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Ernährung bei HIV/Aids

Wichtiger Baustein der Therapie

19.10.2012
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Von Andrea Pütz / HIV-Patienten mit einem guten Ernährungszustand entwickeln deutlich später Aids-Symptome als solche, die mangel­ernährt sind. Deswegen ist neben der Pharmakotherapie eine bedarfsorientierte Ernährung so wichtig. Dabei gilt es vor allem, Untergewicht, Fettstoff­wechselstörungen und Lebensmittelinfektionen zu vermeiden sowie die Abwehrkräfte zu stärken.

HIV steht für das »human immunodeficiency virus«. Ohne entsprechende Therapie schädigt das Virus das menschliche Immunsystem bis zum völligen Versagen. Das Endstadium einer HIV-Infektion wird als AIDS beziehungsweise erworbenes Immundefektsyndrom (= acquired immune deficiency syndrom) bezeichnet. Die Zahl der Menschen in Deutschland, die mit HIV beziehungs­weise AIDS leben, schätzte das Robert-Koch-Institut, Ende 2011 auf circa 73 000. Dabei hat die hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART) seit ihrer Einführung im Jahr 1996 die Lebens­perspektive und -qualität für viele Betroffene wesentlich verbessert. Früher bestimmte vor allem das sogenannte Wasting-Syndrom die Ernährungsprobleme der Patienten. Als Wasting-Syndrom bezeichnen Mediziner den mit weiteren Beschwerden einhergehenden ungewollten Gewichtsverlust von mindestens 10 Prozent, Durch die moderne medizinische Versorgung rücken nun zusätzlich Störungen im Fettstoffwechsel und der Fett­umverteilung ins Blickfeld. Apotheker und PTA sollten den Ernährungszustand des Patienten im Blick behalten, um einer Mangelernährung mit entsprechenden Ernährungstipps entgegenzuwirken.

Je nach Ernährungszustand müssen die Empfehlungen individuell angepasst werden. Grundlage ist eine vollwertige Ernährung, die vor allem das Wohl­befinden des Patienten steigern und seine Abwehrkräfte stärken soll. Der Speiseplan sollte vielseitig und abwechslungs­reich gestaltet werden, damit er möglichst den Bedarf an allen Nährstoffen deckt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf pflanzlichen Lebensmitteln wie Getreide, Kartoffeln, Hülsenfrüchten, Obst und Gemüse. HIV-Infizierte benötigen mehr Eiweiß. Sie können den erhöhten Bedarf zum Beispiel mit zwei Milchprodukten am Tag sowie zwei bis drei Fleischmahlzeiten und zwei Fischmahlzeiten pro Woche decken. Auch eine ausreichende Flüssigkeits­zufuhr von mindestens zwei Litern pro Tag ist essenziell. Sowohl kalorienfreie Getränke wie Mineralwasser und Tees als auch Schorlen und – je nach Gewichtsstatus – auch pure Säfte dürfen auf dem Getränkeplan stehen. Auf Alkohol sollten HIV-Positive weitgehend verzichten.

 

Erschwerte Bedingungen

Die typischen Begleiterscheinungen einer HIV-Infektion wie Schwäche, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Infekte und Fieber, Nebenwirkungen der Medikamente sowie psychische Probleme nehmen den Betroffenen den Spaß am Essen. Auch häufige Darminfekte stören die Nährstoffaufnahme. Gleichzeitig steigern eine hohe Virenanzahl im Körper, Infektionen, Fieber oder Medikamente den Nährstoffbedarf erheblich. Eine ausreichende und ausgewogene Ernährung ist dann praktisch nicht mehr zu realisieren. Der Patient verliert nach und nach an Gewicht und das Immunsystem wird weiter geschwächt.

 

Nach Lust und Laune essen

Appetitlosigkeit tritt häufig als erstes Ernährungsproblem auf und entwickelt sich schleichend. Um dem entgegenzuwirken, sollte der Patient nach Lust und Laune essen. Dann ist die Kalorienzufuhr wichtiger als eine ausgewogene Ernährung, denn der Patient darf nicht weiter abnehmen! Essen in Gesellschaft lenkt vom eigenen Leiden ab und steigert den Appetit. Es ist zudem häufig angenehmer, mehrere kleine Mahlzeiten zu sich zu nehmen als drei Hauptmahlzeiten.

 

Ein starker Gewichtsverlust kann auch durch Schmerzen und Behinderungen beim Kauen und Schlucken sowie Infektionen der Mundhöhle ausgelöst werden. Dann ist es hilfreich, weiche und pürierte Speisen zu verzehren und auf scharfe Gewürze sowie heiße oder saure Speisen zu verzichten. Die Betroffenen werden schnell herausfinden, was sie vertragen und was nicht. Im Unterschied zu Milch empfinden die meisten Patienten Pfefferminztee bei Mundtrockenheit als angenehm. Viele vertragen »trockene« Lebensmittel wie Toast, Zwieback und Cracker sowie klare Brühen, Kartoffelpüree oder Kompotte gut.

 

Gestörte Verdauung

Leidet der Patient ständig unter Übelkeit und Erbrechen, sollte er mit seinem Arzt darüber sprechen. Möglicherweise kann eine Umstellung der Medikamente beziehungsweise der Einnahmezeiten das Problem lösen. Häufig tritt bei einer HIV-Infektion eine Lactoseintoleranz (Milchzuckerunverträglich­keit) auf, da die Aktivität des Enzyms Lactase vermindert ist. Je nach Schweregrad sollte der Betroffene auf eine milchzuckerfreie oder -arme Ernährung übergehen und das Enzym Lactase in Form von Tabletten substituieren. Bei Fettstühlen und Fettverwertungs­störungen können Streich- und Kochfette durch leichter resorbierbare MCT-Fette (mittelkettige Triglyceride) ersetzt werden.

 

Kalorienzufuhr erhöhen

Wenn der Patient bereits zu viel Gewicht verloren hat, heißt es: Energiezufuhr steigern! Falls ihm Kauen und Schlucken keine Probleme bereiten, sollte er reichlich Vollmilchprodukte verzehren und mit Sahne, Butter, Ölen und weiteren hochkalorischen Lebensmitteln nicht sparen. Nüsse sind ein optimaler Snack für Zwischendurch, denn sie enthalten mehrfach ungesättigte Fettsäuren sowie zahlreiche Mi­kronährstoffe. Fetter Seefisch liefert nicht nur Energie, sondern auch Eiweiß.

Auch Maltodextrin, Zucker und Honig als Süße sowie Schokolade und Kuchen sind reich an Kalorien. Hier gilt wieder, dass die Vorlieben des Patienten wichtiger sind als Vorgaben für eine gesunde Ernährung. Oberstes Ziel ist es, die Energiezufuhr zu sichern. Gelangt der Infizierte mit seinem Gewicht in einen grenzwertigen Bereich, kann er zusätzlich als Kalorien- und Proteinquelle industrielle Trinknahrung zu sich nehmen. Diese hat sich zudem bei Kau- und Schluckstörungen bewährt.

 

Oxidativen Stress stoppen

Mit der Zahl der Viren steigt im Körper der oxidative Stress durch freie Radikale. Auch Zigarettenrauch, UV-Licht, Ozon, Medikamente, Umweltgifte, psychischer und physischer Stress lassen freie Radikale entstehen. Die Versorgung mit antioxidativen Mikronährstoffen wie Vitamin C und E, Betacarotin, Selen, Polyphenolen und weiteren sekundären Pflanzenstoffen ist wichtig, um die zellzerstörende Wirkung der freien Radikale abzufangen. Die tägliche Zufuhr von verschiedenem Obst und Gemüse (5 Portionen am Tag!) liefert reichlich solcher Antioxidantien. Manche Portionen lassen sich auch durch Obst- oder Gemüsesäfte ersetzen, vor allem bei Patienten mit Kau- und Schluckstörungen oder Appetitlosigkeit. Auch hier ist Abwechslung gefragt, beispielsweise zwischen Apfel-, Orangen-, Birnen-, Trauben-, schwarzer Johannisbeer- und Grapefruitsaft. Tomaten-, Karotten- oder Rote-Bete-Saft runden das Vitalstoffprogramm ab. Aber Vorsicht: Grapefruitsaft kann die Wirkung einiger AIDS-Medikamente abschwächen. Eine Beratung des Patienten zur zeitversetzten Einnahme ist daher unerlässlich.

 

Der Bedarf und die Aufnahme von Makro- und Mikronährstoffen sollte für jeden HIV-Patienten individuell ermittelt werden. Reicht eine Umstellung der Ernährung nicht aus, kann der Patient in Absprache mit dem Arzt ein entsprechendes Supplement einnehmen, um seine Versorgung zu optimieren. Von einer eigenmächtigen Einnahme ist abzuraten, da manche Mikronährstoffe in Megadosen immunsuppressiv wirken.

 

Diätetische Herausforderung

Als Nebenwirkung der heute üblichen Therapie kommt es bei 30 bis 50 Prozent der Patienten zu einem sogenannten Lipodystrophie-Syndrom. Dieses ist geprägt durch eine deutlich sichtbare Fettumverteilung am Körper und metabolische Veränderungen wie eine Glucosetoleranzstörung und erhöhte Triglycerid- und Cholesterolwerte. Diese Patienten sollten den Fettanteil an der Gesamt­kalorienaufnahme auf 25 bis 30 Prozent (etwa 70 bis 90 g täglich) reduzieren, ohne dabei die Kalorienzufuhr zu senken.

Möglich wird dies, wenn der Patient statt fettreicher Wurst und fettreichen Fleisch- und Milchprodukten jeweils die mageren Varianten wählt oder magerem Fisch den Vorzug gibt. Die erforderlichen Kalorien muss er dann vor allem in Form von Kohlenhydraten zuführen. Patienten mit Lipodystrophie sollten Alkohol und Fruchtsaftgetränke im Hinblick auf den Blutzucker stark einschränken oder – je nach Zustand – ganz meiden.

 

Rohe Speisen als Risiko

Im Gegensatz zu Gesunden werden Krankheitserreger wie Salmonellen, Listerien oder Toxoplasmen für HIV-Positive aufgrund ihrer geschwächten Immunlage zur einer lebensbedrohlichen Gefahr. Die Lebensmittel­hygiene und -auswahl ist daher äußerst wichtig. HIV-Positive müssen auf rohe und halbrohe tierische Lebensmittel und daraus hergestellte Speisen verzichten (siehe Kasten). Um das Risiko einer Lebensmittelinfektion zu verringern, sollten die Betroffenen nur dann Eier-, Fleisch- und Fischgerichte verzehren, wenn diese lange genug erhitzt wurden. Die Kerntemperatur der Speisen sollte dabei für zehn Minuten mehr als 70 °C betragen. Gepökelt oder geräuchert sind diese Lebensmittel in der Regel unbedenklich.

 

Eine mögliche Infektionsquelle für Listerien sind Produkte aus Rohmilch, Rohmilchkäse und Weichkäse. Sie können bei immunschwachen Patienten zu schweren lebensbedrohlichen Erkrankungen, zum Beispiel zu Meningoenzephalitis, führen. Obst, Salat und Gemüse sollten vor dem Verzehr gründlich gewaschen oder geschält werden, denn auch sie können über Staub und Erde mit Listerien kontaminiert sein.

Negativliste

Vorsicht Infektion! Diese Lebensmittel sollten HIV-Infizierte meiden

  • nicht ausreichend durchgegartes Fleisch,
  • Tartar, Carpaccio, Rohwurst wie Salami, Cervelatwurst, Pfeffer­beißer, Teewurst, roher Schinken
  • Sushi oder Austern
  • alle Lebensmittel, die rohes Ei enthalten, zum Beispiel selbst­gemachte Mayonnaise, Tiramisu oder Mousse au Chocolat
  • Rohmilch, Rohmilchkäse, Weichkäse
  • ungewaschenes Obst, Gemüse, Salat

Beim Kochen ist auf die Hygiene zu achten: Gründliches Händewaschen vor und nach dem Zubereiten von Speisen sowie das Säubern des Arbeitsbereiches sind Pflicht. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfiehlt zudem, auch zwischen den Arbeitsschritten Hände, Arbeits­unterlage und Messer gründlich mit lauwarmem Wasser und Spülmittel beziehungsweise Seife zu reinigen. Dies verhindert eine Übertragung von Erregern von kontaminierten auf nicht kontaminierte Lebensmittel.

 

Den Patienten motivieren

Außerdem können HIV-Infizierte mit körperlicher Bewegung den Krankheitsverlauf verlangsamen, denn: Moderater Ausdauersport stärkt nicht nur das Immunsystem, sondern fördert auch den Aufbau und Erhalt der bei den Patienten häufig kritisch niedrigen Muskelmasse. Zudem verbessern sich die Sauerstoffversorgung und der Fettstoffwechsel.

 

Die Motivierung des HIV-Patienten zu einem gesunden Lebensstil mit einer ausreichenden Ernährung, einem moderaten Sportprogramm sowie entsprechenden Entspannungseinheiten runden die Pharmakotherapie ab. Zudem erlauben diese Mosaiksteine dem Betroffenen, den Krankheitsverlauf aktiv positiv zu beeinflussen. /

E-Mail-Adresse der Verfasserin

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