PTA-Forum online
Historisches

Wunschkinder zeugen

19.10.2012  17:48 Uhr

Von Ernst-Albert Meyer / Schon in der Antike sehnten sich die Menschen danach, vor oder während der Zeugung das Geschlecht des Kindes bestimmen zu können. So entstanden viele Theorien und zahlreiche Mittel wurden empfohlen. Doch erfolgreich waren sie alle nicht.

»Wer nicht Kinder hat, der weyß nicht warumb er lebt!« So sagte man früher. Kinder galten als Hauptzweck der Ehe. Diese Ansicht vertrat die Kirche ebenso wie die Obrigkeit. Und für das »gemeine Volk« war eine Ehe ohne Kinder wie eine Welt ohne Sonne. Schon in der Antike bemühten sich die Gelehrten, den »Mechanismus« der Geschlechterentstehung aufzuklären. Sie wollten den Eltern schon während der Schwangerschaft die Geburt eines Jungen beziehungsweise eines Mädchens verkünden können.

Doch damit nicht genug: Frühzeitig wurden Überlegungen angestellt, ob und wie man das Geschlecht des zu zeugenden Kindes beeinflussen könnte. Denn in vergangenen Zeiten waren besonders Söhne als »Stammhalter« gefragt. So benötigten zum Beispiel Kaiser, Könige und die Adligen unbedingt einen Sohn, um den Fortbestand der eigenen Dynastie zu sichern. Und manches gekrönte Haupt verließ erbost und enttäuscht das Entbindungszimmer seiner Frau, als die Hebamme ihm statt des erhofften Sohnes eine Tochter präsentierte. Seit der Antike suchten daher Ärzte, Philosophen und Naturforscher nach Möglichkeiten, das Geschlecht direkt zu beeinflussen. Viele der von ihnen entwickelten Theorien galten bis in die frühe Neuzeit als offizielle Lehrmeinungen der Medizin.

Rolle der Frau fraglich

Schon die Wissenschaftler der Antike waren sich einig: Die Aufgabe jeder Schwangeren bestand darin, »den Brutraum« und die Ernährung für das entstehende Kind bereitzustellen. Beim Befruchtungsvorgang jedoch gingen die Meinungen auseinander. Der strittige Punkt war, ob die Frau bei der Befruchtung einen dem männlichen Samen analogen Zeugungsstoff beisteuere oder nicht. So existierten von der Antike bis in die frühe Neuzeit verschiedene Theorien über den Anteil von Mann und Frau bei der Entstehung neuen Lebens. Im 5. Jahrhundert vor Christus herrschte in Griechenland die Meinung, dass die Frau auch einen zeugungsfähigen Samen produ­ziere, der beim Beischlaf in den Uterus fließt. Diese Auffassung vertraten die Mediziner, die die Lehren des berühmten griechischen Arztes Hippokrates (460 bis 377 v. Chr.) umsetzten. Wahr­scheinlich hielten die hippokratischen Ärzte die Sekrete der Vagina für den weiblichen Samen.

Nach einer anderen These sollten im Sperma bereits alle Teile des mensch­lichen Organismus in unsagbar kleiner Form vorliegen und jeder Körperteil steuere seinen Anteil zur Samenbildung bei. Der Philosoph Aristoteles (384 bis 322 v. Chr.) vertrat hingegen eine gänzlich andere Auffassung: Er sah im Blut den Lebenssaft und Spender der Körperwärme und somit den Ausgangsstoff für den männlichen Samen. In einem »Kochprozess« wandle sich unter dem Einfluss der Körperwärme die Nahrung über das Blut bis zum Sperma um. Als Beweis für seine These argumentierte Aristoteles, dass Jugendliche keinen Samen produzieren, da sie die Nahrung zum Wachstum benötigten. Auch im Alter erfolge wegen mangelnder Körperwärme keine Samenproduktion mehr.

Wilde Theorien

Seit Menschheitsbeginn wurden den Geschlechtern unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben. Der Mann wurde immer mit Stärke und Wärme assoziiert, die Frau hingegen mit Schwäche und Kälte. Diese »Wärme-Kälte-Theorie« wurde bald auch auf die Geschlechtsentstehung übertragen. Aus warmem Samen sollte ein Junge entstehen, aus kaltem ein Mädchen.

Die sogenannte »Stärke-Theorie« dürfte wohl die älteste Hypothese zur vorherigen Festlegung des Geschlechts sein. Sie besagt, dass die Eigen­schaften des Samens – egal ob von Mann oder Frau – das Geschlecht des Kindes bestimmen. Aus dünnem, schwachem Samen würden Mädchen und aus dichtem, starkem Samen Jungen entstehen. Nur der wärmere, beweglichere Samen könne sich durchsetzen und Söhne hervorbringen. Deshalb könnten ältere Männer und Jugendliche nur Mädchen zeugen, da es ihnen an Wärme mangele.

Die Mediziner des alten Ägypten entwickelten eine andere Theorie: die »Rechts-Links-Theorie«. Sie waren der Ansicht, dass die Gebärmutter sich wie ein Geweih in zwei Hörner (Hälften) aufteilt. Setzte sich bei der Befruchtung der Samen im rechten Teil des Uterus fest, entstand ein Junge. War es der linke Teil, kam ein Mädchen zur Welt. Da der einflussreiche griechische Arzt Galen (129 bis 199) ebenfalls die Rechts-Links-Theorie vertrat, beherrschte sie fast 2000 Jahre die Medizin.

Nach Anschauung des bekannten Arztes und Naturforschers Paracelsus (1493 bis 1541) kommt es beim Zeugungsakt zum Kampf zwischen männlichen und weiblichen Samen. Dabei sind nicht nur die in den Samen gespeicherten Kräfte entscheidend für das Geschlecht des Kindes, sondern auch die Imaginationsstärken (Einbildungskraft, Fantasie) des Mannes und der Frau. Wer mehr Imagi­nationskraft besitze, produziere die größere Samenmenge. Siege in diesem Kampf die Kraft des männlichen Samens, gelange er zuerst in die Gebärmutter und es entstehe ein Junge. Im umgekehrten Fall würde ein Mädchen geboren.

Auf dem Weg zum Wunschkind

Viele Tipps, das Geschlecht beim Zeugungsakt festzulegen, richteten sich an den Mann. Nach der Rechts-Links-Theorie sollte der Mann folgendes beachten: Wollte er einen Sohn, musste er beim Coitus den linken Hoden so fest wie nur möglich abbinden. Wünschte er eine Tochter, schnürte er den rechten Hoden ab. Dieser Empfehlung widersprach der berühmte französische Chirurg Ambroise Paré (1517 bis 1590) heftig, denn er hatte die Erfahrung gemacht, dass Männer, deren rechter Hoden amputiert war, sehr wohl Knaben zeugen konnten. Hippokrates und Galen vertraten die Ansicht, man könne vorhersagen, ob ein Knabe später Jungen oder Mädchen zeugen würde. Entscheidend sei, welcher seiner Hoden sich während der Pubertät zuerst vergrößere. Ist es der rechte Hoden, zeuge er später Knaben, beim linken Hoden würden es Mädchen.

Eine andere Empfehlung richtete sich an die Frau: Für die Geburt eines Jungen solle sie sich direkt nach dem Coitus auf die linke Seite und zusätzlich ein Kissen unter die linke Körperhälfte legen. Dann gelange der aufgenommene Samen besser in die rechte Uterushälfte. Ein weiterer Rat lautete: »Wenn man den rechten Fuß mit einer weißen Binde umwickelt und dann den Beischlaf ausübt, wird die Frucht männlich sein; wenn aber den linken Fuß mit einer gefärbten (bunten) Binde, weiblich.«

Die hippokratischen Ärzte hielten den Zeitpunkt des Beischlafes für entscheidend, um das Geschlecht zu bestimmen: Sex gegen Ende oder nach Beendigung der Regelblutung führe zu einem Jungen. Der Höhepunkt der Menstruation galt als geeigneter Zeitpunkt für ein Mädchen. Diese Theorie konnte sich nicht durchsetzen, da im arabischen, jüdischen und später auch im christlichen Kulturkreis des Mittel­alters die Frau während der Menstruation als unrein galt, und der Mann sie zu dieser Zeit meiden sollte.

Eine große Rolle bei der Festlegung des kindlichen Geschlechts spielten bestimmte Pflanzen. Dabei unterschied man nach ihrer äußeren Form männ­liche und weibliche Pflanzen, was allerdings nicht im heutigen botanischen Sinne zu verstehen ist. In verschiedenen Zubereitungen sollten die femininen Pflanzen zu einem Mädchen, die maskulinen zu einem Knaben führen. Auch die Signaturenlehre wurde zur Geschlechtsfestlegung herangezogen.

Diejenigen Pflanzen wurden bevorzugt, die entweder der weiblichen Scham ähnelten, oder Früchte und Wurzeln wurden ausgewählt, die an Hoden erinnern. Eine der ältesten zu diesem Zweck eingesetzten Pflanzen ist das Nabelkraut (Umbilicus pendulinus DC.) Die Frau sollte davon einen mit Salz und Kreuzkümmel versetzten Tee trinken. Wurde der Tee aus der weiblichen (breiteren) Pflanze bereitet, sollte die Frau eine Tochter zur Welt bringen. Die männliche (kleinere) Pflanze dagegen sollte für einen Sohn sorgen.

Aus Blättern Wein bereiten

Viele bekannte Autoren der Antike wie Theophrastus von Eresos (371 bis 287 v. Chr.), der griechische Arzt Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) und der Natur­forscher Plinius (23 bis 79 n. Chr.) empfahlen das Bingelkraut zur Geschlechtsfestlegung. Bingel­kraut (Mercurialis annua), eine bis 50 cm hohe, der Brennnessel ähnliche giftige Pflanze, wächst als Unkraut auf Schuttplätzen, Äckern und in Gärten. Die männliche Art bildet gespaltene, den Hoden ähnliche Früchte. Die Blätter der weiblichen Art sollten, fein gestoßen und getrunken oder nach der Menstruation als Zäpfchen angewendet, die Empfängnis eines Mädchens bewirken; die männliche Art gleichermaßen appliziert zu einem Jungen führen. Ein anderes Rezept empfahl der Frau, die Blätter der männ­lichen Pflanze mit Wein zu trinken und dem Mann, diese auf sein Genital aufzutragen, wenn sie sich einen Sohn wünschten. Die Blätter der weiblichen Pflanze gleicher­maßen angewendet, sollten eine Tochter erzeugen.

Bis in die Neuzeit empfahl man zur Geschlechtsbeeinflussung die Knabenkräuter Orchis morio, O. longicruris und O. papilionacea aus der Familie der Orchideen, deren knollenartige Wurzeln an Hoden erinnern. Verzehrt der Mann die größere Knolle soll dies die Geburt eines Knaben bewirken, die kleinere, von der Frau genossen, die Geburt eines Mädchens. Um ausschließlich Knaben zu erzeugen, empfahl Plinius der Ältere (23 bis 79) folgendes: »Wenn sie (die Frauen) mit Osterluzei (Aristolochia) gebratenes Kalbfleisch um den Zeitpunkt der Empfängnis herum essen, so verspricht man sich, dass sie einen Jungen gebären werden.« Und der Schweizer Chirurg und Autor Jakob Rueff (1505 bis 1558) beschrieb im Jahr 1554 in seinem Buch »Ein schön lustig Trostbüchle von den empfengknussen und geburten der menschen« für die Zeugung eines Knaben ein Mutterzäpfchen (Pessar) aus Enzianwurzel, Safran, Heidelbeeren, Aloe und Leinöl, »welches uff den sebenden tag nach den gehebten monatsflüssen die frow bruchen sol.«

Rezepte aus dem Tierreich

Einige Autoren verweisen auch auf Tierteile, um das Geschlecht des Kindes zu beeinflussen. Plinius empfahl Männern, die sich einen Sohn wünschten, Hahnenhoden zu verzehren. Des Weiteren sollten Uterus, Hoden und Lab (der geronnene Mageninhalt) des Hasen zu einer Knabengeburt führen. Diese Tierteile sollte die Frau als Speise oder getrocknet in Wein zu sich nehmen. Um die Wirkung zu verstärken, sollte auch der Mann den Wein trinken. Dagegen bewirke das Trinken von reinem Hasenblut die Empfängnis einer Tochter.

Leider führten die über Jahrhunderte gegeben Empfehlungen und Rezepte berühmter Gelehrter nicht zum gewünschten Erfolg. Das hatte auch schon der Chirurg Ambroise Paré im 16. Jahrhundert erkannt. Er vertrat die Meinung, dass weder der Mann noch die Frau in der Lage sind, das Geschlecht des zu zeugenden Kindes nach Wunsch zu beeinflussen – mit dieser Erkenntnis war er seiner Zeit weit voraus. /

E-Mail-Adresse des Verfassers

MedWiss-Meyer(at)t-online.de