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Harnsäure

Indikator einer Wohlstandskrankheit

26.07.2013  09:04 Uhr

Von Peter Findeisen / Harnsäure ist das Abbauprodukt von Zell­­- kern-Bestandteilen. Bei erhöhten Konzentrationen kristallisiert sie in Gelenken aus und verursacht dadurch einen Gichtanfall. Wenn die Umstellung der Ernährung nicht ausreicht, um den Harn­säurespiegel zu normalisieren, ist eine medikamentöse Behandlung der Hyperurikämie erforderlich. Zur Therapiekontrolle bestimmen Ärzte dann regelmäßig die Harnsäurekonzentration im Blut.

Harnsäure ist ein Abbauprodukt der Desoxyribonukleinsäuren (DNA) und entsteht als Endprodukt des Purinstoffwechsels. Gehen körpereigene Zellen zugrunde oder wird Nahrung verstoffwechselt, so entsteht dabei immer auch Harnsäure. Der größte Teil der Harnsäure wird über die Nieren ausgeschieden.

Männer häufiger betroffen

Bei den primären, erblich bedingten Formen der Hyperurikämie liegt meist eine selektive Störung der Nierenfunktion vor. Das bedeutet, dass die Harnsäureelimimation vermindert ist, die Nieren aber sonst einwandfrei arbeiten. In sehr seltenen Fällen ist ein erblich bedingter Enzymdefekt, der zu einer gesteigerten Produktion von Harnsäure führt, der Grund einer primären Hyperurikämie. Unter dem Begriff »sekundäre Hyperurikämie« werden alle nicht-erblichen Formen zusammengefasst. So bewirken einige Medikamente wie Acetylsaliclysäure oder Diuretika, aber auch Alkohol, dass weniger Harnsäure über die Nieren ausgeschieden wird. Weiterhin spielen Ernährungsgewohnheiten eine Rolle; so erhöhen purinreiche Mahlzeiten (Innereien, Fleisch) die Harnsäurekonzentration im Blut. Ebenso steigen die Werte, wenn vermehrt Körperzellen etwa im Rahmen einer Tumortherapie zugrunde gehen.

In Deutschland ist die Gicht weit verbreitet: Bei etwa 20 Prozent der Männer über 40 Jahre sind die Harnsäurewerte erhöht. Frauen sind wesentlich seltener betroffen und zwar ausschließlich nach den Wechseljahren.

Großer Zeh ­schmerzt ­zuerst

Erhöhte Harnsäurekonzentrationen im Blut machen zunächst keine Beschwerden. Erst wenn der Harnsäurespiegel deutlich ansteigt, das heißt >8 mg/dl, hat dies langfristig ernste Folgen. Bei hohen Konzentrationen überschreitet die Harnsäure ihr Löslichkeitsprodukt und kristallisiert aus. Es entstehen winzige Harnsäure-Kristalle, die sich bevorzugt in Gelenkspalten ablagern. In der Folge versuchen die auf Abwehr spezialisierten weißen Blutkörperchen (Fresszellen), die Kristalle aufzunehmen und zu vernichten. Dabei gehen die Fresszellen jedoch zugrunde und ihre Abbauprodukte lösen eine heftige Entzündung im umliegenden Gewebe aus. Durch die Entzündungsreaktion ändert sich der pH-Wert des Gewebes: Es wird saurer, wodurch sich die Löslichkeit der Harnsäure weiter verschlechtert und noch mehr Kristalle ausfallen. Dies führt zum akuten Gichtanfall. Weil die Harnsäure bei geringerer Körpertemperatur schlechter löslich ist, sind kühlere Körperregionen am ehesten betroffen. So treten die ersten Beschwerden typischerweise am großen Zeh auf. Denn wenn die Beine nachts unbedeckt sind, kühlt der Zeh besonders stark ab. Unbehandelt kann ein Gichtanfall Tage bis Wochen dauern.

Zwischen einzelnen Gichtanfällen liegen oft Monate bis Jahre ohne erneute Beschwerden. Bleibt die Gicht jedoch unbehandelt oder hält der Patient die Ernährungsempfehlungen nicht ein, wird die Erkrankung chronisch. Die schmerzfreien Perioden werden dann immer kürzer und Folgeerscheinungen machen sich bemerkbar. Denn im Laufe der Zeit zerstört die Entzündungsreaktion die Gelenke: Sie verformen sich immer mehr und werden schließlich ganz steif.

Außer in Gelenken und Knochen kann sich Harnsäure auch in Weichteilen wie Bändern, Sehnen und der Haut ablagern. Die Kristall-Ansammlungen kapseln sich ein und bilden kleine Knoten, die oftmals gut zu tasten sind. Sie werden Tophi genannt. Bevorzugte Ablagerungsorte sind das Ohr und das Grundgelenk der großen Zehen.

Auch in anderen Organen und Geweben führt die Gicht langfristig zu Zerstörungen. An der Niere beispielsweise verursachen die Ablagerungen der Harnsäure Entzündungen und Nierensteine, schlimmstenfalls kommt es zu Nierenversagen. Auch die Gefäße werden geschädigt, da Gichtpatienten zudem relativ häufig einen Bluthochdruck entwickeln.

Referenzwerte beachten

Der Arzt kann in der Regel schon aufgrund der charakteristischen Beschwerden die richtige Verdachtsdiagnose stellen. Typischerweise haben die Patienten vor einem akuten Gichtanfall zu reichlich gegessen und zu viel Alkohol getrunken. In der Folge entzünden sich die Gelenke und schwellen dann plötzlich, extrem schmerzhaft an. Häufig schmerzt das Großzehen-Grundgelenk nachts besonders heftig.

Mit einer Blutuntersuchung lassen sich der Harnsäurewert sowie der Entzündungsstatus feststellen. Bei einem akuten Anfall ist die Harnsäure allerdings nicht unbedingt erhöht. Die Konzentration hat sich oft durch die Ausfällung der Harnsäure in den Gelenken schon wieder normalisiert. Daher sind wiederholte Kontrollen der Harnsäure-werte deutlich aussagekräftiger als eine Einzelmessung. In seltenen Fällen sichern Ärzte die Diagnose, indem sie das Gelenk punktieren und die Gelenkflüssigkeit untersuchen. Unter dem Mikroskop erkennen sie darin Harnsäurekristalle. Bei Patienten mit fortgeschrittener Gicht zeigt auch das Röntgenbild typische Gelenkveränderungen.

Harnsäure-Referenzwerte

Männer:

3,5–7,1 mg/dl (210–420 µmol/l)

Frauen:

2,5–5,9 mg/dl (150–350 µmol/l)

Mit der Harnsäurekonzen­tration steigt das Risiko eines akuten Gichtanfalls. Bei Werten über 8 mg/dl (476 µmol/l) beträgt das Risiko etwa 30 Prozent, dass der Patient innerhalb von fünf Jahren einen Gichtanfall er­leidet. Bei Werten unter 7 mg/dl (417 µmol/l) liegt es dagegen bei nur 0,6 Prozent.

Gicht kommt selten allein

Hyperurikämie ist in der Regel keine isolierte Erkrankung, sondern häufig kombiniert mit anderen »Wohlstandserkrankungen« wie Übergewicht, Bluthochdruck, Hyperlipidämien und Diabetes mellitus, die zusammen als metabolisches Syndrom bezeichnet werden. Bei dieser Kombination steigt das Risiko für Gefäßveränderungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sprunghaft an. Der Arzt wird bei Gicht-Patienten in der Regel untersuchen, welche weiteren der oben genannten Gefäßrisikofaktoren vorliegen und eventuell behandelt werden müssen.

Dass die Gicht früher auch als »Zipperlein« bezeichnet wurde, hängt mit dem Wortstamm »trippeln« zusammen. Das bezeiht sich auf den eigenartigen, kleinschrittigen Gang der Patienten. Schmerzt ihre große Zehe, bemühen sie sich, beim Gehen jede Abrollbewegung zu vermeiden.

Beim akuten Gichtanfall stoppt Colchicin den Teufelskreis aus akuter Entzündung und Harnsäurekristallisation, indem es die Fresszellen hemmt. Allerdings beeinflusst die Substanz nicht die Harnsäurekonzentration. Beim akuten Anfall sind auch andere entzündungshemmende Medikamente wie steroidale oder nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR), insbesondere Indometacin, Di­clofenac oder Naproxen gut wirksam. Acetylsalicylsäure ist für die Behandlung nicht geeignet, da sie die Ausscheidung der Harnsäure über die Nieren blockiert.

Nach dem akutem Anfall ist es das Ziel, die Harnsäurekonzentration auf Werte um 5,0 mg/dl (298 µmol/l) einzustellen, um den Patienten sicher vor einem erneuten Anfall zu schützen (Sekundärprävention). Als erste therapeutische Maßnahme sollte der Patient seine Lebens- und Ernährungsgewohnheiten umstellen. Ist eine purinarme Ernährung und Gewichtsreduktion nicht ausreichend effektiv, so benötigt er eine medikamentöse Therapie. Hierzu kommen zwei unterschiedliche Wirkprinzipien in Frage: Urikosurika (Probenecid, Benzbromaron) erhöhen die Ausscheidung von Harnsäure über die Niere, Urikostatika (Allopurinol) hemmen im Gegensatz dazu die Bildung von Harnsäure durch Enzym-Blockade.

Weitere wichtige Aspekte

Während einer Tumortherapie mit Zytostatika und/oder ionisierenden Strahlen ist es von großer Bedeutung, die Harnsäure zu bestimmen. Werden größere Tumor- und Zellmassen eingeschmolzen, so steigt die Harnsäure-Konzentration rasch an, sodass die Nieren schwer geschädigt werden können. Durch Bestimmung der Harnsäurewerte in kurzen Zeitintervallen muss der behandelnde Arzt die zytostatische Therapie so steuern, dass der Harnsäurespiegel nicht zu stark ansteigt.

Bei Herzinfarktpatienten haben hohe Harnsäurewerte eine erhöhte Sterblichkeit zur Folge. Dieser gilt daher in diesen Fällen als Prognosefaktor.

Manchmal hören Gichtpatienten den Rat, auf Kaffee und Tee zu verzichten. Wegen ihrer Purin-Grundstruktur standen Coffein und Theobromin in Verdacht, den Harnsäurespiegel zu erhöhen. Allerdings zeigten wissenschaftliche Studien, dass dies nicht der Fall ist. Der Körper baut die Purine aus Kaffee und Tee nicht zu Harnsäure ab. Vielmehr scheint insbesondere Kaffee sogar die Harnsäurekonzentration im Blut leicht zu senken. Eine Umfrage unter 64.000 Männern ergab, dass diejenigen, welche mindestens vier Tassen Kaffee pro Tag tranken, deutlich seltener an Gicht erkrankten als solche, die nie Kaffee tranken. /

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