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Albert B. Sabin

Der Vater der Schluckimpfung

26.07.2013  09:04 Uhr

Von Ralf Daute / Am 26. August vor 107 Jahren wurde Albert B. Sabin geboren. Er ging in die Medizingeschichte ein, weil er mithalf, die Kinderlähmung zu besiegen.

Noch vor rund einem halben Jahrhundert war die Kinderlähmung (Poliomyelitis) der Schrecken vieler Eltern. Das Poliovirus befiel in der Regel Jungen und Mädchen bis zum Alter von acht Jahren, attackierte die für die Muskelsteuerung verantwortlichen Nervenzellen im Rückenmark und verursachte oft schwere Lähmungen. Gelegentlich führte die Erkrankung sogar zum Tod. Noch im Jahr 1961 registrierten die Behörden in der Bundesrepublik 5673 Fälle von Kinderlähmung. Fünf Jahre später war die gefürchtete Krankheit aber so gut wie verschwunden: Nur noch 17 Fälle wurden gemeldet. Die DDR war dem Westen Deutschlands zwei Jahre voraus: Dort erkrankte im Jahr 1964 niemand mehr an Kinderlähmung, in den Jahren danach einer und zwei.

Es gibt nicht viele Beispiele in der Medizingeschichte, in denen eine Erkrankung so schnell und nachhaltig von der Bildfläche verschwindet. Dass dies in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts mit der Kinderlähmung geschah, ist zu weiten Teilen der Forschung eines Mannes zu verdanken, der am 26. August 1906 in Bialystok (damals Russland, heute Polen) geboren wurde: Albert B. Sabin entwickelte einen Lebendimpfstoff, der oral verabreicht werden konnte. Als Vater der Schluckimpfung ersparte er unzähligen Menschen großes Leid.

 

Sabin hatte es im Leben nicht leicht – und vielleicht auch deshalb verwendete er keine große Mühe darauf, es anderen leicht zu machen. Sabin war ein Freund des offenen Visiers und liebte die klare Aussprache, und daran änderte sich auch im hohen Alter nichts.

 

Noch im Jahr 1980, damals 74 Jahre alt, nahm Sabin einen Beraterjob für die brasilianische Regierung an. Es ging um sein Lebensthema, den Kampf gegen die Kinderlähmung. Nachdem in dem südamerikanischen Land die Krankheit vermehrt ausgebrochen war, sollte er die Bekämpfung mit koordinieren. Dabei fand Sabin heraus, dass offizielle Daten gefälscht waren und bürokratische Hemmnisse das Impfprogramm beeinträchtigten. Dies teilte er der Regierung unverblümt mit, die da­raufhin entschied, sein Rat werde nicht länger benötigt.

Sabin, schon damals eine Koryphäe der Medizin, arbeitete anschließend bis 1982 an der Medical University of South Carolina und am Fogarty International Center, einer staatlichen Forschungseinrichtung – bis zu seinem 80. Lebensjahr in Vollzeit, danach noch zwei Jahre in Teilzeit. Nach einem erfüllten Leben starb er am 13. März 1993 im Alter von 86 Jahren in Washington an Herzversagen.

 

Dass sein Leben ihn einmal in die USA führen würde, hätte sich Sabin in seinen jungen Jahren nicht träumen lassen. Geboren wurde er als Albert Saper­stein in Bialystok, tief im Westen des Zarenreichs. Seine Familie war jüdischen Glaubens und entschied sich Anfang der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts, auch aus Angst vor Verfolgung, in die Vereinigten Staaten auszuwandern.

 

Erstes Studium abgebrochen

Auf dem neuen Kontinent angekommen, änderte die Familie ihren Namen in Sabin und siedelte sich in New Jersey an. In einem sechswöchigen Crashkurs lernte der Teenager Albert Sabin mit Unterstützung zweier Cousins Englisch. Nachdem er den Schulabschluss erfolgreich bestanden hatte, studierte Sabin Zahnmedizin – sein Onkel hatte ihm versprochen, dieses Studium zu finanzieren. Doch nach drei Jahren brach Sabin das Studium ab; er habe es nicht mehr aushalten können, wie er später einmal gestand.

 

Er wechselte die Fachrichtung und studierte anschließend in New York Medizin. Die Ausbildung schloss er 1931 als »Medical Doctor« ab. Da im Sommer dieses Jahres in der Millionenstadt eine Polio-Epidemie grassierte, begann er sich für die Erforschung dieser Krankheit zu interessieren. Allerdings rundete er seine Ausbildung zunächst mit Tätigkeiten in der Pathologie, Chirurgie und Inneren Medizin ab. Nach einer vierjährigen Tätigkeit für ein Forschungsinstitut wechselte Sabin im Jahr 1939 an die Univer­sität von Cincinnati. Im Zweiten Weltkrieg trat er in die US-amerikanischen Armee ein und widmete sich der Bekämpfung verschiedener Krankheiten, die die US-Truppen in allen Teilen der Welt befielen.

 

Nach Kriegsende zog es ihn zurück nach Cincinnati, damit er weiter an der Erforschung der Kinderlähmung arbeiten konnte. Zu seinen wichtigsten wissenschaftlichen Verdiensten zählen die Entschlüsselung des Infektionswegs, die Unterscheidung dreier verschiedener Virenstämme sowie der Nachweis, dass das Virus im menschlichen Nervengewebe wachsen kann. Doch als Sabin Mitte der 1950er-Jahre seinen aus abgeschwächten Lebendviren bestehenden Impfstoff, der oral verabreicht werden konnte, der Fachwelt präsentierte, schien ihm das undankbarste aller Forscherschicksale zuteil zu werden – zu spät zu kommen.

Sein Forscherkollege Jonas Salk hatte 1954 einen Polioimpfstoff entwickelt, der aus abgetöteten Viren bestand. Zwischen beiden Wissenschaftlern entspann sich eine erbitterte Rivalität, die über Jahrzehnte anhielt. Salk blieb in Erinnerung, dass Sabin ihn 1960 auf einem Kongress in Kopenhagen angesprochen und ihm mitgeteilt habe, seine Mission sei es, den Totimpfstoff zu töten. Und noch im hohen Alter lästerte Sabin über seinen Kontrahenten, dieser habe »reine Küchenchemie« betrieben.

 

Tests in der Sowjetunion

Von der Überlegenheit seines Lebend­impfstoff überzeugt, testete Sabin das Vakzin zunächst an Mitgliedern seiner Familie und dann auf freiwilliger Basis an Häftlingen. Weitere Tests wurden ihm in den Vereinigten Staaten nicht erlaubt, da die Behörden eine Verfälschung des Ergebnisses befürchteten, weil ja bereits der Salk-Impfstoff verwendet wurde. Trotz des kalten Krieges durfte Sabin seine Entwicklung in der Sowjetunion an Millionen von Menschen testen lassen. Die Ergebnisse dort begründeten den Siegeszug der Impfung, die als Tropfen auf einem Zuckerwürfel verabreicht wurde.

 

Heute gilt Polio in Europa, Nord- und Südamerika, Australien sowie in weiten Teilen Asiens offiziell als ausgerottet. Auch viele Länder Afrikas registrieren keine Neuerkrankungen mehr. Von den 1500 Fällen, die derzeit weltweit jährlich bekannt werden, ereignen sich die meisten in Indien und Nigeria. In Westeuropa traten im Jahr 1992 die letzten Fälle von Kinderlähmung auf. Betroffen waren Angehörige fundamentalistisch-calvinistischer Gemeinden in den Niederlanden, die die Impfungen aus religiösen Gründen verweigerten. /

E-Mail-Adresse des Verfassers

ralf.daute(at)me.com

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