne eine politische Entscheidung auch nie dieser Vielfalt gerecht werden. Gleiches gelte für die geplante Nacht- und Notdienstvergütung in Höhe von 120 Millionen Euro. Diese sei nicht kostendeckend sondern als Anerkennung zu verstehen. In diesem Sinne sollte auch die Notdienstgebühr von 2,50 Euro beibehalten werden. Dem Patienten müsse bewusst bleiben, dass es einen Unterschied macht, ob er sein Medikament zu regulären Öffnungszeiten oder im Notdienst holt. Wie die neue Pauschale gestaltet wird, sei noch unklar. Im Gespräch sei eine Pauschale pro Dienst oder stundenweise. Bahr hofft, dass die Pauschale zum 1. Januar 2013 realisiert wird.

Pick-up abschaffen

Auch mit der Abschaffung der Pick-up-Stellen möchte der Minister weiter vorankommen. Bislang fehle es jedoch an validen Daten, die belegen, dass von Pick-up-Stellen eine Gefahr ausgeht. Prinzipiell wünsche er sich weiterhin einen sachlichen Dialog mit der Apothekerschaft. Der Gesprächs&shyfaden dürfe nicht abreißen. »Sonst bekommt man keine guten Lösungen hin«, so Bahr.

Obwohl der Bundesgesundheitsminister bei der Eröffnung des Deutschen Apothekertages sehr um die Sympathien der Apotheker bemüht war, zeigte sich der DAV-Vorsitzende Becker zwei Tage später beim politischen Arbeitskreis des Apothekertages noch nicht mit der Bundesregierung versöhnt. Als der Moderator des Arbeitskreises, der stell­vertretende Bild-Chefredakteur Niko­laus Blome, Becker nach einer besseren Versorgung von chronisch Kranken befragte, machte dieser deutlich, dass die Apotheker zwar gerne ins Medikations­management einsteigen wollten, sie dazu »aber von bürokratischen Martyrien befreit und finanziell besser ausgestattet werden« müssten. Karin Graf, Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes der ABDA, sah dies ähnlich. Die Bundesregierung habe mit der Erhöhung des packungsabhängigen Honorars um 25 Cent zwar ein wenig für die Apotheken getan, insgesamt reiche dies aber nicht.

Keine neuen Versprechen

Beim Fixhonorar scheint es aber keinen weiteren Verhandlungsspielraum zu geben. Auch eine regelmäßige Überprüfung wollte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag Jens Spahn (CDU) nicht anbieten. Die Forderung der Apotheker sei legitim, die Neuregelung sei aber angemessen. Auch die behindertenpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion Gabriele Molitor machte keine weiteren Versprechungen: Die Regierung habe mit den Änderungen bei Honorierung und Apothekenbetriebsordnung bereits viel für die Apotheker getan. Dagegen hält die gesundheitspolitische Sprecherin der Linken, Martina Bunge, die Anpassung von 25 Cent für »sehr knapp«. Die Summe sollte nicht »das Ende der Fahnenstange sein«. Andere Berufsgruppen im Gesundheitswesen hätten höhere Steigerungen erhalten.

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauter­bach mochte sich zur Höhe der Anpassung nicht äußern. Ihm geht es um die Struktur der Vergütung: »Die Honorierung der Apotheker sollte grundsätzlich überprüft werden. Der Aufwand und die Qualität sollten stärker berücksichtigt werden. Die Politik sollte zusammen mit den Apothekern eine neue Honorarordnung vereinbaren, in der die Beratungs­leistung stärker berücksichtigt werde. Die Apotheker in Deutschland seien sehr gut ausgebildet, sagte Lauterbach. »Das ist eine wertvolle Ressource und die müssen wir nutzen. « Die Apotheker sollten stärker als bislang in die Gesundheitsberatung einbezogen werden, um die Versorgung der Patienten weiter zu verbessern. Diese Leistung müsse dann auch entsprechend honoriert werden. »Über eine pauschale Vergütung ist das nicht möglich«, so Lauterbach.

Mit diesem Statement griff Lauterbach einen Vorschlag auf, den der Bundesgesundheitsminister vor einiger Zeit ebenfalls ins Spiel gebracht hatte. Auch die Apotheker selbst denken über andere Ansätze für die Honorierung nach. Deshalb dürfte dort Lauterbachs Vorschlag auf Interesse gestoßen sein.

Auch Spahn kann sich eine andere Vergütungsweise der Apotheker vorstellen, die besondere Beratungs- und Betreuungsleistungen stärker berücksichtigt. Er forderte dazu aber auch Vorschläge aus der Apothekerschaft. Die Politik könne ein entsprechendes Konzept nicht alleine ausarbeiten. Der DAV-Vorsitzende Becker kündigte an, gemeinsam mit den Politikern das Honorarsystem weiterentwickeln zu wollen.

Keine Regierungsaufgabe

Birgitt Bender von den Grünen mochte sich nicht festlegen, ob die Honorierung der Apotheker ange­messen sei. Bender: »Die Faktenlage ist kompliziert. Typische Apotheke ist nicht wirklich typisch.« In Schwierigkeiten seien vor allem die kleinen Apotheken in Wohngebieten. Diese hätten oft zu wenige Kunden. Wenn eine Apotheke eine schlechte Lage habe, sei es aber nicht die Aufgabe der Regierung, Abhilfe zu schaffen. Hier widersprach der DAV-Vorsitzende Bender. Die von der ABDA vorgelegten Zahlen orientierten sich nicht an der typischen Apotheke, sondern spiegelten die Situation von 2500 Apotheken unterschiedlicher Lage und Größe wider.

Notdienstpauschale kommt

Pluspunkte sammelte Spahn mit der Ankündigung, die Bundesregierung plane eine schnelle Einführung der Notdienstpauschale. »Wir wollen das zum 1. Januar 2013 umsetzen«, sagte Spahn. Er geht davon aus, dass die Regierung einen Weg sucht, das Vorhaben ohne die Beteiligung der Opposition durchzusetzen. Es sei aber nicht sicher, ob der Zeitplan tatsächlich einzuhalten sei. Nach dem Willen der Bundesregierung sollen die dafür bereitgestellten 120 Millionen Euro vornehmlich bei Landapotheken ankommen und nicht bei den großen Innenstadtapotheken sowie bei Apotheken in großen Einkaufszentren.

Es sei schließlich das Ziel, die Versorgung in struktur­schwachen Regionen zu sichern, so Spahn. Ob die Regierung tatsächlich den Bundesrat umgehen muss, um schnell ans Ziel zu kommen, ist fraglich. Auch Lauterbach hält das Vorhaben der Bundesregierung für richtig. Auch wenn der Vorschlag von der FDP stamme, sei er dennoch gut.

Wie zuvor Bahr machte auch Spahn deutlich, dass die Form der Vergütung bei der Notdienstpauschale noch vollkommen offen sei. Der Betrag von 200 Euro pauschal für einen Dienst sei wahrscheinlich die Erfindung eines Online-Portals.

Bender bereicherte die Debatte um die Vergütung von Nacht- und Notdiensten mit einem eher eigenwilligen neuen Vorschlag. Demnach sollen Ärzte im Bereitschafts­dienst die Möglichkeit erhalten, selbst Arzneimittel abzugeben. Dafür könnten Apotheken die Mediziner mit bestimmten Medikamenten ausstatten, die diese bei Bedarf direkt an den Patienten abgeben, sagte Bender. Abgerechnet werden sollten die Arzneimittel über die Apotheken. Auf diese Weise würden insbesondere Landapotheken entlastet, die relativ häufig Notdienste leisten müssen. Bei den Apothekern kam Benders Vorschlag erwartungsgemäß nicht gut an. Ein Dispensierrecht für Ärzte, egal in welchem Zusammenhang, wird von ihnen abgelehnt. /