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Pocken-Impfung

Das Ende einer Seuche

26.07.2013  09:04 Uhr

Von Edith Schettler / Das weltweite Impfprogramm brachte einen großen Erfolg: Am 8. Mai 1980 erklärte die WHO die Pocken für ausgerottet. Die Entwicklung des Impfstoffes verdankt die Menschheit einem englischen Landarzt.

Der Erreger der Pocken ist das Variola-Virus, ein Virus aus der Gruppe der Orthopoxviren. Wie alle Viren hat es keinen eigenen Stoffwechsel und kann sich nur in Anwesenheit seines Wirtes, in diesem Fall ausschließlich des Menschen, vermehren. Pockeninfektionen wurden schon vor Jahrtausenden beschrieben, so zum Beispiel im Alten Testament, wo sie im 2. Buch Mose als die sechste der zehn Plagen das Land Ägypten heimsuchten.

Weite Verbreitung

Medizinhistoriker nehmen an, dass römische Legionen die Pocken vom heutigen Irak nach Norden ausbreiteten und im gesamten Römischen Reich verteilten. In den Jahren 165 bis 180 nach Christus trat dann die erste Pocken-Pandemie in ganz Europa auf, die als Antoninische Pest bekannt wurde.

 

Zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert brachten die Kreuzfahrer die Erreger von Nordeuropa bis Nordafrika. Nach Amerika kamen die Pocken mit den spanischen und portugiesischen Eroberern und rotteten ganze Stämme der Ureinwohner aus. Durch Seefahrer aus Indonesien, die in Australien Seegurken sammelten, gelangten die Pockenviren auf den Fünften Kontinent. Im 16. bis 17. Jahrhundert waren die Viren weltweit verbreitet. In manchen Ländern zählten die Kinder erst dann zur Familie, wenn sie die Pockeninfektion überlebt hatten, so hoch lag die Sterblichkeit. Ein Heilmittel gegen die Pocken, früher auch Blattern genannt, gibt es bis heute nicht.

 

Erste Versuche

Bereits früh erkannten Mediziner, dass eine überstandene Pockeninfektion lebenslange Immunität hinterlässt. So versuchten Ärzte bereits im Jahr 200 vor Christus, mit infektiösem Material leicht Erkrankter andere Menschen zu infizieren und so zu immunisieren. In China und Indien pulverisierten Heilkundige den Schorf der Pockenbläschen Kranker und applizierten ihn auf die Nasenschleimhaut gesunder Freiwilliger.

 

In Istanbul erlebte die Ehefrau eines britischen Diplomaten, die Schriftstellerin Mary Wortley Montagu (1689 bis 1762), dass Ärzte etwas Flüssigkeit aus Pockenbläschen in die Haut türkischer Kinder einritzten, um sie vor den Pocken zu schützen. Daraufhin ließ auch Montagu ihre Kinder in der Türkei impfen und berichtete nach ihrer Rückkehr nach England von dieser Methode. König George I. (1660 bis 1727) ließ die Impfung an Waisenkindern und Verbrechern testen und schließlich auch seine eigenen Kinder impfen.

 

Diese sogenannte Variolation durch einen Schnitt in die Haut schützte tatsächlich viele Menschen vor einer Ansteckung, allerdings rief sie bei mindestens genau so vielen die Krankheit erst hervor und führte so zu zahlreichen Todesfällen. Trotzdem verbreitete sich die Methode im 18. Jahrhundert mangels besserer Alternativen rasch in Europa.

Natürliche Abwehrkraft

Mit dem hohen Impfrisiko wollte sich der englische Landarzt Edward Jenner (1749 bis 1823) nicht abfinden. Als sich im 18. Jahrhundert die Pockenfälle häuften und die Pest als bis dahin schlimmste Seuche ablösten, suchten Scharen pockenkranker Patienten seine Praxis auf. Dem Arzt fiel auf, dass seltsamerweise kaum eine Melkerin darunter war, und wenn, dann verlief die Krankheit nur sehr mild. Diese Beobachtung weckte seine Neugier und er ging der Sache nach. Dabei erfuhr er, dass alle Melkerinnen an ihren Händen sogenannte Melkerknoten, das Symptom der Kuhpocken, aufwiesen. Außerdem erzählten ihm die Frauen, sie wären nie von Seuchen betroffen. Jenner stellte daraufhin einen Zusammenhang her: Er erkannte, dass sich die Melkerinnen mit Kuhpocken angesteckt und dadurch eine gewisse Abwehr gegen die menschlichen Pocken erworben hatten. Der Erreger Orthopoxvirus bovis, der bei Kühen Kuhpocken verursacht, ist zwar auch auf den Menschen übertragbar, führt dann jedoch nur zu leichten Krankheits­verläufen.

 

Erfolgreiche Impfung

Im Jahr 1796 entnahm Jenner der ­Pockenquaddel einer Melkerin etwas Flüssigkeit und impfte damit einen gesunden achtjährigen Jungen. Bei diesem traten alle Anfangssymptome der Pocken wie Fieber, Kopf- und Rückenschmerzen auf, die Krankheit selbst brach aber nicht aus. Sechs Wochen später verabreichte Jenner dem kleinen Patienten die Erreger der Menschen­pocken, und der Junge blieb gesund. Nach weiteren Versuchen veröffentlichte der Arzt seine »Untersuchungen über die Ursachen und Wirkungen der Kuhpocken« im Jahr 1798. Da der Impfstoff von Kühen stammte, nannte Jenner ihn Vakzine nach dem lateinischen vacca (Kuh).

 

Als erstes Land weltweit führte Bayern im Jahr 1807 eine Impfpflicht gegen die Pocken ein, im Deutschen Reich galt diese auf Initiative von Otto von Bismarck (1815 bis 1898) erst ab 1874. Um ihr ehrgeiziges Ziel, die Pocken weltweit auszurotten, zu erreichen, gelang es der WHO im Jahr 1967, dass alle Länder die Impfpflicht einführten. Zu diesem Zeitpunkt erkrankten weltweit jährlich noch 2,5 Millionen Menschen an den Pocken. Nachdem der Impfstoff weiterentwickelt wurde und in gefriergetrockneter Form vorlag, war er bis zu einem Monat selbst bei tropischen Temperaturen haltbar und damit weltweit einsetzbar. Bereits im Jahr 1973 stellten die Entwicklungsländer zwei Drittel der benötigten Impfstoffmengen selbst her. Als Techniker die gegabelte Impfnadel erfanden, konnten auch Hilfskräfte täglich bis zu 1500 Personen impfen.

Bis in die 1970er Jahre galt die Impfpflicht in den Bundesländern der BRD und in der DDR. Auf freiwilliger Basis impften Ärzte ihre Patienten noch bis 1982/83 gegen Pocken, weil einige Länder die Impfung bei Einreise ausländischer Bürger verlangten. Größere Pocken-Epidemien traten in Deutschland nicht mehr auf, der letzte Pockenkranke brachte die Infektion 1972 aus dem Kosovo mit.

 

Streng unter Verschluss

Nach dem Sieg über die Pocken rief die WHO dazu auf, alle Virenvorräte bis auf zwei Reservedepots zu vernichten. Offiziell lagert das Virus unter strengem Verschluss heute nur noch in den Forschungszentren der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) und der russischen VECTOR, dem staatlichen Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie in Kolzowo.

 

Weniger für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Viren wieder aufleben, sondern eher zum Schutz vor Laborunfällen oder Terroranschlägen mit Biowaffen, lagern verschiedene Länder, darunter auch die USA und Deutschland, weiterhin Pocken-Impfstoff. Die WHO hält beispielsweise momentan noch etwa 64 Millionen Impfdosen auf Vorrat. /

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