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Sonnentau

Fleischfressender Hustenstiller

19.10.2012  17:46 Uhr

Von Monika Schulte-Löbbert / Der Rundblättrige Sonnentau wächst überwiegend in Hochmooren. Mit klebrigen Tropfen lockt er kleine Insekten an, die ihrer Todesfalle nicht mehr entrinnen können. Schon seit dem Mittelalter wird der Sonnentau als Heilmittel geschätzt und dient noch heute als sanfter Hustenstiller.

Der Rundblättrige Sonnentau, mit der botanischen Bezeichnung Drosera rotundifolia, ist eine mehrjährige, krautige Pflanze aus der Familie der Sonnen­tau­gewächse (Droseraceae). Er kommt fast überall auf der nördlichen Halb­kugel vor, von Europa über Asien bis Nordamerika. Selbst in Alaska und auf Grönland ist die Pflanze beheimatet. Weltweit gibt es 150 Arten, in Europa aber nur drei.

Der einheimische Rundblättrige Sonnentau bevorzugt sonnige Standorte auf nassen, nährstoffarmen und kalkfreien Böden mit einem neutralen bis sauren pH-Wert. Folglich wächst er vor allem in Mooren, Feuchtgebieten, Gräben und torfigen Sümpfen. Die kleine unscheinbare Pflanze ist zwischen den Torfmoospolstern kaum zu erkennen. Erst aus der Nähe fallen die mit zahlreichen, rötlichen Drüsenhaaren besetzten, in einer grundständigen Rosette stehenden Fangblätter auf. Sie scheinen, selbst in der heißen Mittagssonne, mit Tau benetzt zu sein.

Doch was der Pflanze den harmlos klingenden Namen »Sonnentau« eingebracht hat, ist kein Tau, sondern ein klebriges Sekret. Diese Sekrettröpfchen sind einzig dazu da, Fliegen und Mücken zum Verhängnis zu werden. Angelockt vom vermeintlichen Tau wollen die Insekten ihren Durst stillen. Dann aber entpuppt sich der Tautropfen als klebriger Schleim, der das Opfer nicht mehr freigibt. Beim Versuch zu fliehen, kommt das Insekt mit immer mehr Tröpfchen in Berührung und wird so langsam durch die sich biegenden Tentakeln in die Mitte des Fangblattes gedrängt. Im weiteren Verlauf krümmt sich das ganze Blatt um die Beute und die Verdauungsdrüsen in der Mitte des Blattes beginnen ihr Werk. Die Drüsenhaare scheiden ein Sekret aus, das dem tierischen Magensaft ähnelt. Es löst die Weichteile des gefangenen Insektes, sodass die Pflanze sie mit ihren Tentakeln aufnehmen und für ihr Wachstum verwerten kann. Dieser Verdauungsprozess dauert mehrere Tage. Übrig bleibt nur der Insektenpanzer, den der nächste Windstoß davonweht.

Sehr anpassungsfähig

Mit dieser Art der Versorgung hat sich der Sonnentau als wahrer Überlebenskünstler an die extremen Standortbedingungen der Hochmoore angepasst. Die dem Boden fehlenden Nährstoffe, vor allem Stickstoffverbindungen und anorganische Salze, holt sich die Pflanze aus der tierischen Nahrung. Diese Strategie erklärt auch das schwach ausgeprägte, nur wenige Zentimeter tief reichende Wurzelsystem. Es dient in erster Linie der Verankerung und der Wasserversorgung, die im Moor immer gesichert ist.

Nach der Winterruhe beginnt im Mai das Wachstum des Sonnentaus. Aus der Winterknospe, dem sogenannten Hibernakel, keimen die kurz gestielten rundlichen Blätter und bilden eine bodenständige Blattrosette. Auf ihrer Oberfläche befinden sich rund 200 haarfeine, rötliche Tentakeln, die das klebrige Sekret ausscheiden. Im Sommer, von Juni bis August, erscheinen die kleinen, weißen und duftenden Blüten, die an einem etwa 20 Zentimeter langen Stängel sitzen. Sie öffnen sich nur bei ausreichendem Sonnenschein. Aus den Blüten reifen zahlreiche kleine und leichte Samen, die durch den Wind an neue Standorte geweht werden. Indem er an absterbenden Blättern Brutknospen bildet, vermehrt sich der Sonnentau auch vegetativ. Nach der Blüte setzt bereits im frühen Herbst die Winterruhe ein, indem sie ihre Blätter vollständig einzieht.

Durch Entwässerungsmaßnahmen und Torfgewinnung werden die Lebensräume des Sonnentaus vernichtet. Daher gehört er zu den vom Aussterben bedrohten Pflanzenarten. Der gesetzliche Schutz der Moore sowie verschiedene Renaturierungs­maß­nahmen konnten den Rückgang der Art zwar bremsen, dennoch ist der Sonnentau weiterhin stark gefährdet. Deshalb ist er in Deutschland durch die Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt.

Der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707 bis 1778) beschrieb die Gattung in seinem Werk »Species Plantarum« und gab ihr den griechischen Namen »droseros« (mit Tau versehen). Vor von Linné erwähnte der flämische Arzt und Botaniker Rembert Dodoens (1516 bis 1585) im Jahr 1554 in seinem Kräuterbuch eine Pflanze, die von sehr merkwürdiger Natur sei. Wenn die Sonne heiß schiene, wäre sie ständig feucht und mit Tau bedeckt. Dodoens gab ihr den lateinischen Namen »Ros solis«, was Sonnentau bedeutet. Auch die volkstümlichen Namen Himmelstau, Immertau oder Marienträne beziehen sich auf das wie Tau aussehende Sekret. Das lateinische »rotundifolius« bedeutet »rundblättrig«. Von Linné und Botaniker seiner Zeit leugneten einhellig die Existenz von Karnivoren (fleischfressende Pflanzen). Die Vorstellung, dass auch Tiere den Pflanzen als Nahrung dienen könnten, galt zur damaligen Zeit als Gotteslästerung.

Im Jahr 1860 stieß Charles Darwin (1809 bis 1882) auf einer Heide in Sussex in Südengland auf mehrere Exemplare des Rundblättrigen Sonnentaus und war über die große Anzahl der gefangenen Insekten erstaunt. Nach vielen Jahren mit ausgiebigen Versuchsreihen konnte er die karnivoren Aktivitäten des Sonnentaus belegen. In seinem 1876 veröffentlichten Werk »Insectenfressende Pflanzen« beschrieb er nicht nur den Rundblättrigen Sonnentau, sondern auch andere Gattungen und Arten. So durchbrach er das von Carl von Linné aufgestellte Dogma, dass Karnivoren »wider die gottgewollte Ordnung der Natur« seien.

Gegen Schwindsucht

Sonnentau ist seit dem Hochmittelalter als Heilpflanze bekannt. Im 12. Jahrhundert empfahl der italienische Arzt Matthaeus Platearius (gestorben 1161) die Pflanze unter dem Namen »herba sole« als Heilkraut gegen Reizhusten. Später fand Sonnentau auch Verwendung gegen Schwindsucht, Epilepsie und jede Art von Lungenleiden. In der Volksmedizin diente er äußerlich zur Behandlung von Warzen und Hühneraugen. Heute wird er vor allem als mildes Antitussivum bei Krampf- und trockenem Reizhusten verwendet.

Sonnentaukraut, Droserae herba, besteht aus den getrockneten ober- und unterirdischen Teilen verschiedener Arten der Gattung Drosera. Ursprünglich stammte die Droge von in Europa heimischen Arten, vorwiegend vom Rundblättrigen Sonnentau. Da diese Arten in Europa heute unter strengem Naturschutz stehen, dürfen sie nicht mehr gesammelt werden. Als Ersatz wird deshalb Drogenmaterial aus afrikanischen Wildbeständen, vorwiegend aus Madagaskar, importiert, das meist von den beiden Arten Drosera ramentacea und Drosera madagascariensis stammt. Kleinere Mengen der Art Drosera peltata kommen aus Ostasien. Die Monographie »Droserae herba« der Kommission E aus dem Jahr 1984 nennt als Drogen Sonnentau-Arten, die nicht mehr der aktuellen Situation entsprechen. Da bei der Beschaffung der Droge auch immer der Naturschutz zu beachten ist, dürfen Wildvorkommen nicht wahllos geplündert werden. Derzeit wird die Art gezielt angebaut und es laufen Versuche zur In-vitro-Vermehrung, die recht erfolgversprechend sind.

Die Droge enthält neben Flavonoiden, Schleimstoffen und proteolytischen Enzymen vor allem 1,4-Naphthochinonderivate, darunter Plumbagin, Ramentaceon und Droseron, die teilweise als Glykoside vorliegen. Das Spektrum an Naphthochinonen kann je nach Herkunft der Droge sehr unterschiedlich sein. Die Kommission E fordert einen Gehalt von 0,14 bis 0,22 Prozent an Naphthochinonderivaten. Eine Arzneibuch-Monographie des Sonnentaukrauts findet sich nur im Ergänzungsband zum DAB6 (Erg.B.6).

Flavonoide und Schleimstoffe

Das Sonnentaukraut ist ein mildes Antitussivum mit entzündungshemmenden, sekretolytischen und spasmolytischen Eigenschaften. Wie In-vitro-Studien zeigen, sind neben den Naphtho­chinonen im Wesentlichen die Flavonoide für diese Effekte verantwortlich. Unterstützt wird die antitussive Wirkung durch das bakteriostatisch wirksame Plumbagin. Zusätzlich lindern Schleimstoffe den Hustenreiz, indem sie die Schleimhaut im Mund- und Rachenraum überziehen und damit die Empfindlichkeit der Hustenrezeptoren vermindern.

Die Kommission E empfiehlt die Anwendung von Sonnentaukraut bei Krampf- und trockenem Reizhusten und gibt als mittlere Tagesdosis drei Gramm Droge an. Zubereitungen aus Herba Droserae madagascariensis müssen allerdings viel höher dosiert werden als die von Herba Droserae rotundifoliae, da der Gehalt an Naphthochinonen geringer ist. Zur Teebereitung werden 2 bis 10 Gramm Droge mit kochendem Wasser übergossen und nach zehn Minuten abgeseiht. Von diesem Aufguss können Menschen mit lästigem, aber nicht sehr starkem Husten drei- bis viermal täglich eine Tasse zur Linderung des Hustenreizes trinken.

Bei Kindern geschätzt

Sonnentau ist gut verträglich, Neben- und Wechselwirkungen sind nicht bekannt. Für die Anwendung während der Schwangerschaft und Stillzeit liegen keine Erfahrungen vor.

Statt der Teezubereitung sind heute Fertigarzneimittel gebräuchlich mit Drosera-Tinktur oder einer homöopathischen Verdünnung. Auf dem Markt ist zudem eine Vielzahl an Phytopharmaka erhältlich, die neben anderen Husten lindernden Pflanzenextrakten auch Sonnentau enthalten, zum Beispiel Bronchiselect® Tropfen, Monapax® Saft und Tropfen oder Weleda Hustenelixier. Als Monopräparat gibt es Sonnentau nur in Form homöopathischer Zubereitungen.

Vor allem bei Bronchitis und Keuchhusten kleiner Kinder wird Sonnentau eingesetzt. Besonders nachts ist ein Reizhusten sehr quälend und stört den erholsamen Schlaf. Gerade Kinder leiden sehr unter nächtlichen Hustenattacken. Hier sind pflanzliche Hustenmittel wie der Sonnentau eine gute Alternative zu chemisch-synthetischen Hustenstillern. Homöopathisch arbeitende Ärzte empfehlen Drosera ebenfalls bei Husten und Bronchitis.

Volksmedizinisch wird der Sonnentau noch heute gegen Asthma und äußerlich gegen Warzen angewendet. Verantwortlich hierfür sind proteoly­tische Enzyme der Drüsenhaare. /

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