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Malaria

Tropenfieber in Europa

19.10.2012  17:54 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / Bei tödlichen Seuchen denken die meisten Europäer an die Pest. Kaum jemand weiß, dass die Malaria eine ältere und längere Geschichte hat. Seit der Antike grassierte das Wechselfieber vor allem in Südeuropa. Erst im 17. Jahrhundert brachten Mönche des Jesuitenordens die Chinarinde als Therapeutikum nach Europa.

Als erster beschrieb bereits Hippokrates (460 bis 370 v. Chr.) die Symptome der Malaria. Damals sprach der griechische Arzt allerdings vom Fieber, das mit einer Milzschwellung verbunden ist. In seinem Werk »Über die Epidemien« beschrieb Hippokrates zwei verschiedene Arten von Fieber­schüben, die zum einen in dreitägigen Intervallen oder in viertägigen Intervallen auftreten. Der Begriff Malaria existierte zu damaliger Zeit noch nicht. Außerdem erkannte Hippokrates einen Zusammen­hang zwischen dem Auftreten der Fieberschübe und der Nähe von Sümpfen.

Seiner Zeit weit voraus war der römische Gelehrte Marcus Terentius Varro (116 bis 27 v. Chr.). Er schrieb in seinem Buch »De Re Rustica« (»Über die Landwirtschaft«), dass in den Sümpfen gewisse kleine Lebewesen gedeihen, die so klein seien, dass man ihnen mit den Augen nicht folgen könne. Diese Tiere machte Varro für die gefürchteten Fieberanfälle verantwortlich. Außerdem warnte er davor, Gebäude in sumpfigen Gegenden zu errichten. Doch die Zeitgenossen Varros beachteten seine Erkenntnisse nicht, so gerieten sie mit der Zeit in Vergessenheit. Stattdessen machten die Gelehrten und Ärzte bis weit in die Neuzeit verhängnisvolle Luftvergiftungen, die vor allem in Sümpfen entständen, für die Entstehung des Wechselfiebers verantwortlich. In allen europäischen Ländern erkrankten die Menschen an dem Wechselfieber, besonders aber in Italien und auf seinen Inseln. Deshalb nannten die Europäer das Wechsel- beziehungsweise Sumpffieber schlechthin die »italienische Krankheit«. Aus dem Italienischen kommt auch ihr Name: »mala aria« (= schlechte Luft).

Heute sind mehr als 400 Arten der Anopheles-Mücke bekannt, von denen etwa 50 Malaria übertragen. Manche Arten bevorzugen stehende, andere fließende Gewässer für die Entwicklung ihrer Larven. Die weiblichen Anopheles-Mücken übertragen beim Stechen die einzelligen Plasmodien auf den Menschen. Die Inkubationszeit liegt zwischen 8 und 30 Tagen. Experten unterscheiden vier verschiedene Plasmodium-Arten: Plasmodium vivax und Plasmodium ovale (Malaria tertiana), Plasmodium malariae (Malaria quartana) und Plasmodium falciparum (Malaria tropica).

Im Unterschied zur Mücke vermehren sich die Erreger im Menschen ungeschlechtlich, nachdem sie Leber und Erythrozyten befallen haben. Sind die Erreger in den Erythrozyten ausgereift, zerfallen die roten Blutkörperchen und es kommt zum Fieberanfall, dem meist Schüttelfrost vorausgeht. Nach dem Fieber sind Schweißausbrüche typisch. Bei rezidivierenden Infekten vergrößert sich die Milz schmerzhaft. Plasmodium falciparum löst die häufigste und schwerste Malariaform aus: das Tropenfieber (Malaria tropica). Hier treten kontinuierlich hohes Fieber, Durchfall und Schwellungen von Leber und Milz auf. Außerdem kommt es zu lebensgefährlichen Organschäden an Gehirn, Nieren (Nierenversagen) und Milz (Milzruptur). Meist endet die Malaria tropica mit dem Tod, weil mehrere Organe versagen.

Patient Albrecht Dürer

Im Jahr 1520 reiste Albrecht Dürer (1471 bis 1528) zu Pfingsten mit seiner Ehefrau in die Niederlande. Im Dezember überkam ihn – wie er in seinem Tagebuch detailgenau notierte – »eine wunderliche Krankheit, von derer ich nie von keinem Mann gehört.« Der Maler war an Malaria erkrankt. Im folgenden Frühjahr klagte er über ein »heiß Füber mit einer großen Ohnmacht, Unlust und Hauptwehe.« Für seinen deutschen Arzt fertigte Dürer eine Zeichnung an: Sie zeigt den Unbekleideten, wie er mit dem Finger auf einen im Milzbereich gezeichneten Kreis zeigt. Auf die Zeichnung schrieb Dürer zur Erklärung: »Do der gelb fleck ist und mit dem Finger drawff (darauf) dewt (deut), do ist mir we.« Acht Jahre nachdem er sich in- fiziert hatte, starb Dürer mit knapp 57 Jahren an der Malaria.

Im Römischen Reich

Die Autoren mancher geschichtlicher Abhandlung behaupten, die intensive Ausbreitung der Malaria in Italien hätte zum Untergang des Römischen Imperiums geführt. Doch dabei verwechseln sie Ursache und Wirkung: Mit dem Niedergang des Römerreiches brachen Verwaltung, Handel und Landwirtschaft zusammen. Vielerorts verkam Kulturland zu Sumpfgebieten, da wichtige Kanalisations- und Trockenlegungsarbeiten nicht mehr durchgeführt wurden. Flüsse traten über die Ufer, Täler versumpften und Italiens Wälder, die natürlichen Wasserspeicher, wurden abgeholzt. Damit entstanden neue Seuchenherde. Weil auch die Umgebung von Rom, die fruchtbare Campagna, langsam versumpfte, verließen die Bauern wegen der Malaria-Gefahr das Land. Auch in Rom grassierte das Wechselfieber: In den Pontinischen Sümpfen vor den Toren der Stadt vermehrten sich die Anopheles-Mücken massenhaft. Mehrere römische Kaiser und später auch einige Päpste versuchten, die Sumpfgebiete trocken zu legen. Leider blieben alle Maßnahmen im Anfangsstadium stecken. Besonders stark verbreitete sich die Malaria im Mittelmeerraum zur Zeit der Völkerwanderung im 4. bis 6. Jahrhundert.

Da Rom und Teile Italiens zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zählten, zogen die deutschen Kaiser mit Heeren wiederholt nach Rom, weil die Römer oder Päpste gegen ihre Herrschaft aufbegehrten. Die Malaria war hierbei die beste Verteidigung Roms, denn sie vernichtete ganze Heere oder schwächte die Soldaten so sehr, dass die Kriegsziele aufgeben werden mussten. So wurde beispielsweise das Heer Kaiser Ottos I. (912 bis 973), das sich in den Jahren 963 und 964 in Italien aufhielt, durch ein schreckliches Sterben dezimiert. Auch viele Soldaten des Kaisers Friedrich I. Barbarossa (1122 bis 1190), der mit seinen Heeren mehrmals in Italien einfiel, erkrankten oder starben dort am Wechselfieber. Als Friedrich im Jahr 1167 erneut gegen das aufsässige Rom zog, eroberte er die Stadt.

Doch während seine Truppen vor der Stadt am Tiber lagerten – es war Hochsommer – fing »das Sterben an und vernichtete fast das ganze deutsche Heer.« Der Kaiser konnte sich nur mit Mühen retten. Die Kreuzzüge ins Heilige Land wurden ebenfalls durch die Malaria und andere Seuchen beeinträchtigt. Der erste in Deutschland nachweislich an Sumpffieber Erkrankte war der Wallfahrer Neidhart aus Thüringen, der im Jahr 1185 von seinen »quartanis febribus« (Viertagefieber) geheilt werden wollte.

Dichtung und Wahrheit

Als Erste soll der Überlieferung nach im Jahr 1638 die Gräfin Ana del Cinchón, Gattin des Vizekönigs von Peru, mit Chinarinde von ihrer Malaria geheilt worden sein. Nach Spanien zurückgekehrt verteilte die Gräfin die Rinde kostenlos an Malariakranke. Deshalb erhielt die Droge auch den Namen »Gräfinnenpulver«. Diese Geschichte klingt zwar gut, ist aber historisch nicht belegt. Trotzdem gab der schwedische Naturforscher und Botaniker Carl von Linné (1707 bis 1778) in Erinnerung an die wohltätige Gräfin der Pflanzengattung den Namen Cinchona. Unklar ist nach wie vor, wie die Chinarinde nach Europa gelangte, denn dafür existieren mehrere Versionen. Am wahrscheinlichsten ist, dass der Mönchsorden der Jesuiten, der in den spanischen Kolonien die Eingeborenen missionierte, um das Jahr 1640 die Chinarinde nach Spanien und damit nach Europa brachte. Die Jesuiten interessierten sich für die Heilpflanzen der Neuen Welt und pflegten in ihren Häusern auch Kranke. Belegt ist, dass ein Jesuiten-Kardinal die Anwendung des »Jesuiten-Pulvers« bei Wechselfieber propagierte.

In Europa war das erste wirksame Malariamittel jedoch trotz der großen Zahl der an Wechselfieber Erkrankten zunächst nicht willkommen. Ärzte und Apotheker lehnten die Chinarinde ab, sie hielten sie sogar für eine teuflische Droge. Entsprechend der Humoralpathologie galt Fieber damals als Ausdruck körperlicher Abwehr. Dieses Ausleitungsverfahren sollte unterstützt und das Fieber auf keinen Fall medikamentös unterdrückt werden, wie es die Chinarinde tat. Deshalb verordneten nur wenige Ärzte die Wunderdroge aus der Neuen Welt.

Lob durch Ritterschlag

Im Unterschied zu seinen Kollegen erkannte der englische Apotheker Robert Talbot (1642 bis 1681) jedoch den therapeutischen Wert der Fieberrinde: Er entwickelte ein Mittel auf Basis der Chinarinde, dessen Zusammensetzung er geheim hielt, und heilte damit den englischen König Charles II. vom Wechselfieber. Zum Dank dafür ernannte ihn der König zum Hofarzt und schlug ihn zum Ritter. Im Jahr 1679 heilte der erfolgreiche Apotheker auch König Ludwig den XIV. vom Fieber. Der französische König kaufte Talbot die Rezeptur seines Geheimmittels für die enorme Summe von 48 000 Pfund ab und setzte ihm eine jährliche Rente von 2000 Pfund aus.

Die Heilung Ludwig des XIV. trug wesentlich zum Abbau der Vorbehalte gegen die Chinarinde bei. Und als der berühmte englische Arzt Thomas Sydenham (1624 bis 1689) nachdrücklich die Droge gegen das Wechselfieber empfahl, war das Eis gebrochen. In Deutschland wird die »Fieberrinde« als »Cortex China de China, eine fremde Rinde« erstmals im Jahr 1663 in der Regensburger Arzneitaxe erwähnt.

In den folgenden Jahrhunderten erfreute sich die Chinarinde zunehmender Beliebtheit und daher stieg ihr Verbrauch in Europa rasch an. Im Jahr 1820 isolierten die französischen Apotheker Pierre-Joseph Pelletier (1788 bis 1842) und Joseph Bienaimé Caventou (1795 bis 1877) das Alkaloid Chinin aus der Rinde des Chinabaums (Cinchona pubescens) und hatten damit das wirksame Prinzip der Rinde entdeckt. Chinin unterdrückt die Vermehrung der Plasmodien in den Erythrozyten und damit die Fieberanfälle.

Geburtshelfer der Homöopathie

Der deutsche Arzt Dr. Samuel Hahnemann (1755 bis 1843) war aufgrund seiner exzellenten Sprachkenntnisse auch ein gefragter Übersetzer chemischer und medizinischer Fachliteratur. Im Jahr 1790 übersetzte er das Fachbuch »Materia medica« ins Deutsche. Bei dieser Arbeit stieß er auf die Nebenwirkungen der Chinarinde. Um sich selbst ein Bild davon zu machen, nahm er die Droge ein und stellte unerwartet fest, dass diese bei ihm – dem Gesunden – Herzklopfen, Ängstlichkeit, Zittern, Abgeschlagenheit, Klopfen im Kopf, Rötung der Wangen auslöste, und alle sonst »beim Wechselfieber gewöhnlichen Symptome«. Aus dieser Beobachtung heraus entwickelte Hahnemann nach und nach das Prinzip der Homöopathie: »Similia similibus curentur«. Das homöopathische Mittel »China« wird heute bei großer Schwäche und Anfälligkeit nach Krankheiten, Operationen und Flüssigkeitsverlusten eingesetzt. Homöopathen empfehlen es auch Menschen, die sich überfordert fühlen und überempfindlich gegen Schmerzen und alle Sinneseindrücke wie Berührung, Gerüche, grelles Licht und Lärm sind. /

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