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Was ich noch erzählen wollte ...

Halloween und der große Kürbis

19.10.2012  17:57 Uhr

Von Annette Behr / Die Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November hat in vielen Kulturen eine besondere Bedeutung. Die Jüngeren unter uns feiern sie als Nacht des Grauens, »Halloween« wird stetig populärer. »Süßes oder Saures« rufen die verkleideten Kinder dann drohend auch hierzulande.

»Schon wieder Kürbissuppe«, mäkelte meine Tochter früher häufig im Oktober. Na ja, schließlich musste ich das Innenleben unseres ausgehöhlten Freundes irgendwie verarbeiten. Viele der orangefarbenen runden Früchte hielten mit eingeritzten Gruselmonstergesichtern und ausgestattet mit Teelichtern in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November auf unserem Balkon Wache und die bösen Geister von uns fern.

Inzwischen hat ein Keramik­kürbis dort Stellung bezogen und es gibt seltener Kürbissuppe. Dafür gruseln wir uns in den letzten Jahren immer mehr vor Frankenstein-, Monster- und sonstige Horrormasken auf den Straßen. Das aus dem amerikanischen Brauch über­nommene Halloweenfest treibt auch in Deutschland wilde Blüten. Mit schaurigen Masken, Umhängen und verwegenen Kostümen ähnelt Halloween inzwischen dem Karneval und wird auf Partys ähnlich gefeiert. Spätestens seit John Carpenters Film »Halloween – die Nacht des Grauens« wissen wir, wie unheimlich diese Nacht sein kann. Das »Fest der Untoten« avanciert mancherorts vom gruseligen Kindervergnügen zum Event für Erwachsene.

All Hallows Eve

Den 1. November feiern Katholiken als Gedenktag an alle bekannten und unbekannten Heiligen. Im Englischen heißt dieser Tag »All Saints Day« oder auch »All Hallows« und der Vorabend in der Kurzform »Hallowee e»n, abgeleitet von »All Hallows Eve«. Nach einer These soll das Halloween-Fest auf das keltische Neujahrsfest Festival of Samhain zurückgehen, das ebenfalls am 1. November gefeiert wurde. Laut Überlieferung öffnen sich in der Nacht davor die Pforten zur »Anderswelt«, durch die geistige Wesen und die Seelen der Verstorbenen in die Menschenwelt eintreten können.

Weitere Ursprünge für die ungewöhnliche Bedeutung dieser besonderen Nacht finden sich in Irland, Schottland und Wales. Dort hat sich ein anderes Brauchtum behauptet: Eine Mischung aus Spiel, Jux und Dollerei, gepaart mit Glaube und Aberglaube sind Schwerpunkte des feierlichen Treibens. In Irland beispielsweise hielt sich bis heute die Vorstellung, dass vom 31. Oktober zum 1. November die Seelen der Toten in die Welt der Lebenden zurückkommen. Daher lehnen die Iren abends die Türen an, heizen den Kamin ordentlich durch und stellen für die ungewöhn­lichen Gäste Essen auf den Tisch. Alle Vorbereitungen haben nur einen Sinn: Den Zurückkehrenden den Besuch so ange­nehm wie möglich zu gestalten. Ansonsten wurden und werden bis tief in die Nacht mit riesigen Feuern, Tanz und Getöse der Oktober verabschiedet und böse Geister vertrieben.

Weltspartag

Aus meiner Kindheit erinnere ich mich noch an den letzten Oktobertag als Weltspartag und einen der schönsten Tage des Herbstes. In unserer Spar­kassen­filiale bekamen wir damals Taschenkalender, tolle Kugelschreiber, besondere Sparschweinchen und Kuscheltiere. Und mit mir freuten sich alle anderen Kinder auf den Weltspartag, denn an diesem Tag erhielten wir für unsere Ersparnisse auf den Spar­büchern die kleinen Geschenke als Belohnung für unser mehr oder weniger diszipliniertes Durchhaltevermögen.

Die Idee des Weltspartags wurde auf einem Sparkassenkongress in Mailand im Jahr 1924 geboren. Damals beschlossen Teilnehmer aus 29 Ländern, den 31. Oktober als Weltspartag festzulegen. Anlass waren die Folgen der Weltwirtschaftskrise. In dieser Zeit verloren viele Menschen ihren Arbeitsplatz, ihre Ersparnisse und das Vertrauen in den Wert des Geldes. Um sie wieder zum Sparen zu motivieren, war dieser Tag gedacht. Inzwischen ist die Attraktivität dieses Tags verblasst. Vielleicht wird es aber bald wieder, in Anbetracht der derzeitigen Finanzmarktkrise, ein neues Brauchtum geben. Wer weiß, vielleicht mit Schokotalern und essbaren Papierbanknoten …

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts brachten britische Einwanderer das ehemals katholische Halloween in die USA und nach Kanada. Dort war es zunächst bei den Kindern sehr beliebt. Im Mittelpunkt standen Verkleidung, Scherze und Klamauk. Seit den 1930er-Jahren ziehen Scharen von verkleideten Kindern mit Laternen um die Häuser. Ihr Ziel ist es, zu erschrecken und Süßigkeiten zu erheischen. Wird nach dem Klingeln an den Häuser- und Wohnungstüren geöffnet, rufen sie lauthals: »Trick or treat. Smell our feet. We want something good to eat.«

Stellung beziehen

Apropos Essen: Seit Wochen bieten auch hierzulande Supermärkte Totenkopfkekse, abgehakte Finger-Schokoriegel, Gummispinnen, Cola-Schlangen und Draculazähne an. Spinnweben und Plastikskelette sowie eine »Thriller-CD« von Michael Jackson komplettieren das Halloween-Ambiente für Zuhause. Sogar meine Apotheke hat ihr Sortiment an Zugaben umgestellt auf Gummi­kürbisse und orange-farbene Taschentücher. Spätestens bei Einbruch der Dunkelheit klingeln die Mini-Vampire, Hexen, Gespenster und Zombies aus der Nachbarschaft an den Türen. »Süßes oder Saures« grölen sie dann möglichst furchteinflößend. Glücklicherweise wohnen wir im vierten Stock, ohne Aufzug. Daher bleiben wir meist verschont. Nicht so meine Freundin Rena. »Ich habe 35 kleine Beutel mit Keksen, Schokolade und Gummivampiren vorbereitet«, berichtet sie mir leicht genervt am Vorabend von Halloween. Ihr Reihenhäuschen mit seiner großen gläsernen Eingangstür ist ein gefundenes Fressen für kleine und größere Gruselmonster. Wer ihnen nichts gibt, dem droht eben Saures in Form von Zahnpasta auf der Türklinke oder Ketchup auf dem Fußabtreter. Ich bin neugierig, ob Rena im nächsten Jahr den Tipp einer Nachbarin beherzigt: alle Lichter ausmachen und im Dunkeln mucksmäuschenstill warten, bis alle Kinder vorbeigezogen sind.

Linus und der große Kürbis

Früher schnitzten wir Kinder Gesichter und Fratzen in Rüben und beleuchteten sie von innen mit einem Teelicht. Fertig war eine perfekte Laterne. Später machte ihr der Kürbis Konkurrenz und verdrängte sie dann ganz. Jetzt dient die Kürbishülle kleinen und großen Künstlern als Projektions­fläche ihres Schaffens. Der weichere Kürbis ist sehr viel leichter zu bearbeiten als die Zuckerrübe. Zusätzlich ist sein Fruchtfleisch in der Küche vielseitig verwendbar. In meiner Familie steht der Kürbis sinnbildlich für den vertrauensvollen Glauben an den Sieg des Guten in dieser Welt. In jedem Jahr schauen wir uns dazu die Folge »Der große Kürbis« aus der Kult-Comic-Serie »Charlie Brown und seine Freunde« an. Diese wunderbare Geschichte schuf Zeichner und Erfinder Charles M. Schulz. Sie wurde erstmalig 1966 im amerikanischen Fernsehen gesendet. Die Kinder im Zeichentrick­film verkleiden sich, wie in jedem Jahr zu Halloween, um beim »Grabschen« möglichst viele Süßigkeiten zu ergattern. Charlie Brown ist in seinem etwas merkwürdig unförmigen Kostüm dabei wenig erfolgreich. Während alle Freunde beim Beutezug durch die Straßen Schokolade, Kekse oder andere Süßigkeiten einsammeln, erhält er überall nur einen Stein. Charlies kleine Schwester Sally hat sich in diesem Jahr entschlossen, nicht am Grabschen teilzunehmen. Sie himmelt Charlies verträumten Freund Linus an, der wie in jedem Jahr einen Brief an den großen Kürbis geschrieben hat. Er glaubt fest an dessen übersinnliche Fähigkeiten: Danach wird der große Kürbis nachts aus dem Kürbisfeld aufsteigen und Linus alle Wünsche und Sehnsüchte erfüllen. Während Sally schon wütend nach Hause gegangen ist, harrt Linus die gesamte kalte Nacht aus, bis ihn seine Schwester morgens um vier Uhr ins Bett bringt.

Am nächsten Morgen sinnieren Charlie Brown und Linus über das vergangene Halloween-Fest und die Nacht. Der große Kürbis kam nicht. »Doch bekanntlich kann man über Politik, Glauben und den großen Kürbis nicht diskutieren«, so Linus. Er werde im nächsten Jahr wieder auf ihn warten. Nichts kann ihn davon abhalten und seinen Glauben an den Kürbis und das unausweichlich Gute erschüttern. /

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