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PZ-Innovationspreis

Vemurafenib ausgezeichnet

19.10.2012  17:40 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler, München / Ein neues Krebs­medikament erhält den PZ-Innovations­preis 2012. Der Arzneistoff Vemurafenib von der Roche Pharma AG hilft Patienten mit schwarzem Hautkrebs, länger zu überleben. Am Rande des Deutschen Apothekertags in München überreichte Professor Dr. Hartmut Morck, ehemaliger Chefredakteur der Pharmazeu­tischen Zeitung (PZ), die Auszeichnung an den Roche-Vorstand Dr. Hagen Pfundner.

Vemurafenib ist seit Frühjahr 2012 als Tablette mit 240 mg auf dem Markt (Zelboraf®). Der Wirkstoff ermögliche erstmals eine spezifische zielgerichtete Therapie für schwer kranke Menschen mit schwarzem Hautkrebs, der bereits Metastasen gebildet hat, begründete Morck die Auswahl des Arzneistoffs. Der Preisträger wurde aus 20 neuen Arzneistoffen ausgewählt. In Studien verlängerte das Medikament die Überlebenszeit der Patienten durchschnittlich um vier bis fünf Monate.

Der Effekt beruht auf einem besonderen Wirk­mechanismus. Das kleine Molekül Vemurafenib hemmt selektiv die mutierte, also genetisch veränderte BRAF-V600-Kinase. Welche Bedeutung hat dieses Protein? Das BRAF-Protein ist ein wichtiger Bestandteil einer Signalkaskade, die am normalen Wachstum und Überleben von Zellen beteiligt ist. Wenn das Protein jedoch durch bestimmte Punktmutationen, zum Beispiel V600, verändert ist, wird der Signalweg überaktiviert. »Dies kann zu unkontrolliertem Zellwachstum und damit zu Krebs führen«, erklärte Morck.

Bei etwa der Hälfte der Patienten mit schwarzem Hautkrebs (malignes Melanom) lassen sich im Labor BRAF-V600-Mutationen in den Tumorzellen nachweisen. Nur bei diesen Patienten darf Vemurafenib eingesetzt werden, denn nur wenn die Tumorzellen diese spezielle Mutation tragen, kann der Arzneistoff wirken.

Besonders bösartig

»Das maligne Melanom befällt nicht nur die Haut, sondern breitet sich aggressiv aus und ist sehr resistent gegen Chemotherapie und Bestrahlung«, berichtete Professor Dr. Carola Berking von der Klinik für Dermatologie und Allergologie, München. Häufig erkranken auch junge Menschen an diesem Tumor. Wenn sich Metastasen in anderen Organen, zum Beispiel im Gehirn, in Knochen, Leber oder Lunge angesiedelt haben, leben die meisten Patienten nur noch kurze Zeit.

Trotz intensiver Forschungen war Dacarbazin seit 1975 das einzige zugelassene Medikament zur Behandlung des metastasierten malignen Melanoms. Das änderte sich im August 2011 mit dem humanen Antikörper Ipilimumab. Im März 2012 kam dann Vemurafenib auf den deutschen Markt.

Vemurafenib habe in Studien »verblüffend gut« gewirkt, berichtete Berking. Der Rückgang der Tumoren sei objektiv messbar. Zudem fühlten sich viele Patienten besser, weil Schmerzen, Atembehinderung und Müdigkeit zurückgehen und ihre Leistungsfähigkeit steigt, wenn die Metastasen schrumpfen.

Tipp für die Beratung in der Apotheke

Der Patient muss zweimal täglich je vier Tabletten mit Wasser schlucken. Das entspricht einer Tagesgesamtdosis von 1920 mg. Die erste Dosis nimmt er morgens ein, die zweite etwa zwölf Stunden später. Er kann die Tabletten entweder zu oder zwischen den Mahlzeiten einnehmen. Die gewählte Art der Einnahme muss er dann beibehalten. Hat der Patient eine Dosis vergessen, kann er sie bis vier Stunden vor der nächsten Einnahme nachholen.

Vemurafenib kann die Lichtempfindlichkeit erhöhen. Daher sollte das Apothekenteam dem Patienten empfehlen, schützende Kleidung zu tragen und Sonnen- sowie Lippenschutzcreme mit hohem Lichtschutzfaktor zu verwenden.

In klinischen Studien verlängerte der BRAF-Inhibitor das progressionsfreie Überleben (Zeit ohne Tumorwachstum) durchschnittlich auf 5,3 Monate im Vergleich zu 1,6 Monaten unter Dacarbazin. Die Patienten, die Vemurafenib erhielten, überlebten etwa 13,2 Monate gegenüber 9,6 Monaten mit Dacarbazin. Aktualisierte Daten, die im Sommer beim weltweit größten Onkologen-Kongress in Chicago vorgestellt wurden, bestätigten diese deut­lichen Unterschiede, betonte Berking.

Nach ihrer Erfahrung geht der Tumor bei etwa 60 Prozent der Patienten zurück und bei weiteren 30 Prozent wächst er nicht weiter. »80 bis 90 Prozent der Patienten profitieren von Vemurafenib.« Auch bei sehr schwer kranken Menschen wirke das Medikament. Nebenwirkungen wie Gelenkschmerzen und Hautausschlag seien relativ häufig, aber meist gut behandelbar.

Es bleibt ein Wermutstropfen: Vemurafenib wirkt nur, wenn die Tumor­zellen die V600-Mutation tragen, und es kann den Krebs nicht heilen. »Fast alle Patienten erleiden einen Rückfall«, bedauerte die Ärztin. Nach durchschnittlich sieben Monaten Therapie werden die Tumorzellen resistent und wachsen wieder. Dennoch gewinnen die Patienten mit Vemurafenib wertvolle Lebenszeit. /

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