PTA-Forum online
Arzneimitteltherapie

Neue Wirkstoffe im Oktober 2012

19.10.2012  17:33 Uhr

Von Sven Siebenand / Im Oktober kamen drei neue Arzneistoffe auf den deutschen Markt. Aclidiniumbromid ist eine neue Therapie­option bei COPD. Axitinib kommt bei fortgeschrittenem Nierenkrebs zum Einsatz, wenn die Behandlung mit anderen Medikamenten fehlgeschlagen ist. Das neue Antibiotikum Ceftarolinfosamil ist in Europa das erste zugelassene Cephalosporin, das gegen den Problemkeim MRSA wirkt.

Bei Patienten mit der chronisch-obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) sind die Luftwege und Lungenbläschen in der Lunge geschädigt oder blockiert. Daher leiden die Betroffenen oft an akuter Atemnot. Laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO leben weltweit 80 Millionen Patienten mit mittelschwerer bis schwerer COPD. Im Jahr 2005 starben mehr als drei Millionen an dieser Krankheit.

Aclidiniumbromid

Seit Anfang Oktober ist mit Aclidiniumbromid (Eklira® Genuair® 322 μg Pulver zur Inhalation von Almirall und Bretaris® Genuair® 322 μg Pulver zur Inhalation von Berlin-Chemie) ein neuer Wirkstoff für die COPD-Therapie auf dem deutschen Markt verfügbar. Die Zulassung erhielt der neue Wirkstoff zur Dauertherapie erwachsener COPD- Patienten.

Aclidiniumbromid ist ein lang wirksamer Muscarin-Rezeptor-Antagonist mit einer hohen Affinität zu den muskarinergen M3-Rezeptoren. Nach der Inhalation hemmt die Substanz die glatte Muskulatur, sodass sich die Bronchien erweitern und sich daraus resultierend die Lungenfunktion verbessert. Aclidiniumbromid wird rasch von der Lunge resorbiert und erreicht bei COPD-Patienten in der Regel innerhalb von 15 Minuten eine maximale Plasmakonzentration.

Die Darreichungsform von Aclidiniumbromid ist Genuair, ein Trockenpulver-Inhalator zur Mehrfachanwendung. Dieser wird befüllt ausgeliefert und ist somit zum sofortigen Gebrauch geeignet. Ausgestattet mit einem speziellen Feedback-System, zeigt er dem Patienten mittels eines Farbfensters und eines Klickgeräuschs die korrekte Handhabung an. Bei jeder Inhalation setzt der Inhalator 375 μg Aclidiniumbromid frei, die 322 μg Aclidinium entsprechen. Die empfohlene Dosis ist zweimal täglich eine Inhalation.

Obwohl der Wirkstoff schnell in zwei inaktive Metabolite abgebaut wird, sind Nebenwirkungen möglich. Häufig kommen Sinusitis, Entzündung des Nasen- und Rachenraums, Kopfschmerzen, Husten sowie Durchfall vor.

Da sich anticholinerge Bronchodilatatoren auf das Herz und die Blutgefäße auswirken können, werden die Hersteller die kardiovaskulären Wirkungen des Arzneimittels engmaschig überwachen und darüber hinaus eine weitere Patientenstudie durchführen, um etwaige potenzielle Risiken zu identifizieren. In der Fachinformation wird Ärzten geraten, Aclidiniumbromid Risikopatienten nur mit äußerster Vorsicht zu verordnen. Dazu zählen zum Beispiel Patienten mit einem Herzinfarkt in den vorangegangenen sechs Monaten, Patienten mit einer instabilen Angina pectoris und Patienten mit einer erstmals diagnostizierten Arrhythmie während der vorangegangenen drei Monate.

Außerdem sollte Aclidiniumbromid nicht bei Asthmatikern zum Einsatz kommen und ist ungeeignet zur Notfalltherapie eines akuten Bronchospasmus-Anfalls. Patienten sollten wissen, dass die Inhalation von Aclidiniumbromid – wie bei anderen Inhalationsbehandlungen auch – zu sogenannten paradoxen Bronchospasmen führen kann. In einem solchen Fall sollten sie die Therapie sofort abbrechen.

Die Hersteller raten davon ab, Aclidiniumbromid gleichzeitig mit anderen Anticholinergika anzuwenden. Zudem weisen sie in der Fachinformation auf die für Anticholinergika typische Nebenwirkung Mundtrockenheit hin, die langfristig Zahnkaries fördern kann. Mit Blick auf die anticholinerge Wirkung sollten Patienten mit Prostata­hyper­plasie oder Engwinkelglaukom – selbst wenn der direkte Kontakt des Arzneimittels mit den Augen sehr unwahrscheinlich ist – Aclidiniumbromid nur mit Vorsicht anwenden. Ärzte sollten Schwangeren den Wirkstoff nur dann verordnen, wenn der zu erwartende Nutzen die potenziellen Risiken überwiegt. Aclidiniumbromid ging bei Tierversuchen in geringen Mengen in die Muttermilch über. Bei Stillenden muss deshalb entschieden werden, ob die Frau das Stillen unterbricht oder auf den neuen Wirkstoff verzichtet.

Axitinib

Mit Axitinib (Inlyta® 1 mg und 5 mg Filmtabletten, Pfizer) kam Anfang Oktober ein neues Medikament gegen Nierenkrebs auf den deutschen Markt. Der oral verfügbare Wirkstoff ist zugelassen zur Behandlung des fortgeschrittenen Nierenzellkarzinoms bei erwachsenen Patienten, bei denen zuvor eine Therapie mit Sunitinib (Sutent®) oder einem Zytokin versagt hat.

Axitinib hemmt selektiv die Rezeptoren 1, 2 und 3 des Vascular Endothelial Growth Factor (VEGF). Diese Rezeptoren können an Tumorwachstum sowie der Neubildung von Gefäßen und Metastasen beteiligt sein. Indem er diese Rezeptoren hemmt, trägt der Kinasehemmer dazu bei, dass das Krebswachstum verringert wird, die Tumorzellen sich nicht ausbreiten und die Blutzufuhr unterbrochen wird, die das Wachstum der Krebszellen fördert.

Die empfohlene Standarddosierung beträgt zweimal täglich 5 mg im Abstand von circa zwölf Stunden. Erbricht der Patient oder vergisst er eine Dosis, sollte er keine zusätzliche Tablette einnehmen. Die Dosierung von Axitinib kann der Arzt zur Optimierung von Wirksamkeit und Verträglichkeit individuell an die Situation des Patienten anpassen. Falls die Patienten nicht an Bluthochdruck leiden und keine blutdrucksenkenden Arzneimittel einnehmen müssen, kann der Arzt die Dosis erhöhen. Dies geschieht in Stufen: zunächst steigert er auf 7 mg und dann auf die Höchstdosis von 10 mg zweimal täglich. Bestimmte Nebenwirkungen können erfordern, die Dosis herabzusetzen oder die Behandlung zu unterbrechen.

Außerdem muss der Arzt die Dosis auf circa die Hälfte reduzieren, wenn der Patient gleichzeitig einen starken CYP3A4/5-Hemmstoff einnimmt. Dazu gehören zum Beispiel Ketoconazol, Itraconazol, Clarithromycin, Erythromycin, Atazanavir, Indinavir, Nefazodon, Nelfinavir, Ritonavir, Saquinavir, Telithromycin sowie Inhaltsstoffe der Grapefruit. Der Grund für diese Wechselwirkung: CYP3A4/5-Hemmstoffe können den Abbau von Axitinib verzögern und damit die Plasmakonzentration des Wirkstoffes erhöhen. Wenn möglich sollte der Arzt diese Arzneistoffe daher gegen einen anderen Wirkstoff austauschen. Er muss auch handeln, wenn der Patient gleichzeitig einen starken CYP3A4/5-Induktor einnimmt. Beispiele dafür sind Rifampicin, Dexamethason, Phenytoin, Carbamazepin, Rifabutin, Rifapentin, Phenobarbital und Johanniskraut. Diese Wirkstoffe können dafür sorgen, dass die Plasmakonzen­tration des Krebsmittels sinkt. Daher sollte auch diese Kombination möglichst vermieden werden. Ist dies nicht möglich, sollte der Arzt die Axitinib-Dosis schrittweise erhöhen.

Patienten mit mäßig eingeschränkter Leberfunktion sollten als Anfangsdosis zweimal täglich 2 mg Axitinib erhalten. Ist die Funktion der Leber stark eingeschränkt, sollte der Arzt den Kinasehemmer nicht verordnen.

Als Nebenwirkungen beobachtet wurden am häufigsten Durchfall, Bluthochdruck, Müdigkeit, Sprachstörung, Übelkeit, verminderter Appetit und das sogenannte Hand-Fuß-Syndrom, ein Ausschlag und Taubheitsgefühl auf den Handflächen und den Fußsohlen. Vor Beginn einer Axitinib-Therapie sollte der Blutdruck der Patienten gut eingestellt sein. Der Arzt sollte diesen regelmäßig überwachen und bei Bedarf ein Antihypertonikum verordnen. Dasselbe gilt auch für die Schilddrüsen- und Leberfunktion, den Hämoglobin- und Hämatokrit-Wert sowie den Proteingehalt im Urin: Auch diese müssen vor Therapiebeginn kontrolliert und regelmäßig überprüft werden. Mindestens 24 Stunden vor einer Operation sollte die Behandlung mit Axitinib unterbrochen werden, da nicht bekannt ist, wie sich das Krebsmedikament auf die Wundheilung auswirkt.

Die wichtigsten schwerwiegenden Nebenwirkungen waren in Studien embolische und thrombotische Ereignisse, Blutungen, Lochbildung im Darm (gastro­intestinale Perforation), Fistelbildung, hypertensive Krisen und reversible Schwellungen des Gehirns.

Schwangere und Stillende sollen Axitinib nicht erhalten, es sei denn, eine Behandlung mit Axitinib ist unbedingt erforderlich. Frauen im gebärfähigen Alter müssen während und bis zu einer Woche nach der Behandlung zuverlässig verhüten.

Ceftarolinfosamil

Die weltweite Zunahme von Resistenzen hat den Bedarf an neuen Antibiotika enorm erhöht. Seit Anfang Oktober steht mit Ceftarolinfosamil (Zinforo™ 600 mg Pulver zur Herstellung eines Konzentrats für eine Infusionslösung, AstraZeneca) ein neues Cephalosporin auf dem deutschen Markt zur Verfügung. Zugelassen ist es bei erwachsenen Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie (CAP) oder komplizierten Infektionen der Haut und Weichgewebe. Als CAP wird eine akute Infektion der Lunge bei denjenigen Patienten bezeichnet, die sich weder in einem Krankenhaus noch in einer Pflegeeinrichtung aufgehalten haben. Die geschätzte Inzidenz von CAP liegt in Europa jährlich zwischen zwei und zwölf Fällen pro 1000 Personen. Bei älteren Menschen ist das Erkrankungsrisiko deutlich höher als bei jüngeren. Komplizierte Haut- und Weichgewebe­infektionen (cSSTI) sind Infektionen der Haut und der darunter liegenden Weichteile, die äußerst schwierig zu therapieren sind. In europäischen Krankenhäusern werden aufgrund einer solchen Infektion rund 12 Prozent der Antibiotika eingesetzt. In Europa verursacht der Erreger Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA) am häufigsten eine cSSTI. Ceftarolinfosamil ist in Europa das erste zugelassene Cephalosporin, das eine nachgewiesene klinische Wirksamkeit gegen den Problemkeim MRSA aufweist.

Ceftarolinfosamil ist ein Prodrug und wird im Plasma enzymatisch in seine aktive Form Ceftarolin umgewandelt. Wie andere Beta-Lactam-Antibiotika wirkt auch Ceftarolin, indem es die Zellwand­synthese bestimmter Bakterien hemmt.

Das Antibiotikum erhalten die Patienten alle zwölf Stunden durch eine einstündige intravenöse Infusion. Die empfohlene Dosierung beträgt jeweils 600 mg. Als Behandlungsdauer werden bei cSSTI in der Regel fünf bis 14 Tage, bei CAP fünf bis sieben Tage empfohlen. Bei Patienten mit mittelschwerer Niereninsuffizienz ist eine Dosisanpassung erforderlich. Da die Datenlage für Dosisempfehlungen bei Patienten mit schwerer Niereninsuffizienz derzeit nicht ausreicht, rät der Hersteller davon ab, Ceftarolinfosamil bei diesen Patienten anzuwenden.

Der neue Wirkstoff ist auch tabu bei Patienten mit einer bekannten Überempfindlichkeit gegenüber Cephalosporinen. Zudem ist er kontraindiziert bei Patienten, bei denen die Anamnese eine plötzliche und schwere Überempfindlichkeit, zum Beispiel eine anaphylaktische Reaktion, gegen andere Betalactam-Antibiotika ergab. Patienten mit Überempfindlichkeitsreaktionen auf Penicilline oder Carbapeneme in der Vorgeschichte sollten Ceftarolinfosamil nur mit Vorsicht erhalten.

Im Zusammenhang mit Ceftarolinfosamil wurde auch über Antibiotika-assoziierte Colitis und pseudomembranöse Colitis berichtet, deren Schweregrade von leicht bis lebensbedrohlich reichten. Deshalb ist es wichtig, diese Diagnose bei Patienten in Betracht zu ziehen, bei denen während oder nach der Anwendung von Ceftarolinfosamil Durchfall auftritt.

Apropos Nebenwirkungen: In Studien wurden bei rund 3 Prozent der Patienten leichte bis mäßig starke unerwünschte Wirkungen beobachtet. Zu den häufigsten Nebenwirkungen zählten Durchfall, Kopfschmerzen, Übelkeit und Juckreiz.

Vorsichtshalber sollten Schwangere kein Ceftarolinfosamil erhalten, es sei denn die Behandlung mit dem neuen Antibiotikum ist wegen seines antibakteriellen Profils unbedingt notwendig. Ob Ceftarolinfosamil oder Ceftarolin in die Muttermilch übergeht, ist nicht bekannt. Unter Berück­sichtigung des Nutzens der Therapie für die Mutter, muss der Arzt entscheiden, ob sie abstillen soll oder er die Behandlung mit Ceftarolinfosamil unterbricht beziehungsweise ganz davon absieht. /

E-Mail-Adresse des Verfassers

siebenand(at)govi.de